JENSEITS DER ANGST

Vor einigen Tagen unternahm ich eine kleine Bergtour, wählte dafür eine beliebte Route zu einem Bergsee (siehe Bild). Im ersten Drittel der Strecke quert ein schmaler Pfad den Hang des Graukogels. Der Weg ist ungefähr 30 cm breit, voller Steine und Geröll, links geht steil nach oben, rechts steil nach unten. Zwar kein blanker Felsabhang, sondern mit Gras bewachsen, aber ob ich im Falle eines Sturzes Halt finden würde, möchte ich lieber nicht austesten.

Eine Passage wie diese löst in mir unmittelbar ein ungutes Gefühl aus. Man könnte es auch Angst nennen, mit leichten Panikspitzen. Schwindelfrei bin ich nicht, Höhenangst (oder besser: Abgrundangst) begleitet mich bereits mein ganzes Leben.

Was mache ich an diesem Ort?

Mich meiner Angst stellen und sie überwinden.

Von Tauchgängen in Haifischkäfigen als Mittel zur Angstüberwindung halte ich persönlich nicht viel. Es gibt weniger dramatische Aktionen, die den gleichen Effekt erzielen. Eine für mich gut funktionierende sind eben solche Bergtouren.

Kurze Anmerkung für potenzielle Nachahmer: Bitte nicht im Alleingang! Und schon gar nicht ohne Vorbereitung! Ich mache das seit vielen Jahren und habe eine gewisse Routine. Außerdem prüfe ich im Vorfeld, ob meine körperliche Fitness an diesem Tag so eine Tour erlaubt und bin entsprechend ausgerüstet.

Zurück zu meinen Schritten auf dem schmalen Pfad. Zittrige Knie mahnen mich zur Achtsamkeit, das Gelände zu Respekt. Meine Aufmerksamkeit ist vollkommen auf das gerichtet, was ich tue. Für Angstgefühle oder störenden Brain Traffic im Sinne von Zweifel, negativen Gedanken und dergleichen, bleibt kein Raum. Ich bin völlig in der Gegenwart mit meinem Bewusstsein. Meine Angst ist eine Stimme aus der Vergangenheit, eine Mahnerin. Doch in diesem Augenblick fehl am Platz.

Gebranntes Kind scheut das Feuer.

Angst wird meistens erlernt. Oder übernommen. Meine Mutter ist ein sehr ängstlicher Mensch. Als Kind „infizierte“ sich mich mit ihrer Angst vor giftigen Pilzen. Es dauerte Jahrzehnte, bis ich es wagte, selbst gepflückte Schwammerl zu essen. Ein harmloses Beispiel, doch es gibt etliche andere, die zu persönlich sind, um sie hier zu erläutern.

Viele Jahre versuchte ich, die Ursache meiner Ängste zu identifizieren und zu neutralisieren. Irgendwann erkannte ich, das mit jeder neuen Erkenntnis neue Unklarheiten auftauchten, und meine Suche niemals abgeschlossen sein würde innerhalb meiner zu erwartenden Lebensspanne. Solange die Ängste auf ein erlebtes Ereignis zurückgeführt werden konnten, bestand noch Aussicht auf Erfolg, aber sobald es sich um übernommene Ängste (Stichwort: Schwammerl) handelte, wurde es eine Never Ending Story. Also entschloss ich mich, die Suche zu beenden und konzentriere mich seither darauf, mit dem umzugehen, was auftaucht. Auch mit meinen Ängsten.

Woher die Angst auf dem schmalen Pfad kommt? Warum taucht sie immer wieder auf, trotz mehrfach „Begehung schmaler Pfade“? Ehrlich: Keine Ahnung!

Für mich war diese Bergtour eine gute Gelegenheit, den Umgang mit meiner (unangebrachten) Angst zu trainieren für die wirklich wichtigen Herausforderungen: Das Zusammenleben mit Menschen.

Ganz ehrlich – in unserer heutigen Zeit gibt es eine nahezu omnipräsente Angst in der Gesellschaft, und die hat nichts mit steilen Berghängen, Schwammerl, Monstern oder dergleichen zu tun, sondern mit einer kleinen Frage: Bin ich gut genug?

