LEBENSSINN

„Wer einen Sinn in seinem Leben sieht, findet Wege.“

Dieser Satz begegnete mir heute. Auf unnachahmliche Weise bildet er die Essenz dessen ab, was mir seit längerem durch den Kopf geistert, was ich im Alltag rund um mich beobachte, was ich tief in mir fühle. Gleichzeitig ist er eine verkürzte Version eines Zitates von Viktor Frankl:

„Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.“

Wer Viktor Frankl nicht kennt, sollte sich die Zeit nehmen, ein wenig zu recherchieren. Z.B. hier https://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Frankl

Mich beeindruckten seine Bücher nachhaltig. Was er durchlebt hat, kann ich mir nicht ansatzweise vorstellen, doch sein Werk vermittelt mir eine Ahnung, welch faszinierende Persönlichkeit er war.

Heute, am 10. September 2022, ist der Welttag der Suizidprävention.  

Für Frankl war die Sinnfrage von zentraler Bedeutung in der Suizidprävention. Bereits in den 1920-1930er Jahren befasste er sich damit.

Heute, beinahe 100 Jahre später, ist die Welt eine gänzlich andere, doch noch immer geraten Menschen in Situationen, in der sie keinen anderen Ausweg mehr sehen als den finalen. All der technische Fortschritt, die sozialen Entwicklungen, die gesellschaftlichen Veränderungen – all das hat nichts daran geändert, dass Menschen am Leben verzweifeln. Mehr denn je, wenn man in Statistiken und Berichten zu Suizid nachliest.

Auch ich war in meinem Leben mehrfach an einem Punkt, an dem ich nicht mehr weiterwusste, an dem der Schmerz unerträglich wurde, spielte mit dem Gedanken „es möge endlich vorüber sein“, doch da war stets auch etwas, dass mich weitermachen ließ. Kein klar formulierter Gedanke, mehr ein Gefühl:

„Ich bringe Licht in meine Welt.“

Dies ist mein persönlicher Lebenssinn. Humorvoll ergänzt: nein, ich bin weder eine Glühbirne noch ein Kraftwerk. „Licht“ bezieht sich auf das Erhellen von Unbewusstem, im Dunkel liegendem. Auf den Blick hinter den Spiegel, unter die Oberfläche, zwischen die Zeilen … Die Fähigkeit dafür wurde mir in die Wiege gelegt, die Umsetzung gibt meinem Leben seinen Sinn. Wenn ich meine Notizhefte aus meiner Jugend aufschlage, entdecke ich darin bereits jene tiefsinnigen Reflexionen, die heute für mich typisch sind. Es brauchte allerdings seine Zeit, meinen Lebenssinn als solchen zu erkennen. Und noch mehr Zeit, um ihn in meine Handlungen zu integrieren. Seit ich diesen Schritt vollzogen habe, sind Depressionen eine sehr selten auftretende, zeitlich rasch vorüberziehende Randerscheinung in meinem Leben geworden. Der Gedanke an Suizid ist vollständig verschwunden. Und ich finde Wege, für all die Herausforderungen, die mir begegnen.

Wie viele Menschen laufen herum, ohne für sich eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden? Verlieren an Zuversicht, sehen keine Wege mehr?

Zu viele.

Vielleicht wirkt es in unserer modernen, digitalen Welt ein wenig antiquiert, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Inmitten all des Wohlstandes (den wir immer noch haben) innezuhalten, die Ablenkungen beiseite zu schieben, und sich dem Wesentlichen zuzuwenden. Der Sinn des (eigenen) Lebens lässt sich vermutlich in den seltensten Fällen mit „42“ beantworten (bitte gerne nachlesen bei „Per Anhalter durch die Galaxis“), doch in ihm schlummert jene Kraft, die uns Schwierigkeiten überwinden und Krisen meistern hilft.

Frankl sagte auch: „Sinn muss gefunden werden, kann nicht erzeugt werden.“

Viele Jahre meines Lebens war ich eine Suchende, bis ich fand (den Sinn meines Lebens). Vielleicht kann ich mit diesen Zeilen manche ermuntern, sich auf die Suche zu machen (in sich selbst) nach dem Sinn des Lebens. Vielleicht führt dies zu manch erhellenden Erkenntnissen im Sinne von „es werde Licht“ 😉

Es ist an der Zeit, in unserer Gesellschaft offen und wertschätzend über essentielle menschliche Themen zu diskutieren. Eines davon ist der Lebenssinn. Ein anderes, wenn man an einen Punkt angelangt ist, an dem es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt.

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NIEMALS UNTERSCHÄTZEN

Zur Zeit bereite ich eine für mich ganz besondere, wichtige Reise vor, die am 11. September 2022 starten wird. Innerhalb von einer Woche werde ich an drei unterschiedlichen Orten Buchpräsentationen und Lesungen veranstalten. Im Mittelpunkt steht „Berggeflüster“, aber auch anderes findet sich im Programm. Ur cool. Mein Autorinnen-Herz übt sich bereits im Purzelbaumschlagen.

Im Rahmen des jeweiligen Events werden auch unterschiedliche Personen mit mir über die Hintergründe des Charity-Buchprojektes plaudern, sowie allgemein über mein Schaffen als Autorin und Bloggerin. Wieder einmal wird das Thema Borderline zur Sprache kommen. Wieder einmal hinterfrage ich mich selbst, ob und wie ich meine Botschaft am besten rüberbringe. Denn eines ist klar: die Menschen im Publikum erleben MICH. Eine, die relativ locker und reflektiert über das Thema spricht, ohne Scheu oder Scham. Eine, die mit beiden Beinen fest im Leben steht, beruflich erfolgreich, künstlerisch ambitioniert und definitiv ihren eigenen Weg beschreitend, voller Lebensfreude und Selbstliebe. Eine typische Borderlinerin?

