LEICHTIGKEIT IM LEBEN

Leichtigkeit im Leben ist ein Thema, das mir derzeit auf vielfältige Weise begegnet. Offenbar beschäftigt es viele Menschen. Wenn ein Thema gehäuft auftritt, beginne ich darüber zu reflektieren. Das kommt dabei raus:

Vor wenigen Tagen saß ich in einem Führungskräfte-Coaching. Was meinen Job betrifft, befinde ich mich seit Wochen in einer Phase, die sich in den Fragen „Was noch?“ und „Geht’s noch?“ gut darstellen lässt. Am Ende des Coachings wurde ich gefragt, wie ich es mache, dass ich bei all dem ziemlich locker wirke und vieles mit Humor nehmen kann.

Gute Frage.

Meine Antwort darauf lautete: Ich habe Lesley.

Diese Antwort musste ich näher erklären.

Im bürgerlichen Job lebe ich eine weitgehend angepasste Persönlichkeit. Sicherlich keine einfache Mitläuferin, aber dennoch schalte ich Teile von mir auf Mute. Wie viele andere auch, stoße ich im Job immer wieder an Grenzen, die Sinnloses schützen und Sinnvolles verhindern, so dass ich die Sinnhaftigkeit mehr als einmal hinterfrage. Ich schlage mit Ignoranz ebenso rum wie mit ausgeschaltetem Hausverstand. Kurz gesagt: Es gäbe genug, um dauerhaft frustriert zu sein. Bin ich aber nicht.

Warum?

Ich habe Lesley.

Als Lesley bin ich voll und ganz ich. 100%. Ich lebe mich aus mit allem, was in mir steckt und entdecke dabei laufend Weiteres in mir. Mit Lesley habe ich für mich eine Facette der Realität erschaffen, die niemand anders bestimmt außer ich selbst. Keine Fantasiewelt, sondern eine parallele Realität, die geprägt ist von meiner emotionalen Seite (die sich im Job zurückhalten darf/soll/muss …) und meiner Kreativität im künstlerischen Sinne (im Job bin ich auch kreativ, aber dabei geht es um Prozesse, Innovationen …)

Seit Oktober 2017 bin ich Lesley B. Strong.

Manche nehmen einen Künstlernamen an, um jemand anders zu sein. Durch Lesley wurde ich ICH. Niemand anders, sondern die, die ich bin, immer war, aber zuvor nicht sein durfte/konnte, weil … die Gründe dafür sind zahlreich und allesamt heute nicht mehr relevant.

Ich bin Lesley – ein feuriger Funken Lebensfreude. Leichtigkeit liegt mir im Blut.

Leichtigkeit im Leben hat für mich viel mit Anerkennung dessen zu tun, was ich alles bekommen habe in diesem Leben. An erster Stelle steht hiermit das Leben selbst. Danach folgen meine Gaben, Talente, Fähigkeiten, aus denen wunderbares entsteht. Ich bin dankbar für alles in meinem Leben, auch für stressige Jobphasen wie die derzeitige.

Alles im Leben hat stets zwei Seiten.

Ein „Was noch?“ kann auch „Was noch fällt mir dazu ein?“ meine Kreativität in astronomische Dimensionen schrauben.

Ein „Geht’s noch?“ lässt mich Achtsamkeit üben, häufiger als sonst mich selbst zu hinterfragen, in mich hinein zu spüren und darauf zu achten, nicht allzu lange an der Grenze oder gar über der Grenze zu bleiben, sondern auf mich selbst gut zu achten.

Leichtigkeit im Leben ist für mich mehr als mittels positiver Affirmationen einen Zustand zu beschwören. Leichtigkeit ist ein Lebensgefühl. Ein riesengroßes JA zum Leben und mir selbst. Leichtigkeit geht Hand in Hand mit Hoffnung. All die Krisen in der Welt, von Umweltzerstörung über Krieg, Pandemie … es gibt so vieles rund um uns, das bedrückt und Schwere hervorrufen kann. Tagtäglich sehe ich Menschen, die von der Last ihres Lebens gebeugt werden, die sich schwerfällig bewegen. Blicke ich in ihre Augen, nehme ich Leere wahr, keine Hoffnung oder gar Leichtigkeit. Keine Lebendigkeit. Sie sind hier, aber irgendwie auch nicht. Klammern sich an Probleme, Ängste, Sorgen, um etwas zu haben, dass ihnen einen Grund zum Leben liefert. Dann denke ich an Victor Frankl und seine Buch „Trotzdem JA zum Leben sagen“, seine Erfahrungen, dass Menschen, die nichts mehr in diesem Leben haben oder nicht mehr hoffen, einfach sterben.