Die Angst, nicht gut genug zu sein, gleich in welchem Bereich des Lebens, im äußeren Erscheinungsbild oder worin auch immer Menschen sich vergleichen, diese Angst richtet unglaublich viel Schaden an, löst Stress aus, fördert Konflikte, bringt Menschen dazu, verrückte Dinge zu und sich selbst sprichwörtlich fertig zu machen.

Die Angst, nicht gut genug zu sein, ist aus meiner Sicht eine der ganz großen Herausforderungen des Menschseins.

Bin ich gut genug, sicher auf einem schmalen Bergweg zu wandern? Ja!

Bin ich gut genug, dem Urteil anderer Menschen standzuhalten und als liebenswert, attraktiv … eingestuft zu werden? Niemand hat das Recht über mich zu urteilen!

Während einer Bergtour zu stürzen und sich einen Arm oder ein Bein zu brechen, tut weh, doch dieser Schmerz vergeht nach einer Weile.

Von einem anderen Menschen durch Worte, Blicke oder Taten verletzt zu werden, dieser Schmerz sticht mitunter bis ans Lebensende. Mit einiger Mühe kann man vielleicht die Worte „vergessen“, doch das Gefühl bleibt bestehen: ich bin nicht gut genug. Der Nährboden für Versagensängste.

Es gibt viele Arten von Ängsten. Manche sind überlebenswichtig für uns, denn sie beschützen uns davor, einfach mal aus dem Fenster zu springen, um Fliegen zu üben. Andere blockieren uns, halten uns davon ab, das zu tun, was wir gerne tun möchten, aus Angst heraus, zu versagen. Und sei es nur bei einem Gespräch mit einem anderen.

Meine Bergtour war eine wunderbare Gelegenheit, mich bewusst mit meinen Ängsten zu befassen, zu hinterfragen, ob die Angst in diesem Augenblick eine lebensschützende Mahnerin oder ein Echo aus meiner Vergangenheit ist, dass ich liebevoll, aber bestimmt, zur Seite schiebe, um mich mit Achtsamkeit der Gegenwart zuzuwenden.

Jenseits der Angst, am Höhepunkt meiner Tour, saß ich gelassen an einem wunderschönen Bergsee, ließ die Sonne meinen Rücken wärmen, und wurde mit einer weiteren Erkenntnis (oder Auflösung einer übernommenen Angst vor großen Tieren, weil nie wirklich damit in Kontakt gekommen) belohnt, als die Kuh (rechts im Bild) meine Nähe suchte und ihre Reibeisenzunge über meinen Rücken schleckte… aber das ist eine andere Geschichte.

BORDERLINER KANN MAN NICHT VERSTEHEN

Die folgenden Zeilen sind ein Gespräch mit meinem Spiegelbild, das ich vor einigen Jahren geführt habe, nachdem ich das „Problem“ erkannt, aber noch nicht gelöst hatte:

„Da ist eine leistungsorientierter Workoholic mit der Tendenz an die Belastungsgrenze zu gehen. Erfolgreich, stark, niemand würde vermuten, was sich hinter der Fassade verbirgt. Viele Selbstzweifel, geringer Selbstwert und wenig Selbstliebe. Ein emotionales Chaos, das sich nicht unter Kontrolle bringen lässt. Manchmal fühlst du dich regelrecht fremdgesteuert, das macht dir Angst. Nähe zu anderen Menschen geht gerade noch als Freundschaft, aber nicht in einer Beziehung. Wenn dir jemand nahekommt, würde diese Person vielleicht merken, wie wenig das äußere Bild mit dem inneren Wesen zusammenpasst. Du spürst, dass du anders bist als andere. Du wärst gerne wie die anderen, aber du kannst es nicht sein, egal, was du versuchst. Anders zu sein als alle anderen, das macht einsam, weshalb du dich versteckst. Du fliehst in eine starke Rolle und in eine Welt, in der du die Kontrolle behalten kannst und von anderen bewundert wirst. Du bist davon überzeugt, dass niemand dich je verstehen kann. Schlimmer noch, vielleicht sind die Menschen ja abgestoßen, wenn sie herausfinden, wie es in dir wirklich aussieht, dass du manchmal gar nicht weißt, was du fühlst. Die Frage „Wie geht es dir?“ kann schlimm sein an Tagen, an denen du es nicht spürst, weshalb du ausweichst und erzählst, was du machst, aber nicht, wie es dir geht. Du sehnst dich nach Liebe, doch du kannst sie nicht aushalten. Du wünschst dir Geborgenheit, doch eine Umarmung fühlt sie wie eine Fessel an. Du möchtest Nähe und stoßt jeden von dir, der versucht, dir nahezukommen. Du bist voller Widersprüche, fühlst dich manchmal zerbrochen. Da du dich nicht retten kannst, rettest du andere. Manchmal musst du deine Grenzen gehen, um dich selbst noch zu spüren, auch wenn es schmerzt. Schmerz ist das, was du am meisten vor der Welt versteckst, doch er ist da, ein abgrundtiefer, bodenloser Schmerz. Du bist überzeugt davon, diesen Schmerz zurecht zu spüren, ihn verdient zu haben, und wenn jemand dir Schmerz zufügt, dann ist das wie eine erlösende Bestätigung, dass die Welt in Ordnung ist. Jedes positive Gefühl, egal ob Freude, Zuneigung, Zufriedenheit, entsteht in deinem Kopf, wird auf situative Akzeptanz überprüft und danach kontrolliert ausgelebt. Negative Gefühle explodieren in dir gleich einem Vulkanausbruch, überrollen dich mit zerstörerischer Intensität. Manche Gefühle hast du völlig aus deinem Leben verdrängt, weil du sie nicht aushalten kannst. Du lebst, aber du fühlst dich nicht lebendig. Du funktionierst wie eine Maschine. All das würdest du niemals einem anderen gegenüber zugegeben, denn niemand soll je erfahren, wie „kaputt“ du wirklich bist. Wer würde sich dann noch mit dir abgeben?“

Mit diesem Selbstbild begann meine Reise.

Meine Beobachtungen und Gespräche mit anderen Betroffenen haben gezeigt, dass andere ähnliche Selbstbilder haben. Die Details mögen variieren, die Grundstimmung bleibt belastend, Widersprüchlichkeiten sind die Normalität.

Kann ein Nicht-Betroffener das verstehen? Vielleicht ist das möglich.

Kann ein Nicht-Betroffener sich einfühlen? Gute Frage.

Kann man Nicht-Fühlen (emotionale Leere) empathisch erfassen?

Man kann einem Sehenden die Augen verbinden, um Blindheit zu erleben. Oder Hörenden die Ohren zustöpseln, um Taubheit zu erfahren. Aber wie vermittelt man emotionale Leere? Den Zustand, sich selbst nicht zu fühlen?

Kann ein Nicht-Betroffener sich das vorstellen, um es zu verstehen?

An dieser Stelle geht es mir nicht darum, verbindliche Antworten zu finden, sondern Denkanstöße zu liefern.

Vielleicht geht es für Nicht-Betroffene auch eher darum zu begreifen, dass Betroffene ihren ganz individuellen Weg finden müssen, um die Herausforderung Borderline zu meistern. Dieser Weg kann sich sehr von dem unterscheiden, was manchmal von Nicht-Betroffenen als notwendig angesehen wird.

Vielleicht geht es für Betroffene darum, nicht länger zu versuchen, „normal“ zu werden – oder das, was gemeinhin als „normal“ tituliert wird – sondern zu lernen, mit sich selbst zurecht zu kommen und zu sein, wer man nun mal ist.

Das war mein Weg zum Erfolg.

