Eine zauberhafte Masche

oder

Eine [nicht] ganz alltägliche Weihnachtsgeschichte „In the Middle of Nowhere“

Der gefrorene Schnee knirschte unter jedem seiner Schritte, die ihn eilig vom Parkplatz wegführten, vorbei an einige in der Dämmerung nur noch schemenhaft erkennbaren Bäumen Richtung des Gasthauses „In the Middle of Nowhere“. Allein der Name sagte alles über den Ort, an dem er gelandet war. Unzählige Orte hatte er während seiner vielen Reisen gesehen, dies war einer mehr auf einer langen Liste.

Es war kalt. Ungewöhnlich kalt für Anfang Dezember. Die kalte Luft fühlte sich in seinem Gesicht an wie unzählige Nadelstiche. Fröstelnd zog der Händler die Schulter hoch und beschleunigte seinen Gang. Eiskalt. Eisiger Hauch in Form kleiner nebliger Wölkchen begleitete jeden Atemzug auf seinem Weg, doch es war nicht nur die eisige Kälte rundum, die sich wie ein unerwünschter Mantel aus Blei auf seine Schultern legte. Da war noch mehr, worüber er schwieg, und was der Händler niemals einem anderen erzählen würde.

Endlich war er an dem Gasthaus angelegt und trat ein. Ein dampfender Schwall überhitzter Luft traf ihn unmittelbar beim Durchschreiten der Schwelle. Die rustikale Stube war voller Menschen, lärmender Stimmen und unzähliger Worte, die sich in einer Melange aus Gesprächen mit scheppernden Tellern, zu lauter Musik und nicht zuordenbarem Gelächter vermischte. Irgendwo am Rande konnte er noch das Knistern brennender Holzscheite in einem Bollerofen wahrnehmen, den warmen Schein der Flammen hinter der Glasscheibe. Wärme. Ersehnte Wärme, doch sie war nicht das Einzige, was er suchte. Da war noch mehr, worüber er schwieg, und was er auch an diesem hereinbrechenden Abend an diesem Ort der Durchreise für sich behalten würde.

Der Händler hatte einen langen Weg hinter sich, war müde und hungrig. Die Schlüssel für sein reserviertes Zimmer in Händen haltend stand er nach einigen Minuten erneut in der Gaststube. Alle Tische waren besetzt, so setzte er sich auf einen der Hocker an dem Tresen und bestellte etwas zu essen. Während er wartete, blickte er sich um. In dieser Gegend gab es nicht viele Möglichkeiten zu nächtigen, daher war der Andrang kaum verwunderlich. Die meisten schienen in kleineren oder auch größeren Gruppen unterwegs zu sein. Kaum jemand saß allein – so wie er. Niemand schenkte ihm großartig Beachtung. Der Händler war nur einer unter vielen Reisenden, und so wandte er sich schließlich dem dampfenden Teller zu, den die Wirtin soeben vor ihm auf den Tresen abgestellt hatte.

Während er die heiße, intensiv nach Wald duftende Pilzsuppe löffelte, konnte er kaum vermeiden, das Gespräch mitanzuhören, dass drei Männer direkt neben ihm am Tresen führten. Diese schienen geistreichen Getränken offenbar bereits lebhaft zugetan an diesem Abend. Ihre Gestik wirkte überbordend und ihre Stimmen beschwipst. Sie lachten laut und viel, obwohl ihre Gesprächsthemen vom Händler als nicht sonderlich erheiternd empfunden wurden, weshalb er bestmöglich versuchte, all dies nicht wahrzunehmen und sich in das Display seines Smartphones vertiefte, auch wenn es dort nichts Interessantes zu finden gab, es lenkte ihn vom Rundum ab – bis plötzlich eine Socke auf eben jenem Display zu liegen kam. Der Händler blickte auf und in das Gesicht eines unrasierten Mannes, mit roter Nase und noch röteren, glasigen Augen, der herzhaft lachte und sich dabei ungelenk für das Missgeschick entschuldigte, das beim Hantieren mit einer Papiertüte und einem Paar Socken entstanden war.

„Stell dir vor, das hat sie mir geschenkt: Socken! Als ob ich keine Socken hätte“, mokierte der offensichtlich Angetrunkene sinngemäß in weniger wohlgesonnenen Worten, die zweite Socke voller Geringschätzung über dem Tresen schwenkend.

Der Händler betrachtete das, was vor ihm gelandet war: eine selbstgestrickte Socke in quietschbuntem Design. Vielleicht ein wenig zu bunt für einen erwachsenen Mann, aber so lebendig, so einzigartig und unverwechselbar, dass er sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte.

