Zeit der Stürme

In dem einen Augenblick war die Welt noch völlig in Ordnung – im nächsten stimmt nichts mehr. Wie ein Blitz, der aus dem Nichts heraus die Stille zerreißt, das eben noch sanft wogende Meer in einen aufgewühlten Ozean verwandelt, auf dem ich in einem winzigen Holzboot treibe, ausgeliefert der Naturgewalt der Elemente …

Mein aktueller Zustand lässt sich auch weniger romantisch in einem Wort beschreiben: Getriggert!

Anders als in früheren Zeiten, bin ich mir mittlerweile dessen bewusst, was in mir abgeht. Mein „Ich“ sitzt auf einer Art Bademeisterturm (befindet sich also in der Meta-Position bzw. ist dissoziiert), während meine Emotionen den tosenden Wellen gleichen, die gegeneinander und an einen harten Fels branden, aufgepeitscht durch meine (zugegeben: wenig beruhigenden) Gedanken, die das Szenario zusätzlich mit Energie aufladen.

Ich hoffe, anhand dieser Beschreibung wird für Außenstehenden nachvollziehbar, was sie (absichtlich oder unabsichtlich) anrichten können, durch einzelne Worte oder Gesten – und wie schwer es sein kann, danach wieder zur Ruhe zu kommen. Ein stürmischer Ozean lässt sich nun mal nicht leicht besänftigen.

Auch wenn mir mein Zustand heute bewusst ist und ich weiß, dass sich alles wieder beruhigen wird, es ist trotzdem kein Zustand, denn ich erleben möchte. Mag sein, dass der Kern dieses Sturmes latent in mir vorhanden ist, aber er bricht nicht grundlos aus. Es braucht einen Auslöser, der von außen gesetzt wird. Wie ein Zündfunke. Ein Katalysator, der meine sonst konstruktiv eingesetzte Energie urplötzlich in ihr Gegenteil verwandelt: ein Anker oder Trigger.

Jetzt, in genau diesem Augenblick, da ich diese Zeilen schreibe, beginne ich die Situation langsam auch gedanklich aus der Meta-Position zu betrachten, indem ich als Erzählende davon berichte. Das schwächt den Sturm und holt mich zurück an ein sicheres Ufer. Ich schreibe mich quasi zurück in die Normalität. Für mich ist das ein therapeutischer Prozess, denn ich offenlege, um anderen Betroffenen Möglichkeiten aufzuzeigen, die sie vielleicht für sich selbst nutzen möchten.

Mit jeder Zeile löse ich mich mehr und mehr aus den Verstrickungen, die mich in der Spirale aus den Emotionen der ursprünglichen Situation und den Gedanken an das Trigger-Ereignis festhalten. Anders formuliert: die emotionale Achterbahnfahrt nähert sich ihrem Ende – zumindest für diese Runde.

Der Haken an dem Ganzen ist: es kann und wird wieder passieren.

Jahrelang habe ich vieles unternommen, um meine Triggerpunkte vollständig zu neutralisieren, doch bis heute ist es mir nicht zur Gänze gelungen. Ich konnte sie mit einer Art Schutzschicht überziehen, damit sie nicht so sensibel reagierten, nur leider waren für mich damit unerwünschte Nebenwirkungen verbunden. Eine Art von „Emotionsarmut“. Ich lebte gewissermaßen „schaumgebremst“. Als ich mich dafür entschied, mich selbst wieder voll und ganz zu spüren, akzeptiere ich damit zeitgleich das Risiko, neuerlich getriggert zu werden. Ein Teil von mir sagt dazu nur: Man kann nicht alles haben im Leben. Oder auch: Nobody is perfect.

Meine Botschaft heute ist: Sei dir bewusst, dass alles, was du tust oder sagst, bei einem anderen einen Trigger auslösen kann. Dieser andere kann dadurch in einen Sturm gestoßen werden, dessen Ausmaße gigantisch sein können – und kaum mehr mit der Realität übereinstimmen. Dennoch ist dieser Sturm „real“ – im Erleben des Betroffenen. Auch wenn du von außen vermutlich kaum etwas tun kannst, um dem anderen da raus zu helfen, du kannst es wesentlich verschlimmern und dazu beitragen, dass es länger andauert. Wie? In dem du es nicht ernst nimmst, als Lappalie abtust, oder Überreaktion, Theater … Diese Stürme sind real! Auch wenn du sie selbst vielleicht nicht wahrnehmen kannst, für den anderen können sie übermächtig sein.

