LEBENSKRAFT

Vor wenigen Tagen teilte ich eine Zitrone in zwei Hälften, um den Saft auszupressen. Die Schnittflächen waren ohne Kerne, doch als ich eine der beiden Hälften ausgepresst hatte, blieb etwas in der Saftpresse zurück: ein Kern. Kein gewöhnlicher Kern. Ein Kern samt Wurzel und Trieb. Genau genommen ein Zitronenbaum im absoluten Anfangsstadium seines Lebens. Dieser Winzling war Anlass, ein wenig über das Leben zu philosophieren.

Welch Kraft doch in einem Samenkern schlummert.

Es wird wohl niemand erstaunen, dass ich den Mini-Zitronenbaum nicht im Biomüll entsorgen konnte, sondern ein erstes Zuhause in einem Blumentopf für ihn fand. Möge er wachsen und gedeihen. So wie jene Eichel, die ich im vergangenen Herbst im Wald fand, die mich zu einer Kurzgeschichte inspirierte, und die ich anschließend in die Erde steckte. Mittlerweile ist sie zu einer stattlichen Eiche von rund 30 cm Höhe herangewachsen.

Ich habe schon so einiges eingepflanzt in meinem Leben. Jedes Mal staune ich aufs Neue, wie viel Lebenskraft in ganz wenig Biomasse zu schlummern vermag. Welche Wege das Leben findet, um Neues hervorzubringen, an unzugänglichen Stellen, unter widrigsten Bedingungen. Da hängen mächtige Fichten in beinahe senkrechten Felswänden, blühende Wegwarten zwängen sich durch den Spalt zwischen Fahrbahn und Bordstein, oder eben Mini-Zitronenbäumchen.

Für mich sind das alles Offenbarungen unbändiger Lebenskraft. Aus dem, was vorhanden ist, wird das Bestmögliche gemacht.

Wieviel Lebenskraft steckt in uns Menschen?

Wenn ich auf Menschen treffe, die über ihr Leben und alles, was dazu gehört, klagen (und das sind ganz schön viele), dann frage ich mich, ob diese Menschen schon einmal wahrgenommen haben, mit wie wenig andere (Menschen, Tiere und Pflanzen) in dieser Welt gedeihen und sich entfalten können?

Wieviel braucht es aus dem Außen, und wie viel (Lebenskraft) aus dem Inneren, um zu wachsen, zu gedeihen, aufzublühen? Ist nicht alles, was es dafür braucht, bereits von Beginn an in uns vorhanden – so wie der vollständige Bauplan für einen Zitronenbaum in jenem kleinen Kern?

Einmal mehr frage ich mich, ob es nicht der Blick nach Innen ist, der uns groß und stark werden lässt. Die Rückbesinnung auf das, was uns mitgegeben wurde und das Bestmögliche daraus zu machen.

In meinem Fall gehört zum Startpaket die Gabe, in den banalen Dingen des Alltäglichen die Zusammenhänge des Großen Ganzen zu entdecken. Auf meiner Fensterbank steht nun ein weiterer Blumentopf und ich bin gespannt, welche Blüten die Lebenskraft des Zitronenkerns hervorbringen wird.

DER ATEM DES LEBENS – POST COVID

I am back 😊 Zwei Wochen nach meiner Covid-Erkrankung bin ich zwar körperlich noch angeschlagen, aber immerhin innerlich wieder halbwegs im Gleichgewicht. Einmal abgesehen davon, dass ich auf die physische C-Erfahrung gerne verzichtet hätte, die mentale war auch nicht ohne.

Die emotionale Achterbahn drehte einige Runden mit mir. Ob als Nebeneffekt der Infektion oder als Begleiterscheinung des „Eingesperrt-seins“ der Quarantäne, oder beiden … who knows? Auf jeden Fall wurde mir neuerlich bewusst, wie wichtig meine Zeiten draußen in der Natur für mich sind, weit ab von anderen Menschen.