Auf das fragende und etwas rüpelhafte „Was?“ des offenbar unzufriedenen Besitzers der Socke entgegnete der Händler: „Ich denke, da hat jemand viel Zeit und Arbeit investiert, um dir dieses Geschenk machen zu können.“

Daraufhin herrschte kurzzeitig Schweigen zwischen den Männern am Tresen inmitten der Geräuschkulisse der Gaststube. Danach brach der Angetrunkene in schallendes Gelächter aus, klopfte sich mit den Händen auf seine Schenkel und schüttelte den Kopf.

„Wenn du auf so was stehst, du kannst sie haben. Ich schenk‘ sie dir.“

„Nein danke“, erwiderte der Händler ruhig und legte den Löffel beiseite, den sein Teller war mittlerweile leer. „Diese Socken wurden für dich gemacht. Sie würden mir nicht passen.“

Dann wandte er sich von den drei Männern ab, schob den Teller an den hinteren Rand des Tresens und deutete der Wirtin seinen Wunsch zu zahlen. Die hämischen Worte der anderen ignorierend, agierte er mit Bedacht, doch auch mit verdeckter Hast, denn da war noch mehr, worüber er schwieg, und was er nicht zeigen wollte. Er beneidete insgeheim diesen Trunkenbold um das, was sich hinter diesem nur scheinbar banalen Geschenk verbarg: die Aufmerksamkeit eines anderen Herzens.

Nachdem der Händler seine Rechnung beglichen hatte, stand er vom Tresen auf und machte ein paar Schritte in die noch immer übervolle Gaststube. Einerseits wollte er sich noch nicht auf sein Zimmer zurückziehen, andererseits schien hier auch kein passender Platz für ihn. Während er sinnierend im Raum stand, holte ihn eine freundliche Stimme aus seinen Gedanken:

„Vergiss den Kerl. Manchmal bekommen die Falschen ein Geschenk vom Leben, das sie nicht zu schätzen wissen. Das ist zwar schade, aber nicht zu ändern. Hier ist noch Platz. Magst du dich setzen?“

Hinter einem großformatigen Block tauchte das Gesicht einer Frau auf, deren Augen mehr lächelten als ihr Mund. Sie lehnte mit ihrem Rücken am dunkelblauen Kachelofen, der seine wohlige Wärme unerkennbar bis weit in die Stube ausstrahlte. Dennoch schien es dem Händler, als würde auch von dieser Frau eine Form von Wärme ausgehen, und so folgte er gerne ihrer Einladung. Sie schob ein gestreiftes Sitzkissen in seine Richtung und er setzte sich neben sie auf die knarrende Holzbank.

„Was machst du hier?“ erkundigte sie sich.

„Ich bin auf der Durchreise.“

„Sind wir das nicht alle … irgendwie“, erwiderte die Frau kryptisch, die sich als Portraitzeichnerin zu erkennen gab. Rund um sie hingen an der Wand einige ihrer Werke. Fein ausgeführte, detailreiche Studien von Gesichtern, die das Leben gezeichnet hatte – im doppelten Wortsinn. Auch jetzt glitt ihre Hand flink über den Skizzenblock, führte sicher hier einen Strich und dort eine Schraffierung aus. Der Händler folgte interessiert ihrem Tun.

„Und was hat dich hierhergeführt?“

„Ich verdiene mir mit den Zeichnungen ein kleines Zubrot. Wenn die Gaststube voll ist, findet sich meistens Kundschaft. Und wenn nicht, übe ich einfach ein wenig.“

Sie lächelte, und ihr Lächeln war eines, das ein Herz erwärmen konnte.

An diesem Abend saßen der Händler und die Portraitzeichnerin noch lange an den Kachelofen gelehnt in der Gaststube, die sich von Stunde zu Stunde leerte, bis nur noch die Beiden und die Wirtin übrig waren. Sie unterhielten sich über ferne Länder, über Wunder, die sich erblickt hatten, über Rätsel, die noch der Lösung harrten, über das Leben, das sie hierhergeführt hatte. Wohl niemand hätte vermutet, dass sie einander eben erst kennengelernt hatten, so vertraut wirkten sie nebeneinander, stimmig im Tun und Denken. Leider endete dieser Abend mit der Sperrstunde.

Als der Händler schließlich sein Zimmer betrat, hielt er in seinen Händen einen Bogen Papier, auf dem sein Gesicht zu erkennen war. Die Portraitzeichnerin hatte das Blatt signiert und auch ihre Telefonnummer dazugeschrieben, für den Fall, das er noch Änderungen wünschte. Er betrachtete das Werk noch einige Zeit, bevor er es sorgsam zusammenrollte, mit einem Gummiband fixierte und ordentlich in seinem Koffer verstaute. Seine Gedanken und Gefühle in dieser Nacht waren nicht so einfach zu ordnen. Er lag noch lange wach, denn da war noch mehr, worüber er schwieg, weil er es sich selbst nicht erklären konnte.