Heute lebe ich aus dem Herzen heraus. Fühle unmittelbar und teile, was ich fühle. Ich liebe mich mit allen Ecken und Kanten, Schrammen und Dellen, Falten am Körper, Macken im Geist und Narben an der Seele. Voraussetzung dafür war, mich selbst verstehen zu lernen, die verborgenen Zusammenhänge (oder Ordnung) im Chaos zu erkennen. Zu akzeptieren, dass ich anders bin und immer anders sein werde – und das auch sein darf. Der allgegenwärtige Schmerz wich einer Melange aus Lebensfreude, Dankbarkeit und Zufriedenheit, unterlegt mit Urvertrauen ins Leben und verfeinert mit einer Prise augenzwinkerndem Humor.  

Meine Reise ist noch nicht zu Ende.

Mit offenen Sinnen durchs Leben schreitend, entdecke ich laufend Wunderbares in mir und um mich. Dass ich mich häufig nicht dem kollektiven Jammern über dies oder das anschließe, hat viele Gründe. Einer davon ist, dass ich danach strebe, alles, was mir begegnet, aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Das eröffnet Perspektiven, die andere mitunter übersehen. Außerdem ändert Jammern und Raunzen selten etwas.

Vielleicht bin ich heute für manche noch schwerer zu verstehen als in meiner „dunklen“ Zeit, denn ich habe kein Problem damit, Borderlinerin zu sein.

Manche Menschen sind das Gegenteil von Rechtschreibkoryphäen und sollten sich deshalb beim Schreiben konzentrieren. Andere haben ein Thema mit Zahlen und werden niemals Mathegenies. Meine Herausforderungen liegen im Erkennen und Beachten von Grenzen, im achtsamen Umgang mit mir selbst, im Unterscheiden von dem, was ich bin und was ich von anderen übernehme (emotional, energetisch, mental).  

Meine Reise zu mir selbst lehrte mich, mein Borderline zu verstehen und daraus etwas lebensbejahendes zu machen. Kann ein anderer mich verstehen? Ich finde, das ist gar nicht nötig. Viel wichtiger ist, dass jeder einzelne Mensch – gleich ob Borderliner oder nicht – sich selbst versteht und mit sich selbst im Reinen ist.

DER ATEM DES LEBENS – POST COVID

I am back 😊 Zwei Wochen nach meiner Covid-Erkrankung bin ich zwar körperlich noch angeschlagen, aber immerhin innerlich wieder halbwegs im Gleichgewicht. Einmal abgesehen davon, dass ich auf die physische C-Erfahrung gerne verzichtet hätte, die mentale war auch nicht ohne.

Die emotionale Achterbahn drehte einige Runden mit mir. Ob als Nebeneffekt der Infektion oder als Begleiterscheinung des „Eingesperrt-seins“ der Quarantäne, oder beiden … who knows? Auf jeden Fall wurde mir neuerlich bewusst, wie wichtig meine Zeiten draußen in der Natur für mich sind, weit ab von anderen Menschen.

Dass dieses temporäre „Eingesperrt-sein“ just mit dem 2. Jahrestag der „aus dem Nichts kommenden Trennung“ zusammenfiel, ist schon einer dieser eigenartigen Zufälle im Leben. Immerhin waren 24 Monate genau der Zeitraum, den ich mir für die Verarbeitung einer 24 Jahre dauernden Beziehungen vorgenommen hatte. Danach wollte ich frei und voller Energie in mein neues Leben starten – aber nicht hustend und schnaufend in Quarantäne sitzen.

Wenn einem die Luft wegbleibt, das Atmen schwerfällt, dann bleibt viel Zeit zum Nachdenken und Einfühlen in das, was gerade da ist. Also lag ich schnaufend und frierend unter zwei Decken bei über 30 Grad plus vor der Haustür, erlebte Wut, Frustration, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in überraschender Intensität. Für all das gab es keine Auslöser in meiner Realität. Okay, eine Covid-Infektion, aber solche Emotionen? Durchheulte Nächte? Kann Covid sich auf die Psyche auswirken? Diese Frage hätte ich lieber mal nicht gegoogelt, denn die Suchergebnisse sind erschreckend zahlreich und wenig aufbauend. Tab wieder geschlossen. Manchmal ist ein langer, kurzatmiger Spaziergang durch den Wald die klügere Option als eine umfangreiche Recherche.

