FREI

Tagebucheintrag 28.01.2023

Weckruf 03:30 Uhr. Im Schneefall zum Bahnhof gefahren. Um 04:46 Uhr in die Straßenbahn nach Wien eingestiegen, danach in den Zug nach Salzburg und weiter ins Gasteinertal zum Skifahren. Irgendwo zwischen Linz und Salzburg, dösend in der Quiet Zone, war da plötzlich ein unglaublich intensives Gefühl in mir, das sich in vier Buchstaben fassen lässt: FREI.

Ich fühlte mich frei.

Frei mein eigenes Leben zu leben, so wie ich mir das vorstelle. Früher dachte ich immer, um sich frei zu fühlen, muss man so viel Geld haben, das man keinen Job mehr braucht und tun und lassen kann, was man will. Geld mag diese Art von Freiheit unterstützen, aber würde ich mich dann auch frei fühlen?

Meine Form der Freiheit ist eine gefühlte, die auf folgenden Erfahrungen und Überzeugungen beruht:

  • Ich weiß, wer ich bin, was ich kann und will – und das in mir noch so einiges steckt, das entdeckt werden will.
  • Mein Job sorgt für ausreichend Einkommen um mir zu erlauben mein Leben so zu gestalten, wie ich es möchte. Niemand zwingt mich, diesen Job zu machen. Ich könnte was anderes tun oder gar nicht mehr arbeiten und von Sozialhilfe leben … alles MEINE Entscheidungen.
  • Zusätzlich bietet mir mein Job auch die Möglichkeit, meine Fähigkeiten auszuleben, mich weiterzuentwickeln und das Ganze auch noch mit einem tollen Team.
  • In meiner Freizeit mache ich, was mit gefällt und mir gut tut … kreatives, sportliches, lebendiges, viel in der Natur draußen.
  • Mein materieller Besitz hat sich in den vergangenen Jahren reduziert. Alles, was nicht mehr zu mir passt, wird verschenkt oder über Second-Hand-Plattformen verkauft. Obwohl ich weniger besitze als früher, fühle ich mich zufriedener denn je zuvor. Ich habe mehr, als ich brauche, verzichte nur auf Unnötiges und Überflüssiges.
  • NIEMAND setzt mich in irgendeiner Form unter Druck – nicht mal mehr ich selbst. Mir ist heute bewusst, dass Druck und die damit verbundene Überlastung der Auslöser für die meisten meiner Borderline-Dramen war.
  • Ich muss niemandem (auch nicht mir selbst) irgendetwas beweisen oder jemand überzeugen.
  • Heute lebe ich ALLE Aspekte (oder Anteile) meiner Persönlichkeit und siehe da, es gibt sogar Menschen, die mich genau deshalb schätzen.

Über „Freiheit“ wurde und wird seit Jahrtausenden diskutiert und philosophiert. Es gibt unterschiedliche Definition. Ob es tatsächliche „Freiheit“ in unserer heutigen regulierten, limitierten, kontrollierten, normierten Welt noch gibt, mag ich nicht beurteilen. Aber ich bin überzeugt, dass es möglich ist, sich FREI zu fühlen, und dass diese nicht zwangsläufig von den äußeren Umständen abhängt.

Freiheit ist für mich eine innere Haltung, eine bewusste Entscheidung, eine gefühlte Gewissheit.

„Niemand kann dich befreien, wenn du die Freiheit nicht in deinem Herzen fühlst.“

Mein Baum der Freiheit hat kräftige Wurzeln, die tief in Dankbarkeit und Zufriedenheit verankert sind; einen stabilen Stamm, der die Realität durchdringt und eine mächtige Krone mit unzähligen Ästen voller Blätter, bunter Blüten und tanzender Schmetterlinge.

Mein Leben lang habe ich mich nach danach gesehnt, mich frei zu fühlen. Heute Morgen war das Gefühl plötzlich da, einfach so.

Kurz nach 20 Uhr tippe ich die letzten Zeilen dieses Beitrags, müde von einem langen, anstrengenden und zugleich wunderbaren Tag … frei im Geist, frei im Herzen.

Bild: https://pixabay.com/de/photos/baum-natur-landschaft-3124103/

UNERWÜNSCHTE NEBENWIRKUNGEN

Die vergangene Woche reihe ich für mich in die Rubrik „offene Aufgaben“, denn diese unerwünschten Nebenwirkungen würde ich mir künftig gerne ersparen. Worum es geht?

4 Wochen lang durchgängig Kopfschmerzen zu ignorieren, weil gerade zu viel zu tun ist, weil gerade etwas anderes wichtiger ist, weil … ist nicht gerade ein Beweis für lebensnahe Umsetzung erworbener Weisheit. Eher dafür, dass ich ganz schön stur sein kann – und konsequent im Ausblenden von Schmerzen. Jahrzehntelanges Training macht es möglich. Schmerz? Ausblenden und weitermachen. Von Jugend an tradiertes Verhalten verändern? Im Kopf schnell entschieden, in der Umsetzung … naja.

Bei mir hat sich das konsequente Ausblenden einer kleineren Ursache wie Verspannungen im Nackenbereich zu einem größeren „Problem“ ausgeweitet. Die Migräne konnte ich noch gut wegstecken. Als ich anfing, den drängenden Wunsch zu verspüren, irgendjemand den Kopf abzureißen und zunehmend gereizt wurde, zog ich die Notbremse. Mittlerweile waren die Verspannungen über den gesamten Rücken extrem schmerzhaft. Also … raus aus den Belastungen, Entspannungsprogramme wie heißes Bad, diverse Wärmesalben, Wärmepflaster, Shakti-Matte, Shiatsu-Massage. Hat allesamt wenig genutzt. Ab zum Arzt und – nein, keine Spritze, ich hasse Nadeln, die in mich hineinpieksen – ein Muskelrelaxans geholt. Da ich so gut wie nie Medikamente nehme, war die Wirkung der ersten Tablette bereits „umwerfend“.

