DER TAG DANACH

Gestern erwischte mich ohne Vorwarnung ein Flashback. Im Grunde aus dem Nichts heraus. Jemand, der mich sehr wichtig ist, kommunizierte etwas auf eine Weise, die mich bislang zum Lächeln brachte, doch gestern geschah genau das Gegenteil.

Vermutlich lag es an der Kombination einer extrem anstrengenden Woche mit der Anspannung wegen einem bevorstehenden Familientreffen – die letzten waren alles andere als entspannt und angenehm verlaufen –  verstärkt durch die Einschränkungen, die meine Verletzungen aus dem Sturz am Wochenende davor noch mit sich bringen … wie auch immer. Ich reagierte innerhalb von Minuten. Aus den Tiefen meines Unterbewusstseins erhob sich ein Schatten, ein zutiefst verletztes Selbstbild mitsamt seinen emotionalen Erfahrungen, die ich an dieser Stelle nicht nochmals neu aufleben lassen möchte. Deshalb hier nur ein Wort: Schmerz.

Fast schon routiniert schrieb ich mich aus dem schwarzen Loch zurück ins Licht der Lebensfreude. Immerhin war und ist mir ja bewusst, dass es nur Schatten der Vergangenheit sind, die nichts mit der Gegenwart zu tun haben. Insofern also kein Problem. Dennoch stellte ich mir auch die Frage: Was kann ich aus diesem Flashback lernen, das mir bislang verborgen geblieben war? Ein Flashback ist stets auch eine Chance, etwas zu erkennen, das in den Tiefen des Unterbewusstseins schlummert – und das Fehlende, das Heilende dazuzustellen.

Meine Frage erhielt eine Antwort. Ob ich die damit verbundene Chance auf Heilung in mir genutzt habe, wird die Zukunft zeigen. Jedenfalls kehrte danach Ruhe ein. Sogar das Familientreffen verlief ruhig. Betrachte ich dies als Spiegel meines inneren Zustands, kann ich davon ausgehen, zumindest keine Unruhe auszustrahlen. Ruhe in mir? Heute verspüre ich den Drang, aufzuräumen. Das tut meiner Wohnung gut – und auch mir selbst. Ordnung schaffen. Jedem Ding seinen Platz geben. Jedem Anteil meiner Persönlichkeit ihren Raum geben. Entropie umkehren und Chaos in Harmonie verwandeln.

Wieder einmal fasziniert mich die Beobachtung, wie das Äußere und das Innere zusammenhängen. Mir war in den vergangenen Wochen gar nicht aufgefallen, wie sich schleichend Unordnung in meinem Leben ausgebreitet hat, einiges unerledigt blieb, anderes in einer Zwischenposition geparkt wurde. Analog zu dem, was in mir zu viel wurde, was ich nicht mehr verarbeiten konnte. Überarbeitet? Vermutlich. #

Der Tag danach verlangt eindeutig nach einem langen Spaziergang durch die Natur, weit weg von Menschen, die mich davon ablenken würden, mich mit dem zu befassen, was im Moment wichtiger ist alles andere, um die Schatten der Vergangenheit aufzulösen. Zeit für mich selbst steht auf dem Programm am Tag danach.

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Leben!

Die Sonne hat sich längst über den Horizont erhoben, aber die Dunkelheit will nicht weichen – nicht aus meinem Fühlen. Nicht aus meiner Seele? Die Welt rund um mich ist in Ordnung. Ich lege im Bett, werde von dem Mann im Arm gehalten, denn ich liebe und der mich liebt. Ich weiß, dass ich in Sicherheit bin, geborgen und dennoch – die Dunkelheit haftet wie ein Schatten auf mir, ein Schatten, den kein Sonnenlicht zu bannen vermag. Ist das die Wahrheit? Für mich? Oder gibt es eine andere Wahrheit? Was ist Wahrheit überhaupt? Die Tränen, die in meinen Augen brennen? Der Schmerz, der mein Herz zu verschlingen droht? Die Angst, die jedes Wort unterdrückt, das davon erzählen möchte. Die Gewissheit, dass niemand verstehen kann, was die Dunkelheit für mich bedeutet?