Das ist der Punkt!

Welches Bild zum Thema Borderline vermittle ich durch mein Auftreten dem zumeist wenig informiertem Publikum?

„Ach, das kann ja nicht so schlimm sein mit Borderline. Wenn ich mir anschaue, was die da alles macht und wie taff sie unterwegs ist.“

Nichts liegt mir ferner, als das Thema zu verharmlosen, denn Borderline ist alles andere als eine „harmlose Kinderkrankheit“ oder ein „vorübergehendes Tief“. Aber natürlich besteht dieses Risiko der Unterschätzung, deshalb bereite ich mich auch darauf vor, einige sehr klare Worte zu finden:

Wer mich heute trifft, erlebt eine taffe, selbstbewusste, erfolgreiche und reflektierte, äußerst lebendige Frau, die ihren Weg im Leben geht. Das war nicht immer so. Viele Jahre meines Lebens war meine Welt gänzlich anders, dominiert von mangelndem Selbstwertgefühl, fehlender Selbstliebe, Depressionen, Schmerz, Traumatisierungen und Retraumatisierungen. Geprägt von zahllosen Momenten, in denen der nächste Atemzug unmöglich schien, durchgeschüttelt von Panikattacken, beinahe erstickt an all dem Unterdrückten in mir, manchmal dem Tod näher als dem Leben, ständig unter Strom, Hochspannung, Druck. Nie entspannt. Grenzlose, kaum zu ertragende Emotionen, und dann – gleich dem Auge eines Hurrikans – die absolute Leere, emotionales Vakuum, nichts mehr fühlen, bis zum nächsten Vulkanausbruch. Ein Wechselspiel von Höhenflügen, erkämpft durch rücksichtslose Selbstausbeutung, und physisch-psychischen Zusammenbrüchen. Mehrfach ausgebrannt. Treffe ich heute Menschen, die Richtung Burnout steuern, schrillen in mir sämtliche Alarmglocken, denn es fühlt sich wie ein Echo meiner Vergangenheit an, eine mahnende Stimme in der Dunkelheit. Wenn ich die Flyer von Gewaltberatungsstellen sehe, krampft es mich zusammen, denn was dort unter „psychischer Gewalt“ beschrieben wird, hat viel zu lange mein Leben bestimmt, ohne dass ich dagegen aufbegehrte, weil ich es nicht anders kannte, aber auch, weil die Angst vor dem Verlassenwerden schlimmer war als die Demütigungen und was mir sonst noch zugefügt wurde. Selbstverletzung hat viele Formen, auch die, sich nicht zu schützen vor dem, was einem durch andere angetan wird. Ich könnte diese Aufzählung noch einige Zeit weiterführen, oder es nun hier auf den Punkt bringen. Borderline hat viele Facetten, doch eines ist es mit Sicherheit nicht: harmlos.

Es war und ist eine bewusste Entscheidung, meine Erfahrungen als Borderlinerin offen mit anderen zu teilen. Mein Ziel dabei ist es, Sichtweisen zu verändern, Respekt und Verständnis für Betroffene in deren Umfeld zu erwirken, Hoffnung und Inspiration an Betroffene zu vermitteln.

ABER weder verharmlose ich die Herausforderung Borderline, noch stimme ich der Opferrolle zu. Wenn die Umstände des Lebens dazu geführt haben, dass ein Mensch sich in der Borderline-Thematik wiederfindet, dann mögen andere daran beteiligt gewesen sein, doch das ist kein Grund, in der Opferrolle zu verharren. Es gibt Auswege, wenngleich sich hier die Betroffene häufig selbst blockieren. Wie ich selbst erlebt habe, konnte ich meinen Ausweg erst beschreiten, nachdem ich es mir selbst wert war, ein gesundes, glückliches Leben zu führen.

Apropos Ausweg aus Borderline: Viele Betroffene suchen nach einer Art Ausstiegstür, wie sie aus dem Chaos entkommen und in ein normales Leben gelangen können. Für mich gab es keine Tür nach außen. Meine Tür ging nach innen auf. Ich musste zuerst mich selbst entdecken, um in all dem Chaos in mir die Zusammenhänge (oder die verborgene Ordnung) zu erkennen, um ICH zu werden und daraus jene Strategien zu entwickeln, die mich in meiner Mitte halten.  

All das werde ich bei den Events zur Sprache bringen, denn um Verständnis zu erwirken, müssen Menschen das Thema verstehen – und keinesfalls dürfen sie es unterschätzen.

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ICH LEBE

Vor wenigen Tagen traf ich im Stiegenhaus unserer Zentrale zufällig auf eine junge Kollegin, die erst kürzlich aus ihrem Urlaub an der Elfenbeinküste zurückgekommen ist und seither an einer Art Kulturschock laboriert. Eine dritte Kollegin, die vor vielen Jahren nach Wien kam und seither hier lebt, schloss sich uns an. Innerhalb von Minuten brachten wir es auf den Punkt:

Wir sind von Zombies umzingelt!

Ein Hotspot: die U-Bahn.

Niemand lächelt oder blickt gar einem anderen in die Augen. Alles wirkt irgendwie grau, und das ist nicht die Betonwänden rundum geschuldet. Es mangelt an Lebendigkeit, Lebensfreude, Leuchten in den Augen, denn ein Lächeln wäre nur auf diese Weise erkennbar dank der FFP2-Masken. Trotzdem.

Viele tragen Kopfhörer oder haben Stöpsel in den Ohren, aber kaum jemand lässt sich vom Rhythmus der Musik anstecken. Die Körper sind starr, die Blicke leer.