Dass dieses temporäre „Eingesperrt-sein“ just mit dem 2. Jahrestag der „aus dem Nichts kommenden Trennung“ zusammenfiel, ist schon einer dieser eigenartigen Zufälle im Leben. Immerhin waren 24 Monate genau der Zeitraum, den ich mir für die Verarbeitung einer 24 Jahre dauernden Beziehungen vorgenommen hatte. Danach wollte ich frei und voller Energie in mein neues Leben starten – aber nicht hustend und schnaufend in Quarantäne sitzen.

Wenn einem die Luft wegbleibt, das Atmen schwerfällt, dann bleibt viel Zeit zum Nachdenken und Einfühlen in das, was gerade da ist. Also lag ich schnaufend und frierend unter zwei Decken bei über 30 Grad plus vor der Haustür, erlebte Wut, Frustration, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in überraschender Intensität. Für all das gab es keine Auslöser in meiner Realität. Okay, eine Covid-Infektion, aber solche Emotionen? Durchheulte Nächte? Kann Covid sich auf die Psyche auswirken? Diese Frage hätte ich lieber mal nicht gegoogelt, denn die Suchergebnisse sind erschreckend zahlreich und wenig aufbauend. Tab wieder geschlossen. Manchmal ist ein langer, kurzatmiger Spaziergang durch den Wald die klügere Option als eine umfangreiche Recherche.

Der Atem des Lebens.

Damit befasste ich mich gedanklich, mit dem Atem, der derzeit weniger kraftvoll als vor Covid durch meinen Körper fließt, was aber nur eine Frage der Zeit ist. Geduld ist angesagt. Mein Körper wird sich vollständig erholen, davon bin ich überzeugt. Die Zeit dafür muss ich ihm allerdings geben.

Der Atem des Lebens.

Ist es tatsächlich nur die Luft, die durch unsere Lungen strömt? Oder geht’s dabei um mehr als um eine adäquate Sauerstoff-Stickstoff-Mischung? Luft konnte ich auch während der Quarantäne in meinem Zimmer atmen. Sogar Frischluft durch das geöffnete Fenster oder auf dem Balkon. Aber diese Luft verschaffte mir nicht das Gefühl des „Durchatems“, dass ein kurzer Spaziergang durch den Wald mit sich brachte. Neben dem Gefühl, wieder lebendig zu sein, kamen auch wieder andere Gedanken und Gefühle in meinen Fokus.

Der Atem des Lebens.

Für mich gehört viel mehr dazu, als nur 4N2O2 plus CO2 und ein paar Edelgase, um vom Atem des Lebens zu sprechen. Durchatmen kann ich an einem Ort, an dem ich mich mit dem Leben verbunden fühle. Die Lunge gilt als ein Organ (ebenso wie die Haut), über das wir direkt mit der Umwelt in Berührung kommen. Die Lunge ist ein Berührungspunkt mit dem Leben, Außen trifft auf Innen. Vielleicht ist mein Innen noch nicht bereit, sich ganz dem Außen zu öffnen und drosselt deshalb den Austausch? Bin ich bereit, mit meinem neuen Leben zu starten? Interessante Fragen, auf die ich noch keine Antwort gefunden habe, aber ich denke, allein mich damit zu befassen, eröffnet neue Horizonte. So wie diesen…

Heute Morgen begegnete mir dieser kleine Schmetterling. Seine Flügel sind viel zu zerbrechlich für diese Welt, wie das Herz mancher Menschen. Eigentlich müsste er seine Flügel hinter einer dicken Mauer verbergen, um sie zu schützen, doch stattdessen entfaltet er sie, denn er weiß, nur mit geöffneten Flügeln kann er fliegen und lebendig sein.

Manchmal fühlte ich mich wie eine Art emotionales Schmetterlingskind. Viel zu empfindsam für diese Welt. Doch ich weiß, ich kann nur dann fliegen und lebendig sein, wenn ich meine Flügel – und mein Herz – öffne…

… und mich selbst dem Atem des Lebens.

LEBE DEINE TRÄUME

„Lebe das, wovon du träumst. Dann gibst du mehr ans Leben und die Menschen zurück, als du dir je vorstellen kannst. Hab‘ Vertrauen in deine Träume. Sie sind ein Geschenk deiner Seele.“

Diese Zeilen schrieb ich heute einem Freund, der mir dieses wunderschöne Bild zur Verfügung gestellt hat.