Immerhin wurde mein Kopf frei, um darüber nachzudenken, warum ich neuerlich die „Steig mal auf die Bremse“-Signale meines Körpers so lange ignoriert habe. Ein schlüssiger Grund für mich liegt in besagter Fähigkeit, Gefühle wie z.B. Schmerz auszublenden, um leistungsfähig zu bleiben. Es gab Zeiten in meinem Leben, da war diese Fähigkeit hilfreich, um z.B. im Sport trotz kleinerer Blessuren weiterzumachen. Ich war keine, die auf „Schwalbe“ gemacht hat, und beim Basketball bekommt man schon den einen oder anderen Ellbogen ab. Von wegen „kontaktloser Sport“. Unmöglich nachzuzählen, wie oft ich im Krankenhaus gelandet bin mit Bänderverletzungen, Prellungen … Richtig auskuriert habe ich davon so gut wie keine, was ich heute noch spüre. Aber damals verdrängte ich den Schmerz, trainierte weiter, wollte unbedingt dabei sein, Anerkennung bekommen, ganz gleich, um welchen Preis.

Schmerz auszublenden, wurde zu einer unerwünschten Nebenwirkung meiner Suche (oder Sucht) nach Anerkennung aufgrund mangelndem Selbstwertes und fehlenden Selbstvertrauens.

Heute mangelt es mir weder an Selbstwert, Selbstvertrauen noch Selbstliebe, doch die unerwünschte Nebenwirkungen ist noch immer da, wenn ich – so wie zuletzt – zu wenig Achtsamkeit auf mich selbst verwende. Ich vermute auch, dass meine Körperchemie ihren Teil dazu beiträgt, dieses alte Muster aufrecht zu erhalten. Was ich über die Ausschüttung von körpereigenen Schmerzmitteln, Glückshormonen & Co weiß, lässt mich schlussfolgern, dass hier einiges zwar hocheffizient, aber letztendlich kontraproduktiv für mich abläuft. Vereinfacht gesagt: biochemische Belohnung fürs Durchhalten verhindert (zeitgerecht) eine vernunftgesteuerte Entscheidung. Tricky – aber veränderbar.

Routine nimmt uns viele kleine Entscheidungen im Alltag ab, was enorm entlastet. Routine führt aber auch dazu, unerwünschte Nebenwirkungen am Laufen zu halten. Routine zu verändern, erfordert Energie, Zeit und (damit nicht neuerlich Unerwünschtes sich einnistet) Aufmerksamkeit.

In diesem Sinne … auf eine neue, achtsame Woche … mit einem Kunstwerk meiner Ergotherapeutin aus 1 m pinkfarbenem Kinesio-Tape auf meinem Rücken. Die Verspannungsroutine meiner Muskulatur mittels 24-Stunden-Impuls wieder zu lockern, überlasse ich gerne dem Tape, damit meine Achtsamkeit sich dem zuwenden kann, was in meinem Kopf so alles „routinemäßig verspannt“.

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GANZ NORMAL

Über den Begriff „normal“ philosophiere ich nahezu täglich. Vor allem, wenn Tage wie dieser meinen Weg säumen: Morgens in der Bahn konstruiere ich vor meinem geistigen Auge ein Konzept, komplexe Prozessabläufe inkludiert und Parameter für die Qualitätssicherung, ohne auch nur einen Strich auf Papier zu machen oder etwas in eine Datei zu tippen, während ich zeitgleich meditativer Klaviermusik lausche. Nebenbei beobachte ich die Menschen rundum, nehme immer noch zu viel von ihren zumeist völlig unangebrachten Telefonaten im öffentlichen Raum wahr, staune (nette Formulierung 😉) über das, wofür sie ihre Zeit und Worte verschwenden. Eine Phrase triggert meine Kreativität und ich schreibe (nebenbei) in eine Notiz folgendes Gedicht:

Aum Limit renna is oafoch.
Imma mehr, imma schnölla.
Losst di s’Lebn intensiv gspiarn,
füht se kroftvoih aun,
is oba nua de oane Seitn von da Medäun.
In da Ruhe liegt de Kroft,
host a scho moi ghert .
Gaunz vüh Kroft liegt a in da Stüh
de zwo teun,
net wei sa se nix mehr zum sogn haum,
sundarn weus koane Wuart mehr brauchen
und den aundarn oafoch gspiarn
im Herzen drin.

Hier die Übersetzung für jene, die mit zentralösterreichischer Mundart (eine meiner Herzsprachen) eine Herausforderung erleben:

Am Limit rennen ist einfach,
immer mehr, immer schneller,
lässt dich das Leben intensiv spüren,
fühlt sich kraftvoll an,
ist aber nur die eine Seite der Medaille.
In der Ruhe liegt die Kraft,
das hast du schon mal gehört.
Ganz viel Kraft liegt in der Stille,
die zwei teilen,
nicht, weil sie sich nichts mehr zu sagen haben,
sondern weil sie keine Worte mehr brauchen,
und den anderen einfach spüren
in ihrem Herzen drin.

… und schon geht’s weiter mit der Feinarbeit am Konzept, betrachte ich die vorbeiziehende Landschaft, übe mich im Ignorieren des Unwesentlichen. Inmitten all dessen verharre ich in meiner Bubble um die (emotionale) Energie von jenen Menschen auszusperren, deren Sätze das Gegenteil von gewaltfreier Kommunikation (nach Marshall Rosenberg) darstellen – und denen dieser Umstand vermutlich nicht einmal bewusst ist.