Der Atem des Lebens.

Damit befasste ich mich gedanklich, mit dem Atem, der derzeit weniger kraftvoll als vor Covid durch meinen Körper fließt, was aber nur eine Frage der Zeit ist. Geduld ist angesagt. Mein Körper wird sich vollständig erholen, davon bin ich überzeugt. Die Zeit dafür muss ich ihm allerdings geben.

Der Atem des Lebens.

Ist es tatsächlich nur die Luft, die durch unsere Lungen strömt? Oder geht’s dabei um mehr als um eine adäquate Sauerstoff-Stickstoff-Mischung? Luft konnte ich auch während der Quarantäne in meinem Zimmer atmen. Sogar Frischluft durch das geöffnete Fenster oder auf dem Balkon. Aber diese Luft verschaffte mir nicht das Gefühl des „Durchatems“, dass ein kurzer Spaziergang durch den Wald mit sich brachte. Neben dem Gefühl, wieder lebendig zu sein, kamen auch wieder andere Gedanken und Gefühle in meinen Fokus.

Der Atem des Lebens.

Für mich gehört viel mehr dazu, als nur 4N2O2 plus CO2 und ein paar Edelgase, um vom Atem des Lebens zu sprechen. Durchatmen kann ich an einem Ort, an dem ich mich mit dem Leben verbunden fühle. Die Lunge gilt als ein Organ (ebenso wie die Haut), über das wir direkt mit der Umwelt in Berührung kommen. Die Lunge ist ein Berührungspunkt mit dem Leben, Außen trifft auf Innen. Vielleicht ist mein Innen noch nicht bereit, sich ganz dem Außen zu öffnen und drosselt deshalb den Austausch? Bin ich bereit, mit meinem neuen Leben zu starten? Interessante Fragen, auf die ich noch keine Antwort gefunden habe, aber ich denke, allein mich damit zu befassen, eröffnet neue Horizonte. So wie diesen…

Heute Morgen begegnete mir dieser kleine Schmetterling. Seine Flügel sind viel zu zerbrechlich für diese Welt, wie das Herz mancher Menschen. Eigentlich müsste er seine Flügel hinter einer dicken Mauer verbergen, um sie zu schützen, doch stattdessen entfaltet er sie, denn er weiß, nur mit geöffneten Flügeln kann er fliegen und lebendig sein.

Manchmal fühlte ich mich wie eine Art emotionales Schmetterlingskind. Viel zu empfindsam für diese Welt. Doch ich weiß, ich kann nur dann fliegen und lebendig sein, wenn ich meine Flügel – und mein Herz – öffne…

… und mich selbst dem Atem des Lebens.

LEICHTIGKEIT IM LEBEN

Leichtigkeit im Leben ist ein Thema, das mir derzeit auf vielfältige Weise begegnet. Offenbar beschäftigt es viele Menschen. Wenn ein Thema gehäuft auftritt, beginne ich darüber zu reflektieren. Das kommt dabei raus:

Vor wenigen Tagen saß ich in einem Führungskräfte-Coaching. Was meinen Job betrifft, befinde ich mich seit Wochen in einer Phase, die sich in den Fragen „Was noch?“ und „Geht’s noch?“ gut darstellen lässt. Am Ende des Coachings wurde ich gefragt, wie ich es mache, dass ich bei all dem ziemlich locker wirke und vieles mit Humor nehmen kann.

Gute Frage.

Meine Antwort darauf lautete: Ich habe Lesley.

Diese Antwort musste ich näher erklären.

Im bürgerlichen Job lebe ich eine weitgehend angepasste Persönlichkeit. Sicherlich keine einfache Mitläuferin, aber dennoch schalte ich Teile von mir auf Mute. Wie viele andere auch, stoße ich im Job immer wieder an Grenzen, die Sinnloses schützen und Sinnvolles verhindern, so dass ich die Sinnhaftigkeit mehr als einmal hinterfrage. Ich schlage mit Ignoranz ebenso rum wie mit ausgeschaltetem Hausverstand. Kurz gesagt: Es gäbe genug, um dauerhaft frustriert zu sein. Bin ich aber nicht.