Leichtigkeit im Leben fand ich, nachdem ich begann, alles Belastende loszulassen – sofern dies möglich war. Energievampire und Karmastaubsauger ebenso wie materielles Zuviel. Vor ein paar Jahren hatte ich mir nie vorstellen können, mit dem wenigen zu leben, das ich heute besitze, aber es geht mir gut damit. Ich brauche nicht mehr. Ich habe Lesley.

Was ich nicht loslassen konnte/kann, weil z.B. mit dem Job verbunden, betrachte ich aus einem anderen Blickwinkel. Die andere Seite der Medaille. Eine Mentorin gab mir einst einen wunderbaren Satz mit auf meinem Weg: What is in it for me? Was kann ich mir daraus mitnehmen? In jedem Sch***haufen findet sich auch immer etwas Gutes. Nicht umsonst wird mit Mist gedüngt 😉 Menschen werden insbesondere dann kreativ und innovativ, wenn die Notlage sie dazu zwingt. Wer alles im Überfluss hat, wird eher träge – und irgendwann schwer.

Ich glaube, ich könnte Stunden über Leichtigkeit im Leben reden, ohne mich zu wiederholen. Es ist wie ein Licht im Herzen, das ich spüre und das mich diese Welt mit anderen Augen sehen lässt. Keine rosa Brille, aber ein unerschütterliches Vertrauen in das Leben und die Überzeugung, dass in uns Menschen das Potenzial schlummert, uns selbst zu hinterfragen und verändern zu können. Vielleicht werden das nicht alle tun, doch jene, die es tun, werden mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Leben in Leichtigkeit führen.

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ICH KRIEG‘ DIE KRISE

In einem Chat heute Morgen hatte ich plötzlich folgende Sätze im Kopf:

„Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt einfach nur gelebt habe, ohne über Krisen nachzudenken. Die permanente Präsenz von Krisen macht etwas mit uns. Sie aktiviert den Alarmmodus im Unterbewusstsein mit all seinen Folgen: Stress, Anspannung, Reduktion des Stoffwechsels …“

Im Chat ging es um das Gefühl, ständig nur noch müde zu sein. Ein Gefühl, das auch mich seit einigen Wochen begleitet. Gewiss, ich habe seit einigen Wochen sehr viel zu tun, mehr als üblich viel. Dennoch kann das allein nicht der Grund sein. Sehr viel zu tun zu haben kommt bei mir häufig vor. Aber nach 8 Stunden Schlaf gefühlt null ausgeruht zu sein, macht nachdenklich.

Egal, wohin ich auch komme und Menschen zuhöre, irgendeine Krise ist Gesprächsthema: Pandemie, Krieg, Klima … Krise da, Krise dort. Manchmal habe ich den Eindruck, es geht gar nicht mehr ohne. Die Welt würde augenblicklich stillstehen, würde jemand es wagen, ein Gespräch ohne Krisenthema zu führen.

Es ist ermüdend.

Ich krieg‘ die Krise mit den Krisen.

Niemand sollte die real existierenden Krisen negieren, aber es gibt auch noch anderes auf dieser Welt.

Bad news are good news … heißt es so treffend.

Schlechte Neuigkeiten zehren aber auch an der emotionalen Widerstandskraft, weil sie unserem Unterbewusstsein vorgaukeln, alles ist schlimm, vielleicht sogar hoffnungslos.

Wir brauchen gute Nachrichten, um das Gefühl der Hoffnung in uns am Leben zu erhalten, denn Hoffnung verleiht Kraft.

Auf meiner gestrigen Wanderung begegnet mir das Bäumchen auf dem Foto. Was auch immer geschehen ist, dieses Bäumchen wurde gebrochen, verdreht, sein Stamm regelrecht gespalten … dennoch sprießen rundum neue, kräftige Triebe mit sattgrünen Blättern. Dieser Baum durchlebte eine im wahrsten Sinne des Wortes existenzielle Krise, doch anstatt aufzugeben, wuchs dieses Bäumchen weiter. Eine Kämpfernatur? Unbändiger Lebenswille? Wäre dieser Baum ein Mensch, würden wir wohl diese Attribute für ihn finden. Doch er ist nur ein Baum, ohne Denken, ohne Fühlen, Leben in seiner vielleicht ursprünglichsten Form. Dieser Baum macht einfach weiter.

Das Leben findet immer einen Weg.