Diese Zeilen spiegeln auch das wider, was ich in den vergangenen Tagen erlebt habe.

Lebe deine Träume.

Eine Phrase, die wohl jeder schon mal irgendwann irgendwo gehört oder gelesen hat. Aber wer denkt darüber nach, was sie bedeutet?

Lebe deine Träume.

Damit sind für mich nicht jene Träume gemeint, die sich nächstens in meinen Schlaf schleichen. Für mich geht es hierbei um die Träume, die latent in mir schlummern, mal mehr und mal weniger bewusst in den Vordergrund rutschen, und sich in der Antwort zur Frage: „Wenn alles möglich wäre, wie würde dein Leben aussehen?“ offenbaren.

Mein Traum war es – solange ich mich zurückerinnern kann – Schriftstellerin zu werden und Geschichten zu erzählen, über das Leben, über magische Wesen (dazu zähle ich auch Menschen), über Gefühle, Abenteuer (was ist die Reise zu sich selbst anderes als das ultimative Abenteuer?) und das es am Ende gut ausgehen wird.

Heute lebe ich diesen Traum, schreibe Geschichten, veröffentliche Bücher. Dieser Traum hat mich von der Borderline-Achterbahn geholt, ist die Basis meiner Stabilität. Mich wirft so leicht nichts mehr aus meiner neuen Bahn, denn wenn ich unrund werde, schreibe ich mich einfach zurück ins Gleichgewicht. Beginne in der Dunkelheit und schreibe so lange, bis ich im Licht angekommen bin. Schreibtherapie mit Mehrwert, denn was daraus entsteht, landet häufig in meinen Büchern, und damit auch bei meinen Leser*innen, denen ich damit etwas Authentisches gebe. Häufig etwas, das sie seit langem suchen.

Meine Seele sandte mir den Traum, Schriftstellerin zu werden, Geschichtenerzählerin, Autorin, Dichterin, Poetin, Lebensphilosophin … viele Begriffe für das, was ich heute bin. Nach sehr langem Zögern vertraute ich diesem Traum, löste meine Borderline-Herausforderung und fand zurück in die Umarmung des Lebens. Wenn mich heute das Feedback von Leser*innen erreicht, entweder in Form von e-Mails, oder – wie gestern – direkt im Rahmen einer Lesung, dann merke ich, wie viel mein Traum diesen Menschen gibt. Da werden mitunter lange blockierte emotionale Türen geöffnet, neue gedankliche Wege eingeschlagen, schwere Steine aus dem karmischen Rucksack entfernt. All das geschieht, weil ich den Mut fand, meinem Traum zu leben, darauf zu vertrauen, dass es gut wird.

Mein Herz ist voller Dankbarkeit für dieses „traumhafte Geschenk“ meiner Seele.

Ich glaube, dass es so etwas wie ein übergeordnetes Bewusstsein gibt, – manche mögen es vielleicht Gott nennen – das sich aber von unserem menschlichen Bewusstsein massiv unterscheidet und wir es deshalb nur ansatzweise erfassen können. Dieses Bewusstsein durchdringt das gesamte Universum und verbindet alles miteinander, auch uns Menschen. In meiner – zugegeben – romantischen (absolut nicht wissenschaftlichen) Vorstellung gestaltet dieses Bewusstsein die Träume der Menschen. Nicht die nächtlichen, sondern jene im Herzen, gesandt von der Seele. All diese Träume ergeben zusammen das Bild einer Welt, die von der Weisheit des Herzens dominiert wird.

Ein wunderschöner Traum – und wer weiß, vielleicht wird er eines Tages wahr? Immerhin wurde ich auch Schriftstellerin.

LEICHTIGKEIT IM LEBEN

Leichtigkeit im Leben ist ein Thema, das mir derzeit auf vielfältige Weise begegnet. Offenbar beschäftigt es viele Menschen. Wenn ein Thema gehäuft auftritt, beginne ich darüber zu reflektieren. Das kommt dabei raus:

Vor wenigen Tagen saß ich in einem Führungskräfte-Coaching. Was meinen Job betrifft, befinde ich mich seit Wochen in einer Phase, die sich in den Fragen „Was noch?“ und „Geht’s noch?“ gut darstellen lässt. Am Ende des Coachings wurde ich gefragt, wie ich es mache, dass ich bei all dem ziemlich locker wirke und vieles mit Humor nehmen kann.

