7 DAYS LATER …

Ein mystischer Zeitraum. Wurde nicht angeblich die Welt in 7 Tagen erschaffen? Meine eigene Welt (oder Bubble) wurde definitiv in den vergangenen 7 Tagen (neu) erschaffen.

7 Tage allein an einem Ort, an dem ich zu zweit über viele Jahre glückliche Urlaube verbracht habe – wenngleich auch nicht als die Vollversion von mir.

7 Tage allein auf vertrauten Pfaden.

7 Tage kontinuierlich auf mich selbst zurückgeworfen. Wer bin ich? Was will ich? Was tut mir gut? … in diesem Augenblick und grundsätzlich im Leben.

7 Tage der Begegnung mit mir selbst in chilliger Spa-Atmosphäre und auf steilen Bergpfaden.

Was hat sich getan?

Enorm viel. Genug, um ein Buch darüber zu schreiben. Oder es in die wenigen Zeilen von zwei Gedichten zu packen, die während dieser Begegnungen entstanden sind. Hier nun – in einer für mich eher unüblichen Sprache – eine Stimme, die ich in mir höre, wenn ich mir allein da draußen begegne:

Da ob’n

Da ob’n am Berg,
da merkst’s erst, wie klan das’d bist,
siechst vülles plötzlich anders
ois drunten im Tal.
San’d Probleme riesengroß,
druck’n di de Surg’n,
wiargt di de Ongst,
oda wüsst oafach wos loslass’n,
pack’s eini in an Rucksock
und geh auffi.
Wirst seh’n, mit jed’m Schritt wird’s leichta,
und aufamoal waßt wieda, worauf’s aukummt im Leb’n:
Zeig, was‘d fühlst,
all denen, di da wichtig san,
verschenk dei Herz heit,
woard net auf’s Murg’n.
Host Ongst zu leb’n?
Schau auf den kloan Schmetterling,
der da ob‘n um a Dottablum’n tonzt,
glei neban wülden Wossa,
kloan und zerbrechlich inmitt’n ana Wölt,
fü di a ned gschoffn scheint,
oba sei Herz is stoark,
und so spüld a mit’n Wind.
Host valernt zu leb’n?
Donn geh so loang, bis dei Kopf leer is,
koan Denken mehr,
bis di wieda gspiarst,
bei dia selba ankummst in Rua.

Bei mia

Wohin’st a gehst im Leb’n,
Du begegnst da imma söwa.
Was siagst, wannst zu mia kummst?
Brida im Sein, de di stumm begleit‘n?
Tausend Bliah in ana buntn Summawiesn?
A wüds Wossa rauscht toalwärts wi dei Bluad.
Herst mei Stimm – oda des Echo von deina?
Schloagt frei dei Herz noch longa Zeit?
Gspiarst dei Söhl, di längst scho schreit
noch an Moment des Innehoiltens,
noch Luft zum Otmen,
noch Leb’n zum Gspiarn,
Triffst di söwa
hia bei mia
in da Stüll,
wei i sog net vüll.
I umorm di oafach mit all’m was i hob,
weust zu mia zruckkehrst wi a Kind
des sein Weg valurn
und jetzt hamgfunden hot
bei mia.

Endlos könnte ich rational theoretisieren, doch die ganze Tragweite dieser Worte wird nur verstehen, wer sie mit dem Herzen liest.

7 days later … für jeden einzelnen davon bin ich dankbar, für jede Tränen, jedes Lachen, jeden Augenblick des Staunens, für alles, denn es brachte mich alles näher zu mir.

Am 7. Tage beschenkte mich das Leben mit einem unvergesslichen Moment an diesem traumhaft schönen (und eiskalten) Bergsee. Ein Geschenk, das mit einem mehr als 3-stündigen sehr steilen Aufstieg verdient werden wollte, doch das war es wert… wie diese 7 Tage nur mit mir selbst.

Bild & Text: © Lesley B. Strong

ZWISCHENBILANZ

Seit ein paar Wochen bewege ich mich kaum noch in den sozialen Medien. Das liegt zum einen daran, dass ich beruflich derart viel zu tun habe und sehr viel davon am Bildschirm, so dass ich in der verbleibenden Zeit keine eckigen Bilder mehr anschauen mag.

