3 JAHRE LEBENSLEHRZEIT

Vor exakt 3 Jahren ließ ich das Leben, das ich ein Vierteljahrhundert geführt hatte, hinter mir (nicht aus freien Stücken) um neu zu beginnen … und ich hatte keine Ahnung, wohin die Reise gehen würde. Ich wusste nur: ich musste weg – es sollte MEIN Leben werden. Ich wollte endlich die Fremdbestimmung hinter mir lassen, das ewige Orientieren an dem, was andere wollen, das Vernachlässigen meiner eigenen Wünsche und Vorstellungen.

Heute, 3 Jahre später, tippe ich diese Zeilen auf der Terrasse des Anton-Proksch-Haus in Werfenweng auf fast 1.600 m Seehöhe, als ehrenamtliche Hüttenwirtin auf Zeit (sprich noch bis Sonntag). Vor 3 Jahren wäre mir nicht im Traum eingefallen, dies ich einmal so meine Freizeit verbringen würde.

Wenn ich heute zurückblicke, scheinen diese 3 Jahre eine Ewigkeit zu beinhalten, einen Weg unzähliger kleiner Veränderungen, die mich zu der machten, die ich heute bin – und die manchmal kopfschüttelnd auf jene blickt, die ich damals war. Ich war ICH, aber gefangen in vielem, das nicht ICH war.

Vor 3 Jahren musste dies oder jenes passieren, brauchte ich dieses oder jenes, um mich (vorübergehend) gut zu fühlen. Oder besser gesagt: etwas im Außen fühlte die gähnende Lücke in mir. Ich war weit entfernt von mir selbst.

Heute genieße ich den Augenblick, das Hier und Jetzt, erfreue mich an dem was ich habe (viel weniger als früher), ohne es zu brauchen. Kein unnötiger Ballast beschwert mein Leben. Ich fühle die Fülle an Liebe, Lebensfreude und Lebendigkeit in mir, egal, was rundum ist. Und wenn ich – so wie gestern Abend – auf dieser Terrasse sitzen darf und die Sonne hinter den Berggipfeln versinkt, der Himmel zu einem Meer der Farben wird, bin ich einfach im Moment präsent, fühle die Magie des Augenblicks und unendliche Dankbarkeit dafür, dass mein Weg mich hierher geführt hat, denn es hätte auch anders kommen können.

In der vergangenen 3 Jahren wurde mir mehrfach bewusst, dass es in meinem Leben etliche Situationen gab, in denen ich anders abbiegen, den Kurs der Suche nach mir selbst verlassen und mich im Labyrinth der Opferrolle verlieren hätte können. Zum Glück blieb es beim Konjunktiv.

Das Leben hat mir nichts geschenkt, aber Chancen angeboten. Durch die Lektionen konnte ich mich nicht durchmogeln oder sie jemand anderes umhängen. Zu manchen Prüfungen trat ich mehrfach an, bis ich sie gemeistert hatte. All das brauchte seine Zeit. Was sind 3 Jahre im Vergleich zu vielleicht noch 30 Jahren im Zustand des „nicht bei mir selbst angekommen“?

Vor 3 Jahren verließ ich einen goldenen Käfig. Heute lebe ich ein freies, unabhängiges, abwechslungsreiches, wunderbares Leben, in dem ich voll und ganz ICH sein kann. Vielleicht können nicht alle Menschen mit mir, vielleicht bin ich für manche ein Spiegel, der sie daran erinnert, was sie selbst unterdrücken, vielleicht halten mich manche für durchgeknallt oder abgehoben. Aber ich glaube, dass mich auch viele beneiden, weil sie – bewusst oder unbewusst – die Kraft spüren, die ich ausstrahle. Das ist ein Nebeneffekt, wenn man mit sich selbst im Reinen ist. Wer keine Kraft mehr darauf verschwendet, das Drama in sich (Konflikte, Probleme, …) aufrecht zu erhalten und dadurch ständig in der Vergangenheit zu leben, hat diese Kraft voll und ganz in der Gegenwart zur Verfügung. Keine mit Mentaltechniken hochgepuschte Ego-Stärke, sondern eine, die einfach echt ist. In unserer Sprache fehlt das passende Wort dafür. Charisma trifft es noch am ehesten.

3 Jahre … zu Beginn war ich voller Unsicherheit, Zweifel … und Glaubenssätzen, die andere mir eingeimpft hatten. Doch ohne den Absturz hätte ich vielleicht nie gelernt, tatsächlich auf eigenen Füßen zu stehen, ohne Absicherung durch andere.

ICH kann allein überleben – und noch dazu gut leben, genauso leben, wie ich es möchte. Ein befreiendes Manifest.

Faszinierend für mich dabei ist, dass ich genau jetzt, 3 Jahre nach dem Crash, kurz davor bin, den 3. Teil von JAN/A fertigzustellen. Als ich 2017 mit der Arbeit begann, wusste ich intuitiv, dass ich mit dem Ende von Band 3 auch meinen persönlichen Selbstfindungsprozess abgeschlossen haben würde. Band 1 und 2 flutschten nur so dahin, doch Band 3 zog sich seit 2020 – und ich fragte mich immer wieder: Warum? Meine heutige Antwort lautet: Weil die Zeit noch nicht reif war und ich noch einiges zu lernen hatte.

Manches braucht einfach seine Zeit – egal, wie sehr wir es auch versuchen.

„Gras wächst nicht schneller, nur weil man dran zieht.“

Diesen Spruch habe ich x-mal zitiert. Er geht leicht über die Lippen, erscheint völlig plausibel – und ist doch, wenn’s um eigene Thema geht, so schwer zu akzeptieren.

„Alles geschieht stets zum richtigen Zeitpunkt.“

Noch so ein locker-flockiger Spruch. Auch nicht immer leicht zu nehmen.

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass meine 3-jährige Lehrzeit zu Ende geht. Die nächsten Etappen der Reisen liegen noch hinter den Bergen am Horizont und werden sich offenbaren, wenn ihre Zeit gekommen ist. Was auch immer kommen wird, es wird mich als Mensch und auf meinem Weg weiterbringen. Es wird nicht immer ein gemütlicher Spaziergang sein, aber auch nicht immer ein dunkles Tal oder ein schweißtreibender Anstieg. Ich lass mich einfach überraschen, was Jahr 4 meiner persönlichen ICH-Zeitrechnung bringen wird.

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