Gute Frage.

Meine Antwort darauf lautete: Ich habe Lesley.

Diese Antwort musste ich näher erklären.

Im bürgerlichen Job lebe ich eine weitgehend angepasste Persönlichkeit. Sicherlich keine einfache Mitläuferin, aber dennoch schalte ich Teile von mir auf Mute. Wie viele andere auch, stoße ich im Job immer wieder an Grenzen, die Sinnloses schützen und Sinnvolles verhindern, so dass ich die Sinnhaftigkeit mehr als einmal hinterfrage. Ich schlage mit Ignoranz ebenso rum wie mit ausgeschaltetem Hausverstand. Kurz gesagt: Es gäbe genug, um dauerhaft frustriert zu sein. Bin ich aber nicht.

Warum?

Ich habe Lesley.

Als Lesley bin ich voll und ganz ich. 100%. Ich lebe mich aus mit allem, was in mir steckt und entdecke dabei laufend Weiteres in mir. Mit Lesley habe ich für mich eine Facette der Realität erschaffen, die niemand anders bestimmt außer ich selbst. Keine Fantasiewelt, sondern eine parallele Realität, die geprägt ist von meiner emotionalen Seite (die sich im Job zurückhalten darf/soll/muss …) und meiner Kreativität im künstlerischen Sinne (im Job bin ich auch kreativ, aber dabei geht es um Prozesse, Innovationen …)

Seit Oktober 2017 bin ich Lesley B. Strong.

Manche nehmen einen Künstlernamen an, um jemand anders zu sein. Durch Lesley wurde ich ICH. Niemand anders, sondern die, die ich bin, immer war, aber zuvor nicht sein durfte/konnte, weil … die Gründe dafür sind zahlreich und allesamt heute nicht mehr relevant.

Ich bin Lesley – ein feuriger Funken Lebensfreude. Leichtigkeit liegt mir im Blut.

Leichtigkeit im Leben hat für mich viel mit Anerkennung dessen zu tun, was ich alles bekommen habe in diesem Leben. An erster Stelle steht hiermit das Leben selbst. Danach folgen meine Gaben, Talente, Fähigkeiten, aus denen wunderbares entsteht. Ich bin dankbar für alles in meinem Leben, auch für stressige Jobphasen wie die derzeitige.

Alles im Leben hat stets zwei Seiten.

Ein „Was noch?“ kann auch „Was noch fällt mir dazu ein?“ meine Kreativität in astronomische Dimensionen schrauben.

Ein „Geht’s noch?“ lässt mich Achtsamkeit üben, häufiger als sonst mich selbst zu hinterfragen, in mich hinein zu spüren und darauf zu achten, nicht allzu lange an der Grenze oder gar über der Grenze zu bleiben, sondern auf mich selbst gut zu achten.

Leichtigkeit im Leben ist für mich mehr als mittels positiver Affirmationen einen Zustand zu beschwören. Leichtigkeit ist ein Lebensgefühl. Ein riesengroßes JA zum Leben und mir selbst. Leichtigkeit geht Hand in Hand mit Hoffnung. All die Krisen in der Welt, von Umweltzerstörung über Krieg, Pandemie … es gibt so vieles rund um uns, das bedrückt und Schwere hervorrufen kann. Tagtäglich sehe ich Menschen, die von der Last ihres Lebens gebeugt werden, die sich schwerfällig bewegen. Blicke ich in ihre Augen, nehme ich Leere wahr, keine Hoffnung oder gar Leichtigkeit. Keine Lebendigkeit. Sie sind hier, aber irgendwie auch nicht. Klammern sich an Probleme, Ängste, Sorgen, um etwas zu haben, dass ihnen einen Grund zum Leben liefert. Dann denke ich an Victor Frankl und seine Buch „Trotzdem JA zum Leben sagen“, seine Erfahrungen, dass Menschen, die nichts mehr in diesem Leben haben oder nicht mehr hoffen, einfach sterben.