Am nächsten Morgen setzte der Händler seinen Weg fort, ohne die Portraitzeichnerin noch einmal getroffen zu haben. Mit jedem Tag führte ihn seine Reise weiter fort von dem Gasthaus „In the Middle of nowhere“, doch seine Gedanken kehrten täglich dorthin zurück, wenn er den Bogen Papier zur Hand nahm und die Zeichnung darauf betrachtete. Es waren nur Striche, Linien und Schraffierungen, unverkennbar sein Gesicht, dennoch – da war noch mehr, was die Portraitzeichnerin erfasst und festgehalten hatte. Facetten seiner selbst, die niemand außer ihm kennen konnte. In ihrer Zeichnung fand er, was er der Welt zeigte – und was er vor ihr verbarg. Dass sie ihn auf diese Weise wahrzunehmen vermochte, irritierte den Händler zutiefst. Auch wenn er den Wunsch verspürte, sie wiederzusehen, so zögerte er doch, sie anzurufen, denn er fürchtete, dass da etwas war, das sie nicht auf selbe Weise erwidern würde. Zu viele Wunden aus der Vergangenheit, die noch immer schmerzten, hielten ihn davon ab, jenen Schritt zu wagen, den er ersehnte und gleichzeitig mehr als alles andere fürchtete.

Wenige Tage vor Weihnachten schlug der Händler einen Umweg ein, um noch einmal zum Gasthaus „In the Middle of nowhere“ zu fahren. Er wusste selbst nicht so genau, was er dort zu finden erhoffte, doch etwas ließ ihn nicht zu Ruhe kommen. Als er die Stube betrat, fiel sein Blick sofort auf den Platz am dunkelblauen Kachelofen, an dem die Portraitzeichnerin zuletzt gesessen hatte. Der Platz war leer. Seine Hoffnung wich einem Gefühl der Schwere, des Bedauerns, das er mit einer großen Portion Pragmatismus im Sinne „ist wohl besser so“ zur Seite schob. Dennoch nahm der Händler wieder an der Stelle Platz, an der er auch an diesem Abend vor einigen Wochen gesessen war, auf dem gestreiften Kissen, mit dem Rücken an der warmen Seitenfront des Kachelofens lehnend. Die Wirtin kam mit der Speisekarte, die aus einem einzelnen laminierten Blatt bestand. Der Händler winkte ab und bestellte nur die Pilzsuppe, die er zuletzt gegessen hatte.

Wenige Minuten später kehrte die Wirtin mit einem Teller dampfender, nach Wald duftender Suppe zurück – und einer kleinen Schachtel. Beides stellte sie vor dem Reisenden auf den Tisch und meinte, das Paket sei für ihn deponiert worden. Der Händler runzelte die Stirn. Wer sollte für ihn hier ein Paket deponieren? In the Middle of nowhere? Verwundert griff er danach. Es war schlichter, grauer Karton, verschlossen mit ein paar transparenten Klebestreifen, nicht sonderlich schwer, und wenn er die Schachtel schüttelte, war kein Geräusch darin zu hören. Der Händler schob den Teller Suppe etwas beiseite und begann, vorsichtig die Klebestreifen zu lösen. Dann nahm er den oberen Teil der Schachtel ab. Weißliches Seidenpapier kam zum Vorschein, dass er raschelnd entfaltete und darunter ein paar handgestrickte Socken entdeckte, die er staunend aus der Verpackung holte. Kunterbunt waren sie mit einem eigenwilligen Muster, angenehm weich, alles andere als perfekt, denn einige Maschen schienen nicht ganz ins Muster zu passen, doch genau das machte sie einzigartig, und mit Gewissheit hatte jemand viele Stunden damit verbracht, Masche für Masche aneinander zu reihen, um dieses Geschenk zu erschaffen … für ihn. Fassungslos schüttelte der Händler seinen Kopf.

Doch da war noch mehr. Am Boden der Schachtel lag ein gefaltetes Blatt Papier, auf dem stand in wunderschöner verspielter Handschrift: „Manchmal bekommen die Richtigen ein Geschenk vom Leben, das sie auch zu schätzen wissen. Denk an mich, wenn du sie trägst, so wie ich an dich gedacht habe, als ich daran gearbeitet habe. Frohe Weihnachten.“

Der Händler schloss die Augen, denn da war etwas, das er allmählich zu begreifen begann. Eine vage Hoffnung war dagewesen, eine diffuse Ahnung, doch es hatte dieser zauberhaften Masche eines einzigartigen Geschenks bedurft, um dieses ungewisse Etwas – die Aufmerksamkeit eines anderen Herzens – für ihn fassbar zu machen, derer er sich nun bewusst wurde, als er sein Smartphone ergriff und jene Nummer wählte, die er vor Wochen bereits gespeichert hatte.