Was um alles in der Welt ist los mit den Menschen?

Ja, es gibt eine Menge Probleme auf diesem Planeten, die meisten davon ungelöst.

Ja, es gibt Konzerne, die sich unter Bezug auf die aktuelle Weltsituation schamlos an denen bereichern, die sich nicht wehren können.

Ja, es gibt Erfreulicheres als bei über 30 Grad Außentemperatur mit einer FFP2 durch die Gegend zu laufen.

ABER … verdammt nochmal, wir leben!

Bei allem, was da sonst noch ist, das wesentliche und für mich einzig wichtig ist: ICH LEBE!

Ich kann mein Leben in manchen Bereichen mehr, in anderen weniger gestalten, aber ICH LEBE!

Manche Tage laufen besser, andere schlechter, aber ICH LEBE!

Solange ich lebe, kann und will ich dieses Leben zelebrieren, mich lebendig fühlen, Lebensfreude ausstrahlen, dankbar sein für jeden Augenblick, den ich erleben darf, für jeden Atemzug, der mich durchströmt, für jeden Sonnenstrahl, der mich wärmt.

Niemand von uns weiß, wieviel Zeit einem bleibt. Die Zukunft ist ein Lotteriespiel, die Vergangenheit ein staubiges Archiv. Leben findet in der Gegenwart statt. Hier und Jetzt. Wann, wenn nicht jetzt?

Wir haben im Leben stets die Wahl, uns von den Umständen bestimmen zu lassen oder ihnen mit Gelassenheit, Zuversicht und ein wenig Humor zu begegnen. Ersteres funktioniert ganz von selbst. Letzteres stellt zumeist eine größere Herausforderung dar, aber wer behauptet, das Leben wäre ein Spaziergang?

Die Umstände können uns alles nehmen, nur eines nicht. Das verlieren wir erst, wenn wir es selbst aufgeben: unsere Lebendigkeit.

Ich bin weder bereit, meine Lebendigkeit aufzugeben noch mir meine Lebensfreude durch die Umstände nehmen zu lassen. ICH LEBE in jedem Atemzug, mit jedem Herzschlag, im Hier und Jetzt, leuchte von innen heraus. Vielleicht meiden sie mich deshalb, die Zombies, wenn ich auf dem Bahnsteig tanze und meine Lebensfreude ansteckend wirken könnte.  😉

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ALLES NUR FAKE?

Faszinierend, was Kundige mit Bildbearbeitungsprogrammen alles anstellen können. Bei den vielen Bildern, die durch die sozialen Medien kursieren, frage ich mich regelmäßig, ob das, was ich sehe, auch in echt so aussieht – oder vielleicht ganz anders. Fake News? Alternative Wahrheiten?

Eine ähnliche Frage stelle ich mir auch häufig bei Menschen. Was ist echt? Und was Fake? Was verbirgt sich unter all den Masken, dem Make Up, Designer-Klamotten und sonstigem Aufputz, wenn weder Push noch Shape zum Einsatz kommen, frei von Statussymbolen.

Was bleibt, wenn man einem Menschen all das nimmt, was von den Ereignissen des Lebens jederzeit hinweggespült werden kann?

Nacktheit lässt nicht viel Spielraum für Fake.

Nacktheit offenbart weitaus mehr als nur blanke Haut. Sie zeigt auch, wie liebevoll und würdevoll jemand mit sich selbst umgeht.

Nacktheit wäre der natürlichste Zustand – sollte man meinen.

Als langjährige Saunabesucherin habe ich schon so einiges erlebt, was passieren kann, wenn Menschen alles ablegen, über das sie sich gemeinhin definieren. Wenn der „schöne Schein“ rundum verschwindet, zeigt sich der wahre Charakter. Im Business Dress vielleicht noch als „wirtschaftlich notwendig“ akzeptierte Aussagen klingen nackt nur noch menschenverachtend. Ihrer Statussymbole beraubt werden manche zu „Wadlbeissern“. Andere verlieren ihre Coolness und Selbstsicherheit mit jeder Lage Stoff, was am Ende bleibt, ist hohl und ohne Substanz.   

In einer Zeit, in der nahezu alles gefakt wird, verspüre ich einen stetig stärker werdenden Wunsch nach „Echtem“.

Mich interessiert immer weniger, was ein Mensch hat. Was für mich zählt, ist der Charakter.

Aber wer zeigt noch sein wahres Gesicht?

Warum braucht es all den Fake?

Warum genügt es nicht mehr, zu sein, wer man ist? Warum muss man die optimierte Version des Selbst werden? Vor einiger Zeit begegnete mir in diesem Zusammenhang der Begriff „Superversion“. Welch ein manipulativer Begriff! Er impliziert, dass meine Normalversion in jedem Fall zu wenig und unzureichend ist. Sprich: ICH kann gar nicht gut genug sein, solange ich nicht SUPER-ICH bin. Minderwertigkeit lässt grüßen. Und vor allem: was soll diese Superversion sein? In meinem Verständnis: ein Super-Fake.

Leidet unsere Gesellschaft unter einem kollektiven Minderwertigkeitskomplex? Wenn ich mir ansehe, wie viel gefakt wird und wie wenig Echtes mir begegnet, kann ich diese Frage nur mit einem klaren JA beantworten.

Ich stelle mir hin und wieder vor, wie es wäre, wenn ich alles loslasse, was derzeit zu meinem Leben gehört, wenn nur noch ich selbst übrigbleibe. Was ist das, was bleibt?