Ich betrachte mich selbst als „normal abseits der Norm“ oder [nicht] ganz alltäglich. Gemessen am Verhalten der normgebenden Masse bin ich alles andere als „normal“.

Wenn ich mit Angehörigen von Borderlinern spreche, höre ich häufig den Wunsch heraus, die Betroffenen mögen „normal“ werden.

Normal?

In welchem Sinne normal? Der normgebenden Masse entsprechend? Das halte ich für schwierig, ohne sich selbst aufzugeben. Für mich ist es normal, zwischen Gedanken extrem schnell hin und her zu springen, mich von Eindrücken inspirieren zu lassen, über Analogien neue Ideen zu entwickeln, aber ich kann mir gut vorstellen bzw. erlebe das im Alltag, das viele davon schlichtweg überfordert sind, wenn ich das, was ich im Kopf habe, eins zu eins mit anderen zu teilen versuche. Auf der anderen Seite kann ich derart fokussiert in einer einzigen Aufgabe versinken, dass ich nichts mehr um mich wahrnehme. Die normgebende Masse empfinde ich häufig als mühsam, langweilig, träge, unflexibel, problemorientiert … das bedeutet nicht, dass ich diese Menschen abwerte, aber ich bin einfach anders. Anpassung an die „Normalität“ ist möglich, aber anstrengend.

Die meisten Borderline, die ich bis dato kennengelernt habe, tragen in sich ein ähnlich komplexes Potenzial an Kreativität, Emotionalität, … auch sie sind „anders normal“. Sie in eine „normale Normalität“ zu zwingen, kann und darf niemals das Ziel einer Therapie sein, denn es wäre – meiner Ansicht nach – ein ultimativer Akt der Selbstverletzung.

Mir geht es gut, ich fühle mich ausgeglichen (manchmal etwas überarbeitet, weil zu lange am Limit, aber irgendwie ist das auch reizvoll, auf jeden Fall bewusst 😉) und mein Leben funktioniert, WEIL ich „normal abseits der Norm“ lebe. Mein Heilwerdung begann in dem Augenblick, in dem ich entschied, nicht mehr sein zu wollen wie die anderen, sondern einfach ICH selbst. In der für mich  grauen Welt öffnete sich eine Tür und ich holte jenes farbenprächtige Erleben in die Realität, das ich bislang in mir verborgen hatte.

Deshalb heute mein Appell an alle Borderline, Angehörige und jeden Menschen, der dies liest:

Sei, wer du bist! … wer du immer warst und immer sein wirst, ganz tief in dir drin, BEVOR all das in deinem Leben geschah, das dich den Glauben an dich selbst und das Vertrauen ins Leben und die Menschen verlieren ließ. Kehre zurück zum Ursprung, zur immerwährenden Quelle deiner Kraft, an den Punkt, der dich mit dem Leben verbindet, und du wirst alles finden, was du für deinen Weg brauchst: Liebe, Lebendigkeit, Lebensfreude, Leichtigkeit … all das ist in dir und wird es immer sein. Du musst es nur (wieder)finden.

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LAAAAANGWEILIG

Ganz ehrlich, es gibt nichts zu erzählen. Mein Leben funktioniert. Naja, eine gewisse Aktion ist schon da. Immerhin sitze ich gerade im Zug auf der Heimfahrt vom Skifahren bei nicht ganz optimalen Schneeverhältnissen, viel zu vielen Menschen auf den Pisten (von denen viel zu viele bei diesen Bedingungen besser nicht auf der Piste sein sollten – selten so viele Rettungseinsätze in wenigen Tagen miterlebt).

Ich werkle auch wieder an meinem Langzeitschreibprojekt JAN/A Band 3, das sich jetzt immerhin bereits über 3 Jahre hinzieht.

Was am Montagmorgen im Job auf mich wartet, wird sich erst zu diesem Zeitpunkt offenbaren, denn ich bleibe brav und halte mich von meinem beruflichen Mailaccount fern.

Kleine Problemchen im Alltag da und dort, nichts Weltbewegendes. Nichts, dass ich nicht gelassen nehmen kann.

Also, was bleibt zu erzählen?

Das ich mir wieder mal vorgenommen habe, NICHT alles, was mich interessiert, auch in Angriff zu nehmen. Sprich: mit meinen Ressourcen besser Haus zu halten. Alter Hut. Das nehme ich mir im Abstand von 6-12 Monaten regelmäßig vor, nur – dann holt mein ICH mich wieder ein und ich bin Feuer & Flamme für dies und das und jenes. Alles spannend, keine Frage, aber wie schon Paracelsus meinte: die Dosis macht das Gift. Zu viel Feuer & Flamme sorgt für einen Flächenbrand namens Burnout.

Manchmal frage ich mich, ob ich das je verändern werde. Ob ich es überhaupt verändern will. Oder ob es ein unveränderlicher Bestandteil meiner Persönlichkeit ist. Wobei – nix ist fix im Universum. Insofern ist auch nichts unveränderlich, höchstens konsequent lernresistent.

Ich starte also mit alten Vorsätzen in ein neues Jahr.

Langweilig?

Abwarten. Ich lasse mich überraschen, was kommt. Einiges steht auf meiner Agenda. Ob die Umsetzung klappt, hängt nicht allein von mir ab. Hin und wieder werde ich meine humorvolle Feder schwingen, denn es gibt so einiges, das mich zum Schmunzeln gebracht in den vergangenen Tagen.

Allen voran jene Frau, die mit elektrischer Zahnbürste im aktiven Einsatz (also zähneputzend) zur Hotelrezeption kam, um sich nach warmem Wasser zu erkundigen.

Wie war das nochmal mit „normal“?

