SPÜR IN DICH HINEIN

Vor wenigen Tagen postete ich diese Gedanken:

Wenn du unheilbar krank wärst und deine einzige Chance auf Heilung bestünde darin, dein Herz zu öffnen und zu zeigen, was du fühlst, was dir gut tut und was dich verletzt… würdest zu zögern?

Was denkst du, heilt die Wunden in deiner Seele.

Zeit?

Vertrauen?

Die Rückkehr in die Umarmung des Lebens?

Spür in dich hinein. Tief in dir kennst du die Antwort seit langem…

Es ist für mich an der Zeit, in die Tiefe zu blicken.

In diesen Gedanken spiegelt sich zweierlei wider: Zum einen arbeite ich mich gerade als Vorbereitung auf die Fertigstellung von JAN/A Band 3 durch die beiden vorangegangenen – und beobachte meine Reaktionen dabei. Was hat sich verändert? Erkenne ich mich selbst in der Geschichte? Oh ja, das tue ich. Mehr noch, ich entdecke so einiges, dass ich schlichtweg als „genial“ bezeichne, wie ich während des Schreibprozesses unbewusst schwierigste Themen für mich aufgelöst habe – und was sich noch so alles zwischen den Zeilen versteckt. Erneut wird mir Vielschichtigkeit meiner Persönlichkeit bewusst, komplex und vermutlich für manche schlichtweg überfordernd, wie ich mich zwischen Emotionen bewegen kann, sie auslebe und im nächsten Augenblick ablege, wie einen Mantel, um in ein anderes Gefühl zu schlüpfen, das ich empfinden will. Wie ich aus der Dunkelheit emporsteige, gleich dem Phönix, der sich neugeboren aus den Flammen erhebt, Schmerz in Lebensfreude verwandelt. Ich liebe meine JAN/A-Bubble.

Zum anderen ist da die bevorstehende Charity-Veranstaltung am kommenden Wochenende. Lesungen sind mir nicht neu, vor Publikum zu agieren ebenso wenig, doch was ich vortrage, wird keinen Raum für Abgrenzung – für Sicherheit – lassen. Es sind Worte, die unmittelbar aus meinem Fühlen kommen, die offenbaren, wer ich in meinem Innersten bin. Berührbarkeit pur. Verwundbarkeit ebenso. Mit Kritik und negativem Feedback kann ich umgehen. Was mir ein wenig Sorge bereitet, ist etwas anderes: Anerkennung für meine Arbeit als Autorin zu bekommen, ist wunderbar, berührend, bereichernd, Licht für die Seele – doch nicht ohne Schatten. Wie alles im Leben gibt es auch hier eine zweite Seite.

Zeige ich, wer ich bin, bekomme dafür Anerkennung, fühlt sich das unbeschreiblich gut an – ein Gefühl zu schweben, zu fliegen, nicht mehr an den Boden gebunden zu sein. Ein ambivalentes Gefühl. Ohne je mit Drogen experimentiert zu haben, vermute ich, dass genau das der Reiz an Rauschzuständen ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass mein Organismus dabei einiges an körpereigenen Opiaten freisetzt. Ein „Runners High plus“ mal anders – mit Suchtfaktor. Fatal, denn der Bezug zur Realität geht dabei flöten. Überdreht, wäre ein passender Begriff. Unbesiegbarkeit das Gefühl dahinter. Eine gefährliche Hybris, denn irgendwann endet der Rausch. Was danach folgt, ist ein tiefes schwarzes Loch.

Spür in dich hinein. Tief in dir kennst du die Antwort seit langem…

… doch diese Antwort ist nicht so leicht zu nehmen, denn sie bedeutet, der Dunkelheit zuzustimmen. Sie ist und wird immer ein Teil von mir sein, der auch gelebt werden will. Unterdrücke ich diesen Teil, entsteht Druck in mir, der sich früher oder später entlädt – auf die eine oder andere Weise. Deshalb stimme ich heute jedem Teil von mir zu – auch der Dunkelheit – gebe jedem Raum in meinem Leben, vermeide dadurch Druck. Zu Beginn lagen diese „Räume“ nur in meiner Fantasiewelt. Das machte durchaus Sinn, denn mittlerweile haben Forscher herausgefunden, dass sich auch in Fantasiewelten Heilungspotenzial verbirgt. Warum auch nicht? Unser Unterbewusstsein kann nicht zwischen Realität und Fantasie unterscheiden. Was wir uns vorstellen können, wirkt auch auf uns.

Doch mit Fantasiewelten allein ist es nicht getan. Was ich bin, alle Persönlichkeitsanteile von mir, wollen auch in der realen Welt gelebt werden. Genau das werde ich in einer Woche tun, den empfindsamsten Teil von mir zu leben, inmitten unter mir fremden Menschen. Zeigen, wer ich bin. Ohne Masken, ohne Fassade – und den Boden unter den Füßen behalten.

Eine Herausforderung? Ja.

Ein Risiko? Jein. Ich erkenne mittlerweile rasch, wenn ich „abhebe“ und habe meine Techniken, mich wieder zu erden.

Natürlich könnte ich den „einfachen“ Weg einschlagen, und darauf verzichten, jene Teile von mir auszuleben, die mich Richtung „emotionalem Überflug“ bringen, doch dann wäre ich nur eine zensierte Version von mir selbst und wieder beim Thema Unterdrückung. Für mich ist es eine Form von Selbstverstümmelung, Teile meiner Persönlichkeit auf diese Weise „auszuschalten“. Alles in und an mir will LEBEN. Teile von mir vom Leben abzuschneiden, riss einst Wunden in meiner Seele auf. Heute heile ich diese Wunden in meiner Seele, indem ich mehr und mehr zeige, wer ich bin.

Vielleicht bekomme ich dabei hin und wieder unerfreuliche Rückmeldungen, treffe auf Ablehnung, doch nichts von alldem kann noch nachhaltig auf mich wirken, die ich tief in meinem Innersten beschlossen habe, dieser Welt mein wahres Gesicht zu zeigen.

Ich war einst unheilbar krank, da ich mir verwehrte, ich selbst zu sein. Heilung fand ich in mir selbst. Die Antwort war die ganze Zeit über da, all die Jahre, die ich nicht wagte, in mich hineinzublicken und zu spüren: Ich bin, wer ich immer war und immer sein werde – ein feuriger Funken Lebensfreude 😊

Was findest du, wenn du in dich hineinspürst?

GRAS WÄCHST AUCH NICHT SCHNELLER …

… wenn man dran zieht. Diese volkstümliche Weisheit begegnete mir das erste Mal Anfang der 2000er-Jahre. Sie hat sich – wieder einmal – als äußerst zutreffend für mich erwiesen.

Seit knapp einem Jahr habe ich etwas vor mir hergeschoben, dass ich grundsätzlich gerne tun wollte, weil es für meine Borderline-Auflösung einen wichtigen Schritt darstellt, doch gleichzeitig habe ich mit auf jede nur erdenkliche Weise davor gedrückt und alle Ablenkungen und Zwischenfälle priorisiert.