Meine Antwort darauf: das, was ich bin, immer war und immer sein werde – ein feuriger Funken Lebensfreude, mit vielen Talenten und noch zu entdeckenden Potenzialen, kreativ bis zum Abwinken, romantisch-sinnlich, manchmal frech, ein anderes Mal nachdenklich, mit gesundem Humor und Selbstironie gesegnet, unendlich dankbar für dieses Leben, neugierig auf das, was es noch bringen wird und darauf vertrauend, dass ich aus allem, das mir begegnet, etwas lernen kann, das mich weiterbringt.

Jeder von uns betritt diese Welt vollkommen nackt. Wenn wir sie verlassen, können wir nichts mitnehmen außer dem, was übrigbleibt, wenn wir alles loslassen. Wir gehen „nackt“ als die, die wir geworden sind. Wozu also all der Fake?  

Bild: https://pixabay.com/de/photos/baby-m%c3%a4dchen-neugeborenes-portr%c3%a4t-784608/

JENSEITS DER ANGST

Vor einigen Tagen unternahm ich eine kleine Bergtour, wählte dafür eine beliebte Route zu einem Bergsee (siehe Bild). Im ersten Drittel der Strecke quert ein schmaler Pfad den Hang des Graukogels. Der Weg ist ungefähr 30 cm breit, voller Steine und Geröll, links geht steil nach oben, rechts steil nach unten. Zwar kein blanker Felsabhang, sondern mit Gras bewachsen, aber ob ich im Falle eines Sturzes Halt finden würde, möchte ich lieber nicht austesten.

Eine Passage wie diese löst in mir unmittelbar ein ungutes Gefühl aus. Man könnte es auch Angst nennen, mit leichten Panikspitzen. Schwindelfrei bin ich nicht, Höhenangst (oder besser: Abgrundangst) begleitet mich bereits mein ganzes Leben.

Was mache ich an diesem Ort?

Mich meiner Angst stellen und sie überwinden.

Von Tauchgängen in Haifischkäfigen als Mittel zur Angstüberwindung halte ich persönlich nicht viel. Es gibt weniger dramatische Aktionen, die den gleichen Effekt erzielen. Eine für mich gut funktionierende sind eben solche Bergtouren.

Kurze Anmerkung für potenzielle Nachahmer: Bitte nicht im Alleingang! Und schon gar nicht ohne Vorbereitung! Ich mache das seit vielen Jahren und habe eine gewisse Routine. Außerdem prüfe ich im Vorfeld, ob meine körperliche Fitness an diesem Tag so eine Tour erlaubt und bin entsprechend ausgerüstet.

Zurück zu meinen Schritten auf dem schmalen Pfad. Zittrige Knie mahnen mich zur Achtsamkeit, das Gelände zu Respekt. Meine Aufmerksamkeit ist vollkommen auf das gerichtet, was ich tue. Für Angstgefühle oder störenden Brain Traffic im Sinne von Zweifel, negativen Gedanken und dergleichen, bleibt kein Raum. Ich bin völlig in der Gegenwart mit meinem Bewusstsein. Meine Angst ist eine Stimme aus der Vergangenheit, eine Mahnerin. Doch in diesem Augenblick fehl am Platz.

Gebranntes Kind scheut das Feuer.

Angst wird meistens erlernt. Oder übernommen. Meine Mutter ist ein sehr ängstlicher Mensch. Als Kind „infizierte“ sich mich mit ihrer Angst vor giftigen Pilzen. Es dauerte Jahrzehnte, bis ich es wagte, selbst gepflückte Schwammerl zu essen. Ein harmloses Beispiel, doch es gibt etliche andere, die zu persönlich sind, um sie hier zu erläutern.

Viele Jahre versuchte ich, die Ursache meiner Ängste zu identifizieren und zu neutralisieren. Irgendwann erkannte ich, das mit jeder neuen Erkenntnis neue Unklarheiten auftauchten, und meine Suche niemals abgeschlossen sein würde innerhalb meiner zu erwartenden Lebensspanne. Solange die Ängste auf ein erlebtes Ereignis zurückgeführt werden konnten, bestand noch Aussicht auf Erfolg, aber sobald es sich um übernommene Ängste (Stichwort: Schwammerl) handelte, wurde es eine Never Ending Story. Also entschloss ich mich, die Suche zu beenden und konzentriere mich seither darauf, mit dem umzugehen, was auftaucht. Auch mit meinen Ängsten.

Woher die Angst auf dem schmalen Pfad kommt? Warum taucht sie immer wieder auf, trotz mehrfach „Begehung schmaler Pfade“? Ehrlich: Keine Ahnung!

Für mich war diese Bergtour eine gute Gelegenheit, den Umgang mit meiner (unangebrachten) Angst zu trainieren für die wirklich wichtigen Herausforderungen: Das Zusammenleben mit Menschen.

Ganz ehrlich – in unserer heutigen Zeit gibt es eine nahezu omnipräsente Angst in der Gesellschaft, und die hat nichts mit steilen Berghängen, Schwammerl, Monstern oder dergleichen zu tun, sondern mit einer kleinen Frage: Bin ich gut genug?

Die Angst, nicht gut genug zu sein, gleich in welchem Bereich des Lebens, im äußeren Erscheinungsbild oder worin auch immer Menschen sich vergleichen, diese Angst richtet unglaublich viel Schaden an, löst Stress aus, fördert Konflikte, bringt Menschen dazu, verrückte Dinge zu und sich selbst sprichwörtlich fertig zu machen.

Die Angst, nicht gut genug zu sein, ist aus meiner Sicht eine der ganz großen Herausforderungen des Menschseins.

Bin ich gut genug, sicher auf einem schmalen Bergweg zu wandern? Ja!

Bin ich gut genug, dem Urteil anderer Menschen standzuhalten und als liebenswert, attraktiv … eingestuft zu werden? Niemand hat das Recht über mich zu urteilen!