Da bleibe ich lieber, wie ich bin, samt dem lustigen Schild „Persönlichkeitsstörung“, lasse es mir gut gehen in meinem funktionierenden Leben und langweile mich hin und wieder – was ein gutes Zeichen wäre, denn es würde bedeuten, dass ich mal nichts tue und einfach die Zeit verstreichen lasse. Herrlich langweilig.

Keine Sorge, dass hält nie lange an bei mir. Wenn ich mal nichts tue, sprudle ich kurz darauf vor Ideen 😉

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IN BESTER GESELLSCHAFT

Vor wenigen Jahren verstarb John Nash leider viel zu früh bei einem Autounfall. Er bekam den Mathematiknobelpreis verliehen – und litt beinahe sein ganzes Leben an paranoider Schizophrenie, was ihn nicht davon abhielt, herausragende Leistungen zu erbringen. Elon Musk hat eine Form des Asperger Autismus, was ihn nicht davon abhielt, reichster Mensch der Welt zu werden. Lesley B. Strong, in die Umarmung des Lebens zurückgekehrte Borderlinerin, befindet sich also in bester Gesellschaft.

Also, nicht das ich vorhabe, demnächst die reichste Frau der Welt zu werden. Auch die Verleihung des Literaturnobelpreises sehe ich punkto Wahrscheinlichkeit knapp hinter „von einer Kokosnuss erschlagen während man von einem Hai gefressen wird“ rangieren. Aber ich bin eine von denen, die offen und ohne Scham über ihr „Thema“ sprechen. Insofern in bester Gesellschaft.

In diesem Blog heute möchte ich aber nicht präsentieren, was ich für mich so alles erreicht habe, sondern daran erinnern, was am Anfang dieses Weges stand – und bei vielen anderen noch steht.

Als Kind hatte ich kaum Freunde, weil ich anders war. In der Schule wurde ich gemieden. Oft konnte ich nicht so agieren und reagieren wie die anderen. Ich war anders – und ich war viel allein. Eines Tages sagte ich zu meiner Tante, ich wäre eine Einzelgängerin. Sie gab mir zu verstehen, dass ich keine Ahnung hätte, was das überhaupt ist. In gewisser Weise hatte sie Recht: ich hatte keine Ahnung – wie ich anderen nachvollziehbar begreiflich machen konnte, was in mir drin vorging.

Ich fühlte mich allein – beinahe mein ganzes Leben lang

Heute, nachdem ich die Lebensmitte überschritten habe, baue ich mir jenes soziale Umfeld auf, das eigentlich von Beginn an hätte selbstverständlich sein sollen: ein Umfeld, in dem ich mich angenommen und erwünscht fühle. Anders als jenes Umfeld, das ich erlebt hatte, und in dem ich akzeptiert und geduldet fühlte.

Dieser Beitrag am 4. Adventsonntag will daran erinnern, dass es da draußen Kinder gibt, die sich „anders“ fühlen, aber an der Kommunikation scheitern. Wie sollte es auch anders sein? Es sind Kinder, die fühlen, aber diese Gefühle nicht zuordnen können, nicht die passenden Worte finden, nicht die Denkmuster der Erwachsenen kennen und daher auch nicht wissen, was sie sagen müssen, um verstanden zu werden.

Ob nun eine Krankheit, eine Störung oder die Folgen frühkindlicher Traumatisierungen dazu führen, dass diese Kinder „anders“ sind, sie alle brauchen ein Umfeld, in dem sie sich geborgen fühlen, angenommen als die, die sie sind; geliebt um ihrer Selbstwillen.

„Anders“ zu sein, bedeutet nicht automatisch, im Leben zu versagen, eine dauerhafte Last zu sein, ein Problem, Fehler oder welche krummen Gedanken sonst noch in den Köpfen von Menschen entstehen können.

„Anders“ zu sein bedeutet, ein Individuum zu sein, einzigartig, auf seiner eigenen Reise durchs Leben unterwegs zu sein. Kein Klon, keine Kopie, sondern ein Original, in bester Gesellschaft unter Menschen, die sich ihrer Individualität bewusst sind und authentisch auf ihren Pfaden durch die Welt wandern.

„Echt“ sein heißt das Ziel.

Unter „echten“ Menschen fühle ich mich in bester Gesellschaft.

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ICH BIN KEINE MIMOSE

… aber an manchen Tagen fühlt es sich so an. Als ich vorige Woche abends nach der Arbeit in einen Zug mit noch relativ wenigen Reisenden an Bord stieg, war ich gut drauf. Ich suchte mir einen Sitzplatz, schnappte mir mein Headset, startete meine Playlist mit Entspannungsmusik und nahm mein Strickzeug zur Hand. So weit, so gut.

Je mehr Passagiere in den Zug stiegen, je voller es wurde, desto unruhiger wurde ich. Durch mich hindurch schien eine Flut aus Gedanken und Emotionen zu strömen, die ich nicht abwehren konnte. Von Minute zu Minute wurde ich unentspannter, genervt, gereizt. Meine gute Laune war verflogen – einfach so. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte laut geschrien.

Es war kaum auszuhalten inmitten dieser Menschen.

Eingepfercht in eine Röhre aus Metall und Kunststoff, Backe an Backe gedrängt, alles mithören müssend, was rundum aus Mündern in die Welt posaunt wird und was diese nicht im Geringsten zu einem lebenswerteren Ort macht. Natürlich könnte ich meine Entspannungsmusik gegen epische Battle Musik in voller Lautstärke tauschen und meine Trommelfelle strapazieren, aber ist das wirklich die Lösung?

Bin ich eine Mimose?

Bin ich allergisch auf Menschen?

Bin ich krank?

