AB INS RAMPENLICHT !?!?!?

Ehrlich gesagt, bis heute Morgen wusste ich nicht, was ich diese Woche mit der Welt teilen möchte. Geschehen ist eine Menge, aber irgendwie auch nichts „Neues“.  Nichts, was ich als teilenswert im Sinne von inspirierend eingestuft hätte. Bis ich heute während meiner Morgengymnastik nebenbei in Ö3 (österreichischer Radiosender mit der größten Reichweite im Land) in der Sendung „Frühstück bei mir“ etwas aufgeschnappt habe …

Zu Gast war heute eine Frau (ich nenne hier bewusst nicht ihren Namen) mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Als 10-jährige entführt, verbrachte sie 3.096 Tage in einem Kellerverlies, bis ihr im Alter von 18 Jahren die Flucht gelang. Über ihre Erlebnisse in dieser Zeit und ihre Strategien, all dies zu überleben, schreibt sie Bücher und tritt in der Öffentlichkeit auf.

Hier sind wir auch schon beim Punkt angekommen.

Öffentlichkeit = Rampenlicht.

Im Laufe der Sendung gab es etliche positive Rückmeldungen, aber auch Stimmen, die meinten, sie würde sich zu sehr ins Rampenlicht drängen. Eine Frage, die ich mir auch hin und wieder stelle: Dränge ich mich mit meiner Geschichte ins Rampenlicht?

Für mich persönlich waren Menschen, die außergewöhnliches erlebt haben, stets eine Inspiration. Ich weiß noch, dass ich 2x in meinem Leben einen (denselben) Menschen getroffen haben, der mich stark beeindruckt hat. Es lagen Jahre dazwischen, der Kontext war völlig unterschiedlich, doch der Mensch war derselbe: geboren als sogenanntes „Contergan-Baby“, also mit extrem verkürzten, verstümmelten Gliedmaßen, war dieser Mensch für nahezu alles (Essen, Trinken, Körperhygiene, Kleidung) auf fremde Hilfe angewiesen … und strahlte eine unglaubliche positive Energie aus, hatte einen Job (PC-Arbeit mittels eines Stiftes, den er im Mund hielt), Freunde und ging gerne aus. Wir waren gemeinsam auf einem Konzert. Keine Spur von Opfer, Anklage, Selbstmitleid …

Jahre später traf ich auf einen, dessen Heimfahrt von der Disco im Krankenhaus endete: Querschnittlähmung. 18 Jahre, kaum noch gelebt, und der nach einer schweren Zeit sich selbst wieder aufgebaut hat und danach mehrfacher Olympiasieger wurde. Mit so einem Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, ließ mich spüren: der braucht keine Selbstdarstellung. Der war ganz unten und hat sich selbst wieder raufgearbeitet. Der will weder protzen noch was verstecken. Der lebt, was er ist und will als das, was er ist, wahrgenommen werden.

Genauso geht es mir heute. Ich mag nicht so bekannt sein, wie die Frau im Radio (zumindest hat der Rundfunk bei mir noch nicht angefragt 😉) oder der Olympiasieger, aber ich bin, wer ich bin. Erzähle meine Geschichte ungeschminkt, ungeschönt; will weder protzen noch was verstecken. Will gesehen werden als die, die ich bin.

Rampenlicht ist tückisch. Stehst du mittendrin, blicken dich alle an. Erlischt es, sieht dich meistens niemand mehr.

Meine Reichweite mag überschaubar sein, dennoch gelingt es mir hin und wieder, Menschen zu inspirieren, zu motivieren. Manche begleite ich eine Zeit lang, andere kreuzen einmalig meinen Weg und ich erfahre nie, was daraus wurde, aber ich bin überzeugt, dass nichts ohne Wirkung bleibt in diesem Universum. Jeder „Impact“ löst etwas aus. Jede Begegnung bringt etwas in Bewegung, früher oder später, mehr oder weniger, in diese oder jene Richtung. Keine zwei Teilchen können im Universum aufeinandertreffen, ohne sich wechselseitig zu beeinflussen – warum sollten es zwei Menschen können? – Rampenlicht hin oder her.

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WORUM ES IM LEBEN WIRKLICH GEHT (2)

… das ist meiner bescheidenen Meinung nach die Grundhaltung. Egal, was rundum ist, ob absolutes Chaos oder Friede-Freude-Eierkuchen, ob die Menschen mich mögen oder nicht, ich mache mir eines stets aufs Neue bewusst:

Ich lebe! Ich atme, fühle, kommuniziere … auf welche Weise auch immer, ich bin mit der Außenwelt in Interaktion und kann mich entscheiden, was ich in diese Welt und zu den Menschen hinaussende.

Jammere ich anderen die Ohren voll über (für mich) Unveränderliches? Finde ich Schuldige und übernehme die Rolle von Ankläger-Henker-Richter in Personalunion? Trage ich meines dazu bei, den Haufen menschlicher Negativität ein Stückchen wachsen zu lassen? Nutze ich die öffentliche Bühne um mich als Opfer zu zelebrieren?

Oder (und an dieser Stelle bremse ich meinen Drang zur Theatralik ein, um die Aufzählung in einem überschaubaren Bereich zu halten, denn … ganz ehrlich, mir würde noch so einiges einfallen 😉) entscheide ich mich, Botschaften nach außen zu senden, die Hoffnung schenken, die inspirieren, die das Herz berühren, die Kraft verleihen und das Vertrauen stärken in das Leben, die Menschen, mich selbst.

Paul Watzlawick sagte: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Dem stimme ich voll und ganz zu.

Die sozialen Medien verleihen jeder einzelnen Stimme eine schier grenzenlose Reichweite. Meine Worte können 24/7 rund um den Globus von jedem vernommen werden, der über Internetzugang verfügt.

Welch eine Macht!

Welch eine Verantwortung! … mehr denn je!

Wirklich jede und jeder von uns trägt zu dem Bild bei, das in diesem Augenblick entsteht, dass sich in den Köpfen unzähliger Menschen manifestiert, dabei ihre Gedanken, Gefühle und Handlungen beeinflusst.