Warum?

Ich habe Lesley.

Als Lesley bin ich voll und ganz ich. 100%. Ich lebe mich aus mit allem, was in mir steckt und entdecke dabei laufend Weiteres in mir. Mit Lesley habe ich für mich eine Facette der Realität erschaffen, die niemand anders bestimmt außer ich selbst. Keine Fantasiewelt, sondern eine parallele Realität, die geprägt ist von meiner emotionalen Seite (die sich im Job zurückhalten darf/soll/muss …) und meiner Kreativität im künstlerischen Sinne (im Job bin ich auch kreativ, aber dabei geht es um Prozesse, Innovationen …)

Seit Oktober 2017 bin ich Lesley B. Strong.

Manche nehmen einen Künstlernamen an, um jemand anders zu sein. Durch Lesley wurde ich ICH. Niemand anders, sondern die, die ich bin, immer war, aber zuvor nicht sein durfte/konnte, weil … die Gründe dafür sind zahlreich und allesamt heute nicht mehr relevant.

Ich bin Lesley – ein feuriger Funken Lebensfreude. Leichtigkeit liegt mir im Blut.

Leichtigkeit im Leben hat für mich viel mit Anerkennung dessen zu tun, was ich alles bekommen habe in diesem Leben. An erster Stelle steht hiermit das Leben selbst. Danach folgen meine Gaben, Talente, Fähigkeiten, aus denen wunderbares entsteht. Ich bin dankbar für alles in meinem Leben, auch für stressige Jobphasen wie die derzeitige.

Alles im Leben hat stets zwei Seiten.

Ein „Was noch?“ kann auch „Was noch fällt mir dazu ein?“ meine Kreativität in astronomische Dimensionen schrauben.

Ein „Geht’s noch?“ lässt mich Achtsamkeit üben, häufiger als sonst mich selbst zu hinterfragen, in mich hinein zu spüren und darauf zu achten, nicht allzu lange an der Grenze oder gar über der Grenze zu bleiben, sondern auf mich selbst gut zu achten.

Leichtigkeit im Leben ist für mich mehr als mittels positiver Affirmationen einen Zustand zu beschwören. Leichtigkeit ist ein Lebensgefühl. Ein riesengroßes JA zum Leben und mir selbst. Leichtigkeit geht Hand in Hand mit Hoffnung. All die Krisen in der Welt, von Umweltzerstörung über Krieg, Pandemie … es gibt so vieles rund um uns, das bedrückt und Schwere hervorrufen kann. Tagtäglich sehe ich Menschen, die von der Last ihres Lebens gebeugt werden, die sich schwerfällig bewegen. Blicke ich in ihre Augen, nehme ich Leere wahr, keine Hoffnung oder gar Leichtigkeit. Keine Lebendigkeit. Sie sind hier, aber irgendwie auch nicht. Klammern sich an Probleme, Ängste, Sorgen, um etwas zu haben, dass ihnen einen Grund zum Leben liefert. Dann denke ich an Victor Frankl und seine Buch „Trotzdem JA zum Leben sagen“, seine Erfahrungen, dass Menschen, die nichts mehr in diesem Leben haben oder nicht mehr hoffen, einfach sterben.

Leichtigkeit im Leben fand ich, nachdem ich begann, alles Belastende loszulassen – sofern dies möglich war. Energievampire und Karmastaubsauger ebenso wie materielles Zuviel. Vor ein paar Jahren hatte ich mir nie vorstellen können, mit dem wenigen zu leben, das ich heute besitze, aber es geht mir gut damit. Ich brauche nicht mehr. Ich habe Lesley.