Ganz und gar nicht. Ich glaube sogar, dass ich ziemlich gesund bin, denn ich kann meine Distanzzonen gut wahrnehmen – ebenso deren Verletzung.

Distanzzonen? Für alle, die diesen Begriff noch nicht gehört haben, hier ein kurzer Exkurs.

Es sind 4 Distanzzonen definiert, die sich auf den Abstand zwischen mir und den mich umgebenden Menschen beziehen:

  1. Die öffentliche Distanz = mehr als 3 Meter Entfernung: da kommt uns niemand zu nahe und man kann leicht gelassen bleiben.
  2. Die soziale Distanz = zwischen ca. 1,20 Meter und 3 Meter: hier verkehren wir z.B. im Job oder bei Ausbildungen mit Menschen, die wie zwar kennen, aber keine nähere Beziehung unterhalten.
  3. Die persönliche Distanz = zwischen 60 cm und 1,20 Meter: So nah lassen wir gute Freunde an uns heran und fühlen uns immer noch wohl.
  4. Die intime Distanz = 0 bis 60 cm: die sollte (damit wir uns noch wohlfühlen) für jene Menschen reserviert sein, die uns im wahrsten Sinne des Wortes nahestehen.

Für mich ist es unangenehm, wenn wildfremden Menschen sich mir auf intime Distanz nähern, ich ihre Backe an meiner Backe spüre. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass derzeit alle in dicken Winterjacken stecken. Ich spüre die Menschen physisch und emotional, fühle mich bedrängt.

An den meisten Tagen gelingt es mir ganz gut, mich auf mein Strickzeug (oder sonstige Beschäftigung) zu fokussieren, um die 50 min Fahrtzeit gelassen zu überstehen. Aber dann gibt es jene Tage, an denen es meine innere Balance erschüttert und ich mich frage, wie abgestumpft jemand sein muss, um anderen derart auf die Pelle zu rücken. Die weiteren Gedanken, die mir in den Sinn kommen, sind nicht öffentlichkeitstauglich.

Respektvoll Abstand zu wahren in überfüllten Öffis ist vielleicht nicht möglich, aber möglicherweise wäre es etwas erträglicher, wenn ein kurzer Augenkontakt, ein Lächeln oder ein nettes Wort die Situation auflockert. Immerhin stecken wir alle im selben Zug. Aber einfach nur gegen den anderen zu drängen, ohne ihn oder sie wahrzunehmen, löst das Gefühl in mir aus, kein Mensch mehr zu sein.

Gegen Tiertransporte wird protestiert, aber wenn Menschen wie Vieh zusammengepfercht werden, starren die meisten auf ihr Handy und tun so, als würde es sie das nicht berühren. Doch es berührt sie, auch wenn sie es vielleicht nicht spüren oder zugegeben. Ich glaube, es löst genau jene Gefühle aus, die ich auch empfinde.

Ich bin keine Mimose.

Ich bin ein hoch empfindsamer Mensch – und vielleicht bringen meine Gedanken andere zum Nachdenken.

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EINE ETWAS ANDERE FACETTE VON LEBENSFREUDE

Vor einigen Tagen spielte mir Facebook ein Video auf den Bildschirm. Es ging um die 3 Hauptursachen von Krebs. Keine leichte Kost – und was hat das mit Lebensfreude zu tun? Dazu komme ich gleich. Vorher noch ein paar Worte zu meiner Motivation, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Seit meiner frühestens Kindheit erlebe ich, dass Menschen in meinem Umfeld (hauptsächlich meine biologische Familie) an Krebs erkranken und die meisten auch daran sterben. Ich habe also bereits früh eine gewisse „Furcht“ entwickelt, die Nächste zu sein und daraus wiederum mich dafür interessiert, was ich tun kann, um „aus der Reihe zu tanzen“. Wenn es das Thema Krankheiten betrifft, bin ich liebend gerne das schwarze Schaf meiner Familie und gesund.

Ich teile hier den Link zu dem Video für alle, die es gerne selbst sehen möchten.

Manches in dem Video kannte ich bereits, doch eine Schilderung war für mich diesem Zusammenhang neu: Wie die Wechselwirkung von Sympathikus und Parasympathikus das Risiko an Krebs zu erkranken beeinflusst.

Hier ein kleiner Exkurs, was Google zu Sympathikus und Parasympathikus dazu findet:

Sympathikus und Parasympathikus sind Teil des vegetativen Nervensystems. Sie sind funktionell gesehen meist Gegenspieler: Während der Sympathikus den Organismus auf eine Aktivitätssteigerung („fight or flight“) einstellt, überwiegt der Parasympathikus in Ruhe- und Regenerationsphasen („rest and digest“).

Zurück zum Video und um es auf den Punkt zu bringen: sehr lange Sympathikus-gesteuerte Phasen und zu wenig Regenerationsphasen tragen ihren Teil dazu bei, Krebserkrankungen zu fördern. Außer dem üblichen Alltagsstress gehören auch Traumatisierungen und deren Nachwirkungen zum Team Sympathikus. Auf der anderen Seite versammeln sich im Team Parasympathikus neben erholsamem Schlaf, Ruhephasen, Meditation etc. auch Lebensfreude und Lachen. Irgendwie logisch. Wer Lebensfreude empfindet, ist selten zeitgleich gestresst. Zumindest erlebe ich es auf diese Weise.

Lebensfreude als Gesundheitsvorsorge?

Wenn ich auf meine Familie blicke, nehme ich ganz selten Lebensfreude wahr. Eher das Gegenteil. Insofern bestätigen sich die Aussagen des Videos. Aber wer nun denkt: Hey, ich beuge vor und empfinde Lebensfreude, damit ich nicht krank werde … wird feststellen, dass das so nicht funktioniert. Aus einer Angstmotivation heraus Freude zu empfinden ist der falsche Ansatz per se. Lebensfreude kann vielleicht bewusst gestärkt werden, aber sicherlich nicht erzwungen oder vorgetäuscht.