Stell dir vor, was geschehen würde, wenn ab sofort nur noch lebensbejahende Botschaften geteilt würden?

Die Menschheit steht vermutlich vor ihrer bislang größten Herausforderungen, diesen Planeten als Lebensraum für sich zu erhalten, das längst überholte Konzept von Krieg abzuschaffen, um mittels Kommunikation und Kooperation zu einem friedvollen Miteinander zu finden, in kulturellen Unterschieden nicht die Grenzen, sondern verbindende Vielfalt zu erkennen. Dazu noch all die „kleinen“ persönlichen Herausforderungen.

Wir haben echt viel vor uns.

Wäre es da nicht angebracht, Mut zu machen? Worte und Bilder zu teilen, die uns darin bestärken, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten?

Es ist ähnlich wie mit der Schwerkraft. Ganz gleich, ob du daran glaubst oder verstehst, wie sie funktioniert, sie wirkt und hält dich am Boden (der Realität). Ob du nun daran glaubst oder verstehst, wie es funktioniert, jedes deiner Worte wirkt in dieser Welt, deshalb … wähle deine Worte mit Bedacht. Sie sind der Samen, den du in der Gegenwart auf die Reise schickst und aus dem die Zukunft erwächst.

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(UN)BEQUEME ANTWORTEN

Mein Neuausrichtungsprozess führte mich an jene Stelle, die auf dem Bild zu sehen ist. Wunderschöne Aussicht an einem Novembertag, kurz nachdem sich der Nebel gelichtet hat, die Sonne ihre wärmenden Strahlen auf mein Gesicht warf. Alles wunderbar – bis auf ein paar kreisende Gedanken, die mich beschäftigten und Fragen danach aufwarfen, warum ich mich unrund fühlte.

Da gibt es einige Menschen in meinem Leben, die verursachen, dass ich Teile von mir nicht oder nur eingeschränkt auslebe.

Das ist die bequeme Antwort.

Da gibt es einige Menschen in meinem Leben, denen gegenüber ich einige Teile von mir nicht oder nur eingeschränkt auslebe, weil … (folgt weiter unten).

Das ist die unbequeme Antwort.

Wer mag schon unbequeme Antworten? Die Ursache für mein Unrund-Sein anderen in die Schuhe zu schieben, ihnen die Verantwortung umzuhängen, das wäre so einfach, so bequem, so gewohnt und erlernt. Immerhin wuchs ich in einem Umfeld auf, das grundsätzlich die Verantwortung für jeden Missstand nach außen projizierte.

Aber ich mache es mir nicht (mehr) so einfach.

Der Haken am bewussten Leben ist nämlich, hin und wieder sich mit unbequemen Antworten zu befassen.

Mich in meinem Ich-Sein selbst zu beschränken ist übrigens eine Form der Selbstverstümmelung, nur mal nebenbei erwähnt. Es gibt viele unterschiedliche Arten der Selbstverletzung, die keinerlei sichtbare Narben am Körper hinterlassen, aber tiefe Spuren in der Seele und Psyche.

Warum also schränke ich mich manchen Menschen gegenüber ein und unterdrücke mein Ich-Sein?

Die Antwort auf diese Frage ist unbequem: Angst – vor Ablehnung, Zurückweisung, negativem Feedback etc etc etc …

So richtig unbequem wird es, wenn zu diesen Menschen eine tiefe emotionale Beziehung besteht, dann könnte es nämlich wehtun. Man könnte vereinfacht sagen, ich weiche einem potenziellen Schmerz (Verletzung durch das Gegenüber) aus, indem ich einen garantierten Schmerz (Selbstverletzung) auslöse. Genug Konjunktiv.

Wenn es etwas in diesem Universum gibt, das etwas unnötig komplizieren kann, dann ist der Mensch – mich eingeschlossen!

Während ich auf einer Bank in der Sonne saß, blickte ich auf eine (un)bequeme Antwort, schüttelte den Kopf über mich selbst und entschied mich, einfach mehr auf die Menschen zu vertrauen und auf mich selbst, mit dem klar zu kommen, was auch immer da kommen mag.

VERTRAUTE FREMDE GEFÜHLE

Vor einigen Tagen geschah etwas, das ich nun erstmalig in Worte zu fassen versuchen. Es war eines dieser Ereignisse im Leben, die einen völlig unvorbereitet treffen und nach denen nichts mehr so ist wie zuvor.

Zu Beginn war da eine gewisse Unruhe, die sich maskiert hinter Überlastung (wann arbeite ich eigentlich nicht zu viel?) anschlich. Darauf folgten destruktive Gedanken, der Drang heftige Reaktionen im Umfeld (=Ärger) zu provozieren – und dann war es plötzlich da, dieses vertraute, fremde Gefühl zu sterben. Damit meine ich nicht den Wunsch zu sterben. Todessehnsucht hat damit nichts zu tun. Es war auch keine Panikattacke, sondern das Gefühl, in diesem Augenblick zu sterben. Eine Gewissheit, die ich bereits öfters erlebt hatte und – nachdem ich immer noch hier bin – auch überlebt hatte. Doch diesmal war etwas anders.

Plötzlich tauchte eine alte Erinnerung aus den Untiefen meines Unterbewusstseins auf. Ich an der Schwelle zwischen Kind und Teenager, ziemlich überfordert mit mir selbst, die so anders war in ihrem Denken und Fühlen als alle anderen rundum. Mein Vater, der auf dem Bett lag, im Krankenhaus, wenige Tage vor seinem Tod. Speiseröhrenkrebs im Endstadium. Sein ausgemergelter Körper, der nur mehr ein Schatten seiner selbst war, lag apathisch vor mir, zugedröhnt vom Morphium, das die Schmerzen ausschalten sollte, und gleichzeitig seinen Geist lahmlegte. Doch er fühlte etwas, spürte seinen bevorstehenden Tod. Dessen bin ich mir sicher, denn ich fühlte es auch. Dieses Gefühl drang ich mich ein, überrollte mich und blieb gleichzeitig hängen. Ab und an kehrte es zurück. So wie vor einigen Tagen. Ein übermächtiges Gefühl, das absolut nichts mit der gegenwärtigen Realität zu tun hatte.