© Lesley B. Strong 2020

Ein rätselhafter Regentag

Ein verregneter Start in diesen Tag. DIE Gelegenheit für eine kleine Leseprobe aus EMBRACE,  mein neuestes Buch, das im März erscheinen wird. Gönn dir eine Auszeit zwischendurch und genieße etwas Romantik – meine Methode für den Umgang mit trüben Tagen und Stimmungen 😉

Kurzgeschichte „Ein rätselhafter Regentag“

Die Welt draußen vor dem Fenster hatte sich entschlossen, jeglichen Staub von ihrer Oberfläche hinweg zu spülen. Es regnete ohne Unterlass, schon seit Tagen. Ungezähmt prasselten die Tropfen auf das dichte Laub der Birken vor unserem Fenster, dann weiter auf das darunterliegende Schindeldach des kleinen Gartenhäuschens, um sich in der Regenrinne zu sammeln und schließlich als plätschernder Miniaturwasserfall auf den Steinen im Auffangbecken zu landen.

Schweigend verfolgte ich das Geschehen. Vielleicht schon seit Stunden? Keine Ahnung. Irgendwie war meine Wahrnehmung aus der Zeit gefallen. Mein Rücken lehnte an der Seitenwand des Kachelofens, dessen Wärme durch meinen ganzen Körper zu fließen schien, bis weit unter die alte, bunte Patchwork-Decke meiner Großmutter, die ich so sehr liebte, und die ich über meine Beine gelegt hatte – und auf der nun auch ein Teil von dir ruhte. Du hattest es dir neben mir auf der Kaminbank bequem gemacht. Dein Körper lag an meinen angeschmiegt.

Draußen der Regen, hier drinnen wir. Nichts anderes existierte mehr an diesem Nachmittag. Wir waren einfach da, verweilten im Augenblick. Keine Gedanken, keine Hektik, nichts zu tun – außer dem Regen zu lauschen, und deinem Atem, dem Rhythmus des Lebens, das dich und mich durchströmte. Ich konnte die Wärme spüren, die dein Körper ausstrahlte. Wenn ich meine Augen schloss, meine Sinne völlig auf dich ausrichtete, fühlte ich deinen Herzschlag – das Leben in dir.

Vielleicht drehte sich die Welt da draußen weiter – hier drinnen war sie definitiv zum Stillstand gekommen in der Zeitlosigkeit eines verregneten Nachmittags. Auf ewig hätte ich in diesem Augenblick verharren können. In dem Frieden, der uns umgab. In der Harmonie, die uns verband. In der Geborgenheit eines vollkommenen Moments.

Du warst ruhig, schienst zu schlafen, angelehnt an die warmen Kacheln und an mich, voller Vertrauen in den Augenblick. Verschwunden war all jenes, das uns zuvor Kummer bereitet hatte, all die Sorgen und Ängste, versunken im Dunkel verblassender Erinnerungen, weggewaschen durch den Regen, der dabei war, die Welt da draußen zu verwandeln. Irgendwann würde es aufhören zu regnen. Der Wind würde die Wolken vom Himmel vertreiben und die Sonne mit all ihrer Kraft würde die Farben der Welt neu erstrahlen lassen.

Deine Augen waren geschlossen, doch mein Blick ruhte auf dir, wich nur selten ab um kurz in die Welt vor dem Fenster zu blicken, dem unablässigen Muster aus Tropfen folgend, die zuerst auf die Blätter der Bäume, dann auf das Dach fielen, und weiter ihrer vorbestimmten Reise folgten, dem unaufhörlichen Lauf der Dinge.

War auch unsere gemeinsame Reise vorherbestimmt? Wohin würde sie uns führen? Wie lange würde sie andauern? Fragen, die da waren in meinem Denken – und auch nicht. Belanglos in diesem Augenblick inniger Verbundenheit, denn die nicht zu erklärende, gefühlte Gewissheit in meinem Herzen war Antwort genug.

Leben im Augenblick. In einem Atemzug. Einem Herzschlag. Hier und jetzt.

Es war alles in Ordnung, in bester Ordnung. Jeder Zweifel daran war wie einer jener Regentropfen, die zuerst auf das Blätterdach der Bäume fielen, dann weiter auf unser kleines Gartenhäuschen und weiter … immer weiter dem unaufhaltbaren Strom folgten.

Ich verharrte in Ruhe und Gelassenheit, mit dir, angelehnt an einen wohlig warmen Kachelofen, an einem regnerischen Nachmittag.