Wochentags verbringe ich täglich rund zwei Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln. Dabei begegnen mir hunderte Menschen, immer häufiger unmaskiert. Ich blicke in viele hübsche Gesichter, teilweise perfekt in Szene gesetzt, doch ich erblicke nur ganz selten Lebensfreude. Leblose Augen, versteinerte Mimik, die sich mitunter fratzenartig verzerrt, sobald die Person ins Handy spricht. Ohne die Worte zu verstehen, zeigen sich die dahinterliegenden Emotionen – definitiv keine Lebensfreude. Es erschüttert mich jedes Mal aufs Neue zu erleben, wie hässlich an sich schöne Menschen werden, wenn sie den Mund aufmachen und ihre Gedanken in die gesprochene Realität drängen. Kein Makeup der Welt kann das übertünchen.

Natürlich kann man auf dem Standpunkt stehen, dass es in der derzeitigen Situation keinen Grund für Lebensfreude gibt. Probleme rundum, Krisen, Teuerungen …

ABER nichts davon ändert sich, ob ich mich nun innerlich von negativen Gefühlen, Ängsten, Frust, Stress etc. zerfressen lassen, oder ob ich der Realität mit einer großen Portion Gelassenheit und Lebensfreude begegne. Die Umstände mögen nicht so sein, wie ich sie gerne hätte, ABER ich kann mich entscheiden die zu sein, die ich gerne sein möchte. Will ich meinen Frust mit dieser Welt teilen, oder meine Lebensfreude? Was soll mich bestimmen?

Aus meiner Erfahrung bei Feuerlauf-Seminaren weiß ich, dass es meine eigene Vorstellungskraft ist, die mich dazu befähigt, barfuß über glühende Kohlen zu laufen. Da ist kein Trick dabei. Nur meine Gedanken, meine Gefühle, fokussiert auf das Ziel, machen das scheinbar Unmögliche möglich.

Jeder Gedanke, jedes Gefühl, bewusst oder unbewusst, wirkt 24/7 auf jede Zelle meines Körpers.

Lebensfreude als Grundhaltung im Leben … welch ein Potenzial!

Vor einigen Jahren entschied ich mich, die zu sein, die ich innen drin immer war und immer sein werde: ein feuriger Funken Lebensfreude – die vermutlich beste Entscheidung meines Lebens 😉

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AB INS RAMPENLICHT !?!?!?

Ehrlich gesagt, bis heute Morgen wusste ich nicht, was ich diese Woche mit der Welt teilen möchte. Geschehen ist eine Menge, aber irgendwie auch nichts „Neues“.  Nichts, was ich als teilenswert im Sinne von inspirierend eingestuft hätte. Bis ich heute während meiner Morgengymnastik nebenbei in Ö3 (österreichischer Radiosender mit der größten Reichweite im Land) in der Sendung „Frühstück bei mir“ etwas aufgeschnappt habe …

Zu Gast war heute eine Frau (ich nenne hier bewusst nicht ihren Namen) mit einer außergewöhnlichen Lebensgeschichte. Als 10-jährige entführt, verbrachte sie 3.096 Tage in einem Kellerverlies, bis ihr im Alter von 18 Jahren die Flucht gelang. Über ihre Erlebnisse in dieser Zeit und ihre Strategien, all dies zu überleben, schreibt sie Bücher und tritt in der Öffentlichkeit auf.

Hier sind wir auch schon beim Punkt angekommen.

Öffentlichkeit = Rampenlicht.

Im Laufe der Sendung gab es etliche positive Rückmeldungen, aber auch Stimmen, die meinten, sie würde sich zu sehr ins Rampenlicht drängen. Eine Frage, die ich mir auch hin und wieder stelle: Dränge ich mich mit meiner Geschichte ins Rampenlicht?

Für mich persönlich waren Menschen, die außergewöhnliches erlebt haben, stets eine Inspiration. Ich weiß noch, dass ich 2x in meinem Leben einen (denselben) Menschen getroffen haben, der mich stark beeindruckt hat. Es lagen Jahre dazwischen, der Kontext war völlig unterschiedlich, doch der Mensch war derselbe: geboren als sogenanntes „Contergan-Baby“, also mit extrem verkürzten, verstümmelten Gliedmaßen, war dieser Mensch für nahezu alles (Essen, Trinken, Körperhygiene, Kleidung) auf fremde Hilfe angewiesen … und strahlte eine unglaubliche positive Energie aus, hatte einen Job (PC-Arbeit mittels eines Stiftes, den er im Mund hielt), Freunde und ging gerne aus. Wir waren gemeinsam auf einem Konzert. Keine Spur von Opfer, Anklage, Selbstmitleid …

Jahre später traf ich auf einen, dessen Heimfahrt von der Disco im Krankenhaus endete: Querschnittlähmung. 18 Jahre, kaum noch gelebt, und der nach einer schweren Zeit sich selbst wieder aufgebaut hat und danach mehrfacher Olympiasieger wurde. Mit so einem Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, ließ mich spüren: der braucht keine Selbstdarstellung. Der war ganz unten und hat sich selbst wieder raufgearbeitet. Der will weder protzen noch was verstecken. Der lebt, was er ist und will als das, was er ist, wahrgenommen werden.

Genauso geht es mir heute. Ich mag nicht so bekannt sein, wie die Frau im Radio (zumindest hat der Rundfunk bei mir noch nicht angefragt 😉) oder der Olympiasieger, aber ich bin, wer ich bin. Erzähle meine Geschichte ungeschminkt, ungeschönt; will weder protzen noch was verstecken. Will gesehen werden als die, die ich bin.