Was du dennoch tun kannst, um zu helfen? Nun, frag dich selbst: Stell dir vor, du bist allein einem alles verschlingenden Sturm ausgeliefert, was würde dir helfen?  

Das (kleine) Universum von Lesley B. Strong …

Für Liebhaber/innen von Geschichten, die das Leben schrieb:

*** autobiographisch *** authentisch *** achtsam ***

… stets mit einem wachsamen, humorvollen Blick auf die Kleinigkeiten im Leben, in denen verborgen das Wesentliche schlummert:
Der Schlüssel zu Leichtigkeit und Lebensfreude

EMBRACE – Fühle die Umarmung des Lebens … Geschichten und Gedichte, die in wohlige Gefühle einhüllen wie eine Schmusedecke an einem eisigen Wintertag, heiße Schokolade inbegriffen; wie die Umarmung eines geliebten Menschen; ein Sonnenaufgang nach einer langen, kalten Nacht.  (Neuerscheinung März 2020).
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DIS/CONNECTED – LIEBEN oder LEIDEN? Eine Autobiographie #Borderline … keine Anklage, aber eine Anleitung zu einem tiefgehenden Verständnis. Kein Verharren im Schmerz, sondern ein Plädoyer für Selbstliebe und Lebensfreude.
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JAN/A – Eine [nicht] ganz alltägliche Liebesgeschichte … die autobiographische Trilogie einer Reise zu sich selbst und der Aussöhnung mit einem Dämon namens #Borderline in Form einer Liebesgeschichte, die alle Höhen und Tiefen der emotionalen Achterbahn widerspiegelt.
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Rezensionen:
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Bezugsquellen:

Die Bücher von Lesley B. Strong sind online erhältlich im Buch-Shop von myMorawa, Amazon, Thalia, Weltbild u.v.m., sowie in allen gut sortierten Buchhandlungen (auf Bestellung).

#LesleyBStrong #Autobiografie #Liebesgeschichte #Borderline #FromPainToPassion #FeelTheEmbraceOfLife #RomaneMadeInAustria #myMorawa

Zeit der Stille

Diesen Titel gab ich auch dem letzten Kapitel von JAN/A Band 1 bzw. dem ersten Kapitel von Band 2. Ich dachte allerdings nicht, dass ich je einen Blogbeitrag so nennen würde. Dennoch – der Titel passt genau in die Zeit, zu meinen Gedanken und Gefühlen. Wie so viele andere auch, lebe ich nun seit rund zwei Wochen mit den Corona-bedingten Einschränkungen. Abgesehen davon, dass ich seither weder in einem Verkehrsstau noch an einer Supermarktschlange sinnlos Zeit vergeudet habe, hatte ich derart viel beruflich zu tun, dass ich bis jetzt noch nicht dazu gekommen bin, mir die tatsächlichen Auswirkungen auf mich als Person und Borderlinerin bewusst zu machen.

Was bedeutet sie also für mich, diese drastische Reduzierung meiner analogen Interaktionen mit anderen Menschen auf eine Person – nämlich „meinen besten Ehemann von allen“ – und in digitaler Form über Telefon bzw. soziale Medien mit einigen wenigen mehr?

In erster Linie fühle ich mich ruhig. Tatsächlich. Mehr denn je bin ich auf mich selbst zurückgeworfen durch die Einschränkungen der Kontakte. Mit mir selbst klarkommen – vor einigen Jahren war dieser Gedanke eine wahre Horrorvorstellung. Keine oder kaum Interaktion mit anderen? Unvorstellbar, denn in mir war nichts – oder besser gesagt: konnte ich nichts wahrnehmen. Ich brauchte die „Reibung“ mit anderen, um mich selbst zu spüren. Die aktuelle Situation zeigt mir, wie sehr sich das verändert hat. Ich finde in mir alles, was ich brauche, damit es mir gut geht.

