Das Thema mit den Grenzen …

… ist gar nicht so leicht eingrenzen, bzw. abzugrenzen von anderen Herausforderungen, die sich mir als Borderlinerin im Alltag stellen. Da es allerdings in den vergangenen Tagen auf unterschiedliche Weise in meinem Leben präsent war, hier nun der Versuch, das Thema einzugrenzen ohne etwas auszugrenzen.

Meine Grenzen noch außen können nahezu undurchdringlich wie eine Stahlbeton-Wand sein. Oder ein Hauch von nichts wie eine Seifenblase. Je nach Stimmungslage, Belastungs-Level, Setting, involvierten Personen, Tageszeit, Mondstand … variiert die „strukturelle Integrität“ meines unsichtbaren Schutzschildes. Anders formuliert: eine (tendenziell unerfreuliche) Aussage kann mich einmal kalt lassen, ein anderes Mal aufwühlen, verletzen, kränken, meinen Selbstwert untergraben …

Manchmal bewundere ich jene Menschen, die scheinbar nichts aus der Ruhe bringt. Oder verletzt. Oder berührt? Diese Frage stelle ich mir nämlich auch, komme aber stets zu der Erkenntnis, dass ich lieber berührbar (mit der Konsequenz der Verletzlichkeit) bin, als unverwundbar (und damit auch unberührbar).

Berührung – physisch, psychisch und emotional – ist für mich sehr wichtig. Sie ist ein Indikator für Nähe. Und ein Risiko für Verletzung. Zu unterscheiden, wem ich wie viel Nähe (und damit verbunden das Vertrauen, nicht verletzt zu werden) zugestehe, ist für mich häufig ein bewusster Prozess, der mit vielen Überlegungen verbunden ist. Anders gesagt: ich definiere meine Grenzen nach außen zuerst denken, und anschließend fühlend.

Aber es geht nicht nur darum, was ich an mich heranlasse, sondern auch darum, was ich aus mir hinauslasse. Welche Emotionen zeige  ich wann, wo und wem gegenüber? Welche Informationen teile ich mit der Welt da draußen? Ich bin ein ziemlich redseliger Mensch und trage mein Herz auf der Zunge. Welche Risiken birgt das in Zeiten eines „gläsernen, digitalen Menschen“? Und einmal davon abgesehen: was mute ich damit anderen zu? Kann mein Gegenüber aushalten, was ich von mir preisgebe an Informationen, Emotionen usw.? Oder ziehe ich damit den anderen vielleicht in etwas hinein, was diesen überfordert?

Apropos Überforderung. Auch hier gibt es eine Grenze, an der ich (leider viel zu oft) tanze: meine persönliche Belastbarkeitsgrenze. Ich bin zwar kein AKW, das bei einem Stresstest in die Luft fliegt, aber ich bin Borderlinerin. Eine Missachtung der Belastbarkeitsgrenze kann viel Schaden bei mir und anderen anrichten.

Jahrelang habe ich keinen Gedanken an das Thema „Grenzen“ verschwendet. Ich lebte einfach so dahin, stolperte von einer Katastrophe in den nächsten Super-Gau. Meistens fühlte ich mich als „Opfer“ der äußeren Umstände oder involvierten Personen, denen ich die Verantwortung für meinen leidenden Zustand zuschob. Doch im Nachhinein betrachtet, wäre vieles zu verhindern oder abzuschwächen gewesen, wenn ich mehr auf meine Grenzen geachtet hätte; wenn mir bewusst gewesen wäre, das es überhaupt ein Thema ist und nicht alles sich von alleine richtig fügt. Aber die Grenzverletzungen meiner Kindheit hatten meine Wahrnehmung dessen ausgeschalten und das Tor für schmerzhafte Erfahrungen geöffnet. Wie auch immer – das ist vorüber.

Heute widme ich meinen Grenzen viel Aufmerksamkeit und Reflexion. Manche sind nach wie vor gleich einer Stahlbeton-Wand, andere passen sich an die Menschen in meinem Umfeld und die Situationen an. Ich bin mir meiner Hyper-Sensibilität und schier grenzenlosen Emotionalität bewusst, die es achtsam zu schützen gilt, die aber auch eine Intensität an Lebensfreude und Lebendigkeit ermöglichen, die schier grenzenlos sein kann.

Da wären wir wieder beim Thema mit den Grenzen …

Was es ist – und was es nicht ist

Viele Male wurde ich bereits gefragt, woran man Borderliner erkennt. Ich habe mich das auch gefragt, habe in der Fachliteratur recherchiert. Was ist spezifisch „Borderline“ und was ist „normal“? Ich kam bei dieser Suche zu einigen Erkenntnissen.

