Tagebuch meines neuen Lebens / Tag 21

3 Wochen. So lange braucht ein Hühnerküken, um aus seinem Ei zu schlüpfen. 3 Wochen habe ich gebraucht, um wieder in einem Bett zu schlafen, das ich mein Eigen nenne. Seltsam, wie wichtig mir dieser Punkt ist, im Gegensatz zu vielen anderen, deren Wichtigkeit oder Priorität in diesen 3 Wochen verloren ging. Immer alles aufgeräumt und abgeschlossen? Rechts vor mir lehnen noch ein paar Kartons, deren Inhalt sich erst dann zu einem Schrank zusammenfügen wird, wenn der Rest geliefert wurde. Apropos Rest: Umzugskartons verwahren auch heute noch gut die Hälfte meiner Kleidung, Küchenutensilien, Kosmetikartikel … „angekommen“ ist ein dehnbarer Begriff. Dennoch fühle ich mich bereits zuhause.

Krise gemeistert? Ich würde mal sagen: entschärft. Während ich auf der einen Seite mein Leben um vieles erleichtere, kreisen auf der anderen Seite meine Gedanken um Vergangenheit und Zukunft.

Teilweise bin ich noch immer erstaunt, was ich alles seit Jahrzehnten mit mir rumschleppe in diversen Ordnern und Schachteln. Die Müllabfuhr darf sich freuen. Allerdings taucht auch einiges auf, über das ich mich freue, dass ich längst vergessen hatte und das gleichzeitig genau in die Situation passt. So fand ich zum Beispiel gestern die handschriftlichen Originale einiger Gedichte aus dem Jahr 1996, die ich heuer in EMBRACE veröffentlicht habe. Damals schrieb ich den Tag und die Uhrzeit oben rechts in die Ecke auf den karierten Blättern. Ich hielt den exakten Entstehungszeitpunkt fest und – fast unglaublich, aber wahr – es gibt kaum Korrekturen auf diesen Blättern. Ich schrieb die Gedichte in einem Stück, wie bei einem Diktat. Genau wie heute auch. Ich überarbeite oder korrigiere nur wenig.

In der Vergangenheit entdecke ich neue, alten Facetten von mir, erkenne weitere Zusammenhänge, vertiefe das Verständnis meiner selbst.

Mir wurde klar, dass der Tag X unausweichlich hatte kommen müssen. Tag X symbolisiert das Ende einer Beziehung und den Anfang von etwas Neuem. Aus der Asche erhebt sich der Phönix – eine Metapher, die ich häufig verwende und sie trifft es genau. Veränderung erfordert auch überholtes loszulassen, damit neues entstehen kann. Seit Oktober 2017 habe ich mich verändert. Für den nächsten Schritt war Tag X essenziell. Diesen Tag und seine Ereignisse zu erleben, dabei weder die alleinige Schuld und damit die Täterrolle zu übernehmen noch die Verantwortung abzugeben und mich in die Opferrolle zu flüchten, sondern das Zusammenwirken vieler Faktoren wertfrei anzuerkennen, eröffnet mir einen neuen Blick auf die Welt und mich selbst.

Durch die Fügung des Schicksals lebe ich nun in einer WG mit einer Philosophin. Unser heutiges stundenlanges Gespräch über Eigenverantwortung und wertfreie Betrachtung war vermutlich nur das erste von vielen, die noch folgen werden.  Die Autodidaktin trifft auf die Expertin. Ich hätte irgendwo stranden können, doch ich landete bei einer, von der ich lernen und meinen eigenen Horizont erweitern kann. Welch Fügung des Schicksals.

Soll die Zukunft anders werden als die Vergangenheit, gilt es diese zu verstehen und daraus zu lernen. Ich bin dabei, meine blinden Flecke zu erkunden. Subtile Verhaltensmuster zu identifizieren, die auf den ersten Blick harmlos, auf den zweiten jedoch manipulativ sind. Parallel dazu beginne ich damit, die finale Phase von JAN/A zu schreiben. Ich weiß zwar noch nicht, wie lange ich dafür brauchen werde, aber ich weiß, wenn ich Band 3 von JAN/A fertig habe, wird auch mein eigener Prozess, der im Oktober 2017 begann, abgeschlossen sein.

Zwischendurch frage ich mich immer wieder: Bin ich noch Borderlinerin? Tag X, die Wochen danach, all das ohne emotionale Zusammenbrüche, Depression, Selbstverletzung, Selbsterniedrigung oder sonstige „typische“ Borderline-Symptome. Okay, ein paar Mal lagen meine Nerven blank, reagierte ich gereizt oder emotional, aber in einem Ausmaß, das man als „normal“ in einer Krisensituation einstufen könnte.

Meine Feinfühligkeit und intensive Emotionen sind immer noch da, vielleicht sogar stärker als je zuvor. Ich empfinde Freude, Glück, Schmerz … alles da. Nur eines fehlt: ich leide nicht. Nicht mehr. Vor einigen Wochen verabschiedete ich mich während des Schreibprozesses vom „Leid“. Im Klartext heißt das: ich bin verwundbar, kann Schmerz empfinden, aber ich leide nicht – weder unter einer Wunde noch unter dem Schmerz. Mitgefühl und Mitleid sind zwei sehr unterschiedliche paar Schuhe. Mein Verstand wusste es schon länger, doch nun kann ich es auch fühlen.

Und ich bin dankbar für alles, was geschehen ist. Auch für Tag X. Ich bin weder durchgeknallt noch abgehoben, vielmehr geerdeter denn je zuvor.

Meine komplexe (Borderline-)Persönlichkeit und ich sind im Einvernehmen und gut auf Kurs Richtung Zukunft.