Rampenlicht ist tückisch. Stehst du mittendrin, blicken dich alle an. Erlischt es, sieht dich meistens niemand mehr.

Meine Reichweite mag überschaubar sein, dennoch gelingt es mir hin und wieder, Menschen zu inspirieren, zu motivieren. Manche begleite ich eine Zeit lang, andere kreuzen einmalig meinen Weg und ich erfahre nie, was daraus wurde, aber ich bin überzeugt, dass nichts ohne Wirkung bleibt in diesem Universum. Jeder „Impact“ löst etwas aus. Jede Begegnung bringt etwas in Bewegung, früher oder später, mehr oder weniger, in diese oder jene Richtung. Keine zwei Teilchen können im Universum aufeinandertreffen, ohne sich wechselseitig zu beeinflussen – warum sollten es zwei Menschen können? – Rampenlicht hin oder her.

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SEUCHE BORDERLINE?

Ein provokanter Titel, ich weiß, aber meine diesbezüglichen Gedanken sind nicht minder provokant. Durch die vergangenen Wochen zieht sich für mich ein roter Faden: die Borderline-Diagnose. Entweder sie betraf die Menschen direkt oder ihr unmittelbares Umfeld, entweder hatte ich diese Menschen eben erst kennengelernt oder kannte sie bereits seit Jahren. Immer häufiger habe ich den Eindruck, niemanden mehr zu kennen, der nicht in irgendeiner Weise davon betroffen ist.

Ernüchternd?

Und wie!

Deshalb hier ein paar Gedanken dazu.

Nimmt die Zahl der Borderliner zu?

Aus meiner Sicht: Ja. Da nur wenigen der Ausstieg (also die „Heilung“) gelingt und gleichzeitig jedes Jahr neue Fälle dazukommen (weil ja mehr Menschen geboren werden als im gleichen Zeitraum sterben), wächst der Anteil an Borderline-Betroffenen in der Bevölkerung automatisch.

Sind immer mehr Menschen psychisch krank bzw. gestört?

Jein. Für mich hat es eher damit zu tun, dass unsere Gesellschaft extrem fordernd geworden ist, immer weniger „Verletzlichkeit“ toleriert und damit zwangsläufig die Zerrissenheit zwischen dem, was man sein sollte und dem, was man ist, fördert.

Wenn ich die klassischen Borderline-Symptome hernehme, beginnend bei mangelndem Selbstwert, Überlastung durch Eigen- und Fremdausbeutung, Schwarz-Weiß-Denken, Angst vor dem Verlassenwerden, Identitätsverlust (Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht mehr versuche zu sein, was andere von mir erwarten?), extreme Emotionalität und Stimmungsschwankungen, Depressionen … mal ehrlich, auf irgendeine Weise ist jeder Mensch irgendwann in seinem Leben davon mehr oder weniger betroffen. Ein Test zum „richtigen“ Zeitpunkt wird mit hoher Wahrscheinlichkeit eine entsprechende Diagnose bringen.

Und was dann?

Therapie, Psychopharmaka, endlose Selbstzweifel unter dem Stigma der Diagnose, an einer Störung zu leiden. Danach folgt Ursachenforschung (= Wühlen in der Vergangenheit), hoffentlich auch Lösungsansätze kreieren (= Tools für die Gegenwart und Strategien für die Zukunft). Alles schön und gut, aber …

… wer therapiert die Gesellschaft, die ihren Beitrag dazu leistet? (Stichwort: Fremdausbeutung). Die jungen Menschen keine Chance bietet, sobald Narben an den Armen sichtbar sind. Die Narben in der Seele sehen hingegen nur wenige. Wie auch? Um die zu erkennen, muss man mit dem Herzen blicken.

An dieser Stelle könnte ich noch lange argumentieren, ein aufwühlendes Plädoyer verfassen … oder es auf den Punkt bringen, den ich wahrnehme:

Borderline ist schlimmer als eine Seuche, es ist ein Spiegel unserer gegenwärtigen Gesellschaft, in der …

  • … im Idealfall alles kontrolliert läuft, jeder Mensch wie eine Maschine zu funktionieren hat, für „Menschliches“ viel zu wenig Platz bleibt.
  • … Krankheiten all zu oft auf Symptome reduziert werden, vielleicht noch auf den Körper als Ganzes, aber Gefühle? Die Seele?
  • … die Existenz einer Seele gerne in Frage gestellt wird, weil nicht wissenschaftlich erklärbar. Oder als esoterisch abgestempelt.
  • … in der sich ganz viele selbst am nächsten sind, häufig gar nicht böswillig, sondern einfach aus der Angst heraus, etwas zu verlieren, wenn sie ihre Arme und Herzen öffnen.
  • … in der es an Vertrauen mangelt. Wie könnte es auch anders sein, bei all dem, was rundum geschieht. Wer nicht aufpasst, wird über den Tisch gezogen, betrogen, ausgenutzt.
  • … in der die Seele verkrüppelt im ständigen Misstrauen, das Herz versteinert, der Mensch krank wird und seine Psyche eine eigene Hölle des Schmerzes erschafft.
  • … in der die meisten Menschen bedürftig sind an Zuwendung, Anerkennung, Liebe, Geborgenheit, nur noch wenige in der Lage sind, all dies für sich selbst zu empfinden und es anderen weiterzugeben OHNE etwas dafür im Gegenzug zu erwarten.

Unsere Gesellschaft hat verlernt, was es bedeutet, Mensch zu sein. Im Gegensatz zu früheren Zeiten werden die Menschen heute allerdings nicht durch Kriege oder Hungersnöte abgelenkt. Wenn die Bedrohung für Leib und Leben wegfällt, tritt die Frage nach dem „wofür?“ in den Vordergrund.