Worum es geht?

Um das Finale meiner JAN/A-Trilogie, meiner in Echtzeit geschriebenen Borderline-Auflösung in Romanform. Vor wenigen Tagen habe ich die Arbeit daran aufgenommen, motiviert durch mein wachsendes schlechtes Gewissen bei dem Blick auf meinen Zeitplan. Immerhin wollte ich Ende 2021 damit fertig sein. Doch Stand heute fehlen noch 3 von 7 Kapiteln.

Welch Hybris von mir, zu denken, ich setze mich hin und schreibe die Story einfach zu Ende. Den Verlauf der Handlung kenne ich seit 2018, daran hat sich nichts geändert. JAN/A sollte noch ein paar Überraschungen für mich parat halten, denn kaum hatte ich begonnen, eine – zugegeben emotional herausfordernde – Szene zu schreiben, fügte meine Intuition (ich schreibe in einer Art Wachtrance) neue Elemente hinzu, die so nicht angedacht waren. Aber sie fühlten sich stimmig an, weshalb ich sie übernahm. Gleichzeitig wurden mir auch Zusammenhänge bewusst, die zuvor noch im Dunkeln lagen. Mein Verständnis dessen, warum manches wie in meinem Leben geschehen ist, gewann eine neue Dimension dazu.

Mittlerweile denke ich den unbewussten Grund für mein Ausweichen im vergangenen Jahr zu kennen: Ich brauchte noch Zeit, mich dem zu stellen und das zuzulassen, was nun geschieht. Und es tut sich sehr viel. Als hätte ich einen Sturm im Wasserglas entfesselt und alles, was sich dort abgesetzt hatte, aufgewirbelt, damit es sich neu ordnen kann. Einschlafprobleme, unruhige Nächte, körperliche Schmerzen, Sinnfragen, demonstrative Abgrenzung – alles wieder da. Dennoch anders als früher. Ich weiß, das mein Schreib- bzw. Auflösungsprozess dafür verantwortlich ist. Ich rüttle bewusst an allen mir bekannten Türen und Schubladen, spüre in mich hinein auf der Suche nach verbliebenen Verstrickungen, Verspannungen und Konflikten. Mein Unterbewusstsein antwortet mit Symbolen, Metaphern, Wendungen in der Geschichte… JAN/A ist eine niedergeschriebene intrapersonelle Teilearbeit. Mein innerer Dialog in den Bildern meiner Seele. Ziemlich fantasievoll und emotional. Eine alternative Realität, in der das geschehen kann, was in der realen Welt in der Vergangenheit verabsäumt wurde und auch in der Gegenwart kaum umzusetzen ist.

Mein Ort des Heilens: meine JAN/A-Bubble

Der Schreibprozess ist meine Zeit des Heilens.

Doch … Ego, Wille und Co hin oder her … es geht nicht schneller, nur weil ich dran ziehe, oder darauf drücke im Sinne von Einhalten des Zeitplans.

Wie könnte es auch?

Was vor Jahren oder Jahrzehnten zerbrochen, entweder gar nicht oder nur behelfsmäßig geflickt wurde, braucht nun auch seine Zeit, um wieder zu heilen.

Diese Worte legte ich vor wenigen Tagen Jana in den Mund: „Geduld war keineswegs meine größte Tugend, jedoch erforderte mein ausgefeilter Plan reichlich davon.“ … und hielt mir damit selbst einen Spiegel vor meine Nase.

Mein „Plan“, mich mit den 3 Bänden von JAN/A (oder 3 Entwicklungsphasen im Sinne von auf mich selbst zugehen, mich selbst annehmen, mit mir selbst leben) zurück in die Selbstbestimmung meines Lebens zu schreiben, entstand zwar eher unbeabsichtigt, aber nachdem mir die damit verbundenen Möglichkeiten bewusst geworden waren, folgte die weitere Umsetzung aus voller Überzeugung. Nur den Faktor „Zeit“ hatte ich nach Band etwas leichtfertig behandelt, indem ich dachte, ich bestimme, wann ich fertig bin. Das tue ich nicht.

Traumatisierungen oder (romantisch gesprochen) eine verletzte Seele heilen nicht nach einem getakteten Fahrplan. Die Route zurück zu mir kenne ich (seit langem), folge ihr auch konsequent, doch das Tempo bestimmt nicht mein Verstand, sondern mein Fühlen, das sich langsam vortastet in eine Welt außerhalb der heilenden Bubble.

Jana hat ein passendes Mantra, das ich wohl selbst öfters rezitieren sollte: „Ruhe und Gelassenheit, Jana, Ruhe und Gelassenheit.“

Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht.

Bild: pixabay.com

OAFOCH NUA GUAD GEH LOSSA oder

EINE GEWAGTE THEORIE

Ein Wochenende in den Gasteiner Bergen, über mir strahlend blauer Himmel, unter mir griffiger Schnee, und mir dazwischen geht’s einfach nur gut (übersetzt: oafoch nua guad). Ein Setting, das als Abschluss einer abwechslungsreichen Woche zu folgenden Gedanken geführt hat …

Ich brauche keinen Luxus, damit’s mir geht gut. Alles, was ich dafür brauche, ist der Freiraum sein zu können und sein zu dürfen, wer ich bin. Aber vielleicht ist das genau der größte Luxus im Leben? Sein zu dürfen und zu können, wer man ist. Im eigenen Rhythmus zu leben – was in meinem Fall (also bekennende Workoholic) nicht bedeutet, nichts zu tun. Eher schon das zu tun, was gut tut und Spaß macht. Aus meiner Sicht ist das DER Schlüssel für den Ausstieg aus der Fremdsteuerung durch Borderline (und generell für alle Menschen der Weg zu einem gelingenden Leben): gute Gefühle.

Deshalb präsentiere ich an dieser Stelle eine gewagte Theorie, die nicht auf wissenschaftliche Studien zurückgreift, sondern aus meinen empirischen Beobachtungen gewachsen ist. Eine gewagte Theorie über das (nicht) unstillbare Bedürfnis nach der Umarmung des Lebens.

Niemand kann verändern, was in der Vergangenheit geschehen ist. Immerhin gibt es keine Zeitreisemaschinen und wenn es sie gäbe, wer weiß, was die Menschen damit alles anstellen würden. Daher gilt aus heutiger Sicht: Was geschehen ist, ist geschehen. Es mag Wunden und Narben hinterlassen haben, schmerzhafte Erinnerungen, Ängste und Misstrauen … eine Menge negativer Emotionen, über die man schier endlos reden und sie analysieren kann. Aber ändert das etwas? Meine eigene Erfahrung: nein. Okay, man versteht, warum man in der Gegenwart ist, wer man ist, was die Ereignisse der Vergangenheit dazu beigetragen haben. Dennoch bleibt dieses Verstehen auf rationaler Ebene, und die Gefühle drehen sich weiter in ihrer emotionalen Endlosschleife.