Mehr noch. Durch den Wegfall der Reibungsfläche hat sich auch die „Übernahme“ von Stimmungen und Gefühlen anderer deutlich reduziert. Was ich fühle, bin ich selbst, und nicht das, was ich von anderen nicht draußen lassen bzw. abgrenzen kann. Insofern ist diese Zeit der Stille für mich auch eine Zeit der Besinnung auf mich selbst, die mir vor Augen hält, was ich bislang erreicht habe. Ich brauche deutlich weniger Psychohygiene und Ausgleichsphasen.

Gelassen beobachte ich rundum verschiedene Strategien für den Umgang mit der neuen Situation. Da gibt es jene, die auf positives Denken setzen. Die anderen, die sagen, bleib authentisch und wenn’s dir Scheiße geht, dann steh dazu. Auch jene, bei denen sich einiges aufstaut, zu latenter Aggression beträgt, die sich dann bei unbedeutenden Anlässen entlädt. Tatsächlich gibt es auch noch ein paar, die den Ernst der Lage verkennen und Vorsichtsmaßnahmen ignorieren. Und natürlich – typisch für die Gegend in und um Wien – die „Raunzer“, die immer einen Grund finden, sich zu beklagen. Und eine Menge dazwischen.

Irgendwie passe ich wieder einmal in keines dieser Schemata. Die Situation ist, wie sie ist – und sie hat überraschenderweise kaum einen Einfluss auf meinen emotionalen Zustand. Als wäre ich entkoppelt. Oder selbstbestimmt im Fühlen. Am Tag 13 der Ausgangsbeschränkungen hier in Österreich, bin ich nach wie vor in der Umarmung des Lebens verankert, im Urvertrauen, in Geborgenheit und (Selbst-)Liebe. Mir geht’s auf eine nicht zu erklärende Art und Weise gut, ohne Begründung und ohne Einschränkung.

Klar, ich hetzte nicht mehr täglich im Früh- und Abendverkehr ins Büro, weil ich zuhause arbeite. Damit fallen mindestens zwei Fahrstunden plus unberechenbarem Staufaktor weg. Diese Zeit verbringe ich nun während täglicher Spaziergänge um die Mittagszeit mit „Meinem besten Ehemann von allen“.

Unser gemeinsamer Schi-Urlaub hat sich in Nichts aufgelöst – rechtzeitig, denn der Ort kam unter Quarantäne bevor wir noch hinfahren konnte. Damit sitzen wir die Zeit der Beschränkungen in den eigenen vier Wänden aus, was einen gewissen Faktor an Gemütlichkeit mit sich bringt.

Wie’s beruflich weitergeht, wird sich hoffentlich in den nächsten Wochen zeigen.

Einer Infektion mit Corona dauerhaft auszuweichen, halte ich für unwahrscheinlich. Irgendwann wird’s mich vermutlich erwischen. Meine Chance, dadurch immun zu werden, liegt bei 98,8 %. Das Risiko zu sterben bei 1,2 % aufgrund meiner persönlichen Konstitution. Risiko lässt sich nüchtern berechnen. Wenn meine Emotionalität auf Krisenmodus operiert, kann ich eine Situation wie die aktuelle pragmatisch abhandeln.

Meine eigene Gelassenheit erstaunt mich selbst. Es gibt Momente, da denke ich mir: Okay, jetzt bin ich total durchgeknallt. Wieso geht’s mir inmitten der allgemeinen Krise, der Unplanbarkeit im Job und Unabsehbaren Auswirkungen auf meine persönliche Zukunft noch immer gut? Das ist doch nicht normal, oder? Bin ich jenseits der Realität? Wenn ich zurückblicke auf das, was ich die letzten zwei Wochen gearbeitet habe, kann diese Frage eindeutig mit „Nein“ beantworten. Bin ich auf irgendeinem schrägen Psycho-Trip? Sofern Vitamin C keine wahrnehmungsverändernde Wirkung hat, gilt auch hier die Antwort „Nein“. Ich erkenne deutlich, was rund um mich geschieht.

Vielleicht ist mein aktueller emotionaler Zustand aber auch einfach nur „selbstbestimmt“ bzw. unabhängig von den äußeren Faktoren, und genau das ist das Fremdartige daran für mich. Nicht das Erleben der Wirklichkeit beeinflusst mich, sondern ich beeinflusse mein Erleben der Wirklichkeit. Wenn dem so ist, habe ich meinen persönlichen Goldtopf am Ende des Regenbogens gefunden. Vielleicht sollte ich auch weniger darüber nachdenken und einfach die Zeit der Stille genießen.