Sinn und Sein.

Wer bin ich? Was ist der Sinn meines Lebens?

Zwei der wichtigsten Fragen überhaupt, denn in ihren Antworten findet sich – meiner Erfahrung nach – genau jenes, das es braucht, um aus der Borderline-Achterbahnfahrt auszusteigen und zurück in die Umarmung des Lebens zu finden.

Ist Borderline heilbar?

Meine persönliche Erfahrung: JA! Wenn man in sich hineinspürt, die eigene Bedürftigkeit entdeckt und lernt, diese zu erfüllen, aus sich selbst heraus. Nebenbei fand ich heraus, wer ich bin, was der Sinn meines Lebens ist und wie ich mit all dem, was in mir ist, ein wundervolles Leben führen kann.

Krise und Chance gehen stets Hand in Hand. Borderline kann ein Fluch sein – oder ein Segen, weil es wachrüttelt, sich den wirklich wichtigen Fragen des Lebens zu stellen, aufzuwachen, bewusst zu werden, sich als Mensch weiterzuentwickeln. Nicht zu reagieren, sondern zu agieren. Nicht zu überleben, sondern zu leben, lebendig zu sein im Augenblick, im Hier und Jetzt.

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VON DER AUSSENSEITERIN ZUM ROLE MODEL

Diese vergangene Woche war ziemlich turbulent. Gleichzeitig sind spannende neue Ideen und Projekte entstanden. Eine echte Power-Woche. Ein Ereignis sticht für mich aus der Masse hervor. Oder besser gesagt: eine Aussage.

Vor einigen Tagen sprang ich für eine Kollegin ein, übernahm ihre Gruppe. Das Thema waren Zukunftsbranchen und die eigene (berufliche) Rolle in der Zukunft.

Ich muss hier festhalten, dass ich eine sehr leidenschaftliche Trainerin bin, gerne Schwellendidaktik betreibe und dabei eine Menge Spaß habe, mit dem, was aus einer Gruppe kommt, zu arbeiten. Wenn es dann noch um Zukunft und Entwicklung geht, bin ich in meinem Element, die Teilnehmenden zu motivieren, schlummernde Potenziale auszuloten, lang gehegte Träume aus der Schublade zu holen und auf Realisierbarkeit zu durchleuchten. An diesem Nachmittag fiel das Wort Role Model. Auch am darauffolgenden Tag meldete die Gruppe meiner Kollegin rück, ich wäre ein Role Model für sie.

Was bedeutet das, ein Role Model zu sein?

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, dann erinnere ich den ersten Tag eines Schuljahres. Wir bezogen eine neue Klasse. 18 Schüler*innen, eine gerade Anzahl. 10 Zweierbänke. Ich saß in Bank rechts vorne, gleich neben der Tür – und niemand wollte sich neben mich setzen. Auch nicht an den folgenden Tagen. Oder Jahren.

Ich war eine Außenseiterin, der man aus dem Weg ging.

Ich war anders. Nicht äußerlich, aber in meinem Verhalten. Im Fühlen. Die anderen konnten es sicherlich nicht bewusst benennen, aber sie spürten es – und verhielten sich entsprechend.

Viel Zeit ist seither vergangen.

Heute werde ich also als Role Model gesehen. Die Menschen, die mir diese Anerkennung zukommen ließen, wissen nicht, durch welche Krisen ich ging – aber sie scheinen zu spüren, dass da eine vor ihnen steht, die ganz genau weiß, wovon sie spricht. Keine leere Worthülsen. Wenn ich sage, dass in jedem ein Potenzial steckt, das entfaltet werden kann, dann ist das meine volle Überzeugung, geboren aus der Erfahrung, einst selbst eine ausgegrenzte Außenseiterin gewesen zu sein, die ihre Potenziale heute lebt.

Was bedeutet es für mich, als Role Model gesehen zu werden?

Es erfüllt mich mit Freude, mit Dankbarkeit, bringt mich zum Schmunzeln, weil ich mich überhaupt nicht besonders fühle. Anders, ja, eigenwillig mitunter. Aber nachahmenswert? Wenn es etwas gibt, dass man an mir nachahmen sollte, dann ist das meine konsequente Suche nach Lösungen sowie die Kreativität, die ich dabei an den Tag lege. Und vielleicht noch meinen Humor, über mich selbst lachen zu können, wenn’s mal nicht so klappen will, wie ich mir das vorgestellt habe.

Andere sehe mich als Role Model. Ich selbst sehe mich – nein, nicht länger als Außenseiterin – eher [nicht] ganz alltäglich.

Will ich ein Role Model sein?

Jein. Andere zu inspirieren, neue Wege und Lösungen für sich zu finden, ist eine starke Antriebsfeder in meiner Arbeit. ABER (absichtlich großgeschrieben) für mich liegt auch eine Herausforderung in dieser Role, zumindest wenn ich direkt mit Menschen zu tun habe. Diese Herausforderung hat 6 Buchstaben: GEDULD.

Ich habe meinen Weg gefunden, mit einigen Umwegen und Verirrungen zwar, aber dennoch bin ich angekommen – an einer Zwischenstation, denn mein besserwisserisches Ego ist noch sehr lebendig, neigt dazu, effizientere Wege zu erkennen als die betreffenden Personen für sich festlegen. Nicht einzugreifen (solange keine Gefahr droht), und Menschen ihre eigenen, fallweise umständlichen Lernschritte machen zu lassen, kann mitunter enervierend sein. Es ginge ja anders, aber ich übe mich in Geduld – manchmal etwas zähneknirschend und augenrollend.

Das Role Model hat noch einiges zu lernen – und das ist gut so 😉

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