Kleiner Denkanstoß nebenbei: viele Borderline wissen genau aus diesem Grund des ständigen Analysierens eine Menge über Psychologie und sind in der Lage, Psychotherapeuten zu täuschen, mehr unbewusst als bewusst, um jenes negative innere Bild am Leben zu erhalten, das in der Vergangenheit gezeichnet wurde.

Der Ausstieg bzw. der Schritt Richtung Heilwerdung beginnt damit, einem anderen, positiven, liebevollen Bild von sich selbst zuzustimmen – und das kann heftig sein, denn es können sich himmelhohe Hindernisse auftürmen und bodenlose Abgründe aufbrechen. Alles, nur um nicht in die Selbstliebe zurückzufinden, in das Gefühl, liebenswert zu sein, die Gewissheit, vom Leben umarmt zu sein und alles Glück dieser Welt um seiner Selbstwillen verdient zu haben.

Wie gesagt, nicht der Kopf sollte das denken, sondern das Herz es fühlen. Dazwischen liegen Welten!

Es sich einfach nur gut gehen lassen – das konnte ich Jahrzehnte nicht. Einfach nur das Leben genießen, im Hier und Jetzt, den Brain Traffic zum Stillstand bringen und den Augenblick erleben.

Gute Gefühle sind mein Weg und Schlüssel zu diesen beinahe magischen Momenten.

Ganz viele gute Gefühle.

Sie bewusst wahrnehmen, sie zum Ausdruck bringen, anderen davon erzählen, oder – in meinem Fall – darüber schreiben in Geschichten und Gedichten. Mir selbst vor Augen halten, dass es mir gut geht und dadurch jenes längst überholte Bild der Vergangenheit mit jedem Wort bunter, lebendiger, liebevoller, lebenswerter gestalten. Das ist mein Weg des Ausstiegs aus Borderline.

So einfach kann es sein?

Um ehrlich zu sein: ja.

Wenn ein Kind heranwächst ohne das Gefühl vermittelt zu bekommen, in Ordnung zu sein, so wie es ist (was in den meisten Fällen leider genau so geschieht), dann wird das Bedürfnis nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit nicht gestillt. Das Kind wird nie „satt“, fühlt sich nie um seiner selbst geliebt. In ihm entsteht eine Art „emotionales schwarzes Loch“, das alles aufsaugt, dessen es um jeden Preis habhaft werden kann, jede Form der Anerkennung (und seien es Schläge – und sie sind eine Form der Anerkennung, des „wahrgenommen werden“, wenngleich in einer schrecklichen Form.)

Das Kind wird heranwachsen, doch das unerfüllte Bedürfnis bleibt. Es wächst sogar mit. Deshalb laufen so viele Erwachsene in der Welt herum, die innerlich „hungrig“ sind nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit, und diese Bedürfnisse auf ihre jeweilige Art und Weise zu stillen versuchen. Doch das gelingt nicht dauerhaft, denn das emotionale schwarze Loch in ihnen ist nach wie vor ein Fass ohne Boden. Vor allem realisieren diese Menschen gar nicht, was sie bekommen, den ihr rationales Denken fokussiert auf den Ereignishorizont, also den noch sichtbaren Bereich des schwarzen Loches, in dem die Emotionen verschwinden werden, ohne anerkennend wahrgenommen zu werden.

Zu abstrakt?

Machen wir es einfach: Um das innere (negative) Bild durch gute Gefühle nachhaltig verändern zu können, ist es wichtig, diese guten Gefühle bewusst wahrzunehmen, sie anzuerkennen (ja, das, was man selbst nicht bekommen hat, soll man nun tun), sie wertzuschätzen (liebevoll auf sie zu blicken) und erst danach führen sie zurück in die Umarmung des Lebens (Geborgenheit pur).

Das es funktioniert, habe ich selbst erlebt.

Ob es für jeden funktioniert, hängt wohl davon ab, wie jeder es umsetzt. Ich denke: ja, aber man kann sich dabei auch auf vielfältige Weise selbst im Weg stehen (auch das durfte ich selbst erleben). Einmal mehr gilt es: Bedingungslos zu sich selbst JA zu sagen. Man muss nicht alles an sich selbst toll finden, aber es als Teil von sich selbst akzeptieren. Schließlich hat man die Freiheit, sich selbst nach Belieben weiterzuentwickeln, neues dazuzulernen, zu wachsen, ohne etwas von sich selbst abzulehnen. Ganz im Gegenteil: es als das zu achten, was es ist – ein Teil. Das große Ganze besteht aus vielen unterschiedlichen Teilen und sie alle haben ihre Berechtigung. Mit Ablehnung auf einzelne davon zu blicken, reißt Gräben in uns auf. Ihnen zuzustimmen und sie in Liebe zu umarmen, baut Brücken.

Die Conclusio meiner (nicht) grauen Theorie:

Lass es dir gut gehen, nimm dies bewusst wahr und heile dadurch die Wunden deiner Seele.

Oder anders (in meiner Bergsprache) gesagt: Loss da oafoch guad geh.

Bild: Lesley B. Strong (Blick ins Gasteiner Tal vom Stubnerkogel)

EIN GOLDENER KÄFIG

… so nenne ich manchmal die menschliche Komfortzone. Dieser Begriff beinhaltet als das, was ein Individuum kennt und kann … andere Menschen, Orte, Tätigkeiten … alles, was vertraut ist, wenngleich es nicht immer angenehm sein muss. Aber zumindest weiß man, was es ist, kann das Risiko einschätzen und sich einigermaßen „sicher“ fühlen. Deshalb golden.

Außerhalb dieser Komfortzone lauert das Unbekannte auf jeden von uns. Orte, die wir nicht kennen. Menschen, denen wir noch nie begegnet sind. Tätigkeiten und Handlungen, die wir noch nicht getan haben und daher nicht wissen, ob wir das können. Was wiederum impliziert, dass wir damit gewaltig auf die Nase oder anderes fallen können. Und dies zum Amüsement anderer. Oder zu unserem eigenen (finanziellen oder anderen) Ruin. Weshalb nahezu jeder Mensch über einen gewissen „inneren Wächter“ verfügt, der uns davon abhält, allzu voreilig und unbedacht aus unserer Komfortzone zu stürmen. In gewisser Weise wird sie durch diesen inneren Wächter zu einem Käfig, der uns schützen soll, aber eben auch einsperrt.

Unser goldener Käfig aka Komfortzone ist schon etwas Geniales, ebenso wie etwas Problematisches.

Letzteres speziell dann, wenn wir etwas in unserem Leben verändern wollen in Sinne von etwas Neuem, dem wir uns erstmals widmen. Dann nämlich mahnt unser innerer Wächter zu (häufig übertriebener) Vorsicht, erinnert an vergangene Episoden des Scheiterns und prophezeit eine Wiederholung, dämpft jene Energie, die uns voran treiben würde … Ich denke, auch ohne dies weiter auszuführen kann sich jeder vorstellen, was ich meine oder auf eigene Erinnerungen zurückgreifen.