Und das Rätsel, das es zu lösen gilt, ist die Frage, wer wohl mit mir auf dieser Kaminbank verweilte: Ein vierbeiniger Freund? Ein schurrender Schmusetiger? Mein Kind? Die Liebe meines Lebens? Wer weiß…

Darf ich glücklich sein?

Diese Frage habe ich mir schon vor vielen Jahren gestellt. Mein Verstand sagte damals natürlich: JA  – eh klar, auch wenn ich es für mich selbst nicht fühlen konnte, aber der Verstand stimmte zu.

Dann kam die Diagnose Borderline. Glücklich trotz „psychischer Erkrankung“? Auch diese Frage kann ich heute offen und aufrichtig mit JA beantworten. Manchmal sogar mit einem Unterton in der Art von „jetzt erst Recht.“

Diese Antworten gibt allerdings mein Verstand. Mein Gefühl stimmt zwar ebenfalls zu, dennoch kehrt es von Zeit zu Zeit zurück in die Vergangenheit, als es anders war. Wie vermutlich der überwiegende Teil der Menschen kann auch ich nicht vollständig jene Konditionierungen ausblenden, die mich im Laufe meiner frühen Kindheit geprägt haben. Leider waren es keine Unterweisungen im Glücklich-sein, die ich damals erhielt, und die mich bis heute noch ab und an in längst vergangene (wenig erfreuliche) Gefühlszustände zurückholen wollen.

Erklären lässt sich das mit Verstrickungen im familiären System. Oder Loyalität zu (zumeist) den Eltern, in dem man das Leid und den Schmerz, das sie erfuhren und durchlebten, selbst stets aufs Neue im eigenen Leben wiederholt. Ich habe mich jahrelang mit den Theorien und Modellen dazu befasst. Mehr als einmal dachte ich mir dabei: Wenn das alles stimmt, wie kannst du aus dem Kreislauf je rauskommen?

Nun, ich habe meinen individuellen Weg gefunden. Wenn die „Geister der Vergangenheit“ mich in längst obsolete Emotionen zurückziehen wollen, halte ich dagegen. Nicht mit rationalen Argumenten, die würde mein innerer Skeptiker zerpflücken wie ein Gänseblümchen … du glaubst doch nicht, dass du glücklich sein darfst … ich weiß, dass du es nicht kannst … du weißt auch, dass du es nicht kannst …

Nein, ich gehe subtiler vor. Trickse meinen Kritiker aus, indem ich eine Geschichte erzähle und meine Botschaft in eine Metapher verpacke. So wie diese – die übrigens in meinem nächsten „Buch EMBRACE – Fühle die Umarmung des Lebens“ zu finden sein wird. Viel Spaß mit dieser kurzen Geschichte über „Glück“ und wie ich mir selbst erlaubte, glücklich sein zu dürfen:

Ein (un)glücklicher Zufall

Es war einmal eine junge Mutter, die mit ihrer Familie im ersten Stock auf der hintersten Stiege einer schon etwas renovierungsbedürftigen Wohnhausanlage wohnte. Unterhalb residierte – wohl schon seit Fertigstellung der Anlage – eine ältere und äußerst redselige Dame. Meistens beeilte sich die junge Mutter, durchs Stiegenhaus hindurch und an der Tür ihrer Nachbarin vorbei zu gelangen, ohne von ihr entdeckt zu werden. Sie hatte viel zu tun, schleppte häufig schwere Einkaufstaschen mit sich, ein kleines Kind an ihrer Hand – für ausgiebigen Nachbarschaftstratsch blieb ihr wenig Zeit. Nicht so an diesem Tag. Man könnte sagen, sie bummelte regelrecht über die grauen Betonstufen der Treppe, aus dem Augenwinkel die Tür der Nachbarin beobachtend, in der Hoffnung, diese würde sich öffnen.

Und tatsächlich geschah das Ersehnte. Als hätte sie die Gedanken der Mutter gehört, stand plötzlich die alte Nachbarin in der offenen Tür. Ein langes Leben mochte ihr Gesicht mit Falten gezeichnet haben, doch ihre Augen strahlten wie die eines jungen Mädchens, dass der Welt mit Neugier und ausgebreiteten Armen begegnete. Ganz im Gegensatz zu der jungen Mutter, die mit gesenktem Kopf und sorgenvollem Blick durchs Treppenhaus geschlichen war. Die Alte erkannte sofort die Sorgen, die wie ein unsichtbarer Rucksack voller Steine auf dem Rücken der Mutter lasteten, und bat diese auf eine Tasse Tee zu sich.