Erstmalig offenbarte es seinen Ursprung, lud mich ein, der Dunkelheit ins Angesicht zu blicken und zu erkennen, dass dieses vertraute Gefühl doch ein fremdes war, welches ich übernommen hatte in meiner kindlichen Unerfahrenheit darin, mich selbst zu schützen. Es fiel von mir ab, an diesem Abend vor wenigen Tagen. Erklären lässt sich das nicht, nur schildern. Ich weiß auch nicht, was genau geschah, nur dass ich mich danach unbeschreiblich (er)leicht(ert) fühlte, voller Energie und Lebensfreude.

Ende gut, alles gut?

Warum ich erst Tage nach diesem Ereignis darüber schreibe, hat einen Grund: ganz so „vorbei“ ist es nicht, denn es folgte das „danach“. Ich versuche mich an einem bildhaften Vergleich.

Stell dir eine große Schale mit bunten Glasmurmel vor. Inmitten der unzähligen Murmeln liegt ein schwerer, dunkler Stein. Eines Tages wird der Stein von etwas außerhalb der Schale magnetisch angezogen und siehe da, er verschwindet. In der Schale bleiben nur die bunten Murmeln zurück. Doch keine von ihnen befindet sich noch an dem Platz, an dem sie zuvor war. Alle Murmeln wurden durch die Entfernung des Steins ebenfalls in Bewegung versetzt. Genau an diesem Punkt befinde ich mich jetzt.

Das übernommene Gefühl, das so viele Jahre Platz in mir gewohnt hat, gab seinen Platz frei. Die gewohnte Ordnung ist durcheinandergeraten und dabei, sich neu auszurichten. Dadurch verändert sich auch der Blickwinkel auf manches. Dafür braucht es Zeit und Energie. In meinem Fall auch einen temporären Rückzug aus der Hektik des Alltags, um diesem Prozess Raum zu geben.

Früher gehörte ich zu denen, die ihren Fokus auf das Problem und dessen Auflösung lenkten, ohne zu beachten, was danach folgt. Kam nach dem anfänglichen Hype über das Gelöste eine Phase der Energielosigkeit, stufte ich das als Misserfolg ein. Doch das war es nicht. Ganz im Gegenteil. Es war die Phase der Neuausrichtung, die ich all zu oft zu ignorieren versuchte und mich „durchkämpfte“.

Heute gönne ich mir (zugegeben: mit einigen Tagen jobbedingter Verzögerung) eine Zeit des Rückzugs in die Stille, um das Geschehene wirken zu lassen. Vor 39 Jahren übernahm ich ein fremdes Gefühl, trug es in mir, gab ihm Raum und Leben. Sein Verschwinden wird keine Lücke in mir hinterlassen, ganz im Gegenteil, denn in mir finden sich viele wundervolle Gefühl, die sich nun zu einem neuen Bild in mir ordnen.

In mir höre ich die Worte von Lucy, die x-mal zu mir sagte: „Learn zu distingiush“ (Lerne zu unterscheiden). Nicht alles, was vertraut ist, ist auch das eigene. Was bist du, was bist du nicht?

Ich denke, in der ersten Lebenshälfte sind wir alle damit beschäftigt, zu wachsen, zu werden, etwas aufzubauen. Dabei bleibt häufig die Unterscheidung auf der Strecke. Ab der Lebensmitte geht es (nach einigen philosophischen Lehren) darum, das eigene und zu sich selbst zu finden. Aus all dem, was zuvor an- und übernommen wurde, jenes herauszufiltern, das zu einem selbst gehört. Rückblickend stelle ich fest, dass ich knapp nach meinem 50er damit begann, meine Leben zu vereinfachen, mich von Überholtem und Überflüssigem zu trennen, Ballast abzuwerfen, sowohl physisch als auch psychisch und … emotional.

Fremde Gefühle – so vertraut sie auch sein mögen – dürfen an ihren Ursprung zurückkehren, damit ich werden kann, wer ich bin, immer war und immer sein werde.

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SEUCHE BORDERLINE?

Ein provokanter Titel, ich weiß, aber meine diesbezüglichen Gedanken sind nicht minder provokant. Durch die vergangenen Wochen zieht sich für mich ein roter Faden: die Borderline-Diagnose. Entweder sie betraf die Menschen direkt oder ihr unmittelbares Umfeld, entweder hatte ich diese Menschen eben erst kennengelernt oder kannte sie bereits seit Jahren. Immer häufiger habe ich den Eindruck, niemanden mehr zu kennen, der nicht in irgendeiner Weise davon betroffen ist.

Ernüchternd?

Und wie!

Deshalb hier ein paar Gedanken dazu.

Nimmt die Zahl der Borderliner zu?

Aus meiner Sicht: Ja. Da nur wenigen der Ausstieg (also die „Heilung“) gelingt und gleichzeitig jedes Jahr neue Fälle dazukommen (weil ja mehr Menschen geboren werden als im gleichen Zeitraum sterben), wächst der Anteil an Borderline-Betroffenen in der Bevölkerung automatisch.

Sind immer mehr Menschen psychisch krank bzw. gestört?

Jein. Für mich hat es eher damit zu tun, dass unsere Gesellschaft extrem fordernd geworden ist, immer weniger „Verletzlichkeit“ toleriert und damit zwangsläufig die Zerrissenheit zwischen dem, was man sein sollte und dem, was man ist, fördert.

Wenn ich die klassischen Borderline-Symptome hernehme, beginnend bei mangelndem Selbstwert, Überlastung durch Eigen- und Fremdausbeutung, Schwarz-Weiß-Denken, Angst vor dem Verlassenwerden, Identitätsverlust (Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mehr versuche zu sein, was andere von mir erwarten?), extreme Emotionalität und Stimmungsschwankungen, Depressionen … mal ehrlich, auf irgendeine Weise ist jeder Mensch irgendwann in seinem Leben davon mehr oder weniger betroffen. Ein Test zum „richtigen“ Zeitpunkt wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine entsprechende Diagnose bringen.