Heute finde ich es amüsant und erschreckend zugleich, wie lange ich mich von meinem inneren Wächter kontrollieren ließ, ohne die von ihm prognostizierten Schreckensbilder auf ihre Relevanz hin zu hinterfragen. Ich könnte mir selbst also eine gewisse „konsequente Lernresistenz“ attestieren (die glücklicherweise zwischenzeitlich ausgestanden ist) oder es nobler formulieren: Ich nahm mir reichlich Zeit zur empirischen Überprüfung gewisser Theorien im Selbststudium. Wie auch immer …

Die Kernaussage bleibt dieselbe: ich stand mir selbst im Weg bzw. hockte in meinem goldenen Käfig und starrte hinaus in die weite Welt mit Wunschträumen im Kopf, die ich nicht umzusetzen wagte.

Bei diesen Wunschträumen handelte es sich nicht um Weltbewegendes. Ganz im Gegenteil. Im Grunde waren es „banale“ Dinge, wie einfach meine Gefühle und Bedürfnisse anderen Menschen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Oder einfach mal zu tanzen, wenn mir danach war und die Musik meine Beine lockte. Ein Selfie zu machen und dies zu teilen.

Wenn ich so darüber nachdenke, waren und sind genau jene „Banalitäten“ mitunter „weltbewegend“ – sie bewegten nämlich meine eigene „Welt“, denn sie waren kein Teil meiner Komfortzone. Aus der musste ich raus, um eben jenes tun zu können. Raus aus dem goldenen Käfig hinein in eine unbekannte Dimension des Lebens.

Was würde mich dort erwarten? Heute kenne ich die Antwort, aber bevor ich sie verrate, noch ein paar weitere Gedanken.

Ohne Übertreibung treffe ich gefühlt täglich Menschen, die aus ihrem goldenen Käfig in die Welt hinausstarren. Längst habe ich aufgehört, aktiv nach den Gründen für ihr Verharren in ihrer Komfortzone zu fragen. Auch wenn diese Gründe auf den ersten Blick sehr unterschiedlich erscheinen mögen, im Kern geht es stets um dasselbe: sie stehen sich selbst im Weg bzw. überlassen ihrem inneren Wächter die Kontrolle über ihr Leben. Dieser Wächter sollte jedoch nur als Berater fungieren, nicht als Steuermann oder gar Kapitän. Für diese Funktion fehlt dem Wächter nämlich der komplexe Weitblick und die Vision der Veränderung.

Stichwort Veränderung. Einer der beliebtesten Gründe, in der Komfortzone zu verharren, und sich selbst den Schritt hinaus zu verwehren, ist diese.

„Veränderung ist schwer.“

Schade, dass du gerade nicht das leicht süffisante Lächeln in meinem Gesicht sehen kannst, wenn ich in meinem Kopf jenes formuliere:

„Veränderung ist stets so schwer oder leicht, wie du dir selbst erlaubst, dass sie sein darf!“

Mit dieser Aussage habe ich schon so einiges ausgelöst. Von Verärgerung und wortlosen Abgang, bis zu beschämtem Erröten oder verständnislosem Kopfschütteln. Dabei ist sie absolut logisch und nachvollziehbar. Das gesamte „Problem“ inklusive goldenem Käfig, innerem Wächter und Erinnerungen an Scheitern existiert ausschließlich in unserem Denken. Wer sonst als wir selbst kann uns in unserem Denken im Weg stehen? Natürlich wird manchmal versucht, die „Schuld“ für das eigenen Denken auf jene zu schieben, die verursacht haben, dass man so denkt wie man denkt …

Naja, Ausreden gibt’s viele auf dieser Welt. Mindestens so viele wie es Menschen gibt. D.h. die Ausreden werden täglich mehr. Aber im Fall eines erwachsenen, mündigen und sich selbst als handlungsfähig einstufenden Menschen sind dies Ausflüchte, denn sich aus der Fremdsteuerung durch Konditionierung zu befreien, ist Teil des Entwicklungsprozesses eines jeden Menschen. Somit auch Teil unserer individuellen Verantwortung der Menschheit gegenüber.

Wenn ich dich an dieser Stelle aus deiner eigenen gedanklichen Komfortzone schubse, kann ich nur sagen: „Willkommen im Club“. Mir erging es vor vielen Jahren genauso. Ich war einst eine Weltmeisterin der Ausreden, der Schuldzuweisungen an andere und des Verharrens in der Opferrolle. Dies war mein goldener Käfig, der mich davon abhielt, meine Zeit hier auf Erden nach meinen Bedürfnissen, Wünschen und Vorstellungen zu gestalten. Der mich davon abhielt, voller Lebensfreude das Wunderbare im Alltäglichen zu entdecken und dankbar für jede – wirklich jede – Erfahrung meines Lebens zu sein.

Meine persönliche Komfortzone ist längst kein goldener Käfig mehr, sondern ein dynamisches, vielfältiges, sich ständig erweiterndes Haus. Meine persönliche Villa Kunterbunt. Jedes Mal, wenn ich einen Fuß aus dem Haus hinaus in die Welt setze, weiß ich – fühle ich – dass mich eine Umarmung des Lebens erwartet. DAS ist einer jener Wunschträume, die für mich real wurden, als ich wagte, meinen goldenen Käfig namens Komfortzone zu verlassen.

Bild: pixabay.com

AUFBRUCH IN EINE NEUE WELT

Nach meiner dreiwöchigen Auszeit vom Alltag in Form eines Kuraufenthaltes und einer weiteren Woche des „wieder Ankommens“ in meinem alten (oder neuen) Leben, stelle ich fest, dass einiges dabei ist, sich zu verändern – oder dies bereits getan hat. Interessanterweise trifft dies ziemlich genau vier Jahre nach meinem Aufbruch der Reise zu mir selbst ein.

Am 13.10.2017 initiierte ich einen Richtungswechsel: Schluss mit dem Blick nach außen, dem Vergleich mit anderen und der Suche nach externen Lösungen. Das „Problem“ existierte in mir – also musste auch die „Lösung“ dort zu finden sein. Lerne zu lieben, was niemand sonst zu lieben vermag – außer der Einen (also mich), die dafür geboren wurde (sich selbst zu lieben). Nun, was daraus entstand, ist mittlerweile Geschichte … im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich „eine [nicht] ganz alltägliche Liebesgeschichte“.