Das ist die gute Nachricht, die ich heute teilen möchte.

Ein Mann, der niemals weint …

… beweist nur eines: dass er sein Herz nicht mehr spüren kann.

Dieser – zugegeben polarisierende Gedanke – tauchte vor einigen Tagen wie aus dem Nichts in meinem Kopf auf. Mir ist bewusst, dass diese Aussage lange und leidenschaftlich diskutiert werden kann. Insbesondere, warum ich das Subjekt „Mann“ gewählt habe, könnte es doch genauso gut „Mensch“ lauten. Nun, das folgende wird wohl Aufschluss darüber geben.

Als ich mich näher mit diesem „Satz aus dem Nichts“ befasste, tauchte einiges an Fragen auf, die ich hier teilen möchte in der Hoffnung, sie regen zum Nachdenken an:  

„Ein Mann, der niemals weint, beweist nur eines: dass er sein Herz nicht mehr spüren kann.“

Darf ein Mann überhaupt weinen? Im Jahr 2022 sind wir Lichtjahre von einer stereotypen-befreiten Gesellschaft entfernt. Rollenbilder bestimmen noch immer weitgehend unseren Alltag. Ein Mann, der weint? Berührbar, empfindsam, sensibel … nicht unbedingt die klassischen männlichen Attribute, oder? Was ist männlich? Was weiblich? Und was menschlich?

Auf welche Weise darf ein Mann zeigen, dass er verletzt wurde, ohne dass ihm gleichzeitig seine Männlichkeit abgesprochen wird? Eine Frau, die zartbesaitet ist, verliert dadurch nicht ihre Weiblichkeit – manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall. Aber wie fühlend darf ein Mann sein?

Wie geht es männlichen Borderlinern mit ihrer extremen Emotionalität? Wie viele unterdrücken jene Gefühle, die gemeinhin als „Schwäche“ eingestuft werden (Feinfühligkeit, Sensibilität, Mitgefühl, Trauer, Scham …), bis nur noch die anderen, die „Starken“ übrigbleiben (Wut, Zorn, Aggressionen …)? Oder gar keine Gefühle mehr, nur noch Leere?

Was würde sich in ihrem Leben verändern, dürften sie ohne Furcht zeigen, was sie fühlen?

Was wäre anders in dieser Welt, würden Tränen nicht länger als ein Zeichen von Schmerz und Schwäche gesehen, sondern von der Stärke, sich den Herausforderungen des Lebens fühlend zu stellen (nicht nur mit dem Kopf), und dem Mut, offen zu zeigen, was das Herz berührt?

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Gedanken zum Tag, 23.03.2022

Mit welch tiefgründigen Gedanken ich doch morgens aufwache …

Piloten_innen, Buslenker_innen, Polizist_innen, ja selbst Kindergartenpädagog_innen … sie alle müssen psychologische Eignungstests absolvieren, bevor sie in die Ausbildung und den Job starten können, denn sie tragen viel Verantwortung für andere Menschen.

Sollten nicht auch Politiker_innen getestet werden, bevor sie die Macht bekommen, über das Schicksal anderer zu entscheiden?

Was denkst du?

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VON TÄTERN UND OPFERN

Vor wenigen Tagen erfuhr ich, das mein Expartner, der seit unserer Trennung (die von ihm ausging) jeglichen Kontakt zu mir ablehnt, einen schweren Unfall hatte und seither mit einigen Einschränkungen lebt.

Mein erster Gedanke war, bei ihm vorbeizuschauen und nachzufragen, ob er was braucht und ich helfen kann. Immerhin waren wir fast 25 Jahre liiert und auch wenn wir seit 1,5 Jahren getrennte Wege gehen, helfe ich wenn es nötig ist.

Im nächsten Schritt erzählte ich meinem Sohn von meinem Vorhaben, der entsetzt reagierte. Ob ich vergessen hätte, dass ich von einem Tag auf den anderen auf der Straße (bzw. auf dem Sofa meines Sohnes) gelandet bin? Ob ich ernsthaft alles ausblende, was damals geschehen ist? Gute Argumente.

Also setzte ich mich in Ruhe hin und fühlte ich mich hinein.

Nein, ich hatte nichts vergessen oder ausgeblendet. Die Ereignisse rund um die Trennung waren mir bewusst.

Was mein Sohn (und vermutlich einige andere auch) nicht verstehen kann: Ich sehe meinen Expartner nicht als Täter. Die Trennung traf mich damals wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Extreme Emotionen, allerdings nicht auf meiner Seite (der Borderlinerin, wo man sie erwartet hätte), sondern auf seiner. Über Jahre und Jahrzehnte Unterdrücktes und Aufgestautes (auch aus einer Zeit vor mir) brach explosionsartig in aggressiver Form an die Oberfläche.