Die Wohnung der Alten war ein Panoptikum ihres Lebens. Voller verstaubter Bücher, Krimskrams aus aller Herren Länder, Erinnerungen aus Jahrzehnten. Kaum eine horizontale Fläche war frei geblieben. Selbst das Sofa bot ernst nach einigen Handgriffen des Umräumens Platz, um sich darauf zu setzen. Bodenlange Vorhänge dämpften das wenige Licht, das an den dicht belaubten Bäumen vor dem Fenster vorbei von außen herandringen konnte. Obwohl all das die junge Mutter mehr an eine Höhle denn an ein Wohnzimmer erinnerte, verspürte sie an diesem Ort doch eine Art von Wohlbehagen und Geborgenheit. Vielleicht war es die Zuversicht, welche ihre alte Nachbarin verströmte, und die ihr selbst meistens fehlte.

Nachdem die junge Frau sich einen Sitzplatz auf dem Sofa mit dem dunkelgrünen Samtbezug geschaffen hatte, begann sie auch schon zu erzählen, von ihren Sorgen und allem, was sie in diesem Augenblick belastete. Beziehungsprobleme, Kindererziehung, Job, Gesundheit, Geld, Sicherheit … kaum ein Thema des Lebens blieb außen vor. Sie sprach lange, während die Alte aufmerksam ihren Worten lauschte, ab und an einen Ratschlag unterbreitete, auf welchen die junge Mutter unmittelbar erklärte, dass sie dies bereits versucht hatte und dabei gescheitert war. Schlussendlich stellte sie resignierend fest: „Ich habe schon alles probiert, aber es ist zu viel für mich allein, und niemand ist bereit mir zu helfen. Ich weiß einfach nicht mehr weiter.“

Es war nicht zu übersehen, wie unglücklich sie mit ihrem Leben war. Die Alte seufzte tief, schüttelte ihren Kopf und meinte dann: „Ich mache uns jetzt erstmal eine gute Tasse Tee.“

Sie ging Richtung Küche, setzte einen Kessel Wasser auf und kam dann zurück ins Wohnzimmer. Beiläufig begann sie, die Bücherstapel auf dem Wohnzimmertisch umzuschlichten und Platz für die Teetassen zu schaffen. Dabei landete ein Buch direkt im Blickfeld der jungen Mutter, dass sofort deren Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Umschlag war schon etwas ausgeblichen und an den Kanten eingerissen, dennoch griff sie danach. Nachdenklich blätterte sie durch die Seiten. Der alten Nachbarin entging das natürlich nicht. Auch wenn sie mitunter schusselig wirkte, sie war äußerst gewieft, und dieses Buch vielleicht nicht ganz zufällig im Blickfeld ihres ratsuchenden Gastes gelandet. Als sie den nach exotischen Gewürzen duftenden Tee brachte, legte die junge Mutter das Buch wieder zur Seite.

Während die Alte ausführlich über die Besonderheit dieses Tees aus Zimt, Kardamom und etlichen anderen Zutaten sprach, sowie über seine sehr spezielle Zubereitung erzählte, blinzelte die junge Mutter immer wieder zu dem Buch, das neben ihr auf dem Sofa lag. Nach einer Weile wurde sie gefragt, ob sie das Buch gerne ausleihen und in Ruhe darin lesen möchte. Dieses Angebot nahm sie dankend an, und so kehrten sie an diesem Tag zwar nicht mit weniger Sorgen, aber mit einem Buch in der Hand in ihre Wohnung in den ersten Stock zurück.

An diesem Abend fand die junge Mutter etwas Zeit für sich, zog sich in eine ruhige Ecke zurück und begann, in dem Buch zu lesen. Bereits nach wenigen Seiten entdeckte sie ein zusammengefaltetes Stück Papier zwischen den Seiten. Die Neugier erfasste sie, und so öffnete sie den Zettel. Auf dem etwas vergilbten, karierten Blatt stand in altmodischer Handschrift und königsblauer Tinte:

An diesem Tag änderte sich alles. Ich hatte den Schlüssel zum Glück gefunden. Es war gar nicht so schwer, wie ich immer geglaubt hatte, aber auch ganz anders, als ich vermutet hatte. Hätte ich das schon früher gewusst, was hätte ich alles anders gemacht. An diesem Tag begann mein neues Leben, mein glückliches Leben. Alles, was ich brauche, um glücklich zu sein, ist“

An dieser Stelle endete der Text unten rechts auf der Seite. Hastig drehte sie das Blatt um, doch die Rückseite war leer. Zwischen den Buchseiten fand sie auch keinen weiteren Zettel. Gebannt starrte sie auf die wenigen Worte, die genau das versprachen, was sie so verzweifelt suchte, und nicht verrieten, wie es zu erreichen war. Wo war bloß die fehlende Information? Die musste sie haben, unbedingt!