Und was dann?

Therapie, Psychopharmaka, endlose Selbstzweifel unter dem Stigma der Diagnose, an einer Störung zu leiden. Danach folgt Ursachenforschung (= Wühlen in der Vergangenheit), hoffentlich auch Lösungsansätze kreieren (= Tools für die Gegenwart und Strategien für die Zukunft). Alles schön und gut, aber …

… wer therapiert die Gesellschaft, die ihren Beitrag dazu leistet? (Stichwort: Fremdausbeutung). Die jungen Menschen keine Chance bietet, sobald Narben an den Armen sichtbar sind. Die Narben in der Seele sehen hingegen nur wenige. Wie auch? Um die zu erkennen, muss man mit dem Herzen blicken.

An dieser Stelle könnte ich noch lange argumentieren, ein aufwühlendes Plädoyer verfassen … oder es auf den Punkt bringen, den ich wahrnehme:

Borderline ist schlimmer als eine Seuche, es ist ein Spiegel unserer gegenwärtigen Gesellschaft, in der …

  • … im Idealfall alles kontrolliert läuft, jeder Mensch wie eine Maschine zu funktionieren hat, für „Menschliches“ viel zu wenig Platz bleibt.
  • … Krankheiten all zu oft auf Symptome reduziert werden, vielleicht noch auf den Körper als Ganzes, aber Gefühle? Die Seele?
  • … die Existenz einer Seele gerne in Frage gestellt wird, weil nicht wissenschaftlich erklärbar. Oder als esoterisch abgestempelt.
  • … in der sich ganz viele selbst am nächsten sind, häufig gar nicht böswillig, sondern einfach aus der Angst heraus, etwas zu verlieren, wenn sie ihre Arme und Herzen öffnen.
  • … in der es an Vertrauen mangelt. Wie könnte es auch anders sein, bei all dem, was rundum geschieht. Wer nicht aufpasst, wird über den Tisch gezogen, betrogen, ausgenutzt.
  • … in der die Seele verkrüppelt im ständigen Misstrauen, das Herz versteinert, der Mensch krank wird und seine Psyche eine eigene Hölle des Schmerzes erschafft.
  • … in der die meisten Menschen bedürftig sind an Zuwendung, Anerkennung, Liebe, Geborgenheit, nur noch wenige in der Lage sind, all dies für sich selbst zu empfinden und es anderen weiterzugeben OHNE etwas dafür im Gegenzug zu erwarten.

Unsere Gesellschaft hat verlernt, was es bedeutet, Mensch zu sein. Im Gegensatz zu früheren Zeiten werden die Menschen heute allerdings nicht durch Kriege oder Hungersnöte abgelenkt. Wenn die Bedrohung für Leib und Leben wegfällt, tritt die Frage nach dem „wofür?“ in den Vordergrund.

Sinn und Sein.

Wer bin ich? Was ist der Sinn meines Lebens?

Zwei der wichtigsten Fragen überhaupt, denn in ihren Antworten findet sich – meiner Erfahrung nach – genau jenes, das es braucht, um aus der Borderline-Achterbahnfahrt auszusteigen und zurück in die Umarmung des Lebens zu finden.

Ist Borderline heilbar?

Meine persönliche Erfahrung: JA! Wenn man in sich hineinspürt, die eigene Bedürftigkeit entdeckt und lernt, diese zu erfüllen, aus sich selbst heraus. Nebenbei fand ich heraus, wer ich bin, was der Sinn meines Lebens ist und wie ich mit all dem, was in mir ist, ein wundervolles Leben führen kann.

Krise und Chance gehen stets Hand in Hand. Borderline kann ein Fluch sein – oder ein Segen, weil es wachrüttelt, sich den wirklich wichtigen Fragen des Lebens zu stellen, aufzuwachen, bewusst zu werden, sich als Mensch weiterzuentwickeln. Nicht zu reagieren, sondern zu agieren. Nicht zu überleben, sondern zu leben, lebendig zu sein im Augenblick, im Hier und Jetzt.

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DAS HEB‘ ICH MIR FÜR EINEN BESONDEREN ANLASS AUF …

Wie oft habe ich mir das schon gedacht – und bin damit sicherlich nicht allein. Von Zeit zu Zeit hinterfrage ich diese Aussage, aber bis zu einer Verhaltensänderung hat es dann doch nicht gereicht. Bis jetzt. Vor ein paar Tagen brachte mich ein Telefonat ins Grübeln.

Eine Bekannte sagte kurzfristig eine Verabredung ab, weil jemand in ihrer Familie gestorben war. Unerwartet verstorben. Genauer: vom Abendessen aufgestanden als wäre nichts und eine Stunde später war die Person tot. Kein Unfall, keine akute Erkrankung, nur ein paar Wehwehchen, die wohl viele im Pensionsalter haben. Aber nichts, was ein jähes Ableben vermuten ließe. Ein Schock fürs Umfeld.

Meine Großmutter starb auf ähnliche Weise. Nach einem Ausflug ging sie in ihr Zimmer, fiel um und war tot. Sie wurde 83, hatte ihr Leben weitgehend hinter sich. Eine angeheiratete Cousine von mir kam von einem Nachmittagskaffee nicht mehr nach Hause. Sie war erst in den 40ern. Und meinen Cousin ereilte das Schicksal des unerwarteten Todes mit 18.

Sie alle haben vermutlich – ebenso wie ich – das eine oder andere „für einen besonderen Anlass“ aufgehoben. Sei es ein Kleidungs- oder Schmuckstück, das wohl verpackt im Kasten oder einer Schublade ruht. Sei es eine Flasche Wein, ein Parfum … oder was auch immer als so wertvoll erachtet wird, dass es auf einen besonderen Anlass warten darf/muss.

Und wenn dieser Augenblick nie kommt?

Was, wenn man im Trubel des Alltags viele wunderbare Momente vorbeiziehen lässt, auf den einen besonderen wartend, und dann schlägt das Schicksal zu und man wird der Chance beraubt, jemals wieder etwas zu erleben?