Leichtigkeit im Leben fand ich, nachdem ich begann, alles Belastende loszulassen – sofern dies möglich war. Energievampire und Karmastaubsauger ebenso wie materielles Zuviel. Vor ein paar Jahren hatte ich mir nie vorstellen können, mit dem wenigen zu leben, das ich heute besitze, aber es geht mir gut damit. Ich brauche nicht mehr. Ich habe Lesley.

Was ich nicht loslassen konnte/kann, weil z.B. mit dem Job verbunden, betrachte ich aus einem anderen Blickwinkel. Die andere Seite der Medaille. Eine Mentorin gab mir einst einen wunderbaren Satz mit auf meinem Weg: What is in it for me? Was kann ich mir daraus mitnehmen? In jedem Sch***haufen findet sich auch immer etwas Gutes. Nicht umsonst wird mit Mist gedüngt 😉 Menschen werden insbesondere dann kreativ und innovativ, wenn die Notlage sie dazu zwingt. Wer alles im Überfluss hat, wird eher träge – und irgendwann schwer.

Ich glaube, ich könnte Stunden über Leichtigkeit im Leben reden, ohne mich zu wiederholen. Es ist wie ein Licht im Herzen, das ich spüre und das mich diese Welt mit anderen Augen sehen lässt. Keine rosa Brille, aber ein unerschütterliches Vertrauen in das Leben und die Überzeugung, dass in uns Menschen das Potenzial schlummert, uns selbst zu hinterfragen und verändern zu können. Vielleicht werden das nicht alle tun, doch jene, die es tun, werden mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Leben in Leichtigkeit führen.

Bild: pixabay.com

ICH KRIEG‘ DIE KRISE

In einem Chat heute Morgen hatte ich plötzlich folgende Sätze im Kopf:

„Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt einfach nur gelebt habe, ohne über Krisen nachzudenken. Die permanente Präsenz von Krisen macht etwas mit uns. Sie aktiviert den Alarmmodus im Unterbewusstsein mit all seinen Folgen: Stress, Anspannung, Reduktion des Stoffwechsels …“

Im Chat ging es um das Gefühl, ständig nur noch müde zu sein. Ein Gefühl, das auch mich seit einigen Wochen begleitet. Gewiss, ich habe seit einigen Wochen sehr viel zu tun, mehr als üblich viel. Dennoch kann das allein nicht der Grund sein. Sehr viel zu tun zu haben kommt bei mir häufig vor. Aber nach 8 Stunden Schlaf gefühlt null ausgeruht zu sein, macht nachdenklich.

Egal, wohin ich auch komme und Menschen zuhöre, irgendeine Krise ist Gesprächsthema: Pandemie, Krieg, Klima … Krise da, Krise dort. Manchmal habe ich den Eindruck, es geht gar nicht mehr ohne. Die Welt würde augenblicklich stillstehen, würde jemand es wagen, ein Gespräch ohne Krisenthema zu führen.

Es ist ermüdend.

Ich krieg‘ die Krise mit den Krisen.

Niemand sollte die real existierenden Krisen negieren, aber es gibt auch noch anderes auf dieser Welt.

Bad news are good news … heißt es so treffend.

Schlechte Neuigkeiten zehren aber auch an der emotionalen Widerstandskraft, weil sie unserem Unterbewusstsein vorgaukeln, alles ist schlimm, vielleicht sogar hoffnungslos.

Wir brauchen gute Nachrichten, um das Gefühl der Hoffnung in uns am Leben zu erhalten, denn Hoffnung verleiht Kraft.

Auf meiner gestrigen Wanderung begegnet mir das Bäumchen auf dem Foto. Was auch immer geschehen ist, dieses Bäumchen wurde gebrochen, verdreht, sein Stamm regelrecht gespalten … dennoch sprießen rundum neue, kräftige Triebe mit sattgrünen Blättern. Dieser Baum durchlebte eine im wahrsten Sinne des Wortes existenzielle Krise, doch anstatt aufzugeben, wuchs dieses Bäumchen weiter. Eine Kämpfernatur? Unbändiger Lebenswille? Wäre dieser Baum ein Mensch, würden wir wohl diese Attribute für ihn finden. Doch er ist nur ein Baum, ohne Denken, ohne Fühlen, Leben in seiner vielleicht ursprünglichsten Form. Dieser Baum macht einfach weiter.