Für diesen Beitrag habe ich ein Bild gesucht und gefunden, dass für mich persönlich die Kraft der Stille zum Ausdruck bringt. Mein Dank für dieses Bild geht an https://pixabay.com/de/users/bessi-909086/

Krise als Chance

Das Wort „Krise“ wird in seiner Verwendung mitunter überstrapaziert. Mit seiner Bedeutung als Zuspitzung einer problematischen Funktionsstörung oder sensible Phase kurz vor einem Wendepunkt passt es jedoch punktgenau auf die aktuelle Situation weltweit #Coronavirus. Die damit verbundenen Einschränkungen betreffen mich ebenso wie Millionen anderer Menschen sowohl im beruflichen als auch privaten Bereich.

Es ist, wie es ist – und ich kann nichts daran ändern. Doch ich ticke nun einmal auf meine eigene Art und Weise. D.h. ich stelle für mich Gedanken darüber an, was ich aus dieser Situation bewusst lernen kann, um meine zukünftigen Handlungsmuster zu erweitern. Klingt hochtrabend, ist es im Grunde aber nicht.  

Jede Krise bietet neben der Herausforderung immer auch eine Chance für Entwicklung.

Oder – wie in der aktuellen Situation – eine Gelegenheit, Mentaltraining im Alltag zu praktizieren, um einen möglichst offenen Blick auf die tatsächlichen Geschehnisse zu bewahren.

Derzeit gibt es kaum eine Möglichkeit, dem allgegenwärtigen Informationsstrom unter dem Hashtag Coronavirus zu entdecken. Bei weitem nicht alle Informationen sind korrekt oder hilfreich. Manche lassen sich schlicht weg als Fehlinformation oder Panikmache klassifizieren. Wenn man manche Meldungen über „Prügelei um die letzte Packung Klopapier“ betrachtet, werden sich wohl auch andere – so wie ich – die Frage stellen: „Echt jetzt?“ Zivilisation, quo vadis?

Um nicht gänzlich am (Haus-)Verstand mancher Menschen zu verzweifeln oder sich in die (leider negativ) emotionsgeladene Stimmung ziehen zu lassen (emotionale Abgrenzung kann für mich als Borderlinerin situationsbedingt eine enorme Herausforderung sein), gilt es also, meinen eigenen Brain Traffic im Zaum und unter Kontrolle zu halten.

Anders gesagt: damit aus der Herausforderung oder dem Problem kein Drama wird, brauche ich eine Art emotionalen Regulator, der mir dabei hilft, einen übergeordneten neutralen Betrachtungsstandpunkt in Bezug auf die Situation einzunehmen. Mit einem Wort gesagt: Humor!

Es geht nicht darum, die Tatsachen zu ignorieren oder sich darüber lustig zu machen, sondern die ebenfalls vorhandenen Aspekte der Realität in die eigene Wahrnehmung zu integrieren. Das klingt schon wieder so technisch. Bringen wir es in die Praxis. Hier ein paar Gedanken, die ich in der aktuellen Situation zusätzlich zu den Fakten stets im Blick behalte, um nicht in der Flut wachsender Verunsicherung und unterschwelliger Panik zu versinken:

Das Coronavirus wird nicht weniger ansteckend, wenn wir grimmig dreinschauen. Deshalb … keep smiling 😊

Gerade in Zeiten wie diesen: Lang lebe der Humor! Lachen ist gut für das Wohlbefinden, stärkt das Immunsystem und ist ein unverkennbares Zeichen für Lebendigkeit 😂

Der liebe Augustin mag eine Legende sein, aber ein Körnchen Wahrheit verbirgt sich vermutlich auch darin 😉

Auch denke ich öfters an das berühmte Zitat von Albert Einstein: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Bei Meldungen über „Klopapier-Schlachten“ neige ich dazu, ihm uneingeschränkt zuzustimmen.

Aber wir sind nun einmal Menschen, weshalb ich hier auch den Titel eines Filmklassikers anschließe: „Nobody is perfect“ 😉 … Geduld ist eine Tugend, Selbsterkenntnis der erste Schritt auf dem Weg zu Besserung und sich selbst nicht immer ganz ernst zu nehmen eine wohltuende Nebenwirkung von Humor 😊

Es ist Jahrzehnte her, dass wir hier in Österreich vor einer Herausforderung dieser Größenordnung standen. Mit Disziplin, Toleranz, gegenseitiger Unterstützung, Geduld und Humor werden wir sie gemeinsam meistern.