Zum anderen bemerke ich eine zweite Welle der Verarbeitung meiner Trennung im vergangenen Jahr. Nachdem ich mich in meinem neuen Leben eingerichtet habe, schickt mein Unterbewusstsein nun verschiedene Erinnerungen zur Neubewertung ins Bewusstsein. Hin und wieder hinterfrage ich, ob es denn wirklich die beste Entscheidung war, die ich getroffen habe – nur um gleich darauf zu erkennen, dass sie es war! Mein mittlerweile distanzierter Blick auf meinen Ex-Partner lässt mich einiges erkennen, was ich zuvor (in unmittelbarer Nähe) übersehen habe. Gleichwohl verschwinden einige übernommene Vorstellungen, wie Leben an sich und Beziehungen im Besonderen gestrickt sein sollten. An ihre Stelle treten neue, aus mir heraus entstehende Ansichten. Ich nähere mich also dem Ziel: 100% ICH zu sein.

Und noch ein Aspekt spielt damit verbunden eine wichtige Rolle: Ich sehne mich nach ECHTEM!!! Eine gewisse Tiefgründigkeit war stets Teil meines Lebens, doch als Teil meiner Anpassung an die Allgemeinheit lebte ich auch Oberflächlichkeit in Ausdruck und Kommunikation. Genau genommen dominierte diese über weite Strecken zeitlich und inhaltlich. Mittlerweile spüre ich, wie wenig mir Oberflächlichkeit guttut. Ganz im Gegenteil. Sie belastet mich. Deshalb halte ich sie mittlerweile tunlichst aus allen Bereichen meines Lebens fern, in denen ich sie nicht als unumgänglich (z.B. im Job) akzeptieren muss.

Um nicht missverstanden zu werden, sollte ich das etwas präzisieren: ein belangloser Plausch ab und an ist nach wie vor etwas Unterhaltsames, aber 24/7 rund um die Uhr dem belanglosen Treiben in den sozialen Medien zu folgen ist es nicht (mehr). Schlimmer noch: es bindet Aufmerksamkeit und damit Energie, die von mir für anderes gebraucht wird.

Manchmal denke ich mir: ich sollte mehr Beiträge lesen, selbst mehr posten, Marketing machen um als Autorin wahrgenommen zu werden … aber alles in mir wehrt sich dagegen. Mehr und auffälliger posten als andere, um (von irgendwelchen Algorithmen) gefunden zu werden? Lauter schreien als andere am Markt? Mir geht’s nicht um Verkaufszahlen. Schreiben ist für mich Hobby, Therapie, Selbstverwirklichung. Wenn über Buchverkäufe die Kosten dafür reinkommen, wunderbar. Wenn nicht, auch gut. Stelle ich die tatsächlichen Kosten mit den eingesetzten Stunden (die ich als hoch effiziente und heilsame Therapie bewerte) in Relation, ist das Ganze für mich die Okkasion meines Lebens.

Mein Ziel oder Wunsch ist es, mit meinen Gedanken und Erfahrungen anderen Ideen zu liefern für die Herausforderungen ihres eigenen Lebens.  Ich will meine „Weisheit“ nicht aufdrängen im Sinne von: „Hey, ich kenne die Antworten für die Lösung deiner Probleme.“ Das ist absolut unzulässiger Schwachsinn. Ich kenne gerade mal ein paar Antworten für meine eigenen Probleme. Aber ich kenne ein paar gute Tricks und Wege, seine eigenen Antworten in sich zu finden.

Vor einer Woche schrieb ich hier über „bedingungsloses Urvertrauen“.

 Mein Gefühl sagt mir, das ich mich in der Prüfungsphase befinde. Gegenstand: Vertrauen in das Gesetz der Anziehung.

Wer zum Gesetz der Anziehung (Law of Attraction) nachlesen möchte, es gibt eine Menge Bücher dazu. Daher verweise ich hier auf Wikipedia und nicht auf ein spezielles Buch: https://de.wikipedia.org/wiki/Gesetz_der_Anziehung

Ich vertraue einfach darauf, dass jene Menschen, die von meinen echten Gedanken und authentischen Erfahrungen profitieren können, „magisch“ von meinen Publikationen angezogen werden und mich finden… zu ihrem eigenen Nutzen. Denn eines ist klar: es braucht eine gewisse Bereitschaft, sich dem echten im Leben zu öffnen. Danach fällt es schwer, sich länger als machtloses Opfer äußerer Umstände zu sehen. Oberflächlichkeit ist deutlich weniger „gefährlich“.