Wie ich in den vergangenen Tagen realisiert habe, endet es allerdings (noch) nicht. Neue Wege zeichnen sich ab. Oder besser gesagt: mein Lebensstil passt sich stärker meinem wahren Wesenskern an. Sport und Bewegung rücken wieder mehr in den Fokus. Dominieren beruflich Strukturen und „Unverrückbares“, zieht es mich in der Freizeit Richtung Freiheit. Spontaneität nimmt deutlich mehr Raum ein. Tradierte Überzeugungen (zu täglichen Aufgaben im Haushalt wie Kochen) verblassen (oder doch nur 2x pro Woche auf Vorrat?). Gebügelt habe ich zuletzt … ich weiß es nicht mehr. In Kürze steige ich für viele Fahrten wieder auf Öffis um. Ich hab ganz einfach keinen Bock mehr, meine Lebenszeit 2x täglich im Stau zu verschwenden. In der Bahn kann ich wenigstens dösen, oder lesen, stricken … alles, nur nicht konzentriert und angespannt darauf achten, welche schwachsinnigen Aktionen andere rund um mich setzen und damit sich selbst und MICH gefährden. Außerdem bietet es sich an, über das Klimaticket meine Heimat Österreich übers Wochenende stressfrei zu erkunden – was allein im Auto sitzend eine anstrengende Aktion wäre. Die Bahn rollt und ich entspannt mit ihr.

Die Qualität dessen, was ich in meiner Lebenszeit unternehmen, hat einen neuen Stellenwert bekommen. Ich wurde nämlich – wie mir mittlerweile klar ist – während meiner Kur „infiziert“. Mit einem Gedanken. Oder besser gesagt: mit einer Frage, die sich unterschiedlich betonen lässt:

WILL ich das?

Will ICH das?

Will ich DAS?

Über diese drei Worte in unterschiedlicher Betonung lohnt es nachzudenken.

WILL ich das? à Was auch immer es ist, WILL ich es wirklich? Oder habe ich das Gefühl, es zu müssen, keine Alternative zu haben (was meiner Erfahrung nach so gut wie nie zutrifft). Ist es mein eigener Wille? WILL ich täglich im Stau stehen? Definitiv NEIN!

Will ICH das? à Ist es mein Interesse bzw. meine Entscheidung? Oder will ICH etwas anderes? Mache ich es trotzdem (aus eigener Entscheidung), weil ich jemand damit helfen/unterstützen/eine Freude machen … will? Ist es also meine eigene Entscheidung? Ja, es ist meine eigene Entscheidung. Ich könnte mit dem Auto fahren, aber ICH will nicht, sondern ICH entscheide mich für etwas anderes.

Will ich DAS? à Auch hier die Frage, ob DAS jenes ist, das ich will. Der Fokus liegt auf dem DAS? Im Stau stehen, DAS will ich definitiv, daher wähle ich eine andere Option für mich.

Eine Frage bestehend aus 3 Worten, betrachtet aus 3 unterschiedlichen Blickwinkeln.

Eine Frage, die enormes Potenzial in sich trägt.

Eine Frage, die mir in den vergangenen Tagen und Wochen bewusst machte, dass ich mich in mehr Bereichen von alten Gewohnheiten bzw. übernommenen Einstellungen (z.B. aus meinem Elternhaus) leiten ließ, obwohl sie nicht zu mir passten, als mir bis dato klar war. Ängste, die meine Eltern aufgrund der Zeit, in der sie heranwuchsen, durchaus berechtigt hatten, sind heute häufig obsolet geworden. Ängste sind grundsätzlich ein spannendes Thema, wenngleich ambivalent. Manche Ängste habe ihre Berechtigung und schützen uns, doch hinter vielen Ängsten verbirgt sich keine reale Bedrohung, sondern etwas, das sich in unser Unterbewusstsein eingebrannt hat. Zumeist intensive negative Erfahrungen bis hin zu Traumatisierungen, aber auch Konditionierungen durch ständiges Vorbeten von „was nicht alles schiefgehen könnte und was nicht alles schlecht/bedrohlich ist“. Ängste zu hinterfragen ist wichtig, um eigene (und nicht vorprogrammierte) Entscheidungen für das eigene Leben treffen zu können.

„WILL ICH DAS?“ hilft zu hinterfragen.

Hinterfragen ist eine wichtige Basis für bewusstes Leben.

Bewusstes Leben schützt dafür, eines Tages wie eine Art „Zombie“ durchs Leben zu laufen, ferngesteuert von Konditionierungen, die uns irgendwann irgendwer in den Kopf gepflanzt hat und die seitdem wie ein veraltetes Betriebssystem das Vehikel Mensch durch den Alltag manövrieren.

Ein „Zombie“ lebt, aber ist nicht lebendig.

Lebendigkeit beginnt damit, bewusst zu leben.

Um bewusst zu leben, sollte man anfangen … richtig, zu hinterfragen 😉

„WILL ICH DAS?“

Diese kleine Frage bestehend aus 3 Worten traf zur richtigen Zeit auf meinen offenen Geist, um ihre wunderbare Wirkung entfalten zu können. So breche ich mit ihr auf zu neuen Horizonten, in (m)eine neue Welt, das Jahr 5 meiner Reise zu mir selbst.

Bild: pixabay.com

ÜBER WEGE UND REISENDE

Vor wenigen Tagen entstand das heutige Titelbild während eines abendlichen Waldspaziergangs. Gestern gesellte sich ein paar lebensphilosophische Gedanken dazu, die ich heute hier teilen und auch näher auf die Hintergründe eingehen möchte:

Wer einen neuen Weg in unbekanntes Terrain einschlägt, muss damit rechnen, auch mal vom Weg abzukommen, bevor das Ziel erreicht ist.

Wer aus Angst davor, sich zu verirren, am Start verharrt, wird nie ankommen.

Wer glaubt, unbekanntes Terrain nur im Außen zu finden und keinesfalls in sich selbst (weil man sich selbst ja kennt), wird einige Überraschungen erleben.

Wer sich mit einer gesunden Portion Neugier und Vertrauen auf die Reise macht, wird Wunderbares entdecken.

Ach ja, zwischendurch nach dem Weg zu fragen ist voll OK und ein Zeichen von gesundem Menschenverstand 😉

All jene, die mich inzwischen ein wenig kennen, vermuten nun zu Recht, dass einige Begegnungen mit „Menschen auf dem Weg“ (sprich: Reisenden) zu diesen Gedanken geführt haben. Worte, die auch einen mahnenden Aspekt in sich tragen, wachsam und achtsam zu bleiben, um nicht der Selbsttäuschung zu erliegen.

Wenn ich dies im Umfeld erkennen kann, hat es immer auch etwas mit mir zu tun.

Nun, auch ich begebe mich derzeit auf einen neuen Weg in unbekanntes Terrain. Ein paar überholte innere Bilder gilt es für mich zu verändern. Aufräumen in der untersten Schublade, in der sich unangebrachte Schuldgefühle verstecken, die wiederum ihrerseits schmerzhafte zwischenmenschliche Dynamiken befeuern.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie tief all dies verwurzelt ist. Selbst wenn mein Umfeld nun ein anderes ist und auch von den Menschen rund um mich agiert wird, wartet ein Teil von mir die ganze Zeit über, dass wieder das geschieht, was ich über Jahrzehnte erlebt hatte, insbesondere Fremdbestimmung.