Aufgewühlt von den zufällig gefundenen Worten kam sie in dieser Nacht nicht zur Ruhe. War das möglich? Gab es einen Schlüssel zum Glück? Wie gerne wäre sie wieder glücklich in ihrem Leben. Sie musste herausfinden, was es damit auf sich hatte – so rasch als möglich. Am liebsten sofort, doch es war mitten in der Nacht. Bis zum nächsten Morgen würde sie sich also gedulden müssen.

Tags darauf klopfte sie aus freien Stücken an der Tür ihrer Nachbarin, erzählte von dem Fund, und dass sie mehr darüber wissen wollte. Die Alte lächelte, schilderte einige unwesentliche Details, wie sie in den Besitz des Buches gekommen war und wie es zu der Botschaft auf dem Zettel kam. Es schien, als wollte sie das Geheimnis nicht verraten. Also drängte die junge Mutter: „Bitte, ich muss es wissen.“

„Nun, du musst einfach den Satz ergänzen“, antwortete sie schließlich, „Alles, was ich brauche, um glücklich zu sein, ist … ergänze diesen Satz. Schreib auf, was du brauchst, damit du glücklich wirst.“

Stirnrunzelnd warf sie ihrer alten Nachbarin einen skeptischen Blick zu. DAS war alles? Mehr brauchte es nicht? Ihre Zweifel waren offensichtlich, denn die Alte fügte hinzu:

„Wenn du das getan hast, bring mir den Zettel und ich erkläre dir den Rest.“

Die junge Mutter kehrte wiederum in ihre Wohnung zurück, nahm ein Blatt Papier zur Hand und begann zu schreiben. Anfangs wollten sich keine Worte finden, doch je länger sie daran saß, umso zügiger ging es voran. Zeile und Zeile füllte sich mit all ihren Wünschen, die erfüllt sein mussten, damit sie endlich wieder glücklich sein konnte. Bald schon reichte ein Blatt nicht aus, ein zweites folgte und noch eines.

Schließlich stand sie mit acht dicht beschriebenen Seiten in ihrer Hand vor der Tür ihrer Nachbarin. Diese bat sie erneut zu sich ins Wohnzimmer, servierte eine Tasse nach Zimt duftenden Tee und widmete sich den Notizen. Bereits nach wenigen Augenblick ergriff sie einen Leuchtstift und markierte einzelne Passagen. Verwundert, aber schweigend verfolgte die junge Mutter das Geschehen. Sie wartete gebannt, bis die Alte die Zettel fein säuberlich nebeneinander auf den Tisch legte. Deutlich sichtbar war eine Vielzahl an breiten Markierungsstreifen in Pink.

„Das ist all das, was für dein Glück NICHT verantwortlich ist“, sagte sie nüchtern und nippte an ihrer Teetasse. Die junge Mutter ergriff die Zettel und starrte auf Pink, sehr viel Pink, viel zu viel Pink nach ihrem Empfinden. Offensichtlich verwirrt zuckte sie mit den Schultern, schüttelte den Kopf und ihr Blick war ein unausgesprochener Wunsch nach Erklärung dieser Markierungen.

„Ich habe all das rausgestrichen, wo du von anderen etwas erwartest, wo jemand anders etwas tun soll oder sich ändern soll, damit du glücklich wirst. So funktioniert nicht das nicht. Dein Glück kann und darf nicht davon abhängig sein, was jemand anders ist oder tut. Du darfst niemanden außer dir selbst die Verantwortung dafür geben. Außerdem habe ich all das rausgestrichen, wo du erklärst, was fehlt und was nicht sein soll, denn machst du dein Glück von etwas abhängig, dass du erst bekommen musst oder wieder verlieren kannst, wird es stets wankelmütig sein.“

Einen Augenblick lang herrschte vollkommene Stille, dann sagte die Junge mit ratlosem Tonfall in ihrer Stimme: „Aber was soll ich dann aufschreiben?“

Die Alte lächelte und erwiderte: „Schreib das auf, was du selbst dafür tun kannst, was sein soll und was bereits da ist.“

Nach einer kurzen Pause folgte ein zweifelnder Einwand der Mutter: „Aber wenn so viele Punkte wegfallen, dann werde ich auch weniger glücklich werden am Ende, als wenn alle erfüllt sind.“

Auf diesen Kommentar hin begann die ältere Dame herzlich zu lachen und verschüttete dabei etwas Tee. Den verständnislosen Blick ihres Gastes quittierte sie mit einer pragmatischen Aussage: „Mit dem Glück ist das wie mit einer Schwangerschaft. Entweder bist du schwanger oder nicht. Es gibt kein mehr oder weniger schwanger. Zufriedenheit kann variieren, aber Glück nicht. Entweder bist du glücklich oder du bist es nicht.“

„Aber darf ich denn überhaupt glücklich sein? Ich meine, gerade gibt’s viele Schwierigkeiten rundum, Probleme zu lösen. Ich kann doch nicht so tun, als wäre das alles unwichtig?“ hakte die junge Mutter ein, deren Gedanken zurück drifteten in ihre Kindheit, in der auch immer irgendetwas da war, das sie bedrückte.