Es wäre ein leichtes, die Schuld bzw. Verantwortung für all das meinem Expartner zu übertragen und ihn damit in die Täterrolle zu schieben. Doch so einfach ist es nicht – für mich. In dem Augenblick, in dem ich meinen Ex zum Täter mache, erkläre ich mich selbst zum Opfer. Hilflos. Machtlos. Ausgeliefert. Das war ich nicht.

Ich konnte mir selbst helfen bzw. mir Hilfe von anderen holen.

Ich hatte ich Macht, eine Entscheidung für mein Leben zu treffen und sie umzusetzen.

Ich ging auf meinen eigenen Beinen durch eine Tür hinaus und durch eine andere in mein neues Leben hinein.

Ich war kein Opfer. Ich bin kein Opfer.

Der Logik folgend war und ist mein Expartner kein Täter.

Wir lebten lange Zeit eine Beziehungsdynamik, die ich heute als toxisch bezeichne. Doch bis kurz vor dem Aus stimmte ich (bewusst oder unbewusst) dieser Dynamik zu und blieb, obwohl ich weder hilflos noch machtlos oder ausgeliefert war.

Wenn ich meine eigenen Gedankengänge aus der Metaposition heraus betrachte, erkenne ich den geistigen Einfluss von Viktor Frankl. Insbesondere dieses Zitat von ihm spiegelt sich in meinen Überlegungen wider:

„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“

Wenn ich mich entscheide, in meinem Expartner keinen Täter oder Feind zu sehen, geschieht dies aus meiner menschlichen Freiheit in der Wahl der Einstellung. Ebenso wie ich mich entscheide, mir selbst eine starke Rolle zu geben. Gewiss, manches hätte ich früher erkennen können, andere Handlungen setzen usw. Nun, wir alle machen Fehler, und aus einigen lernen wir hoffentlich auch. Aber ich war kein hilfloses, machtloses, ausgeliefertes Opfer.

Für mich ist es sehr wichtig, die Täter-Opfer-Dynamik aus den Ereignissen herauszunehmen, um ein starkes Fundament für das zu schaffen, das darauf aufbaut: mein aktuelles Leben.

Ziemlich sicher beeinflusst hier Bert Hellinger mit seinem Buch „Anerkennen was ist: Gespräche über Verstrickungen und Lösungen“ meine Denkansätze.

Ein wenig provokant formuliert meine Essenz in Bezug auf die Trennung: „Wer sich ewiglich in der Opferrolle suhlt, bleibt ebenso lange an den Täter gebunden. Freiheit beginnt mit dem Loslassen (der Opfer-/Täterrollen)“.

Das Ganze hat für mich auch nichts mit positivem Denken, Vergebung oder ähnlichem zu tun. Es geht schlichtweg um ein pragmatisches: Es ist, was es ist.

Das Leben kann schwarz/weiß betrachtet werden, oder bunt – alles eine Freiheit der Einstellung.

Möglicherweise bereiten diese Zeilen manchen Menschen nachdenkliche Stunden.

Verstrickungen sind tückische Fallstricke. Lösungen erfordern mitunter ein Loslösen von alten Denkmustern.

Ich war (noch) nicht bei meinem Expartner. Mein Bauchgefühl ist noch unschlüssig in Bezug auf den richtigen Zeitpunkt. Meine Einstellung dazu habe jedoch ich gefunden.

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GEBEN UND NEHMEN EINMAL ANDERS BETRACHTET

Aus den vielen positiven Rückmeldungen rund um den Jahreswechsel und meinen Überlegungen für das soeben angebrochene Jahr, haben sich auch Gedanken um das altbekannte Thema „Geben und Nehmen“ herauskristallisiert.

Seit längerem bereits beobachte ich das Phänomen, das manche Menschen nehmen und nehmen und nehmen, quasi alles einkassieren, dessen sie habhaft werden können. Ganz egal, ob es sich dabei um verbale Zuwendungen oder materielle Objekte oder sonstiges handelt, es wird genommen, was zu kriegen ist. Am besten gratis. Doch was nichts kostet, ist nichts wert. Oder anders betrachtet: Das, was gratis ist, kostet mitunter den Selbstwert, den man verlieren kann, wenn man etwas Wesentliches ignoriert …

Ich habe in meinem Leben viel von anderen bekommen und stets danach getrachtet, mich dafür erkenntlich zu zeigen, mich zu revanchieren bzw. einen Ausgleich in welcher Form auch immer herzustellen. Geben und Nehmen in Balance zu halten – wie es zwischen Erwachsenen sein sollte. Doch ich habe in den vergangenen Jahren nur sehr selten erlebt, dass jemand diese Form des Ausgleichs sucht. Zumeist wird genommen, sich höflich bedankt und das war’s.