Während einer Bergtour zu stürzen und sich einen Arm oder ein Bein zu brechen, tut weh, doch dieser Schmerz vergeht nach einer Weile.

Von einem anderen Menschen durch Worte, Blicke oder Taten verletzt zu werden, dieser Schmerz sticht mitunter bis ans Lebensende. Mit einiger Mühe kann man vielleicht die Worte „vergessen“, doch das Gefühl bleibt bestehen: ich bin nicht gut genug. Der Nährboden für Versagensängste.

Es gibt viele Arten von Ängsten. Manche sind überlebenswichtig für uns, denn sie beschützen uns davor, einfach mal aus dem Fenster zu springen, um Fliegen zu üben. Andere blockieren uns, halten uns davon ab, das zu tun, was wir gerne tun möchten, aus Angst heraus, zu versagen. Und sei es nur bei einem Gespräch mit einem anderen.

Meine Bergtour war eine wunderbare Gelegenheit, mich bewusst mit meinen Ängsten zu befassen, zu hinterfragen, ob die Angst in diesem Augenblick eine lebensschützende Mahnerin oder ein Echo aus meiner Vergangenheit ist, dass ich liebevoll, aber bestimmt, zur Seite schiebe, um mich mit Achtsamkeit der Gegenwart zuzuwenden.

Jenseits der Angst, am Höhepunkt meiner Tour, saß ich gelassen an einem wunderschönen Bergsee, ließ die Sonne meinen Rücken wärmen, und wurde mit einer weiteren Erkenntnis (oder Auflösung einer übernommenen Angst vor großen Tieren, weil nie wirklich damit in Kontakt gekommen) belohnt, als die Kuh (rechts im Bild) meine Nähe suchte und ihre Reibeisenzunge über meinen Rücken schleckte… aber das ist eine andere Geschichte.

BORDERLINER KANN MAN NICHT VERSTEHEN

Die folgenden Zeilen sind ein Gespräch mit meinem Spiegelbild, das ich vor einigen Jahren geführt habe, nachdem ich das „Problem“ erkannt, aber noch nicht gelöst hatte:

„Da ist eine leistungsorientierter Workoholic mit der Tendenz an die Belastungsgrenze zu gehen. Erfolgreich, stark, niemand würde vermuten, was sich hinter der Fassade verbirgt. Viele Selbstzweifel, geringer Selbstwert und wenig Selbstliebe. Ein emotionales Chaos, das sich nicht unter Kontrolle bringen lässt. Manchmal fühlst du dich regelrecht fremdgesteuert, das macht dir Angst. Nähe zu anderen Menschen geht gerade noch als Freundschaft, aber nicht in einer Beziehung. Wenn dir jemand nahekommt, würde diese Person vielleicht merken, wie wenig das äußere Bild mit dem inneren Wesen zusammenpasst. Du spürst, dass du anders bist als andere. Du wärst gerne wie die anderen, aber du kannst es nicht sein, egal, was du versuchst. Anders zu sein als alle anderen, das macht einsam, weshalb du dich versteckst. Du fliehst in eine starke Rolle und in eine Welt, in der du die Kontrolle behalten kannst und von anderen bewundert wirst. Du bist davon überzeugt, dass niemand dich je verstehen kann. Schlimmer noch, vielleicht sind die Menschen ja abgestoßen, wenn sie herausfinden, wie es in dir wirklich aussieht, dass du manchmal gar nicht weißt, was du fühlst. Die Frage „Wie geht es dir?“ kann schlimm sein an Tagen, an denen du es nicht spürst, weshalb du ausweichst und erzählst, was du machst, aber nicht, wie es dir geht. Du sehnst dich nach Liebe, doch du kannst sie nicht aushalten. Du wünschst dir Geborgenheit, doch eine Umarmung fühlt sie wie eine Fessel an. Du möchtest Nähe und stoßt jeden von dir, der versucht, dir nahezukommen. Du bist voller Widersprüche, fühlst dich manchmal zerbrochen. Da du dich nicht retten kannst, rettest du andere. Manchmal musst du deine Grenzen gehen, um dich selbst noch zu spüren, auch wenn es schmerzt. Schmerz ist das, was du am meisten vor der Welt versteckst, doch er ist da, ein abgrundtiefer, bodenloser Schmerz. Du bist überzeugt davon, diesen Schmerz zurecht zu spüren, ihn verdient zu haben, und wenn jemand dir Schmerz zufügt, dann ist das wie eine erlösende Bestätigung, dass die Welt in Ordnung ist. Jedes positive Gefühl, egal ob Freude, Zuneigung, Zufriedenheit, entsteht in deinem Kopf, wird auf situative Akzeptanz überprüft und danach kontrolliert ausgelebt. Negative Gefühle explodieren in dir gleich einem Vulkanausbruch, überrollen dich mit zerstörerischer Intensität. Manche Gefühle hast du völlig aus deinem Leben verdrängt, weil du sie nicht aushalten kannst. Du lebst, aber du fühlst dich nicht lebendig. Du funktionierst wie eine Maschine. All das würdest du niemals einem anderen gegenüber zugegeben, denn niemand soll je erfahren, wie „kaputt“ du wirklich bist. Wer würde sich dann noch mit dir abgeben?“

Mit diesem Selbstbild begann meine Reise.

Meine Beobachtungen und Gespräche mit anderen Betroffenen haben gezeigt, dass andere ähnliche Selbstbilder haben. Die Details mögen variieren, die Grundstimmung bleibt belastend, Widersprüchlichkeiten sind die Normalität.

Kann ein Nicht-Betroffener das verstehen? Vielleicht ist das möglich.