Was ich nicht loslassen konnte/kann, weil z.B. mit dem Job verbunden, betrachte ich aus einem anderen Blickwinkel. Die andere Seite der Medaille. Eine Mentorin gab mir einst einen wunderbaren Satz mit auf meinem Weg: What is in it for me? Was kann ich mir daraus mitnehmen? In jedem Sch***haufen findet sich auch immer etwas Gutes. Nicht umsonst wird mit Mist gedüngt 😉 Menschen werden insbesondere dann kreativ und innovativ, wenn die Notlage sie dazu zwingt. Wer alles im Überfluss hat, wird eher träge – und irgendwann schwer.

Ich glaube, ich könnte Stunden über Leichtigkeit im Leben reden, ohne mich zu wiederholen. Es ist wie ein Licht im Herzen, das ich spüre und das mich diese Welt mit anderen Augen sehen lässt. Keine rosa Brille, aber ein unerschütterliches Vertrauen in das Leben und die Überzeugung, dass in uns Menschen das Potenzial schlummert, uns selbst zu hinterfragen und verändern zu können. Vielleicht werden das nicht alle tun, doch jene, die es tun, werden mit fast an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Leben in Leichtigkeit führen.

Bild: pixabay.com

ICH KRIEG‘ DIE KRISE

In einem Chat heute Morgen hatte ich plötzlich folgende Sätze im Kopf:

„Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann ich zuletzt einfach nur gelebt habe, ohne über Krisen nachzudenken. Die permanente Präsenz von Krisen macht etwas mit uns. Sie aktiviert den Alarmmodus im Unterbewusstsein mit all seinen Folgen: Stress, Anspannung, Reduktion des Stoffwechsels …“

Im Chat ging es um das Gefühl, ständig nur noch müde zu sein. Ein Gefühl, das auch mich seit einigen Wochen begleitet. Gewiss, ich habe seit einigen Wochen sehr viel zu tun, mehr als üblich viel. Dennoch kann das allein nicht der Grund sein. Sehr viel zu tun zu haben kommt bei mir häufig vor. Aber nach 8 Stunden Schlaf gefühlt null ausgeruht zu sein, macht nachdenklich.

Egal, wohin ich auch komme und Menschen zuhöre, irgendeine Krise ist Gesprächsthema: Pandemie, Krieg, Klima … Krise da, Krise dort. Manchmal habe ich den Eindruck, es geht gar nicht mehr ohne. Die Welt würde augenblicklich stillstehen, würde jemand es wagen, ein Gespräch ohne Krisenthema zu führen.

Es ist ermüdend.

Ich krieg‘ die Krise mit den Krisen.

Niemand sollte die real existierenden Krisen negieren, aber es gibt auch noch anderes auf dieser Welt.

Bad news are good news … heißt es so treffend.

Schlechte Neuigkeiten zehren aber auch an der emotionalen Widerstandskraft, weil sie unserem Unterbewusstsein vorgaukeln, alles ist schlimm, vielleicht sogar hoffnungslos.

Wir brauchen gute Nachrichten, um das Gefühl der Hoffnung in uns am Leben zu erhalten, denn Hoffnung verleiht Kraft.

Auf meiner gestrigen Wanderung begegnet mir das Bäumchen auf dem Foto. Was auch immer geschehen ist, dieses Bäumchen wurde gebrochen, verdreht, sein Stamm regelrecht gespalten … dennoch sprießen rundum neue, kräftige Triebe mit sattgrünen Blättern. Dieser Baum durchlebte eine im wahrsten Sinne des Wortes existenzielle Krise, doch anstatt aufzugeben, wuchs dieses Bäumchen weiter. Eine Kämpfernatur? Unbändiger Lebenswille? Wäre dieser Baum ein Mensch, würden wir wohl diese Attribute für ihn finden. Doch er ist nur ein Baum, ohne Denken, ohne Fühlen, Leben in seiner vielleicht ursprünglichsten Form. Dieser Baum macht einfach weiter.

Das Leben findet immer einen Weg.

Das ist die gute Nachricht, die ich heute teilen möchte.

Ein Mann, der niemals weint …

… beweist nur eines: dass er sein Herz nicht mehr spüren kann.

