Tagebuch meines neuen Lebens / Tag 5+6

Endlich wieder einmal richtig gut und erholsam geschlafen. Gestern Abend die letzten Kartons geholt und die offizielle Verabschiedung vom Ex-Partner. Ein paar Tränen waren dabei, aber nicht, weil ich ging, sondern weil die Kluft zwischen uns schmerzlich war. Schließlich begann es einst als Freundschaft, doch davon war scheinbar nichts übriggeblieben.

Ich staune über mich selbst, wie schnell ich diese langjährige Beziehung ablege. All die Jahre davor, wenn das Thema „Trennung“ in der Luft schwebte, drohte ich daran fast zu ersticken, versank in Schmerz und Leid, suchte die Schuld bei mir, verfiel in Selbstanklage und Ablehnung, kroch auf dem Boden (bildlich und wörtlich), um wieder seine Gunst zu gewinnen, ertrug seine offen zur Schau gestellte moralische Überlegenheit … all das nur, um einige Monate später wieder an diesem Punkt zu landen. Ab 2017 begann sich mein Verhalten zu verändern. Ich hörte auf, zu leiden, wenn zwischen uns wieder einmal Funkstille herrschte, blieb stattdessen ruhig und gelassen, während ich auf seine „Rückkehr“ wartete. Keine Selbstentwertung mehr, kein einseitiges Schuldeingeständnis, sondern ein offener Blick für die Zusammenhänge und das Zusammenwirken beider Seiten. Das sehe ich auch heute, und ich sehe die Unvereinbarkeit unserer Positionen, Werte und Interessen. Vielleicht kann ich heute deshalb so leicht und schnell gehen, weil ich schon viele Male an diesem Punkt gestanden habe, ohne den Mut aufzubringen, es zu tun. Die Bequemlichkeit obsiegte. Ich nahm in Kauf, innerhalb der Beziehung nicht ich selbst sein zu dürfen, Teile von mir selbst zu verbergen oder zu unterdrücken, um die Partnerschaft nicht zu gefährden. Doch welche Art von Partnerschaft ist es, wenn man nicht so sein kann, wie man ist? Wenn einer der beiden die Meinung vertritt, am anderen ist etwas „kaputt“, das repariert werden muss, damit die Probleme aus der Beziehung verschwinden?

Probleme in einer Beziehung haben immer mit beiden Seiten zu tun.

Heute sehe ich das, akzeptiere es und handle danach. Ich kann mich nicht länger selbst verleugnen oder unterdrücken. Das ist eine Form der Selbstverletzung, die weithin unbekannt ist, aber um nichts weniger schmerzt als Schnittwunden am Körper. Seelischer Schmerz ist unsichtbar. Genau deshalb ist er so gefährlich, weil die anderen ihn nicht erkennen und nicht eingreifen können. Genau deshalb geschieht manchmal etwas, das scheinbar völlig überraschend kommt, dass niemand erwartet hätte, weil eben niemand in die Seele eines anderen blicken kann.

Monatelang habe ich mich mit subtilen körperlichen Befindlichkeitsstörungen herumgeschlagen. Verspannungen, blockierte Lymphe, Nervenflirren, Muskelzucken … trotz dem Chaos an Umzugskartons, dem emotionalen Stress und Gipsy fühle ich mich körperlicher fitter als vor dem Crash. Ich fühle eine enorme Menge Energie in mir, die gerade freigesetzt wird, und die mich nach vorne blicken und gehen lässt. Durchatmen. Freiheit. Lebensfreude. Vor mir liegt eine Zukunft, die ich selbst nach meinen eigenen Vorstellungen gestalten werde.

Gemeinsam mit meinem Sohn habe ich rund die Hälfte der Umzugskartons (= mein ganzes Leben) sortiert und bewertet, was bleibt und was gehen darf. Letzteres verschwindet nicht einfach im Müll, sondern wird über Netzwerkkontakte verteilt und kommt diversen sozialen Projekten oder Menschen zu Gute, die dafür Verwendung haben und sich darüber freuen.

Zwischendurch tauchen alte Erinnerungen auf, wenn ich das eine oder andere in die Hand nehme. Tränen. Ein Kloss im Hals. Darf sein. Ist heilsam. Es war nicht alles schlecht. Viele schöne und gute Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre … ein Vierteljahrhundert gemeinsam. Wenn ich mein eigenes Alter bedenke – wer weiß, ob ich je wieder mit einem Menschen so lange in einer Beziehung sein werde. Bedauern im Vorfeld über eine Zukunft, die noch im Unklaren liegt? Weg mit diesen Gedanken. In der Gegenwart gibt es genug zu tun.

Ich lasse los – meine Vergangenheit und alles, was hinderlicher Ballast auf dem Weg in meine Zukunft wäre. Diese Auswirkungen sind auch körperlich erkennbar. Seit letzten Sonntag habe ich mindestens 2 kg verloren. Zumindest bis Mittwoch war es so. Danach machte Gipsy ein Abwiegen obsolet, aber wenn ich mich im Spiegel betrachte, sehe ich das verschwinden, was in den letzten Monaten beständig mehr geworden war und mich gestört hatte.

Es war definitiv an der Zeit für mich, loszulassen.

Sonntag

Wieder eine neue Erfahrung in meinem neuen Leben: auf einem Schreibtischdrehsessel sitzend die Küche putzen bzw. mit dem Staubsauger durch die Wohnung meines Sohnes zu düsen. Hat schon einen leichten Touch von durchgeknallt. Ich habe meinen Spaß dabei – und den kann ich gut gebrauchen, denn am Nachmittag ging’s an die zweite Hälfte der Kartons. Gegen Abend waren wir damit fertig und mein Leben fein säuberlich auseinanderdividiert – bis auf die Bücher, die folgen am Montag.

Erstaunlich, wieviel sich in den Jahren angesammelt hat, wie wenig mir bewusst war, was ich eigentlich alles besitze, und wie wenig es mit meinem Leben noch zu tun hat. Zeit, um radikal auszumustern. Vieles darf gehen. Loslassen, loslassen, loslassen …