Wer etwas bekommt, sollte im Gegenzug dafür auch etwas zurückgeben.

Das klingt im ersten Ansatz nach einer heftigen Forderung, denn nicht jeder kann es sich leisten, etwas zu geben. Spätestens hier sage ich: Stopp! Raus aus der Denkfalle. Jeder kann etwas geben! Hier geht es nicht um Geld oder centgenaue Gegenrechnung. Es geht um Ausgleich. Es geht darum, dass zwei erwachsene Menschen auf Augenhöhe miteinander bleiben. Das können sie nur, wenn beide Seiten geben und nehmen. Im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern besteht ein natürliches und gesundes Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen. Nicht so zwischen Erwachsenen. Erfolgt hier kein Ausgleich, verschiebt sich das Gleichgewicht, sie bleiben nicht auf Augenhöhe. Es gibt die „Überlegenen“, die geben, und die „Bedürftigen“, die nehmen.

Das Wort „bedürftig“ finde ich persönlich schrecklich, doch es bringt das Problem auf den Punkt.

Wenn ich jene Menschen beobachte, die einfach alles nehmen, dessen sie habhaft werden können, ob sie es nun brauchen oder nicht, und die nichts im Gegenzug dafür geben, dann drängt sich mir das Gefühl auf, dass diese Menschen so bedürftig danach sind, etwas zu bekommen, weil sie gar nicht wahrnehmen, was sie längst schon alles haben.

Wer nimmt, ohne zu geben, hat offenbar nicht genug, um etwas davon abzugeben.

Wer zurückgibt, anerkennt, dass er genug hat, um zu teilen.

Man könnte auch einfach „Armutsdenken“ und „Wohlstandsdenken“ dazu sagen. Oder Problemrahmen und Lösungsrahmen. Mangelbewusstsein und Reichtumbewusstsein. Es gibt unterschiedliche Modelle und Begrifflichkeiten dafür. Allein gemein ist, im Geben Stärke und Größe zu sehen, im Nehmen Bedürftigkeit.

Ich mag das Wort „bedürftig“ noch immer nicht, obwohl ich ganz viele Menschen als „bedürftig“ erlebe, die zwar weder hungern noch obdachlos sind oder in einer Krise stecken, dennoch sind sie bedürftig, raffen an sich was geht, obwohl sie etliches davon nicht wirklich brauchen. Sie kümmern sich nicht um das Gleichgewicht von Geben und Nehmen in zwischenmenschlichen Beziehungen und wundern sich, warum es ständig zu Problemen kommt.

Leider gehöre ich zu jenen, die gerne geben, ohne automatisch etwas dafür zu fordern. Deshalb habe ich auf meine Agenda nun den Punkt gesetzt, künftig stärker auf den Ausgleich zu achten, um nicht die Bedürftigkeit anderer zu nähren.

Es mag vielleicht auf den ersten Blick edelmütig erscheinen, selbstlos zu geben, doch bei genauerer Betrachtung unterstützt man damit nur den Verbleib in der Bedürftigkeit. Ich vergleiche das mit den frühen Formen der Entwicklungshilfe, die Menschen zwar gefüttert hat, aber sie nicht dabei unterstützte, ihren Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften, sie also in der Abhängigkeit hielt, schwach und im Grunde lebensunfähig. Ähnliches geschieht beim Geben ohne Ausgleich: die Nehmenden bleiben bedürftig. Damit ist – für mich – jetzt Schluss.

Geben und Nehmen im Ausgleich und Gleichgewicht.

Ich gehe davon aus, die meiste Zeit von eigenverantwortlichen erwachsenen Menschen umgeben zu sein, die im Gegenzug für das, was sie bekommen, auch etwas geben können. Wer also künftig etwas von mir möchte, darf sich gerne anschließend dafür revanchieren, damit wir uns respektvoll und auf Augenhöhe begegnen können, keiner dem anderen über- oder unterlegen ist, und ein Gleichgewicht aus Wertschätzung und Anerkennung zwischen uns herrschen kann.