Vielleicht klingt das jetzt etwas arrogant, aber ich möchte gar nicht meine Zeit mit Menschen verbringen, die nur an Oberflächlichkeit interessiert sind. Dafür ist mein Leben (mittlerweile) zu kurz. Zu dieser Erkenntnis führt mich meine Zwischenbilanz.

Echtes Leben, echte Menschen, echte Gedanken und Erfahrungen. Darin liegt unglaublich viel Kraft und Potenzial. Das will ich geben, teilen, finden.

Alles andere ist – für mich – mittlerweile bedeutungslos.

Ganz ehrlich: mit meinen letzten Atemzügen (die hoffentlich in weiter Ferne liegen, aber sie werden kommen!) möchte ich an ein ECHTES Leben zurückdenken, voller Dankbarkeit dafür, meine Zeit auf diesem Planeten bestmöglich genutzt zu haben, um mein Leben und das anderer mit Freude, Liebe und ein wenig bodenständiger Lebensweisheit bereichert zu haben.

Ein Leben so echt wie ein Sonnenaufgang am Morgen.

Bild: pixabay.com

Apropos Masken

… ein Thema, dass mich in der vergangenen Woche immer wieder auf verschiedene Weise beschäftigt hat. In der Außenwelt. Klar. „Eintritt nur mit Mund-Nasen-Schutz“. Obwohl das mittlerweile in unserem Alltag angekommen ist, wirken die Bilder auf mich immer noch eigenartig fremd. Die Maske im Gesicht ungewohnt. Und ja, es fühlt sich auch auf eine Weise „merkwürdig“ an, die ich nicht in Worte fassen kann. Vielleicht weil es Erinnerungen an früher weckt. An mein „Leben hinter einer Maske“, die nicht aus Stoff bestand, sondern aus Lügen und (Selbst-)Täuschung.

Damit bin ich auch schon wieder gedanklich bei einem Chat, den ich vor wenigen Tagen geführt habe. Es ging um Masken, allerdings um eben jene Masken, hinter denen wir uns als Mensch verbergen. Man könnte auch Fassade dazu sagen. Oder eben Täuschung. Wie auch immer.

Jedenfalls antwortete ich auf die Frage, was Person X wohl falsch mache, dass sich keine dauerhaften Freundschaften im Leben von Person X einstellen wollten und daraus eine Form von Einsamkeit resultierte. Aus meiner eigenen Erfahrung brachte ich eben jene „Masken“ ins Gespräch, hinter denen ich mich selbst lange verbarg, teils aus Selbstschutz, teils aus Scham über das, was ich glaubte zu sein, teils einfach auch um die Leere zu kaschieren, die ich in mir wahrnahm.

Mein Tipp lautete daher: Versuch nicht, andere nachzuahmen und etwas zu sein, was du nicht bist. Finde heraus, wer und was du bist. Nimm dich so an, wie du bist. Dann wirst du authentisch. Authentizität ist ein wichtiger Schlüssel für stabile Beziehungen jeglicher Art. Anders gesagt: Niemand hat gerne Menschen um sich, die undurchschaubar und unberechenbar sind. Das kann von anstrengend bis gefährlich alles sein. Wer will das schon?

Die Gegenfrage überraschte mich etwas: „Sind denn hinter der Maske nicht nur weitere Masken? Ist den überhaupt jemand hinter all den Masken?“ 2017 habe ich mir zuletzt solche Fragen gestellt, daher fühlten sie sich seltsam fremd und vergangen an, wiewohl ich das Gefühl der absoluten Leere kenne. In sich hineinzublicken und nichts erkennen zu können. Nichts zu spüren. Nur Leere. Und die Masken verkörpern das einzig vorhandene – scheinbar. Denn die Wahrheit ist eine gänzlich andere, wie ich herausfinden durfte.