„Du sollst keinesfalls die Realität ignorieren. Die ist, wie sie ist. Denkst du, die Probleme lassen sich leichter lösen, wenn du unglücklich bist?“

Sie sagte es zwar nicht, aber in diesem Augenblick erinnerte sich die junge Mutter an ihre häufig getätigte Aussage, dass zuerst dies oder jenes Problem verschwunden sein müsste, damit sie zur Ruhe kommen konnte. Wäre es möglich, nicht alles gemeistert zu haben UND trotzdem glücklich zu sein? Glücklich sein zu dürfen? Die Kühnheit dieser Gedanken ließ ihr junges Herz schneller schlagen, doch ihr kritischer Verstand wehrte sich dagegen, denn es widersprach all dem, was sie in der Vergangenheit gelernt hatte. Daher setzte sie erneut zu einem Einwand an:

„Aber …“

„Kein aber mehr! Mach es einfach und komm mit dem Ergebnis wieder.“

Am zweiten Abend zog sich die junge Mutter erneut zurück in die ruhige Ecke, nur diesmal wollten sich die Worte noch zäher finden als beim ersten Mal. Was sie selbst tun konnte? Das war gar nicht so einfach zu erkennen. Viel leichter fiel es ihr zu erläutern, was die anderen für sie tun sollten und was sie in ihrem Alltag vermisste. Was bereits da war? Gewiss, es gab so einiges in ihrem Leben, das sie als selbstverständlich hinnahm und nicht auf die Idee kam, dass dies ein Teil ihres Glücks sein konnte. Über all das Fehlende zu klagen brachte ihre Worte zum Sprudeln. Das Bestehende anzuerkennen und das Mögliche zu benennen waren schlichtweg ungewohnt. Erst nach und nach fügte sich Zeile um Zeile auf das Blatt Papier. Kurz vor Mitternacht waren es dann doch mehr als drei Seiten geworden.

Müde fiel die junge Frau ins Bett. In dieser Nacht geschah etwas, unbemerkt, während sie schlief. Als sie am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie eine unerklärliche Ruhe in sich. Nachdem sie ihre Familie versorgt hatte, stand sie mit ihren Zetteln vor der Tür der Nachbarin und zögerte, anzuklopfen. Schließlich tat sich es doch und saß kurze Zeit später auf dem dunkelgrünen Sofa in dem schummrigen Wohnzimmer, während die Alte die Zeilen las, ab und zu anerkennend nickte und schmunzelte. Am Ende angekommen, richtete sie eine Frage an ihren Gast:

„Und wie fühlst du dich jetzt?“

Die junge Frau antwortete nicht, sie lächelte nur – und das sagte mehr als tausend Worte. An diesem Morgen strahlten ihre Augen vor Lebendigkeit, obwohl sie wenig geschlafen hatte. Ihr Gesicht spiegelte Zufriedenheit, ihr Körper Gelassenheit. Sie wirkte insgesamt … glücklich?

„Dein Schlusssatz gefällt mir besonders: Alles, was ich brauche, um glücklich zu sein, ist bereits da, in diesem Augenblick, hier und jetzt. Alles, was ich brauche, um glücklich zu sein, bin ich selbst. Es braucht keinen Grund, ich bin es einfach.“

Von diesem Tag an änderte sich nicht sofort das Leben der jungen Mutter, aber sie übernahm die Verantwortung für ihr Glück. Das bemerkten bald die Menschen in ihrem Umfeld, die wiederum anders auf sie reagierten. Ehe sie es sich versah, hatte sich vieles verändert, darunter auch einiges von dem, das sie zuvor als Bedingung für ihr Glück angesehen hatte. All dies geschah aufgrund ihres Entschlusses, glücklich zu sein – grundlos!

War es ein glücklicher Zufall, dass sie im tiefsten Unglück hinter jener Tür der Nachbarin Rat suchte? Das ein paar gekritzelte Worte auf einem ausgeblichenen Zettel den Weg wiesen? Oder ein Unglück, dass sie so lange auf Umwegen etwas suchte, das längst schon da war? Was ist Unglück? Was ist Glück? Erschaffen wir nicht beides selbst durch die Art und Weise, wie wir auf unser Leben blicken und was wir uns selbst zugestehen?