Spoiler-Alarm: Was ich jetzt erzählen werde, mag provokant sein, aber es ist meine ehrliche Meinung. Und da ich in einem Land lebe, in dem freie Meinungsäußerung zulässig ist …

Mit einem Borderline-Syndrom werden gemeinhin gewisse „Beschwerden“ verbunden, wie z.B. starke Stimmungsschwankungen. Allerdings gibt es mannigfaltige Gründe für Stimmungsschwankungen. Angefangen bei Hormonen. Das chronische Gefühl von Langeweile kennen vermutlich auch viele Menschen (wenn sie an ihre Schulzeit zurückdenken?). Innere Leere? Der weit verbreitete Trend, immer mehr zu konsumieren um nur ja nichts im Leben zu versäumen – was ist er anderes als die (Über-)Kompensation von innerer Leere? Selbstverletzendes Verhalten? Bei selbst zugefügten Schnittwunden eindeutig erkennbar, aber was ist mit all den anderen Formen? Wenn Menschen sich wider besseren Wissens Schaden zufügen durch Alkohol, Drogen, ungesunder Lebensweise … Wo wird die Grenze gezogen zu potenziell selbstzerstörerischen Verhaltensweisen? Ein negatives Selbstbild? Wie viele können sich den morgens ohne Make-up in den Spiegel schauen und sich mit sich selbst gut fühlen? Wie viele verbergen sich hinter diversen Masken, Statussymbole, Titeln … um ein mangelndes Selbstwertgefühl zu kompensieren? Impulsivität? Nun, es gibt viele temperamentvolle Menschen, die keine Borderliner sind. Ach ja, Eigen- und Fremdgefährdung. Ganz ehrlich, ich fahre fast täglich mit dem Auto morgens nach Wien und abends wieder zurück. Das, was ich dabei täglich erlebe an Rücksichtlosigkeit, Dummheit, Ignoranz und Gleichgültigkeit kann ich nur unter die Rubrik „Eigen- und Fremdgefährdung“ einreihen.

Im Rahmen meiner Recherche kam ich also zu der Erkenntnis, dass die Unterscheidung alles andere als einfach ist. Wer ist Borderliner? Wer ist es nicht?

Auch die Anwendung von „5 aus 9“, wenn 5 oder mehr Symptome der Liste auftreten, kann man davon ausgehen, betroffen zu sein … funktionierte nicht, da ich auch Menschen kenne, auf die mehr als 5 Punkte zutreffen, und die dennoch keine Borderliner sind.

Vielleicht hing es mit der Intensität zusammen? So meine nächste Überlegung. Aber wo ist die Grenze? Nehmen wir eine Intensitäts-Skala von 0 bis 100 an. Ab wann ist man Borderliner? Ab 50? Was ist man dann mit 50,5? Unterscheiden 0,5 „normal“ von „anders“? Und wer bitte hat die Skala definiert? Anhand welcher Kriterien? Zeitgeist eingerechnet? Vor nicht mal 100 Jahren war gesellschaftlich anerkannt, was heute als No Go gilt (Stichwort: gesunde Watschen).

Irgendwann war ich nur noch genervt. Ich hatte ein Schild (oder eine Diagnose) bekommen, aber war ich wirklich so viel anders? Wie weit war ich vom „normalen Durchschnitt“ entfernt? Würde man die Skala um ein paar Punkte verschieben, wäre ich dann „normal“?

Irgendwann beschloss ich, mich selbst weder als krank noch gestört zu betrachten. Ich habe eine vielfältige, komplexe, gerne auch eigenwillige Persönlichkeit. Punkt. Ich bin bedingungslos und grenzenlos in der Liebe wie im Leid. Vielleicht passt diese intensive Feinfühligkeit nicht in unsere Zeit, in der Mobbing zu einer Standarderfahrung von Jugendlichen geworden ist; in der viele Jobs (auch meiner) einen Einsatz verlangen, der einer dauerhaften Überlastung gleichkommt bis hin zur fast logischen Konsequenz Burnout; in der man nur selten auf authentische Menschen trifft, die sich nicht hinter einer künstlichen Fassade verstecken – oder dort Schutz suchen, weil sie ihrerseits den Irrsinn unserer hektischen, oberflächlichen Zeit nicht mehr anders aushalten. Wie viel „Echtes“ begegnet uns noch in einer Zeit von „Artificial & Fake“? Vielleicht werden es nur deshalb immer mehr Borderliner, weil immer mehr Menschen nicht mehr mit dem Druck, der Ignoranz und Rücksichtslosigkeit unserer Zeit klarkommen? Vielleicht sehnen sich einfach immer mehr von uns nach zu einer aufrichtigen Umarmung und zwischenmenschlicher Wärme?

Irgendwann habe ich erkannt, dass es für mich von Anfang an nur darum ging, das Gefühl zu bekommen, als die geliebt zu werden, die ich bin. In die Norm oder den Durchschnitt zu passen, war weder erreichbar und noch wünschenswert. Ich bin, wer ich bin. Ich bin OK. Ich bin Borderlinerin – und das bedeutet für mich: ich bin eine „Grenzgängerin“. Ich weiß, was ich kann oder wer ich bin. Und ich weiß, was ich noch können möchte oder wer ich noch sein will. Ich erweitere laufend meine Grenzen. Stillstand passt nicht zu mir. Ich bin täglich auf Entdeckungsreise, in dieser Welt und in mir selbst. Ich bin lebendig. Und ich schütze meine Grenzen, denn ich bin verletzlich, aber wäre ich es nicht, wäre ich unberührbar.

Für mich ist Borderline eine Spielart der menschlichen Vielfalt. Nicht mehr und nicht weniger.

Man sagt mir nach, ich hätte einen grünen Daumen, weil bei mir die unterschiedlichsten Pflanzen blühen und gedeihen. Dabei mache ich nichts Besonderes mit ihnen. Ich achte einfach nur darauf, wer was braucht, um sich wohlzufühlen. Ein wenig Aufmerksamkeit, ein bisschen Pflege …

Was könnte Borderline wohl sein, wenn es statt auf Vorverurteilung und Ablehnung, auf Interesse und Wertschätzung trifft?