Die Dunkelheit. Sie ist eine Heimat, in die ich gestoßen wurde. Hätte ich sie für mich erwählt? Niemals! Und doch kann ich sie nicht loslassen, nicht vollständig ziehen lassen. Halte ich sie? Oder sie mich? Oder sind wir einfach untrennbar verbunden?

Sag mir, Dunkelheit, wer bist du? Was bist du? Was hält dich in meinem Leben? Warum ziehst du nicht weiter? Längst hast du den Schrecken für mich verloren, einzig der Schmerz blieb. Warum lässt du mich nicht zur Ruhe kommen? Was ist in dir? Wie lange habe ich gegen dich gekämpft – erfolglos. Fast magisch bindet es mich an dich, das Unbekannte – oder Vertraute? Vergessene? Was werde ich finden, wenn ich mich in dich fallen lasse?

In die tiefste Dunkelheit will eintauchen, auf den Grund jenes bodenlosen Sees hinabsinken, der meiner Seele gleicht.

Schwerelos im Nichts verweilen.

Fühlen ohne Grenzen, denn wir sind eins, der See und ich.

Verharren in der Ewigkeit des Augenblicks, einem Atemzug, einen Herzschlag.

Meine Gedanken aufgelöst in vollkommener Stille.

Die Augen schließen.

Sehen – was jedem Blick verborgen bleibt

Berühren – was keine Hand je berühren kann

Hören – jene Stimme, die in mir klingt und doch keine Worte kennt

Annehmen – was nicht zu verstehen ist

Fühlen – was du bist, immer warst und immer sein wirst

Meine Zuflucht, in der ich Schutz fand. Jene Heimat, in der das feurige Herz des Dämons leben durfte und bis heute lebt.

Kann ich dich ziehen lassen? Dich verlassen? Will ich es? Was würde ich verlieren? Dich? Mich selbst? Den Schmerz? Ist der Schmerz Teil von dir? Oder von mir? Oder nur eine Illusion, an die mein Geist sich klammert – aus Furcht vor dem, was du bist? Oder ich? Oder dem, was sein könnte?

Ich will nicht mehr kämpfen. Nicht gegen dich. Nicht gegen mich. Ich will leben!

Eine Schwingung durchzieht den See und mich. Musik. Verspielte Töne aus einer anderen Welt, voller Leichtigkeit. Farben gesellen sich zu dem Reigen. Bunt. Vielfältig. Mehr als ein Regenbogen zeigen kann, schillernd wie die Flügel eines Schmetterlings im Sonnenlicht, das mich von innen heraus durchstrahlt. Ein Gefühl, das mich erfasst, geboren in einem feurigen Herzen, das sich entfaltet in der grenzenlosen Freiheit und bedingungslose Umarmung der Dunkelheit.

Der Schmerz wird zu Nebel, der von jenem See emporsteigt, dessen Oberfläche nun wie blaugrüne Seide schimmert. Aus Nebel werden Wolken. Aus Gedanken wird Wind, der die Wolken vertreibt, bis da nur noch das Licht der Sonne am strahlendblauen Himmel ist, das dem See seine Farbe und Tiefe verleiht.

Was wäre das Licht ohne die Dunkelheit? Was die Oberfläche unter die Unendlichkeit darunter?

Kämpfen? Oder umarmen?

Leiden? Oder lieben?

Leben!

Diese „Eigen-Intervention“ habe ich heute Morgen in Echtzeit geschrieben. Ich wusste zu Beginn nur, dass am Ende alles gut sein würde, welchen Weg auch immer meine Worte (und damit mein Ich) wählen würde.

Vielleicht sollte ich aufgrund dessen, was ich weiß und kann, heute so weit sein, dass ich derartige Interventionen nicht brauche. Vielleicht sollte ich längst stabil im Zustand der Symptomfreiheit leben. Tu‘ ich aber nicht. Ich funktioniere weder auf Knopfdruck noch innerhalb der Standardnormen unserer Gesellschaft.

Eine Entscheidung für das eine ist immer auch eine Entscheidung gegen vieles andere. Ich habe mich entscheiden. Für mich – und damit gegen alles, was andere meinen, was und wie ich sein sollte, wie ich zu funktionieren habe oder was richtig und falsch für mich ist.

Ich bin ich!