Kann ein Nicht-Betroffener sich einfühlen? Gute Frage.

Kann man Nicht-Fühlen (emotionale Leere) empathisch erfassen?

Man kann einem Sehenden die Augen verbinden, um Blindheit zu erleben. Oder Hörenden die Ohren zustöpseln, um Taubheit zu erfahren. Aber wie vermittelt man emotionale Leere? Den Zustand, sich selbst nicht zu fühlen?

Kann ein Nicht-Betroffener sich das vorstellen, um es zu verstehen?

An dieser Stelle geht es mir nicht darum, verbindliche Antworten zu finden, sondern Denkanstöße zu liefern.

Vielleicht geht es für Nicht-Betroffene auch eher darum zu begreifen, dass Betroffene ihren ganz individuellen Weg finden müssen, um die Herausforderung Borderline zu meistern. Dieser Weg kann sich sehr von dem unterscheiden, was manchmal von Nicht-Betroffenen als notwendig angesehen wird.

Vielleicht geht es für Betroffene darum, nicht länger zu versuchen, „normal“ zu werden – oder das, was gemeinhin als „normal“ tituliert wird – sondern zu lernen, mit sich selbst zurecht zu kommen und zu sein, wer man nun mal ist.

Das war mein Weg zum Erfolg.

Heute lebe ich aus dem Herzen heraus. Fühle unmittelbar und teile, was ich fühle. Ich liebe mich mit allen Ecken und Kanten, Schrammen und Dellen, Falten am Körper, Macken im Geist und Narben an der Seele. Voraussetzung dafür war, mich selbst verstehen zu lernen, die verborgenen Zusammenhänge (oder Ordnung) im Chaos zu erkennen. Zu akzeptieren, dass ich anders bin und immer anders sein werde – und das auch sein darf. Der allgegenwärtige Schmerz wich einer Melange aus Lebensfreude, Dankbarkeit und Zufriedenheit, unterlegt mit Urvertrauen ins Leben und verfeinert mit einer Prise augenzwinkerndem Humor.  

Meine Reise ist noch nicht zu Ende.

Mit offenen Sinnen durchs Leben schreitend, entdecke ich laufend Wunderbares in mir und um mich. Dass ich mich häufig nicht dem kollektiven Jammern über dies oder das anschließe, hat viele Gründe. Einer davon ist, dass ich danach strebe, alles, was mir begegnet, aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Das eröffnet Perspektiven, die andere mitunter übersehen. Außerdem ändert Jammern und Raunzen selten etwas.

Vielleicht bin ich heute für manche noch schwerer zu verstehen als in meiner „dunklen“ Zeit, denn ich habe kein Problem damit, Borderlinerin zu sein.

Manche Menschen sind das Gegenteil von Rechtschreibkoryphäen und sollten sich deshalb beim Schreiben konzentrieren. Andere haben ein Thema mit Zahlen und werden niemals Mathegenies. Meine Herausforderungen liegen im Erkennen und Beachten von Grenzen, im achtsamen Umgang mit mir selbst, im Unterscheiden von dem, was ich bin und was ich von anderen übernehme (emotional, energetisch, mental).  

Meine Reise zu mir selbst lehrte mich, mein Borderline zu verstehen und daraus etwas lebensbejahendes zu machen. Kann ein anderer mich verstehen? Ich finde, das ist gar nicht nötig. Viel wichtiger ist, dass jeder einzelne Mensch – gleich ob Borderliner oder nicht – sich selbst versteht und mit sich selbst im Reinen ist.

LEBENSKRAFT

Vor wenigen Tagen teilte ich eine Zitrone in zwei Hälften, um den Saft auszupressen. Die Schnittflächen waren ohne Kerne, doch als ich eine der beiden Hälften ausgepresst hatte, blieb etwas in der Saftpresse zurück: ein Kern. Kein gewöhnlicher Kern. Ein Kern samt Wurzel und Trieb. Genau genommen ein Zitronenbaum im absoluten Anfangsstadium seines Lebens. Dieser Winzling war Anlass, ein wenig über das Leben zu philosophieren.

Welch Kraft doch in einem Samenkern schlummert.

Es wird wohl niemand erstaunen, dass ich den Mini-Zitronenbaum nicht im Biomüll entsorgen konnte, sondern ein erstes Zuhause in einem Blumentopf für ihn fand. Möge er wachsen und gedeihen. So wie jene Eichel, die ich im vergangenen Herbst im Wald fand, die mich zu einer Kurzgeschichte inspirierte, und die ich anschließend in die Erde steckte. Mittlerweile ist sie zu einer stattlichen Eiche von rund 30 cm Höhe herangewachsen.

Ich habe schon so einiges eingepflanzt in meinem Leben. Jedes Mal staune ich aufs Neue, wie viel Lebenskraft in ganz wenig Biomasse zu schlummern vermag. Welche Wege das Leben findet, um Neues hervorzubringen, an unzugänglichen Stellen, unter widrigsten Bedingungen. Da hängen mächtige Fichten in beinahe senkrechten Felswänden, blühende Wegwarten zwängen sich durch den Spalt zwischen Fahrbahn und Bordstein, oder eben Mini-Zitronenbäumchen.

Für mich sind das alles Offenbarungen unbändiger Lebenskraft. Aus dem, was vorhanden ist, wird das Bestmögliche gemacht.

Wieviel Lebenskraft steckt in uns Menschen?

Wenn ich auf Menschen treffe, die über ihr Leben und alles, was dazu gehört, klagen (und das sind ganz schön viele), dann frage ich mich, ob diese Menschen schon einmal wahrgenommen haben, mit wie wenig andere (Menschen, Tiere und Pflanzen) in dieser Welt gedeihen und sich entfalten können?