Das Leben findet immer einen Weg.

Das ist die gute Nachricht, die ich heute teilen möchte.

Ein Mann, der niemals weint …

… beweist nur eines: dass er sein Herz nicht mehr spüren kann.

Dieser – zugegeben polarisierende Gedanke – tauchte vor einigen Tagen wie aus dem Nichts in meinem Kopf auf. Mir ist bewusst, dass diese Aussage lange und leidenschaftlich diskutiert werden kann. Insbesondere, warum ich das Subjekt „Mann“ gewählt habe, könnte es doch genauso gut „Mensch“ lauten. Nun, das folgende wird wohl Aufschluss darüber geben.

Als ich mich näher mit diesem „Satz aus dem Nichts“ befasste, tauchte einiges an Fragen auf, die ich hier teilen möchte in der Hoffnung, sie regen zum Nachdenken an:  

„Ein Mann, der niemals weint, beweist nur eines: dass er sein Herz nicht mehr spüren kann.“

Darf ein Mann überhaupt weinen? Im Jahr 2022 sind wir Lichtjahre von einer stereotypen-befreiten Gesellschaft entfernt. Rollenbilder bestimmen noch immer weitgehend unseren Alltag. Ein Mann, der weint? Berührbar, empfindsam, sensibel … nicht unbedingt die klassischen männlichen Attribute, oder? Was ist männlich? Was weiblich? Und was menschlich?

Auf welche Weise darf ein Mann zeigen, dass er verletzt wurde, ohne dass ihm gleichzeitig seine Männlichkeit abgesprochen wird? Eine Frau, die zartbesaitet ist, verliert dadurch nicht ihre Weiblichkeit – manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall. Aber wie fühlend darf ein Mann sein?

Wie geht es männlichen Borderlinern mit ihrer extremen Emotionalität? Wie viele unterdrücken jene Gefühle, die gemeinhin als „Schwäche“ eingestuft werden (Feinfühligkeit, Sensibilität, Mitgefühl, Trauer, Scham …), bis nur noch die anderen, die „Starken“ übrigbleiben (Wut, Zorn, Aggressionen …)? Oder gar keine Gefühle mehr, nur noch Leere?

Was würde sich in ihrem Leben verändern, dürften sie ohne Furcht zeigen, was sie fühlen?

Was wäre anders in dieser Welt, würden Tränen nicht länger als ein Zeichen von Schmerz und Schwäche gesehen, sondern von der Stärke, sich den Herausforderungen des Lebens fühlend zu stellen (nicht nur mit dem Kopf), und dem Mut, offen zu zeigen, was das Herz berührt?

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Gedanken zum Tag, 23.03.2022

Mit welch tiefgründigen Gedanken ich doch morgens aufwache …

Piloten_innen, Buslenker_innen, Polizist_innen, ja selbst Kindergartenpädagog_innen … sie alle müssen psychologische Eignungstests absolvieren, bevor sie in die Ausbildung und den Job starten können, denn sie tragen viel Verantwortung für andere Menschen.

Sollten nicht auch Politiker_innen getestet werden, bevor sie die Macht bekommen, über das Schicksal anderer zu entscheiden?

Was denkst du?

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VON TÄTERN UND OPFERN

Vor wenigen Tagen erfuhr ich, das mein Expartner, der seit unserer Trennung (die von ihm ausging) jeglichen Kontakt zu mir ablehnt, einen schweren Unfall hatte und seither mit einigen Einschränkungen lebt.

Mein erster Gedanke war, bei ihm vorbeizuschauen und nachzufragen, ob er was braucht und ich helfen kann. Immerhin waren wir fast 25 Jahre liiert und auch wenn wir seit 1,5 Jahren getrennte Wege gehen, helfe ich wenn es nötig ist.

Im nächsten Schritt erzählte ich meinem Sohn von meinem Vorhaben, der entsetzt reagierte. Ob ich vergessen hätte, dass ich von einem Tag auf den anderen auf der Straße (bzw. auf dem Sofa meines Sohnes) gelandet bin? Ob ich ernsthaft alles ausblende, was damals geschehen ist? Gute Argumente.