Verschiebe nicht auf morgen, was du dir (und anderen) heute Gutes tun kannst.

Egal, ob einen Spaziergang, eine Muse-Stunde, leckeres Essen, eine Liebeserklärung, … wenn es hier und heute Platz findet, dann darf es sein, auch an einem stinknormalen Tag, an dem so gar nichts besonders ist. Jeder von uns hat nur dieses eine Leben (nach der aktuellen wissenschaftlichen Beweislage) und niemand von uns weiß, wie viele Jahre, Monate, Wochen, Tage, Stunden noch vor einem liegen. Warum also das zurückhalten, was hier und jetzt Freude bereiten kann?

Angeblich bereuen sterbende Menschen weniger das, was sie getan haben, also das, was sie nicht getan haben. Ihre Versäumnisse, die sie nie wieder aufholen können. Die Aussprachen, die sie nicht mehr führen können.

Aber wer denkt schon übers Sterben nach? Wer bereitet sich vor?

Viele Jahre hatte ich Angst davor, übers Sterben nachzudenken. Irgendwann akzeptierte ich, dass man dem Lauf des Lebens nicht entkommen kann. Seither setze ich mich bewusst mit meiner Sterblichkeit auseinander, mit der Endlichkeit des Lebens, wie ich es kenne. Mit dem, was ich noch tun möchte in der mir verbleibenden Zeit. Mit dem, was ich für besondere Anlässe aufhebe … und ob nicht hier und jetzt genau dieser besondere Augenblick ist.

Seit ich den Tod nicht mehr fürchte, empfinde ich meine Lebensfreude intensiver als zuvor. Ich versuche, möglichst wenig Momente zu verschwenden mit unnötigem Ärger über Unveränderliches, und stattdessen so oft wie möglich aus dem Herzen heraus zu leben. Weniger denken, mehr fühlen. Im Alltäglichen das Besondere zu entdecken. Einfach lebendig zu sein im hier und jetzt, denn genau dieser Augenblick ist besonders und wird niemals wiederkehren. Deshalb verdient es dieser Augenblick – so wie jeder andere auch – gefeiert zu werden.

LEBE JETZT – wer weiß schon, was morgen sein wird.

LEBE, denn du wurdest geboren, um lebendig zu sein, deine Lebensfreude mit anderen zu teilen und dieser Welt eine Facette hinzuzufügen, die es ohne dich nicht gäbe.

LEBE in diesem besonderen Augenblick.

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VON DER AUSSENSEITERIN ZUM ROLE MODEL

Diese vergangene Woche war ziemlich turbulent. Gleichzeitig sind spannende neue Ideen und Projekte entstanden. Eine echte Power-Woche. Ein Ereignis sticht für mich aus der Masse hervor. Oder besser gesagt: eine Aussage.

Vor einigen Tagen sprang ich für eine Kollegin ein, übernahm ihre Gruppe. Das Thema waren Zukunftsbranchen und die eigene (berufliche) Rolle in der Zukunft.

Ich muss hier festhalten, dass ich eine sehr leidenschaftliche Trainerin bin, gerne Schwellendidaktik betreibe und dabei eine Menge Spaß habe, mit dem, was aus einer Gruppe kommt, zu arbeiten. Wenn es dann noch um Zukunft und Entwicklung geht, bin ich in meinem Element, die Teilnehmenden zu motivieren, schlummernde Potenziale auszuloten, lang gehegte Träume aus der Schublade zu holen und auf Realisierbarkeit zu durchleuchten. An diesem Nachmittag fiel das Wort Role Model. Auch am darauffolgenden Tag meldete die Gruppe meiner Kollegin rück, ich wäre ein Role Model für sie.

Was bedeutet das, ein Role Model zu sein?

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, dann erinnere ich den ersten Tag eines Schuljahres. Wir bezogen eine neue Klasse. 18 Schüler*innen, eine gerade Anzahl. 10 Zweierbänke. Ich saß in Bank rechts vorne, gleich neben der Tür – und niemand wollte sich neben mich setzen. Auch nicht an den folgenden Tagen. Oder Jahren.

Ich war eine Außenseiterin, der man aus dem Weg ging.

Ich war anders. Nicht äußerlich, aber in meinem Verhalten. Im Fühlen. Die anderen konnten es sicherlich nicht bewusst benennen, aber sie spürten es – und verhielten sich entsprechend.

Viel Zeit ist seither vergangen.

Heute werde ich also als Role Model gesehen. Die Menschen, die mir diese Anerkennung zukommen ließen, wissen nicht, durch welche Krisen ich ging – aber sie scheinen zu spüren, dass da eine vor ihnen steht, die ganz genau weiß, wovon sie spricht. Keine leere Worthülsen. Wenn ich sage, dass in jedem ein Potenzial steckt, das entfaltet werden kann, dann ist das meine volle Überzeugung, geboren aus der Erfahrung, einst selbst eine ausgegrenzte Außenseiterin gewesen zu sein, die ihre Potenziale heute lebt.

Was bedeutet es für mich, als Role Model gesehen zu werden?

Es erfüllt mich mit Freude, mit Dankbarkeit, bringt mich zum Schmunzeln, weil ich mich überhaupt nicht besonders fühle. Anders, ja, eigenwillig mitunter. Aber nachahmenswert? Wenn es etwas gibt, dass man an mir nachahmen sollte, dann ist das meine konsequente Suche nach Lösungen sowie die Kreativität, die ich dabei an den Tag lege. Und vielleicht noch meinen Humor, über mich selbst lachen zu können, wenn’s mal nicht so klappen will, wie ich mir das vorgestellt habe.

Andere sehe mich als Role Model. Ich selbst sehe mich – nein, nicht länger als Außenseiterin – eher [nicht] ganz alltäglich.

Will ich ein Role Model sein?

Jein. Andere zu inspirieren, neue Wege und Lösungen für sich zu finden, ist eine starke Antriebsfeder in meiner Arbeit. ABER (absichtlich großgeschrieben) für mich liegt auch eine Herausforderung in dieser Role, zumindest wenn ich direkt mit Menschen zu tun habe. Diese Herausforderung hat 6 Buchstaben: GEDULD.