Wieviel braucht es aus dem Außen, und wie viel (Lebenskraft) aus dem Inneren, um zu wachsen, zu gedeihen, aufzublühen? Ist nicht alles, was es dafür braucht, bereits von Beginn an in uns vorhanden – so wie der vollständige Bauplan für einen Zitronenbaum in jenem kleinen Kern?

Einmal mehr frage ich mich, ob es nicht der Blick nach Innen ist, der uns groß und stark werden lässt. Die Rückbesinnung auf das, was uns mitgegeben wurde und das Bestmögliche daraus zu machen.

In meinem Fall gehört zum Startpaket die Gabe, in den banalen Dingen des Alltäglichen die Zusammenhänge des Großen Ganzen zu entdecken. Auf meiner Fensterbank steht nun ein weiterer Blumentopf und ich bin gespannt, welche Blüten die Lebenskraft des Zitronenkerns hervorbringen wird.

DER ATEM DES LEBENS – POST COVID

I am back 😊 Zwei Wochen nach meiner Covid-Erkrankung bin ich zwar körperlich noch angeschlagen, aber immerhin innerlich wieder halbwegs im Gleichgewicht. Einmal abgesehen davon, dass ich auf die physische C-Erfahrung gerne verzichtet hätte, die mentale war auch nicht ohne.

Die emotionale Achterbahn drehte einige Runden mit mir. Ob als Nebeneffekt der Infektion oder als Begleiterscheinung des „Eingesperrt-seins“ der Quarantäne, oder beiden … who knows? Auf jeden Fall wurde mir neuerlich bewusst, wie wichtig meine Zeiten draußen in der Natur für mich sind, weit ab von anderen Menschen.

Dass dieses temporäre „Eingesperrt-sein“ just mit dem 2. Jahrestag der „aus dem Nichts kommenden Trennung“ zusammenfiel, ist schon einer dieser eigenartigen Zufälle im Leben. Immerhin waren 24 Monate genau der Zeitraum, den ich mir für die Verarbeitung einer 24 Jahre dauernden Beziehungen vorgenommen hatte. Danach wollte ich frei und voller Energie in mein neues Leben starten – aber nicht hustend und schnaufend in Quarantäne sitzen.

Wenn einem die Luft wegbleibt, das Atmen schwerfällt, dann bleibt viel Zeit zum Nachdenken und Einfühlen in das, was gerade da ist. Also lag ich schnaufend und frierend unter zwei Decken bei über 30 Grad plus vor der Haustür, erlebte Wut, Frustration, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in überraschender Intensität. Für all das gab es keine Auslöser in meiner Realität. Okay, eine Covid-Infektion, aber solche Emotionen? Durchheulte Nächte? Kann Covid sich auf die Psyche auswirken? Diese Frage hätte ich lieber mal nicht gegoogelt, denn die Suchergebnisse sind erschreckend zahlreich und wenig aufbauend. Tab wieder geschlossen. Manchmal ist ein langer, kurzatmiger Spaziergang durch den Wald die klügere Option als eine umfangreiche Recherche.

Der Atem des Lebens.

Damit befasste ich mich gedanklich, mit dem Atem, der derzeit weniger kraftvoll als vor Covid durch meinen Körper fließt, was aber nur eine Frage der Zeit ist. Geduld ist angesagt. Mein Körper wird sich vollständig erholen, davon bin ich überzeugt. Die Zeit dafür muss ich ihm allerdings geben.

Der Atem des Lebens.

Ist es tatsächlich nur die Luft, die durch unsere Lungen strömt? Oder geht’s dabei um mehr als um eine adäquate Sauerstoff-Stickstoff-Mischung? Luft konnte ich auch während der Quarantäne in meinem Zimmer atmen. Sogar Frischluft durch das geöffnete Fenster oder auf dem Balkon. Aber diese Luft verschaffte mir nicht das Gefühl des „Durchatems“, dass ein kurzer Spaziergang durch den Wald mit sich brachte. Neben dem Gefühl, wieder lebendig zu sein, kamen auch wieder andere Gedanken und Gefühle in meinen Fokus.

Der Atem des Lebens.

Für mich gehört viel mehr dazu, als nur 4N2O2 plus CO2 und ein paar Edelgase, um vom Atem des Lebens zu sprechen. Durchatmen kann ich an einem Ort, an dem ich mich mit dem Leben verbunden fühle. Die Lunge gilt als ein Organ (ebenso wie die Haut), über das wir direkt mit der Umwelt in Berührung kommen. Die Lunge ist ein Berührungspunkt mit dem Leben, Außen trifft auf Innen. Vielleicht ist mein Innen noch nicht bereit, sich ganz dem Außen zu öffnen und drosselt deshalb den Austausch? Bin ich bereit, mit meinem neuen Leben zu starten? Interessante Fragen, auf die ich noch keine Antwort gefunden habe, aber ich denke, allein mich damit zu befassen, eröffnet neue Horizonte. So wie diesen…

Heute Morgen begegnete mir dieser kleine Schmetterling. Seine Flügel sind viel zu zerbrechlich für diese Welt, wie das Herz mancher Menschen. Eigentlich müsste er seine Flügel hinter einer dicken Mauer verbergen, um sie zu schützen, doch stattdessen entfaltet er sie, denn er weiß, nur mit geöffneten Flügeln kann er fliegen und lebendig sein.

Manchmal fühlte ich mich wie eine Art emotionales Schmetterlingskind. Viel zu empfindsam für diese Welt. Doch ich weiß, ich kann nur dann fliegen und lebendig sein, wenn ich meine Flügel – und mein Herz – öffne…

… und mich selbst dem Atem des Lebens.