Bleibt gelassen in eurer Haltung, achtsam in euren Handlungen, haltet eure Gedanken auf Kurs, begegnet der Herausforderung mit einem Lächeln und euren Mitmenschen mit Verständnis, bereichert euren Alltag mit einer Prise Humor und vor allem – bleibt gesund. Nutzt die Chance, die in jeder Krise verborgen liegt, für eurer persönliches Wachstum.

Manchmal will das Herz glauben …

… auch wenn im Verstand alle Alarmglocken schrillen. Warum ignorieren wir manchmal alle sichtbaren Zeichen, die uns warnen würden? Warum vertrauen wir dort, wo Skepsis und Vorsicht angebracht wären? Was lässt uns sehenden Auges in ein Desaster steuern?

Diese Fragen stelle ich mir seit langem. Ich versuche erst gar nicht, eine allgemein gültige Antwort zu finden, aber eine Antwort für mich selbst, denn diese könnte mir vielleicht die eine oder andere schmerzhafte Erfahrung ersparen.

Warum also ignoriere ich meinen Verstand und folge meinem Herzen, obwohl eindeutige Hinweise dafür vorliegen, dass dieser Weg in eine Sackgasse führen wird? Oder Schlimmeres. Das eine Extrem.

Aus Unwissenheit? Naivität? Weil es sich schrecklich anfühlt, immer nur zu misstrauen? Ist es der tief in mir verwurzelte Wunsch nach einem wahr werdenden Märchen in der Realität? Der unerschütterliche – oder noch nicht ausreichend geschundene – Glaube an das Gute im Menschen? Eine fatale Sehnsucht nach Schmerz – und damit verbunden die Wiederholung dessen, was viele Jahre mein Leben bestimmte? Hybris – der Realität meinen Willen aufzwingen zu können? Oder Demut – mich dem vorbestimmten Leid zu ergeben und zu ertragen, was nicht durch mich zu verändern ist? Vielleicht auch eine Mischung aus all dem? Oder nichts davon?

Ich weiß es einfach nicht. So sehr ich auch in mir forsche und die Motivation für meine Handlungen zu ergründen versuche, die endgültige, verbindliche Antwort habe ich bis heute nicht gefunden. Worum geht es, wenn ich quasi „blind vertraue und bleibe“, obwohl ich davonlaufen sollte?

Liebe? Welcher Mensch sehnt sich nicht danach, geliebt zu werden um seiner selbst willen? Diese Tonart anzuschlagen, öffnet so manches Tor zum Herzen eines Menschen.

Geborgenheit? Das Gefühl von Sicherheit erschafft Vertrauen. Wer es zu erzeugen vermag, kann das aus Erfahrungen geborene Misstrauen schwächen, mitunter gänzlich ausschalten.

Anerkennung? Der magische Schlüssel zur Manipulation von Menschen. Kaum jemand ist immun gegen die gezielt eingesetzte Wirkung von Komplimenten, Schmeicheleien, Anerkennung in jeder Form. Sie schenkt uns, woran es in einer Gesellschaft, die unrealistische Vorbilder hypt und durchschnittliches gering schätzt, häufig fehlt: Das Gefühl, wertvoll und richtig zu sein.

Unwissenheit kann ich für mich wohl ausschließen. Die Tricks der Manipulation sind mir wohl bekannt, dennoch blende ich sie manchmal aus, obwohl ich sie nur allzu deutlich wahrnehme.

Warum also? Kindlich-naiver Glaube an das Gute im Menschen? Ich bin zwar Romantikerin, aber auch Zynikerin – beide stellen für mich die zwei Seiten einer Münze dar. Romantik lässt mich träumen, Zynismus ist ein Schutzschild mit spitzen Stacheln.

Meine Schwachstelle als Borderlinerin? Das wäre zu einfach. Außerdem beobachte ich dieses Verhaltensmuster des „Ignorieren des Offensichtlichen“ auch bei Nicht-Borderlinern. Aus meiner Sicht ist es eher ein allgemein auftretendes menschliches Verhalten.