Doch sie bleibt aus.

Ganz im Gegenteil.

Wertschätzende Kooperation und Kommunikation nehmen nun jenen Platz ein. Das ist für mich (noch) ungewohnt. Ich bin also eine Reisende auf neuem Terrain, auf einem Weg ins (noch) Unbekannte. Doch es fühlt sich richtig gut an!

Ich entdecke eine wunderbare Seite des Lebens: Beziehungen (gleich welcher Art) können frei von Unterdrückung, Schmerz oder Machtkämpfen gelebt werden. Selbst Herausforderungen (wie z.B. eine unerwartete Baustelle im XXL-Format) lassen sich gemeinsam mit Leichtigkeit und harmonisch meistern.

Eine vollkommen neue Erfahrung in meinem Leben.

Eine sehr begrüßenswerte Erfahrung.

Eine Erfahrung, die meine Zukunft bestimmen wird.

Das neue Terrain mag noch ungewohnt sein, doch es ist nicht mehr gänzlich fremd und unbekannt. Es wird von Tag zu Tag vertrauter, der Weg klarer, die daraus entstehenden positiven Effekte vielfältiger. Es ist einfach … amazing 😊

Allerdings gibt es auch einen kleinen Haken an dem Ganzen. Eine Art von „Bedingung“, um diese positiven Effekte zu generieren: ich durfte im Vorfeld ALLE Konflikte in mir verabschieden. Keine Vorwürfe oder Schuldzuweisungen, weder an andere noch an mich selbst. Dem Leben und dem was ist, voll und ganz zustimmen. Das bedeutet nicht, alles gutzuheißen, aber auch nicht, es zu verurteilen.

WERTFREI … ein magisches Wort, das im Kern aussagt: FREI von WERTUNGEN. Es ist, was es ist. Dem Leben und allem, was sich darin findet, ohne Urteil zu begegnen.

Im Grunde kenne ich all diese „Formeln“ seit vielen Jahren, aber offenbar ist es mir erst jetzt gelungen, sie wirklich bis in die tiefen Ebenen meines Unterbewusstseins zu integrieren. Deutlicher als je zuvor nehme ich wahr, wenn mir etwas oder jemand schadet – direkt oder indirekt. Früher habe ich vieles ignoriert und toleriert um des lieben Friedenswillen.

Heute reise ich auf einem neuen Weg, achte darauf, WERTFREI zu bleiben, und entdecke die FREIHEIT, die sich dahinter verbirgt. All das WUNDERBARE, das ich nicht sehen konnte, solange ich auf Wertungen starrte – und finde Menschen, die ebenso wie ich all dies zu schätzen wissen.

Es hat sich gelohnt, ab und an nach dem Weg zu fragen.

KAUM ZU GLAUBEN …

… aber wahr ist folgende Geschichte, die sich vor wenigen Tagen in meinem Leben zugetragen hat: Ich flog absolut entspannt Richtung Süden. Das wäre an sich noch nichts Besonderes, wenn ich mich nicht seit gut zwei Jahrzehnten mit Flugangst rumgeschlagen hatte. Panik bereits beim Betreten eines Flugzeugs war meine Realität. Was hatte ich nichts alles ausprobiert … von Entspannungsübungen über eine Art von „Hypnose light“ bis hin zu Valium. Letzteres half tatsächlich, um halbwegs ruhig (weil zugedröhnt) einen Flug zu überstehen.

Kurz gesagt: ich mied Flugreisen wo möglich.

Das war nicht immer so gewesen. Vor oben erwähnten zwei Jahrzehnte flog ich gerne. Selbst Turbulenzen machten mir nichts aus. Bis zur Geburt meines Sohnes. Danach wurden Flugreisen zum Horror für mich. Lange Zeit ging ich davon aus, die Komplikationen bei der Geburt hätten sich in mein Körpergedächtnis negativ eingeprägt und würden durch die Beschleunigung beim Start getriggert, was zu Panikattacken und Fluchtreaktionen führte. Entsprechend versuchte ich, diesen Trigger zu deaktivieren, alternative Programme zu setzen etc. Ohne Erfolg. Valium half.

Als ich 2018 mit einer Arbeitskollegin auf Dienstreise geschickt wurde, war ich anfangs wenig begeistert, weil Flugreise. Erstaunlicherweise blieben die üblichen negativen Gefühle, Ängste etc. aus. Ich ging davon aus, die intensiven Gespräche mit meiner Kollegin hätten mich wohl derart abgelenkt, dass ich keine Zeit für den Horrortrip hatte. Glück gehabt. Entsprechend nervös war ich nun bei der Vorstellung, allein – also ohne Kollegin oder sonstiger Begleitung – nach Griechenland zu düsen.

Dann geschah das zuvor Unvorstellbare: Ich döste friedlich den ganzen Flug über, inklusive Start und Landung! Ohne Valium oder sonstige Beruhigungsmittel, Drogen oder was man sonst noch verwenden könnte.

Am Strand liegend sinnierte ich, was diese für mich positive Veränderung verursacht haben könnte – und gelangte zu einem plausiblen, aber dennoch schier unglaublichen Schluss: Der Hauptstressor jener zwei Jahrzehnte war nicht mehr vorhanden. Sprich: mein Ex-Partner. Offenbar hatte mein teilweise bewusstes, teilweise unbewusstes Streben danach, dem zu entsprechen, was er von mir erwartete bzw. was ich annahm, dass ich sein sollte, damit unsere Beziehung harmonisch verlaufen konnte, derart viel Anspannung und Druck in mir aufgebaut, das an sich Harmloses wie ein Flug in mir emotionales Chaos bis hin zur Panik auslöste. Eine weitere (oder ergänzende) Möglichkeit ist jene, dass ich SEINE verdrängte Flugangst wahrnahm und für ihn auslebte. Als Projektionsfläche für seine negativen Stimmungen bis hin zu Depressionen hatte ich mich ja zur Verfügung gestellt, um mein ungelöstes Helfersyndrom zu befriedigen. Frei nach dem Motto: Rette alle anderen und gleich die ganze Welt, nur um dich nicht mit deinen eigenen Problemen zu befassen.

Als nächstes wurde mir bewusst, was ich (zusätzlich zu meiner Flugangst) noch so nebenbei verloren hatte: Lebensmittelunverträglichkeiten, brüchige Fingernägel … all das verschwand in den Monaten nach der Trennung, OHNE meine Ernährungsgewohnheiten umzustellen, irgendwelche Nahrungsergänzungsmittel zu verwenden oder ähnliches. Selbst mein Hautteint hat sich verändert (was auch meine Friseurin festgestellt hat, da dieser nun besser mit der von mir gewählten Haarfarbe harmoniert). All dies, weil der Hauptstressor wegfiel?