SEELENZEIT

Seit einer Woche sitze ich fernab meines Alltags in „the middle of nowhere“ in Griechenland. Kein Massentourismus weit und breit, dafür umso mehr Natur, Ruhe, kaum Menschen … wundervoll.

Die ersten Tage habe ich fast durchgängig geschlafen. Stressabbau pur. Danach startete der kreative Motor im Modus „so viel, wie Spaß macht“. D.h. 2-3 Stunden täglich an Band 3 von JAN/A arbeiten (was eine intensive Zeit mit mir selbst und die Auseinandersetzung mit meinen verbliebenen Baustellen bedeutet), und die restliche Zeit verbummeln. Am Strand sitzen und die Wellen beobachten, die unablässig gegen die Bucht branden, Muster im endlosen Blau erkennen und wieder verwerfen, weil doch alles anders ist, wenn man sich nur lange genug Zeit nimmt, die Entwicklungen zu verfolgen – wie überall im Leben. Wie schnell werden da oft Schlüsse gezogen, die sich später als verfrüht herausstellen?

Für mich bedeuten die Tage hier pure Seelenzeit. Einfach nur ich sein. Keine Erwartungshaltungen von irgendjemand erfüllen. Uneingeschränkt ich sein. Eine Energietankstelle der Sonderklasse.

Vor einigen Jahren war es für mich unverstellbar, tagelang nichts zu tun. Ich wurde bereits nach wenigen Stunden unruhig, brauchte Beschäftigung. Damals tobte in mir ein Krieg, unterdrückte ich Teile von mir selbst, die heftig aufbegehrten und ihr Recht auf Leben einforderten. Permanente Beschäftigung übertönte, womit ich mich nicht beschäftigen wollte – mit mir selbst.

In einer Zeit epidemisch grassierendem Narzissmus mag das seltsam klingen, vielleicht sogar widersprüchlich, beschäftigen sich doch so viele nahezu ausschließlich mit sich selbst. Wie sich noch besser darstellen? Wie das optimale Selfie hinbekommen? Wo sich blicken lassen? Was als nächstes posten? Als ob es die Welt interessieren würde, wer wann was wo gegessen hat.

Mein „mit mir selbst beschäftigen“ hat absolut nichts mit (narzisstischem) Selbstdarstellertum zu tun. Für mich geht es um den Blick nach innen, mich selbst von dem unterscheiden lernen, was ich während meiner Kindheit von anderen übernommen oder draufgedrückt bekommen habe. Man könnte es auch als Vergangenheitsaufarbeitung sowie Auflösung von Verstrickungen, Traumatisierungen, negativen Erfahrungen, Glaubenssätzen und dergleichen bezeichnen. Oder als Entdeckungsreise in das Reich schlummernder Potenziale in mir. Was wartet noch in mir, freudvoll in dieses Leben zu kommen?

Vor einem Jahr war keine Rede davon, dass ich je einen Charity-Bild-Gedichtband in österreichischer Mundart veröffentlichen würde. Heute ist dieses Buch überall erhältlich und bereitet Menschen Freude. Eines meiner verborgenen Potenziale hat sich entfaltet.

Unter den Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen gibt es eine Gruppe, die aufgrund von diversen Studien ein hohes Risiko für eine Demenzerkrankung bei jenen Menschen gegeben sieht, die ihre inneren Baustellen zeitlebens ignorieren. Eine Lebensaufarbeitungstherapie rechtzeitig durchgeführt gilt ihnen als wertvolle Prophylaxe, um bis ins hohe Alter geistig fit zu bleiben. Einige Fälle in meinem Umfeld untermauern diese Theorie.

Eine spezielle Lebensaufarbeitungstherapie steht bei mir derzeit nicht auf dem Programm. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit mir selbst, mit Auflösung und Aussöhnung. Das ich heute stundenlang gelassen an einem Strand sitzen und die Wellen beobachten kann, zeigt mir, wie viel ich bereits erreicht habe. Ich könnte nicht 365 Tage im Jahr am Meer sitzen und Wellen beobachten, dafür bin ich viel zu gerne aktiv, kreativ und in Bewegung. Aber ich kann die für mich frei gewählte Seelenzeit genießen, dadurch einen Ausgleich zu meinem Alltag schaffen. Ich kann in der Ruhe verweilen, weil ich mir nicht länger ein Krieg tobt, keine offenen Gräben klaffen, sondern Brücken gebaut wurden, sich in mir wieder umarmt, was von den Ereignissen des Lebens auseinandergerissen worden war. Anders formuliert: ich bin mit mir selbst im Reinen.

Wenn mir heute inmitten der Ruhe nach Bewegung ist, spaziere ich ein Stück über den Strand, sammle bunte Steine, verweile völlig im Hier und Jetzt, in der Unendlichkeit eines Augenblicks, in dem ich ganz ich selbst bin. Seelenzeit.

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EINFACH NUR LEBEN

… so lautet meine derzeitige (Urlaubs)Devise. Keine Termine, keine Planung, keine Aufgaben, kein Stress … einfach nur leben. Vielleicht noch ein paar vergängliche Spuren im Sand hinterlassen, die von der nächsten Welle mitgenommen werden, um Platz für neues zu schaffen.

Ich bin im absoluten Relax-Modus angekommen, chille im Vorgarten zum Paradies und lasse mir die Sonne auf den Rücken scheinen.

In diesem Sinne gibt es heute keine tiefgründigen Gedanken von mir, sondern einfach eine lebendige Empfehlung: lebt aus dem Herzen und lasst euch vom Leben umarmen. Wer nicht weiß, wie das geht, hat wohl noch eine kleine Reise zu sich selbst auf dem Programm 😉