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EIN GOLDENER KÄFIG

… so nenne ich manchmal die menschliche Komfortzone. Dieser Begriff beinhaltet als das, was ein Individuum kennt und kann … andere Menschen, Orte, Tätigkeiten … alles, was vertraut ist, wenngleich es nicht immer angenehm sein muss. Aber zumindest weiß man, was es ist, kann das Risiko einschätzen und sich einigermaßen „sicher“ fühlen. Deshalb golden.

Außerhalb dieser Komfortzone lauert das Unbekannte auf jeden von uns. Orte, die wir nicht kennen. Menschen, denen wir noch nie begegnet sind. Tätigkeiten und Handlungen, die wir noch nicht getan haben und daher nicht wissen, ob wir das können. Was wiederum impliziert, dass wir damit gewaltig auf die Nase oder anderes fallen können. Und dies zum Amüsement anderer. Oder zu unserem eigenen (finanziellen oder anderen) Ruin. Weshalb nahezu jeder Mensch über einen gewissen „inneren Wächter“ verfügt, der uns davon abhält, allzu voreilig und unbedacht aus unserer Komfortzone zu stürmen. In gewisser Weise wird sie durch diesen inneren Wächter zu einem Käfig, der uns schützen soll, aber eben auch einsperrt.

Unser goldener Käfig aka Komfortzone ist schon etwas Geniales, ebenso wie etwas Problematisches.

Letzteres speziell dann, wenn wir etwas in unserem Leben verändern wollen in Sinne von etwas Neuem, dem wir uns erstmals widmen. Dann nämlich mahnt unser innerer Wächter zu (häufig übertriebener) Vorsicht, erinnert an vergangene Episoden des Scheiterns und prophezeit eine Wiederholung, dämpft jene Energie, die uns voran treiben würde … Ich denke, auch ohne dies weiter auszuführen kann sich jeder vorstellen, was ich meine oder auf eigene Erinnerungen zurückgreifen.

Heute finde ich es amüsant und erschreckend zugleich, wie lange ich mich von meinem inneren Wächter kontrollieren ließ, ohne die von ihm prognostizierten Schreckensbilder auf ihre Relevanz hin zu hinterfragen. Ich könnte mir selbst also eine gewisse „konsequente Lernresistenz“ attestieren (die glücklicherweise zwischenzeitlich ausgestanden ist) oder es nobler formulieren: Ich nahm mir reichlich Zeit zur empirischen Überprüfung gewisser Theorien im Selbststudium. Wie auch immer …

Die Kernaussage bleibt dieselbe: ich stand mir selbst im Weg bzw. hockte in meinem goldenen Käfig und starrte hinaus in die weite Welt mit Wunschträumen im Kopf, die ich nicht umzusetzen wagte.

Bei diesen Wunschträumen handelte es sich nicht um Weltbewegendes. Ganz im Gegenteil. Im Grunde waren es „banale“ Dinge, wie einfach meine Gefühle und Bedürfnisse anderen Menschen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Oder einfach mal zu tanzen, wenn mir danach war und die Musik meine Beine lockte. Ein Selfie zu machen und dies zu teilen.

Wenn ich so darüber nachdenke, waren und sind genau jene „Banalitäten“ mitunter „weltbewegend“ – sie bewegten nämlich meine eigene „Welt“, denn sie waren kein Teil meiner Komfortzone. Aus der musste ich raus, um eben jenes tun zu können. Raus aus dem goldenen Käfig hinein in eine unbekannte Dimension des Lebens.

Was würde mich dort erwarten? Heute kenne ich die Antwort, aber bevor ich sie verrate, noch ein paar weitere Gedanken.

Ohne Übertreibung treffe ich gefühlt täglich Menschen, die aus ihrem goldenen Käfig in die Welt hinausstarren. Längst habe ich aufgehört, aktiv nach den Gründen für ihr Verharren in ihrer Komfortzone zu fragen. Auch wenn diese Gründe auf den ersten Blick sehr unterschiedlich erscheinen mögen, im Kern geht es stets um dasselbe: sie stehen sich selbst im Weg bzw. überlassen ihrem inneren Wächter die Kontrolle über ihr Leben. Dieser Wächter sollte jedoch nur als Berater fungieren, nicht als Steuermann oder gar Kapitän. Für diese Funktion fehlt dem Wächter nämlich der komplexe Weitblick und die Vision der Veränderung.

Stichwort Veränderung. Einer der beliebtesten Gründe, in der Komfortzone zu verharren, und sich selbst den Schritt hinaus zu verwehren, ist diese.