Ich habe meinen Weg gefunden, mit einigen Umwegen und Verirrungen zwar, aber dennoch bin ich angekommen – an einer Zwischenstation, denn mein besserwisserisches Ego ist noch sehr lebendig, neigt dazu, effizientere Wege zu erkennen als die betreffenden Personen für sich festlegen. Nicht einzugreifen (solange keine Gefahr droht), und Menschen ihre eigenen, fallweise umständlichen Lernschritte machen zu lassen, kann mitunter enervierend sein. Es ginge ja anders, aber ich übe mich in Geduld – manchmal etwas zähneknirschend und augenrollend.

Das Role Model hat noch einiges zu lernen – und das ist gut so 😉

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WORUM ES WIRKLICH GEHT IM LEBEN (1)

Da war er wieder, dieser Aha-Moment, der mir immer wieder irgendwo und irgendwann, wie aus dem Nichts begegnet. Diesmal war es eine Doku über die Welt im Jahr 1.000 n.Chr. Da wurde von Menschen berichtet, die aufbrachen, Neuland zu entdecken. Andere wollten ihr Wissen ausweiten und forschten in den unterschiedlichsten Gebieten. All die wesentlichen Dinge des Lebens … Interessanterweise – und das zieht sich durch die viele Dokus, die ich bereits gesehen habe – es findet sich darin kaum jemand, der aufbrach um ein besserer Mensch zu werden.

Keine Sorge, ich fange hier nicht an zu moralisieren. Der Terminus „besserer Mensch“ hat für mich nichts damit zu tun, wie oft ich eine gute Tat vollbringe, etwas an Hilfsorganisationen spende, die Welt rette oder allgemein „besser bin als andere“. Sich mit anderen zu vergleichen bedeutet in der Regel letztendlich nur, dass mindestens eine Person sich schlechter fühlt, weil unzureichend.

Mein Vergleich „besserer Mensch“ bezieht sich auf das, was ich war, als mir erstmalig bewusstwurde, dass ich es bin, die mein (Er)Leben der Realität verursacht, mit allem, was dazugehört. Es ist quasi die optimierte Version meines Ich. Wobei – hier gilt es Vorsicht walten zu lassen. Allzu oft werden dabei Ziele angestrebt, die nichts mehr mit einem selbst zu tun haben, sondern irgendwelche künstlichen Ideale verkörpern, die weder erreichbar noch im Alltag gesund sind – oder beides.

Mein besserer Mensch ist jene reife, ein- und weitsichtige Version, die erkennt, wenn das intrapersonelle Drama zum Einsatz anhebt und dieses nicht mehr zu Lasten anderer auslebt, sondern Wege gefunden hat, das innere Gleichgewicht zu wahren, selbst inmitten der Stürme des Lebens. Wir alle tragen in uns das Bedürfnis nach Anerkennung, Geborgenheit und Liebe. Situationsbezogen mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. Mitunter sogar gestillt. Bei einigen (vielen) wird jedoch aus dem (ungestillten) Bedürfnis eine (unstillbare) Bedürftigkeit. Ein Dauerzustand, der einem Fass ohne Boden gleicht. Egal, wie viel hineingegeben wird, es genügt nie.

Bedürftigkeit ist eine innere Haltung, die mit den Worten „ich brauche“ beginnt, und selten die Worte „danke für all das, was ich bekomme“ findet. Wer in emotionaler Bedürftigkeit feststeckt, kann niemals frei im Denken und Fühlen werden.

Mein besserer Mensch hat gelernt, sich selbst das Maß an Liebe, Anerkennung und Geborgenheit zu vermitteln, das es braucht, damit die Grundbedürfnisse gestillt sind und die Seele sich im Gleichgewicht befindet. Was darüber hinaus von anderen Menschen kommt, darf gerne als ein Verwöhnprogramm des Lebens genossen werden, aber es ist niemals die alleinige Quelle.

Vielleicht denkt sich nun jemand: „Was hat die denn geraucht? Das ist pure Illusion!“

Ist es das?

Mal abgesehen davon, dass ich nicht rauche – ist es wirklich illusorisch? Oder nur schwer vorstellbar, weil ungewohnt? Unpopulär? In den Dokus über die großen Entdeckungen der Menschheit wird gerne das berichtet, was wissenschaftlich anerkannt und belegbar ist. Selten geht’s um das Menschsein. Vielleicht ist das Thema zu nah an Religionen (an denen man sich ganz schnell die Finger verbrennen kann) oder Spiritualität (die vieles sein kann) angesiedelt? Für mich gehört es einfach dazu, wenn man sich selbst finden und den Sinn seines Lebens entdecken möchte.

Aber wer möchte das schon?

Immerhin besteht ein nicht unwesentliches Risiko, auf diesem Weg zu erkennen, einige (oder mehrere) Jahre seines Lebens Ziele verfolgt zu haben, die bei näherer Betrachtung als Lernaufgabe taugen, ohne je wirklich zu innerer Zufriedenheit geführt zu haben.

Meine „bessere Version“ ist ein erwachsenes Ich, dass über die Torheit meiner Vergangenheit schmunzeln kann, stets bestrebt ist, mich (mehr oder weniger erfolgreich) von weiteren Narreteien abzuhalten, dankbar die Gegenwart annimmt und neugierig nach vorne blickt. Mein Schatten ist mir vertraut und ein stummer Begleiter, doch fürs Licht habe ich mich entschieden und lasse mir davon meinen Weg (er)leuchten. Meine Bedürftigkeit opfere ich freiwillig und freudvoll all dem, das mit umfassender Eigenverantwortung einhergeht. Wenn mir jemand ein „du Arme!“ umhängen will, lehne ich dankend ab. Mein Reichtum ist krisen- und inflationssicher: es ist der Glaube, das Vertrauen und die Liebe zu mir selbst, zum Leben und was immer es bringen wird.

Ein besserer Mensch?