Vielleicht bin ich auch konsequent lernresistent in diesem Bereich?

Mit meinen Überlegungen komme ich so nicht weiter. Also eine Umkehrung des Denkprozesses. Was wäre, wenn ich es nicht mehr täte? Wenn ich fort an stets meinem Verstand folgen und mein Herz auf „Mute“ schalten würde? Vermutlich würde ich mir dadurch einige Erfahrungen ersparen. Mein Leben würde vermutlich anders verlaufen. Möglicherweise langweiliger, weniger vielfältig, weniger bunt – weniger mein eigenes Leben. Das andere Extrem.

Liegt die Lösung für mich genau dazwischen – in einer Art „goldener Mitte“? Wo beginnt diese und wann verlasse ich den Mittelweg und falle wieder in ein Extrem?

Gibt es überhaupt eine Lösung?

Wenn ich meinen Verstand frage, dann verlangt dieser nach klaren Richtlinien, Entscheidungskriterien, Regeln, Strukturen und letztendlich Konsequenzen.

Mein Herz jedoch sagt: „Geh ein Risiko ein! Gib, ohne zu erwarten, und freu dich über das, was zurückkommt. Erinnere dich an jene, die dir gegeben haben, ohne etwas dafür zu verlangen, ohne dich zu kennen. Vielleicht sind es nur wenige, denen man tatsächlich vertrauen kann, doch wie willst du sie erkennen und unterscheiden von jenen, die von dir nehmen, ohne zurückzugeben?“

Schöne Worte, doch ich höre auch meinen Verstand, der dagegenhält: „Damit öffnest du Tür und Tor für Ausbeutung und Missbrauch. Hat dich die Vergangenheit denn gar nichts gelehrt?“

„Die Vergangenheit hat mich vieles gelehrt“, erwidert darauf mein Herz, „Misstrauen mit lauter Stimme ebenso wie Vertrauen in leisen Worten. Beides gehört zum Leben, doch was davon soll dich bestimmen? Eine Wunde des Betrugs vermag zu heilen. Ein in ewigem Misstrauen verdorrtes Leben bleib öd und trostlos.“

„Du offenbarst deine Schwäche!“ warnt mein Verstand.

„Ich zeige meine Stärke“, bekräftigt mein Herz, „unterwerfe mich nicht der Furcht, die Grenzen zwischen den Menschen erschafft. Vielleicht werden andere mein Vertrauen ausnutzen, werde ich scheitern, doch ich werde stets einmal mehr aufstehen als ich hinfalle, denn es wird auch jene geben, die meine Hand nehmen und mit mir gemeinsam den Weg des Vertrauens gehen.“

Die Diskussion zwischen meinem Herzen und meinem Verstand, zwischen Vertrauen und Misstrauen, endet nicht am heutigen Tag. Vielleicht wird sie das nie? Vielleicht gehört sie zu jenen Herausforderungen, die mich noch lange auf meinem Lebensweg begleiten werden? Vielleicht soll sie auch niemals enden? Vielleicht ist sie ein Koan? Eine Fragestellung, auf die es keine Lösung gibt, deren Sinn einzig und allein darin, bewusst über das Thema nachzudenken und alle Facetten davon zu beleuchten. Ganz so wie die Frage, wie wohl das Geräusch einer einzelnen klatschenden Hand klingt?

Vielleicht will mein Herz aber auch einfach nur glauben und vertrauen, weil es dafür erschaffen wurde – als Gegenpol zu meinem Verstand, der an allem zu zweifeln vermag und jedes Risiko berechnet?

Ein rätselhafter Regentag

Ein verregneter Start in diesen Tag. DIE Gelegenheit für eine kleine Leseprobe aus EMBRACE,  mein neuestes Buch, das im März erscheinen wird. Gönn dir eine Auszeit zwischendurch und genieße etwas Romantik – meine Methode für den Umgang mit trüben Tagen und Stimmungen 😉

Kurzgeschichte „Ein rätselhafter Regentag“

Die Welt draußen vor dem Fenster hatte sich entschlossen, jeglichen Staub von ihrer Oberfläche hinweg zu spülen. Es regnete ohne Unterlass, schon seit Tagen. Ungezähmt prasselten die Tropfen auf das dichte Laub der Birken vor unserem Fenster, dann weiter auf das darunterliegende Schindeldach des kleinen Gartenhäuschens, um sich in der Regenrinne zu sammeln und schließlich als plätschernder Miniaturwasserfall auf den Steinen im Auffangbecken zu landen.