„Veränderung ist schwer.“

Schade, dass du gerade nicht das leicht süffisante Lächeln in meinem Gesicht sehen kannst, wenn ich in meinem Kopf jenes formuliere:

„Veränderung ist stets so schwer oder leicht, wie du dir selbst erlaubst, dass sie sein darf!“

Mit dieser Aussage habe ich schon so einiges ausgelöst. Von Verärgerung und wortlosen Abgang, bis zu beschämtem Erröten oder verständnislosem Kopfschütteln. Dabei ist sie absolut logisch und nachvollziehbar. Das gesamte „Problem“ inklusive goldenem Käfig, innerem Wächter und Erinnerungen an Scheitern existiert ausschließlich in unserem Denken. Wer sonst als wir selbst kann uns in unserem Denken im Weg stehen? Natürlich wird manchmal versucht, die „Schuld“ für das eigenen Denken auf jene zu schieben, die verursacht haben, dass man so denkt wie man denkt …

Naja, Ausreden gibt’s viele auf dieser Welt. Mindestens so viele wie es Menschen gibt. D.h. die Ausreden werden täglich mehr. Aber im Fall eines erwachsenen, mündigen und sich selbst als handlungsfähig einstufenden Menschen sind dies Ausflüchte, denn sich aus der Fremdsteuerung durch Konditionierung zu befreien, ist Teil des Entwicklungsprozesses eines jeden Menschen. Somit auch Teil unserer individuellen Verantwortung der Menschheit gegenüber.

Wenn ich dich an dieser Stelle aus deiner eigenen gedanklichen Komfortzone schubse, kann ich nur sagen: „Willkommen im Club“. Mir erging es vor vielen Jahren genauso. Ich war einst eine Weltmeisterin der Ausreden, der Schuldzuweisungen an andere und des Verharrens in der Opferrolle. Dies war mein goldener Käfig, der mich davon abhielt, meine Zeit hier auf Erden nach meinen Bedürfnissen, Wünschen und Vorstellungen zu gestalten. Der mich davon abhielt, voller Lebensfreude das Wunderbare im Alltäglichen zu entdecken und dankbar für jede – wirklich jede – Erfahrung meines Lebens zu sein.

Meine persönliche Komfortzone ist längst kein goldener Käfig mehr, sondern ein dynamisches, vielfältiges, sich ständig erweiterndes Haus. Meine persönliche Villa Kunterbunt. Jedes Mal, wenn ich einen Fuß aus dem Haus hinaus in die Welt setze, weiß ich – fühle ich – dass mich eine Umarmung des Lebens erwartet. DAS ist einer jener Wunschträume, die für mich real wurden, als ich wagte, meinen goldenen Käfig namens Komfortzone zu verlassen.

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SCHULD UND SÜHNE

Wieder einmal konnte ich in der vergangenen Woche meinen Mund nicht halten. Oder besser: Meine Finger nicht von den Tasten fernhalten.

Was war geschehen?

„Zufällig“ geriet ich in eine Facebook-Diskussion zu einem heiklen Thema. Die ursprüngliche Fragestellung im Beitrag lautete in etwa so: „Sind Stalker einfach nur kranke Menschen? Oder steckt mehr dahinter? Wie denkt ihr darüber?“

Nun, wer die Facebook-Community kennt, kann sich nun lebhaft vorstellen, welche Art von Kommentaren folgten. Überwiegend war die Reaktion heftig, voller (Vor)Urteile und ebenso voller Überzeugung, damit richtig zu liegen. Schuld wurde zugewiesen und Sühne gefordert. Dazwischen fanden sich ein paar wenige, die vorsichtig darüber sinnierten, ob da nicht noch mehr sein könnte.

Ich konnte nicht anders. Es drängte mich, zu all diesen Stimmen und Meinungen meine eigene hinzuzufügen. Hier der Originaltext meines Kommentars:

„Wo verläuft die Grenze zwischen krank und normal? Das Verhalten eines Stalkers ist keineswegs in Ordnung.  Dennoch stellt sich die Frage: Warum wird jemand zum Stalker? Was ist im Vorfeld geschehen? Was braucht es, damit jemand sein eigenes Verhalten als übergriffig wahrnimmt und sich aktiv um eine Veränderung bemüht? Urteile sind schnell gefällt, aber was wird dadurch besser? Für mich ist das Thema vielschichtig. Krankheit? Persönlichkeitsstörung? Traumatisierter Mensch? Opfer? Niemand wird als Stalker geboren. Es gibt immer eine Geschichte unter der sichtbaren Oberfläche. Und es gibt immer Lösungen und Auswege, die damit beginnen, nicht zu urteilen, sondern zu verstehen.  Aber ich bin auch nicht „normal“. Ich bin Borderlinerin, also „krank“. Deshalb steht für mich die Frage im Vordergrund, was dieser Mensch braucht, um mit sich selbst und anderen respektvoll umgehen zu können. Wie gesagt, ich bin „krank“…“