Stress kann vielfältige psychische und physische Probleme auslösen. Dauerstress wirkt toxisch. Aber dass die Auswirkungen derart heftig sein können, hat mich überrascht. Doch mangels einer besseren Erklärung, staune ich also über die gefunden und nehme die positiven Veränderungen dankbar an.

Ich hatte während meines einwöchigen Ausstiegs aus meiner gewohnten Lebensroutine, fernab von Touristenhochburgen, inmitten paradiesisch anmutender Natur, reichlich Zeit, mich selbst zu reflektieren und meine Gefühlswelt zu erspüren. Dabei entdeckte ich für mich einige äußerst interessante Punkte, die sich zurück in meiner Lebensroutine zu etablieren beginnen und sicherlich in meine nächsten Beiträge einfließen werden. Eines kann ich jedoch schon jetzt aus voller Überzeugung sagen:

Jede Minute, die man dafür verwendet, sich voll und ganz mit den eigenen großen Lebensthemen zu befassen, ist bestens investiert. Kaum zu glauben, aber wahr 😉

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WELCOME TO STOCKHOLM

Heute ist Vatertag in Österreich – passend für das Thema, das mich seit ein paar Tagen beschäftigt, auch wenn es kein einfacher Seelenstrip wird.

Mein Vater starb, als ich 14 war. Verloren habe ich ihn allerdings schon Jahre zuvor … an einen Feind, gegen den ich in meiner naiv-kindlichen Hilfsbereitschaft nichts ausrichten konnte: Alkohol. Mir blieben nicht mehr als ein paar verschwommene Erinnerungen an das, was er einmal war – und eine unstillbare Sehnsucht nach seiner Rückkehr, denn verabschieden konnte ich mich nicht. Zu sehr stand ich unter Schock.

Vermutlich war das der Grund für das, was Jahre später folgen sollte.

Als ich den Mann kennenlernte, mit dem ich fast 25 Jahre meines Lebens verbringen sollte, befand ich mich in einer schwierigen Lebenssituation. Zu Beginn war er ein guter Freund, später ein fürsorglicher Partner, oder besser: ein Ersatzvater. Rückwirkend betrachtet gab ich viel meiner Eigenständigkeit auf, verhielt mich oft wie ein Kind, blickte zu ihm auf, empfand mich als klein und nicht gleichwertig. Mitunter, wenn ich kurz zu ihm blickte, sah ich zuerst das Gesicht meines Vaters, das sich in seines wandelte.

Ich konnte meinen Vater (der an Krebs starb) nicht retten, nicht bei ihm bleiben. Umso mehr bemühte ich mich, bei dem Mann zu bleiben, der für mich in die Ersatzrolle geschlüpft war, der zu meinem Beschützer, Versorger, phasenweise Ernährer wurde. Blendete all das aus, was eigentlich nicht in Ordnung war. Deutete seine Schattenseiten um, verteidigte ihn als Opfer seiner Vergangenheit, ignorierte seine oft feindselige Einstellung gegenüber Frauen. Er verletzte mich unzählige Male emotional und psychisch – und ich nahm die Schuld dafür auf mich.

Stockholm-Syndrom

Entstanden aus dem Verlust des Vaters, nahm ich alles in Kauf, was die Lücke schließen konnte.

Wenn ich heute Freunden erzähle, was in diesen 25 Jahren alles geschehen ist, was ich „runtergeschluckt“ habe, starren sie mich an und fragen mich:

Warum?

Warum bin ich nicht früher gegangen?

Warum hab ich mich nicht gewehrt und den Mann in die Schranken gewiesen? … ich bin normalerweise alles andere als ein hilfloses Opfer.

Warum?

Diese Frage stelle ich mir gerade auch häufig. Ich verbringe meinen ersten Urlaub seit unserer Trennung im Juli 2020 just an dem Ort, an dem wir zuletzt gemeinsam unseren Urlaub verbringen wollten. Es kam anders. Wenige Tage davor brach die Beziehung wie von einem Blitz getroffen von heute auf morgen (keine Metapher) auseinander.

Es ist meine Art, mich aus den letzten Fesseln des Stockholm-Syndroms zu befreien. Meistens kann ich meinen Ex so sehen, wie er ist. Aber manchmal falle ich in alte Muster zurück, nehme ihn in Schutz und die alleinige Verantwortung auf meine Schulter. Das will ich ablegen, weshalb ich an einen Ort zurückgekehrt bin, an dem wir öfters gemeinsam waren. Ich weiß, wie ich mich damals verhalten und angepasst habe. Auch jetzt merke ich, dass ich manches so tun möchte, wie mein Ex es haben wollte. Dann halte ich inne, spüre in mich hinein und folge meinem Gefühl, handle nach meinem eigenen Willen.

Eine tränenreiche Angelegenheit. Emotional aufwühlend – und doch befreiend.

Ich weiß, ich muss allein da durch. Ohne Ablenkung. Mich auf mich selbst fokussieren können um wieder ganz ich zu werden. Denn ich mag diesen Ort, möchte auch in Zukunft hier wieder glückliche Urlaube verbringen. Diesen Platz von meiner Liste zu streichen nur weil eine Beziehung endete, wäre falsch. Das Leben geht weiter. Mein Leben geht weiter. MEIN Leben!

Die Hälfte meines bisherigen Lebens gefangen im Stockholm-Syndrom, weil ich meinen Vater zu früh verlor, mich nicht verabschieden oder den Verlust verarbeiten konnte.

Ein weiterer Blick in den Spiegel, für den ich – auch wenn er derzeit noch schmerzhaft ist – dankbar bin.

… und weil dieses Thema mich derart intensiv aufwühlt, braucht es ein starkes Symbol der Freiheit: einen Adler, den gemäß dem Maya-Kalender bin ICH ein Blauer Adler.

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VERÄNDERUNG JA oder NEIN?

Kann ein Mensch sich im Laufe seines Lebens verändern? Diese Frage habe ich mir bereits x-mal gestellt. Auch in den vergangenen Tagen.

Ich traf eine Bekannte, mit der ich zuletzt vor über 20 Jahren Kontakt hatte. Sie meinte, ich hätte mich überhaupt nicht verändert, wäre immer doch wie damals, mein Äußeres, meine positive Art. Sie erzählte mir, dass ich über alle die Jahre ein Satz von mir im Gedächtnis geblieben war: „Blick in den Spiegel und sag zu dir selbst, dies wird ein wunderbarer Tag.“ Das dieser Satz ihr durch schwere Zeiten in meinem Leben geholfen hat. Das wiederum hat mich sehr berührt.

Nach unserem Gespräch begann ich mich einiges zu fragen. Habe ich mich tatsächlich nicht verändert? Häufig fühle ich mich, als wäre ich immer noch Anfang 30. Das Datum auf meiner Geburtsurkunde wirkt immer noch befremdlich. 51? Im Denken und Fühlen bin ich allerhöchstens 35!