Diese kurze Diskussion machte mir bewusst, wie schnell ich den „gekoppelten“ Zustand als Standard für mich integriert hatte. Heute käme ich nicht mehr auf die Idee, zu denken, in mir ist nichts als Leere, niemand hinter den Masken zu finden. Gewiss, ab und an „entkoppelte“ ich und fühle die Leere wieder, aber ich erkenne sie als das, was sei ist: Eine Fehlschaltung meiner Wahrnehmung. Dann korrigiere ich diesen Fehler durch bewusste Erinnerung und Wahrnehmung dessen, was ich bin. In meinem „Betriebssystem“ verstecken sich ein paar Fehler. Sie erfordern mitunter spezifische Vorgehensweisen, aber das war’s auch schon. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Das nimmt Druck und Stress raus.

Dennoch, es stimmt mich nachdenklich und traurig, zu erleben, dass andere Betroffene noch mitten drinstecken und von sich selbst denken, hinter den Masken nichts zu finden. Nur Leere. Kein Jemand. Kein Ich. Gefangen in der Selbsttäuschung.

Heute richte ich meine Worte an all jene,

Jeder von uns ist jemand.

Jeder von uns ist ein einzigartiges Geschöpf. Ein Wunder des Lebens und ja, ein Geschöpf der Liebe. Ohne Liebe hätten wir die ersten Wochen nach unserer Geburt nicht überlebt. Nahrung ist wichtig, Kleidung und ein Dach über dem Kopf ebenso, doch all das kann vorhanden sein und der Mensch stirbt dennoch – wenn Liebe fehlt. Dafür finden sich in der Menschheitsgeschichte viel zu viele Beweise.

Was auch immer später geschah, dass all die Masken notwendig machte, um zu überleben, um sich im eigenen Leben zurecht zu finden, dass letztendlich vielleicht sogar dazu führte, die Masken nicht mehr als solche zu erkennen und zu vergessen, was einst dahinter Schutz fand und bis heute findet… tief in uns drin sind wir immer noch, wer wir waren und immer sein werden.

Vor vielen Jahren befasste ich mich mit dem „Kurs in Wundern“ (A Course in Miracles). Darin entdeckte ich einen Gedanken, denn ich verinnerlichte und der mich wie ein Leuchtfeuer durch schwere Krisen leitete:

„Nichts Wirkliches kann bedroht werden, nichts Unwirkliches existiert. Hierin liegt der Frieden (Gottes).“

Wirklich sind wir, jeder einzelne von uns, und das individuelle Potenzial, das wir in uns tragen. Es zu finden und zu entwickeln, ist unsere Lebensaufgabe.

Unwirklich sind die Illusionen, die wir im Laufe unseres Lebens entwickeln und übernehmen. Geprägt von Ereignissen und Menschen rund um uns. Die Masken, die wie wählen, freiwillig oder auch nicht.

Der Friede entsteht in uns. Inwieweit Gott da mitwirkt, soll jeder für sich selbst entscheiden. Tatsache ist: Finden wir in uns selbst keinen Frieden, leben wir in der Hölle – ganz gleich, ob es einen Gott gibt oder nicht.

#FeelTheEmbraceOfLife

Zeit der Stille

… so wird der Herbst manchmal auch genannt, weil die Natur zur Ruhe kommt, das Leben sich auf die stille Zeit des Winters vorbereitet. Starten wir ein wenig philosophisch. Für mich persönlich ist der Herbst eher eine Zeit des Aufbruchs und der Veränderung.

Im September 2018, also vor einem Jahr, wurde mit „JAN/A – Eine [nicht]ganz alltägliche Liebesgeschichte“ mein erstes Buch veröffentlicht.

Im Oktober 2017 begann ich mit dem Schreiben und startete damit meinen derzeit noch laufenden Selbstfindungs- und Erneuerungsprozess.

Es bietet sich also an, ein wenig zu reflektieren. Dieser Gedanke kam mir, als ich das obige Bild auf pixabay.com entdeckt hatte. Bilder, Namen und Musik haben in meinen Geschichten immer einen besonderen Stellenwert, weil sich dahinter stets eine oder mehrere subtile Botschaften verbergen, die es zu entdecken gilt. Ich verrate also nie alles beim ersten Mal.