Also setzte ich mich in Ruhe hin und fühlte ich mich hinein.

Nein, ich hatte nichts vergessen oder ausgeblendet. Die Ereignisse rund um die Trennung waren mir bewusst.

Was mein Sohn (und vermutlich einige andere auch) nicht verstehen kann: Ich sehe meinen Expartner nicht als Täter. Die Trennung traf mich damals wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Extreme Emotionen, allerdings nicht auf meiner Seite (der Borderlinerin, wo man sie erwartet hätte), sondern auf seiner. Über Jahre und Jahrzehnte Unterdrücktes und Aufgestautes (auch aus einer Zeit vor mir) brach explosionsartig in aggressiver Form an die Oberfläche.

Es wäre ein leichtes, die Schuld bzw. Verantwortung für all das meinem Expartner zu übertragen und ihn damit in die Täterrolle zu schieben. Doch so einfach ist es nicht – für mich. In dem Augenblick, in dem ich meinen Ex zum Täter mache, erkläre ich mich selbst zum Opfer. Hilflos. Machtlos. Ausgeliefert. Das war ich nicht.

Ich konnte mir selbst helfen bzw. mir Hilfe von anderen holen.

Ich hatte ich Macht, eine Entscheidung für mein Leben zu treffen und sie umzusetzen.

Ich ging auf meinen eigenen Beinen durch eine Tür hinaus und durch eine andere in mein neues Leben hinein.

Ich war kein Opfer. Ich bin kein Opfer.

Der Logik folgend war und ist mein Expartner kein Täter.

Wir lebten lange Zeit eine Beziehungsdynamik, die ich heute als toxisch bezeichne. Doch bis kurz vor dem Aus stimmte ich (bewusst oder unbewusst) dieser Dynamik zu und blieb, obwohl ich weder hilflos noch machtlos oder ausgeliefert war.

Wenn ich meine eigenen Gedankengänge aus der Metaposition heraus betrachte, erkenne ich den geistigen Einfluss von Viktor Frankl. Insbesondere dieses Zitat von ihm spiegelt sich in meinen Überlegungen wider:

„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“

Wenn ich mich entscheide, in meinem Expartner keinen Täter oder Feind zu sehen, geschieht dies aus meiner menschlichen Freiheit in der Wahl der Einstellung. Ebenso wie ich mich entscheide, mir selbst eine starke Rolle zu geben. Gewiss, manches hätte ich früher erkennen können, andere Handlungen setzen usw. Nun, wir alle machen Fehler, und aus einigen lernen wir hoffentlich auch. Aber ich war kein hilfloses, machtloses, ausgeliefertes Opfer.

Für mich ist es sehr wichtig, die Täter-Opfer-Dynamik aus den Ereignissen herauszunehmen, um ein starkes Fundament für das zu schaffen, das darauf aufbaut: mein aktuelles Leben.

Ziemlich sicher beeinflusst hier Bert Hellinger mit seinem Buch „Anerkennen was ist: Gespräche über Verstrickungen und Lösungen“ meine Denkansätze.

Ein wenig provokant formuliert meine Essenz in Bezug auf die Trennung: „Wer sich ewiglich in der Opferrolle suhlt, bleibt ebenso lange an den Täter gebunden. Freiheit beginnt mit dem Loslassen (der Opfer-/Täterrollen)“.

Das Ganze hat für mich auch nichts mit positivem Denken, Vergebung oder ähnlichem zu tun. Es geht schlichtweg um ein pragmatisches: Es ist, was es ist.

Das Leben kann schwarz/weiß betrachtet werden, oder bunt – alles eine Freiheit der Einstellung.

Möglicherweise bereiten diese Zeilen manchen Menschen nachdenkliche Stunden.

Verstrickungen sind tückische Fallstricke. Lösungen erfordern mitunter ein Loslösen von alten Denkmustern.

Ich war (noch) nicht bei meinem Expartner. Mein Bauchgefühl ist noch unschlüssig in Bezug auf den richtigen Zeitpunkt. Meine Einstellung dazu habe jedoch ich gefunden.

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