Zugegeben, die Sätze gegen Ende sind provokativ ausgefallen – bewusst provokativ. Gerichtet an all jene „Gesunde“, die nur allzu rasch (ver)urteilen, ohne die ganze Geschichte zu kennen. Davon gibt es für meinen Geschmack immer noch zu viele. Anders formuliert: Die Anzahl der bewusst reflektierenden und nach Lösungen suchenden Menschen in unserer Gesellschaft bewegt sich nach wie vor in der Größenordnung von Minderheiten. Wieder so eine kleine Provokation. Mea culpa 😉

Dies hier soll kein Plädoyer „pro Stalking“ werden. Ganz und gar nicht.

Dies hier ist ein Plädoyer „zuerst verstehen, dann verändern“. Urteile bringen keine Lösungen. Urteile bringen Bestrafung, Ausgrenzung, Verstärkung des Problems etc. etc. etc. Wäre es anders, hätten Bestrafung schon längst zum Erfolg geführt. Immer wieder interessant, wie wenig lernbereit die Menschheit diesbezüglich ist (sowohl als Gesellschaft als auch als Individuen).

Dies ist ein Plädoyer, zusätzlich zu kurzfristigen Aktionen (im Sinne der Rechtslage) stets auch die langfristige, nachhaltige Perspektive einzubeziehen.

Dies ist ein Plädoyer dafür, Verantwortung für das eigene Handel zu übernehmen (auch wenn diese Handlungen nicht immer in Ordnung sind oder mitunter mit den Gesetzen in Konflikt stehen), die daraus entstehenden Konsequenzen zu akzeptieren, sich selbst die Frage zu stellen, ob man sich künftig an die geltenden Regeln der Gesellschaft, in der man lebt, halten möchte, und anschließend aktiv zu werden um das zu tun, was notwendig ist, um innerhalb der gesellschaftlich anerkannten Spielregeln gemäß den eigenen Bedürfnissen und Vorstellungen zufrieden, respektvoll und achtsam leben zu können.

Ich empfehle, den obigen Satz mehrfach zu lesen. Was sich da lockig flockig in ein paar Zeilen unterbringen lässt, könnte ebenso gut einen ganzen Seminartag füllen, wenn es bis ins Detail durchdacht wird.

Ein Plädoyer, dessen Umsetzung eine Herausforderung ist. Auch an mich selbst. Ich nehme mich da keineswegs aus. In mir sind nach wie „Bewertungs- und Verurteilungsprogramme“ aus meiner Erziehung innerhalb einer Gesellschaft, die es nicht besser wusste – und offenbar bis heute nicht besser weiß.

Deshalb bin ich dankbar für Gelegenheiten wie die erwähnte Facebook-Diskussion, da sie mir die Möglichkeiten bieten, meine eigenen Denkprozesse zu reflektieren und neu zu kalibrieren. Kommentare wie den oberhalb stehenden schreibe ich als Denkanstoß für andere – und als Erinnerung an mich selbst. In alte Denkmuster zu verfallen, geschieht unglaublich schnell und vor allem lautlos. Da hilft nur Achtsamkeit.

Wie meine weise Lucy gerne zu sagen pflegte: „Stell dir einen dicken Baumstamm vor, der vor dir liegt und den du zersägen sollst. Einen tiefen Einschnitt gibt es bereits. Doch nun sollst du nur wenige Millimeter daneben das Sägeblatt neu ansetzen, weil der alte Schnitt nicht zum Ziel führt. Was wird geschehen? Zu Beginn wird das Sägeblatt immer wieder in die bereits vorhandene, tiefe Spur abrutschen. Es braucht Zeit, Geduld und Konzentration, um in der neuen Spur zu bleiben.“

(M)eine alte Spur heißt „Schuld und Sühne“.

(M)eine neue Spur trägt den Titel „Verständnis und Veränderung“.

Bin ich „krank“?

Nun, ich bin in meinem Denken und Fühlen [nicht] ganz alltäglich, folge meinem eigenen Weg und gehöre damit einer Minderheit in der Gesellschaft an. Es steht jedem frei, dies (oder mich) anders zu beurteilen.

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