Wenn ich zurückdenke, wer ich einst war, wie ich dachte und fühlte … ich würde sagen: Ja, ich bin heute ein besserer Mensch als ich es damals war.

An diesen Punkt zu gelangen, darum geht’s doch im Leben, oder nicht?

Das heutige Bild wurde von mir aus einem fahrenden Zug aufgenommen und passt meiner Ansicht wunderbar, um das Leben abzubilden: Ständig in Bewegung 😉

Da oben 1950

Seit beinahe zwei Wochen geistert durch meinen Kopf, was ich heute hier schildern möchte. Ich habe mir bewusst Zeit genommen, mich selbst zu beobachten, zu hinterfragen, abzuwarten, ob es denn wirklich so ist, wie mein erster Eindruck mich vermuten ließ. Nun, kehren wir an den Anfang zurück …

Mitte September verbrachte ich – zum ersten Mal in meinem Leben – mehrere Tage auf einer Berghütte in 1.950 m Seehöhe. Ich bin häufig in den Bergen, aber ich blieb noch nie „oben“. Doch etwas in mir trieb mich seit Juni an, einen Aufenthalt im Naturfreundehaus in Bad Hofgastein zu planen. Meine innere Stimme drängte geradezu – und ich folgte.

„Da oben 1950“ erfasste mich eine in dieser Form selten erlebte tiefgehende Ruhe und Gelassenheit, die auch der stürmische Wind und rund 30 cm Neuschnee nicht erschüttern konnte. Ich war auf eine eigene Art und Weise „angekommen“.

So weit, so gut.

Diesen Bergeffekt kenne ich aus der Vergangenheit. Deshalb zieht es mich ja regelmäßig in die Berge, um zurück in die Ruhe zu finden – und nebenbei Gedichte zu schreiben. So entstand „Berggeflüster – s’Lebn spiarn“. In der Kraft und Stille der Bergwelt lauschte ich einer Stimme in mir, schrieb die Worte nieder und verpackte sie in ein ganz besonders Buch.

„Da drüben“ (im Flachland, wo ich lebe und arbeite) konnte ich weder die Ruhe fühlen noch diese spezielle Stimme hören. Bis zu meinem Aufenthalt „da oben 1950“. Seither ist einiges anders. Diese Veränderung war es, die ich in den vergangenen zwei Wochen an mir beobachtet habe. Diesmal hat mich die Ruhe begleitet und scheint sich als Dauergast in meinem Gefühlsleben einquartiert zu haben. Vielleicht entfaltete sich aber auch etwas, dass lange in mir geschlafen hatte.

Noch erstaunlicher ist meine verfeinerte Wahrnehmung. Das Flüstern der grauen Riesen dringt quer durch Österreich bis zu mir ins Flachland. Jene innere Stimme, die ich zuvor nur inmitten der Berge zu hören vermochte, spricht nun auch inmitten der Wiener U-Bahn zu mir, flüstert mir Gedicht zu, die mich zum Schmunzeln bringen, weil sie das Menschsein in einer Einfachheit und Klarheit reflektieren wie ein Bergsee an einem windstillen Tag.

So wunderbar diese Entwicklung ist, sie hat auch eine Kehrseite. Auch meine Wahrnehmung dessen, was rund um mich ist, hat sich verfeinert. Als hätte die Zeit „da oben“, die klare Bergluft, verstopfte Rohrleitungen durchgeputzt. Gut für die Intuition, herausfordernd für den Alltag.

Ein Beispiel: meine Mutter hat den ganzen Sommer über geklagt, ihr Kater käme oft tagelang nicht. Sie suchte ihn überall, rechnete im Schlimmsten. Alles war schrecklich. Dann kam der Kater hin und wieder. Wiederum war alles schrecklich, weil er nicht blieb. Mittlerweile (es wird kühler draußen) ist der Kater den ganzen Tag über da und will nicht mehr raus. Nun klagt sie darüber. Was auch immer geschieht, es ist nicht in Ordnung und ein Grund zu klagen. Nicht nur in Bezug auf den Kater, sondern auf die Gesamtheit des Lebens. Seit „da oben 1950“ ist das ständige Klagen samt dazugehöriger Emotionen für mich (trotz der inneren Ruhe) noch sinnbefreiter als früher – um noch zu sagen: ein erschreckendes Spiegelbild dessen, was unter der Oberfläche in meiner Mutter wirkt. Ist da wirklich nur Schmerz? Unzufriedenheit, egal, was kommt? Keine Lebensfreude? Ich kann jedenfalls keine wahrnehmen, trotz meiner sensiblen Antennen.

Meine innere Stimme signalisiert: „Lauf weg, so schnell du kannst!“

Mein Gewissen erwidert: „Das tut eine brave Tochter nicht.“

Mein Verstand fragt: „Was ist deine Verantwortung dabei?“

Mein Herz antwortet: „Auf mich selbst gut zu achten, damit ich in meiner Kraft und meiner Liebe bleibe, denn nur dann kann ich auch für andere da sein.“

So bin ich also an einem Punkt in meinem Leben gelandet, an dem ich mich mehr denn je spüre, und das, was in mir ist, auf wunderbare Weise zum Ausdruck bringen kann. Gleichzeitig ist mir mehr denn je bewusst, wie anders (als meine Mutter) ich heute bin, was mir nicht gut tut und was ich in meinem Leben haben möchte. Welche Konsequenzen ich daraus ziehe, dass diskutiert meine innere Stimme noch mit meinem Gewissen. Letztendlich werde ICH eine Lösung finden, der auch mein Herz und mein Verstand zustimmen können.

Eine schlafende Facette meines Wesens hat sich entfaltet, „da oben 1950“. Daraus resultieren Veränderungen in meinem Leben, die ich derzeit vermutlich nur im Ansatz erahnen kann.