Wenn ich zurückblicke, wird mir bewusst, wie sehr sich meine emotionale Wahrnehmung der Welt verändert hat. Damit meine ich nicht, ob etwas für mich positiv oder negativ ist. Diesbezüglich bin ich schon seit langem sehr philosophisch unterwegs und kann viele unterschiedliche Standpunkte in mir vereinen. Ich meine ganz einfach die Intensität eines Gefühls. Es ist fast, als hätte ich Jahrzehnte meines Lebens unter einer Art Glassturz oder in einem Nebel verbracht. Oder in der Dunkelheit der Abgrenzung von meinen Gefühlen. Nähe, eine Umarmung – alles fühlt sich intensiver an als je zuvor. Und ich scheine den Gipfel noch nicht erreicht zu haben, denn diese Wahrnehmungen verstärken sich von Woche zu Woche.

Definitiv verändert hat sich in diesen beiden Jahren, was ich für mich als richtig und passend befinde. In der Vergangenheit bin ich oft blind einem „Meister“ gefolgt, habe Lösungen von der Stange für meine Probleme gesucht. Dazu griff ich ein Buch oder eine Methode auf und habe diese stur nach Schema umgesetzt, ganz gleich, was meine innere Stimme dazu sagte. Ich wollte die Lösungen meiner Herausforderungen erzwingen. Hat nicht funktioniert. Heute pfeife ich auf das, was andere sagen, wie es funktionieren könnte – ich folge meiner inneren Stimme. Die hatte nämlich immer Recht – auch in der Vergangenheit. Dummerweise hat mein rechthaberischer Verstand samt Ego sie überrollt.

Es braucht manchmal ein wenig Zeit und Stille, um in dem energiegeladenen Kern in mir jene Stimme zu finden, die mit Hirn und Herz agiert und auf mich selbst aufpasst, die überhöhte Ziele schon mal hinterfragt und Ruhepausen tatsächlich durchsetzt.

In der Stille höre ich meine innere Stimme. Jahrzehntelang wollte ich sie nicht hören, weil ich ihre Botschaft nicht glauben konnte. In den letzten beiden Jahren habe ich gelernt, darauf zu achten und zu vertrauen, dass der beste Lehrmeister, denn wir haben können, immer noch wir selbst sind. Denn niemand sonst auf dieser Welt kennt mich so gut wie ich selbst. Auch wenn das ein klein wenig ungemütlich ist, weil damit auch die Verantwortung bei mir selbst liegt und nicht einfach an jemand anderes abgeschoben werden kann. Aber was ist schon ein wenig Ungemütlichkeit im Vergleich zu Jahrzehnten in der Dunkelheit?

Also, voller Lebensfreude hinein in diesen goldenen Herbst, in das Jahr 3 nach meiner geistigen Wiedergeburt.

Diagnose Borderline-Syndrom: Reden wir Klartext

Ich hatte den 40er bereits hinter mir gelassen, als ich die Diagnose nach meinem 2. Burnout erhielt. Damals wusste ich zwar, dass einiges in meinem Leben falsch bis zerstörerisch lief, aber bis zu diesem Zeitpunkt sah ich mein Umfeld und die überhöhte Arbeitsbelastung als Gründe dafür an. Mich selbst als Verursacherin meines chaotischen Lebens und damit auch meines Schmerzes zu akzeptieren war eine enorme Herausforderung.

Mal ehrlich, so eine Diagnose ist etwas anderes als ein gebrochenes Bein oder ein Grippevirus. In den Medien kursiert ein sehr reduziertes Bild von Borderline: Jugendliche mit zerschnittenen Unterarmen. Ich war weder jugendlich noch hatte ich selbstzugefügte Schnittwunden an meinem Körper. Damit schien doch eindeutig: ich konnte keine Borderlinerin sein, oder? In meinem Umfeld hatte ich erlebt, wie Jugendliche mit diesen unverkennbaren Narben auf Ablehnung trafen, wie Erwachsene mit Depressionen als schwächlich und ihr seelischer Schmerz als Einbildung belächelt wurden. All das war ich nicht. All das konnte nicht auf mich zutreffen. Wie konnte ich dann Borderlinerin sein?