Auf der anderen Seite erhalte ich häufig die Rückmeldung, ich hätte mich so stark verändert, so toll entwickelt.

Also was jetzt? Veränderung JA oder NEIN?

Kann ein Mensch sich überhaupt verändern?

Ich denke: NEIN.

Wenn ich zurückblicke, war ich immer die, die ich heute bin. War stets ein feuriger Funken Lebensfreude, voller Neugier und Kreativität, mit einer starken Verbindung zur Natur und Mutter Erde, bereits früh in meinem Leben vielschichtig und reflektierend.

Ich war immer die, die ich bin.

Jedoch verbannte ich dieses „was ich bin“ sehr lange Zeit in meinem Leben. Frühe Ablehnung lehrte mich, zu verstecken, womit andere nicht klarkamen. Angst unterdrückte das Ausleben meiner Vielfalt, meiner Emotionalität, meines Selbst.

Insofern meine Schlussfolgerung: ein Mensch kann sich nicht verändern, aber er/sie kann werden, was er/sie im Innersten ist. Frei werden, ICH zu sein. Meiner Meinung nach, die wichtigste Freiheit überhaupt, denn was nützt jede andere Freiheit, wenn man nicht ICH sein kann.

Wer in seinem Innersten nicht neugierig und kreativ ist, wird das wohl auch nie werden. Ebenso wenig wie jemand, der kein Verständnis für Zahlen oder Strukturen hat, dies lernen kann.

Sich selbst verwirklichen – darum geht es im Leben. Zu werden, wer ich bin.

Das hat nicht zwangsläufig etwas damit zu tun, alles über den Haufen zu schmeißen und aus allen Rollen seines Lebens auszusteigen. Für mich geht es mehr darum, mich selbst kennen zu lernen und mit dem, was alles zu mir gehört, im Einvernehmen zu leben. Nicht darum, sich neu zu „erfinden“, sondern einfach nur „finden“.

Angeblich stand über dem Eingang zum Orakel von Delphi der Spruch: „Mensch, erkenne dich selbst“ … und über dem Ausgang soll zu lesen gewesen sein: „Und werde, wer du bist.“

Tja, wird wohl stimmen – zumindest stimmt mein Bauchgefühl zu.

Deshalb – Veränderung? Nein.

Entwicklung? JA!

Welches Symbol wäre wohl besser geeignet, um den Prozess der ICH-Werdung zu verdeutlichen als ein Schmetterling? Vielleicht taucht dieses Symbol auch genau deshalb immer wieder in meinen Geschichten und Gedichten auf …

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Elefanten-Weisheit

Wieder einmal ein Beitrag, der aus jenen Eindrücken geboren wird, die ich in den vergangenen Wochen in diversen Chats und Selbsthilfegruppen gesammelt habe.

Thema: Realität verdrehen oder „Schönzeichnen“

Was meine ich damit? Nun, es geht darum, dass manche (oder viele) Menschen mitunter (oder auch sehr oft) den Standpunkt einnehmen, etwas ist so und nicht anders. Um das nachvollziehbar zu machen, hier ein abstraktes Beispiel:

Eine Banane schmeckt fad.

Dieser Aussage werden nicht zustimmen.

Anderes Beispiel:

Männer reden weniger als Frauen, und Frauen zicken mehr als Männer.

Stimmt natürlich so auch nicht.

Noch ein Beispiel:

Borderliner sind beziehungsunfähig.

Warum sollte diese Aussage stimmen? Sie ist ebenso pauschal und haltlos wie die beiden anderen zuvor. Dennoch neigen offenbar noch immer viele Menschen dazu, dieser einen Aussage zuzustimmen. Da ich ja meinen Mund nicht halten kann, schubse ich häufig Menschen an und sage: „Hey, es kann auch ganz anders sein.“ Daraufhin startet ein zumeist längerer Austausch, in dem manchmal auch die Aussage fällt: „Das ist ja Schönzeichnen der Realität“. Ist es natürlich nicht. Vielmehr ist es, was das Bild mit dem Elefanten so wunderbar darstellt. Ein Klassiker aus dem Kommunikationstraining.

Hier die Geschichte dazu: Mehrere blinde Menschen, die nie zuvor einem Elefanten begegnet sind, werden gebeten, diesen zu beschreiben anhand dessen, was sie ertasten können. Keiner von ihnen weiß, wie groß ein Elefant wirklich ist. So steht der erste vor dem Kopf des Elefanten, fühlt den Stoßzahn und meint voller Überzeugung: „Ein Elefant ist hart und spitz wie ein Horn“. Darauf erwidert ein anderer, der an der Seite des Elefanten steht: „Das stimmt nicht, er ist ledrig und breiter, als meine Arme erfassen können.“ Der Dritte, der hinter dem Elefanten steht, entgegnet: „Ihr irrt euch beide. Er hat einen Schwanz mit Borsten und stinkt fürchterlich.“ 

Wer von den dreien hat Recht? Natürlich alle drei. Für uns als Zuseher ist das sofort klar und einleuchtend, dass jeder der drei nur einen Teil des Gesamten wahrnehmen kann.

Nur – wenn diese Erkenntnis bei der Geschichte mit dem Elefanten so leichtfällt, warum beharren wir dann darauf, in anderen Bereichen des Lebens immer die gesamte Realität erkennen zu können?

Autsch!

Fakt ist, dass wir immer nur einen Bruchteil der Realität wahrnehmen können. Schon aufgrund der Tatsache, dass unsere Sinne eingeschränkt sind, bzw. unsere „Festplatte“ Gehirn selektive Informationen zu einem pixeligen Gesamtbild zusammensetzt, das deutlich von der Realität abweichen kann. Denkt mal nur an optische Täuschungen. Oder Songtexte, die wir ganz anders wahrnehmen als sie gesungen werden.

Wir bilden unsere individuelle Meinung zur Realität aufgrund einiger weniger Informationen.

Manche bilden auch ihre Meinung zu Borderline aufgrund einiger weniger Informationen und lassen diese ihr Schicksal bestimmen, anstatt herauszufinden, was es in ihrem individuellen Fall ist. Darauf angesprochen, wird die Neubewertung mit dem Vorurteil „Schönzeichnen“ abgeblockt.

Natürlich drängt sich jetzt die Aussage auf, das Verweigern einer Lösungsmöglichkeit sei typisch Borderline – ist es aber nicht. Das können auch andere recht gut. Es ist eher typisch menschliches Ego – und ein Exemplar davon besitzen wir alle.

Es liegt eine große Chance darin, den eigenen Standpunkt hin und wieder zu wechseln und weitere Standpunkte hinzuzufügen, um das Gesamtbild aus mehr Informationen zu generieren. Denn dann könnte es plötzlich sein, dass Borderline und Lebensfreude nicht mehr im Widerspruch zueinanderstehen, sondern in Summe eine Gesamtbild ála Elefant ergeben.

Denkt mal darüber nach 😉

#FeelTheEmbraceOfLife