Wer annimmt, die Reise zu sich selbst (Selbstfindung) führt stets dazu, dass alles rundum besser oder harmonischer wird, irrt sich. Häufig erkennt man auf diesem Weg, was nicht zu einem selbst passt und wovon man sich verabschieden sollte. Oder zumindest eine andere Herangehensweise entwickeln darf, damit es bleiben kann. Ich gehe soweit zu sagen:

„Wer sich selbst finden will, muss alles andere loslassen. Manches wird zurückkehren, anderes nicht. Was bleibt, tut dies aus freien Stücken, und nicht, weil es festgehalten (und erdrückt) wird.“

„Da oben“ blickte ich in einen stillen Bergsee wie in einen Spiegel und sah etwas in mir, das nun seinen Weg in diese Welt findet.

Bild: Spiegelsee / Fulseck

… und dies sind die Worte der grauen Riesen:

Lebenswert 1950

Waunn is a Lebn lebenswert?
Waunnst ois im Übafluss host,
vüh mehr oisd braugst?
Waunn ois umadum perfekt is,
nix mehr stährt?
Waunn hint und vurn nix zwickt,
du Energie host ohne End?
Oda waunnst d’Augn aufmogst und woasst,
s’Lebn hot da an neichn Tog gschenkt.
Host vielleicht net ois,
is kaum wos perfekt,
zwickn tuat’s ah,
oba du lebst,
kaunnst wos draus mochn aus dem,
des do is.
Kaunnst aun an triabn Tog a Lächeln in’d Wölt ausse schicken,
jemand a Freid schenken,
aus oan einsaumen Herz a seeligs mochn,
muasst oft gar nit vüh dafiar tuan.
Meist genügt’s, waunnst do bist
und dir bewusst is, wia bsondas
und unwiedabringlich jeda Moment is,
daunn wird a s’Lebn gaunz von alloan lebenswert.

© Lesley B. Strong 2022

LEBENSSINN

„Wer einen Sinn in seinem Leben sieht, findet Wege.“

Dieser Satz begegnete mir heute. Auf unnachahmliche Weise bildet er die Essenz dessen ab, was mir seit längerem durch den Kopf geistert, was ich im Alltag rund um mich beobachte, was ich tief in mir fühle. Gleichzeitig ist er eine verkürzte Version eines Zitates von Viktor Frankl:

„Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.“

Wer Viktor Frankl nicht kennt, sollte sich die Zeit nehmen, ein wenig zu recherchieren. Z.B. hier https://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Frankl

Mich beeindruckten seine Bücher nachhaltig. Was er durchlebt hat, kann ich mir nicht ansatzweise vorstellen, doch sein Werk vermittelt mir eine Ahnung, welch faszinierende Persönlichkeit er war.

Heute, am 10. September 2022, ist der Welttag der Suizidprävention.  

Für Frankl war die Sinnfrage von zentraler Bedeutung in der Suizidprävention. Bereits in den 1920-1930er Jahren befasste er sich damit.

Heute, beinahe 100 Jahre später, ist die Welt eine gänzlich andere, doch noch immer geraten Menschen in Situationen, in der sie keinen anderen Ausweg mehr sehen als den finalen. All der technische Fortschritt, die sozialen Entwicklungen, die gesellschaftlichen Veränderungen – all das hat nichts daran geändert, dass Menschen am Leben verzweifeln. Mehr denn je, wenn man in Statistiken und Berichten zu Suizid nachliest.

Auch ich war in meinem Leben mehrfach an einem Punkt, an dem ich nicht mehr weiterwusste, an dem der Schmerz unerträglich wurde, spielte mit dem Gedanken „es möge endlich vorüber sein“, doch da war stets auch etwas, dass mich weitermachen ließ. Kein klar formulierter Gedanke, mehr ein Gefühl:

„Ich bringe Licht in meine Welt.“

Dies ist mein persönlicher Lebenssinn. Humorvoll ergänzt: nein, ich bin weder eine Glühbirne noch ein Kraftwerk. „Licht“ bezieht sich auf das Erhellen von Unbewusstem, im Dunkel liegendem. Auf den Blick hinter den Spiegel, unter die Oberfläche, zwischen die Zeilen … Die Fähigkeit dafür wurde mir in die Wiege gelegt, die Umsetzung gibt meinem Leben seinen Sinn. Wenn ich meine Notizhefte aus meiner Jugend aufschlage, entdecke ich darin bereits jene tiefsinnigen Reflexionen, die heute für mich typisch sind. Es brauchte allerdings seine Zeit, meinen Lebenssinn als solchen zu erkennen. Und noch mehr Zeit, um ihn in meine Handlungen zu integrieren. Seit ich diesen Schritt vollzogen habe, sind Depressionen eine sehr selten auftretende, zeitlich rasch vorüberziehende Randerscheinung in meinem Leben geworden. Der Gedanke an Suizid ist vollständig verschwunden. Und ich finde Wege, für all die Herausforderungen, die mir begegnen.

Wie viele Menschen laufen herum, ohne für sich eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden? Verlieren an Zuversicht, sehen keine Wege mehr?

Zu viele.

Vielleicht wirkt es in unserer modernen, digitalen Welt ein wenig antiquiert, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Inmitten all des Wohlstandes (den wir immer noch haben) innezuhalten, die Ablenkungen beiseite zu schieben, und sich dem Wesentlichen zuzuwenden. Der Sinn des (eigenen) Lebens lässt sich vermutlich in den seltensten Fällen mit „42“ beantworten (bitte gerne nachlesen bei „Per Anhalter durch die Galaxis“), doch in ihm schlummert jene Kraft, die uns Schwierigkeiten überwinden und Krisen meistern hilft.

Frankl sagte auch: „Sinn muss gefunden werden, kann nicht erzeugt werden.“

Viele Jahre meines Lebens war ich eine Suchende, bis ich fand (den Sinn meines Lebens). Vielleicht kann ich mit diesen Zeilen manche ermuntern, sich auf die Suche zu machen (in sich selbst) nach dem Sinn des Lebens. Vielleicht führt dies zu manch erhellenden Erkenntnissen im Sinne von „es werde Licht“ 😉

Es ist an der Zeit, in unserer Gesellschaft offen und wertschätzend über essentielle menschliche Themen zu diskutieren. Eines davon ist der Lebenssinn. Ein anderes, wenn man an einen Punkt angelangt ist, an dem es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt.

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