Schweigend verfolgte ich das Geschehen. Vielleicht schon seit Stunden? Keine Ahnung. Irgendwie war meine Wahrnehmung aus der Zeit gefallen. Mein Rücken lehnte an der Seitenwand des Kachelofens, dessen Wärme durch meinen ganzen Körper zu fließen schien, bis weit unter die alte, bunte Patchwork-Decke meiner Großmutter, die ich so sehr liebte, und die ich über meine Beine gelegt hatte – und auf der nun auch ein Teil von dir ruhte. Du hattest es dir neben mir auf der Kaminbank bequem gemacht. Dein Körper lag an meinen angeschmiegt.

Draußen der Regen, hier drinnen wir. Nichts anderes existierte mehr an diesem Nachmittag. Wir waren einfach da, verweilten im Augenblick. Keine Gedanken, keine Hektik, nichts zu tun – außer dem Regen zu lauschen, und deinem Atem, dem Rhythmus des Lebens, das dich und mich durchströmte. Ich konnte die Wärme spüren, die dein Körper ausstrahlte. Wenn ich meine Augen schloss, meine Sinne völlig auf dich ausrichtete, fühlte ich deinen Herzschlag – das Leben in dir.

Vielleicht drehte sich die Welt da draußen weiter – hier drinnen war sie definitiv zum Stillstand gekommen in der Zeitlosigkeit eines verregneten Nachmittags. Auf ewig hätte ich in diesem Augenblick verharren können. In dem Frieden, der uns umgab. In der Harmonie, die uns verband. In der Geborgenheit eines vollkommenen Moments.

Du warst ruhig, schienst zu schlafen, angelehnt an die warmen Kacheln und an mich, voller Vertrauen in den Augenblick. Verschwunden war all jenes, das uns zuvor Kummer bereitet hatte, all die Sorgen und Ängste, versunken im Dunkel verblassender Erinnerungen, weggewaschen durch den Regen, der dabei war, die Welt da draußen zu verwandeln. Irgendwann würde es aufhören zu regnen. Der Wind würde die Wolken vom Himmel vertreiben und die Sonne mit all ihrer Kraft würde die Farben der Welt neu erstrahlen lassen.

Deine Augen waren geschlossen, doch mein Blick ruhte auf dir, wich nur selten ab um kurz in die Welt vor dem Fenster zu blicken, dem unablässigen Muster aus Tropfen folgend, die zuerst auf die Blätter der Bäume, dann auf das Dach fielen, und weiter ihrer vorbestimmten Reise folgten, dem unaufhörlichen Lauf der Dinge.

War auch unsere gemeinsame Reise vorherbestimmt? Wohin würde sie uns führen? Wie lange würde sie andauern? Fragen, die da waren in meinem Denken – und auch nicht. Belanglos in diesem Augenblick inniger Verbundenheit, denn die nicht zu erklärende, gefühlte Gewissheit in meinem Herzen war Antwort genug.

Leben im Augenblick. In einem Atemzug. Einem Herzschlag. Hier und jetzt.

Es war alles in Ordnung, in bester Ordnung. Jeder Zweifel daran war wie einer jener Regentropfen, die zuerst auf das Blätterdach der Bäume fielen, dann weiter auf unser kleines Gartenhäuschen und weiter … immer weiter dem unaufhaltbaren Strom folgten.

Ich verharrte in Ruhe und Gelassenheit, mit dir, angelehnt an einen wohlig warmen Kachelofen, an einem regnerischen Nachmittag.

Und das Rätsel, das es zu lösen gilt, ist die Frage, wer wohl mit mir auf dieser Kaminbank verweilte: Ein vierbeiniger Freund? Ein schurrender Schmusetiger? Mein Kind? Die Liebe meines Lebens? Wer weiß…

Irgendwann bricht jede Welle …

… und es ist eine Kunst, nicht von ihr verschlungen zu werden. Eine Kunst, die ich gerade erlernen möchte.

Fangen wir von vorne an. Was ist diese „Welle“?