Mit der Zeit begriff ich, dass Schnitte nicht die einzige Art von Selbstverletzung waren, dass es viele weitere gab und ich mit einigen davon sehr vertraut war. Doch nach außen verleugnete ich weiterhin meine „wahre Natur“, um im Inneren umso stärker gegen mein „selbstzerstörerisches Wesen“ anzukämpfen. Ein Kampf, den ich nicht gewinnen konnte. Ein Kampf, der mich tiefer und tiefer in den Sog aus Selbstverurteilung, Ablehnung und Verachtung zog.

Es ist tückisch. Einerseits ist Krankheitseinsicht unverzichtbar, um in einen Heilungsprozess zu kommen, andererseits: wie dazu stehen, etwas zu sein, dass die Gesellschaft offensichtlich ablehnte, mitunter als gefährlich einstufte, auf jeden Fall als „anders“. Wie eine Diagnose akzeptieren, die gemeinhin gleichgesetzt wird mit unheilbar und arbeitsunfähig – oder sogar lebensunfähig? … reduziert auf das Kürzel F60.31 (nach der WHO-Klassifizierung ICD-10 steht dieser Code für die Borderline-Persönlichkeitsstörung). Mein Leben lang hatte ich mich von meinem Umfeld gerade noch akzeptiert, aber keinesfalls geliebt gefühlt. War dies nun die Bestätigung dafür, dass ich etwas war, das man nicht lieben konnte? Die Diagnose anzunehmen öffnete gleichzeitig das Tor in den nächsten Level der Selbstverachtung.

In all den Jahren hatte ich mich selbst verletzt und auch die Menschen in meinem Umfeld. Hatte jene im Stich gelassen, für die ich da sein hätte müssen. Konnte nicht sein, was andere gebraucht hätten, um durch mich Halt zu finden. Zu erkennen, dass ich dafür verantwortlich war, dass ich es hätte ändern können, hätte ich früher etwas gegen meine „Krankheit“ unternommen … gefährliche Gedanken und gleichzeitig wichtige Gedanken. Für mich galt es zu akzeptieren und zu verzeihen – am meisten mir selbst. Was geschehen war, war geschehen. In meiner Kindheit und später. Nichts davon ließ sich mehr ändern, weder durch meinen Schmerz noch durch irgendetwas anderes. Mein Leiden war also absolut sinnlos. Mein Leben sollte es nicht mehr sein. Ich war nicht bereit mich selbst aufzugeben. Ich änderte meinen Kurs. Kein Kampf mehr gegen mich selbst. Keine Selbstdemontage. Kein gedankliches und emotionales Verweilen in der Vergangenheit. Ich musste lernen, meinen Blick nach vorne zu richten damit die Zukunft eine andere werden konnte. Ich durfte lernen, mich als die anzunehmen, die ich bin, mit allen Facetten meiner sehr widersprüchlichen (oder vielfältigen) Persönlichkeit. Ich lernte die zu lieben, die ich bin, immer war und immer sein werde. Daraus entstand die [nicht] ganz alltägliche Liebesgeschichte eines Dämons, den keine Frau je lieben würde außer der Einen, die für ihn bestimmt war – so wie ich für mich selbst bestimmt war.

Romantik als Weg der Selbstfindung? Warum nicht. Weiterhin gegen mich selbst zu kämpfen und in Selbstablehnung zu verharren hätte mich unweigerlich ruiniert. Also schrieb ich die Geschichte einer nahezu unmöglichen Liebe und erlebte sie in mir selbst. Aus Furcht wurde Vertrauen, aus Ablehnung Selbstliebe, aus Dunkelheit Lebensfreude.

Wenn ich mir diese Zeilen durchlese, drängt sich unweigerlich folgender Gedanke für mich auf: das wird mir niemand glauben, das klingt so einfach. Das ist es nicht, ganz und gar nicht. Ich behaupte weder, dass es einfach ist oder gar leicht, aber es ist möglich. Das ist die Botschaft: es ist möglich, das wiederzufinden, was verloren ging … Liebe, Vertrauen, Geborgenheit. Es ist möglich, Anerkennung wieder wahrnehmen und annehmen zu lernen, zurückzukehren in die Umarmung des Lebens.