Aus meiner Sicht gibt es zwei Arten von Wellen: die Unerfreuliche (oder auch depressive), und die Lustvolle (auch Höhenflug genannt). Heute geht es hier um letztere.

Zu den gängigen Klischees in Bezug auf Borderline gehört das Versinken in Depression und Drama. Weniger bis gar nicht bekannt ist, dass es auch ein emotionales Extrem in die andere Richtung gibt: intensives positives Fühlen. Diese Phase erlebe ich als eine Art von „Flow“. Rundum läuft alles super bis nahezu perfekt. Erfolg reiht sich an Erfolg. Hürden werden scheinbar mühelos gemeistert. Das Leben fühlt sich intensiv an. Die eigene Energie scheint unerschöpflich – ist sie aber nicht.

Ähnlich einer Sucht, kann und will ich nicht aufhören. Ganz im Gegenteil. Mehr und noch mehr erleben, umsetzen, tun. Warum auch aufhören, wenn’s gerade so gut läuft? Wenn die Anerkennung von allen Seiten und Erfolg in jedem Unterfangen sich einstellen?

Warum?

Weil jede Welle irgendwann zu Ende geht. Keine dauert ewig. Das ist so. Punkt.

Meine Wellen haben in der Vergangenheit häufig damit geendet, dass ich etwas Unüberlegtes gesagt und damit einen mir wichtigen Menschen (zumeist meinen besten Ehemann von allen) verärgert habe – was die Stimmung in der Beziehung umgehend auf „Eiszeit“ zurückwarf. Oder mein Körper zog die Notbremse und verordnete mir mit einer physischen Erkrankung die nicht eingehaltene Ruhepause. Wie auch immer – meine Welle endete mit einem (Ab-)Sturz vom Brett und einem (zum Glück nicht dauerhaften) Untergang.

Mein Ziel lautet nun also: die Welle sanft ausklingen lassen. Bildlich gesprochen: auf meinem Brett elegant bis ans Ufer gleiten und absteigen.

Praktisch gesagt: trotz Flow und „ich will jetzt nicht aufhören, weil es gerade so super toll läuft“ jene Pausen einzuhalten, die sowohl mein Körper als auch mein Geist brauchen, um dauerhaft gesund, leistungsfähig und in Balance zu bleiben. Das klingt jetzt wie aus einer Werbebroschüre für ein Gesundheitszentrum, aber es ist so.

Körper, Geist und Seele lassen sich nicht trennen, auch wenn manche das gerne glauben möchten. Borderline mag als Persönlichkeitsstörung definiert und damit im Geist verortet sein, dennoch wirkt es ebenso stark auf Körper und Seele, bzw. kann von diesen Bereichen beeinflusst werden.

Letztendlich ist es auch eine Form von Selbstverletzung, die eigenen Ressourcen zu missachten, notwendige Ruhepausen zu ignorieren und sich selbst an den Rand oder in den Zusammenbruch zu steuern.

Aus der depressiven Phase oder Welle heraus mag das ja sehr einleuchtend erscheinen. Doch wie schon erwähnt, es gibt auch die Flow-Phase, und die kann ebenso dramatisch enden wie eine Depression.

Vor zwei Wochen bin ich wieder einmal „vom Brett gefallen“. Obwohl ich mich gedanklich bereits mit der Thematik befasst und auch die ersten Anzeichen wahrgenommen hatte, blieb ich eine Spur zu lange in der Belastungsphase. Mein Körper verwendete Energie und Ressourcen, um meine Aktivitäten am Laufen zu halten, beide sind jedoch – wie bei uns allen – begrenzt vorhanden. Verbrauche ich auf der einen Seite mehr, fehlt etwas an anderer Stelle. In meinem Fall: beim Immunsystem. Voila, die nächste virale Infektion warf mich ins Bett.

Eine Woche später bin ich wieder munter unterwegs. Die nächste Welle baut sich gerade auf. Ich bin wieder im Flow. Die nächste Chance, wachsam zu bleiben, auf mich selbst zu achten. Auch wenn ich oft nicht spüre, dass mein Körper eine Pause braucht – er braucht sie! Und das habe ich zu respektieren, oder mein Körper zeigt mir, dass er am längeren Ast sitzt.

Mein Ziel ist klar: diese Welle genießen und auf meinem Brett sanft an den Strand gleiten.