Dieser – zugegeben polarisierende Gedanke – tauchte vor einigen Tagen wie aus dem Nichts in meinem Kopf auf. Mir ist bewusst, dass diese Aussage lange und leidenschaftlich diskutiert werden kann. Insbesondere, warum ich das Subjekt „Mann“ gewählt habe, könnte es doch genauso gut „Mensch“ lauten. Nun, das folgende wird wohl Aufschluss darüber geben.

Als ich mich näher mit diesem „Satz aus dem Nichts“ befasste, tauchte einiges an Fragen auf, die ich hier teilen möchte in der Hoffnung, sie regen zum Nachdenken an:  

„Ein Mann, der niemals weint, beweist nur eines: dass er sein Herz nicht mehr spüren kann.“

Darf ein Mann überhaupt weinen? Im Jahr 2022 sind wir Lichtjahre von einer stereotypen-befreiten Gesellschaft entfernt. Rollenbilder bestimmen noch immer weitgehend unseren Alltag. Ein Mann, der weint? Berührbar, empfindsam, sensibel … nicht unbedingt die klassischen männlichen Attribute, oder? Was ist männlich? Was weiblich? Und was menschlich?

Auf welche Weise darf ein Mann zeigen, dass er verletzt wurde, ohne dass ihm gleichzeitig seine Männlichkeit abgesprochen wird? Eine Frau, die zartbesaitet ist, verliert dadurch nicht ihre Weiblichkeit – manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall. Aber wie fühlend darf ein Mann sein?

Wie geht es männlichen Borderlinern mit ihrer extremen Emotionalität? Wie viele unterdrücken jene Gefühle, die gemeinhin als „Schwäche“ eingestuft werden (Feinfühligkeit, Sensibilität, Mitgefühl, Trauer, Scham …), bis nur noch die anderen, die „Starken“ übrigbleiben (Wut, Zorn, Aggressionen …)? Oder gar keine Gefühle mehr, nur noch Leere?

Was würde sich in ihrem Leben verändern, dürften sie ohne Furcht zeigen, was sie fühlen?

Was wäre anders in dieser Welt, würden Tränen nicht länger als ein Zeichen von Schmerz und Schwäche gesehen, sondern von der Stärke, sich den Herausforderungen des Lebens fühlend zu stellen (nicht nur mit dem Kopf), und dem Mut, offen zu zeigen, was das Herz berührt?

Bild: pixabay.com

STARKE MENSCHEN WEINEN IM STILLEN

Es gibt Phasen in meinem Leben, da blicke ich auf die zurückliegende Woche und denke mir: Wie hat all das Platz gefunden in 7×24 Stunden? Die vergangene Woche war eine von diesen. Unter all dem, was geschah, sticht ein Ereignis heraus, das mich mehr als alle anderen berührt.

Wieder einmal traf ich auf einen Menschen, der zurückblieb, als ein anderer ging. Ein geliebter Mensch, von vielen geschätzt, der in sich ein strahlendes Licht trug – und tiefste Finsternis. Letzteres wusste kaum jemand, weshalb es umso mehr schockierte, als dieser geliebte Mensch freiwillig ging und jene anderen zurückließ, verzweifelt fragend, nach Erklärungen suchend.

Einer dieser zurückgebliebenen Menschen traf also auf mich. Auf eine, die ein strahlendes Licht in sich trägt, ebenso wie tiefste Finsternis, und die offen darüber spricht, wie es ist, hin und her gerissen durch dieses Leben zu wandeln, das eine nicht ohne das andere sein zu können – und nach langem den Frieden in sich gefunden zu haben.

Es war nicht das erste Zusammentreffen dieser Art – und wird nicht das letzte gewesen sein.

Für mich war es ein „Wink des Schicksals“, mich wieder verstärkt jenen zuzuwenden, die danebenstehen und nicht begreifen können, was in ihren Liebsten geschieht. Vielleicht helfen meine folgenden Gedankengänge, einen neuen Blickwinkel zu eröffnen:

Menschen mit „psychischen Problemen“, sei es nun Borderline, Depressionen, Bipolarität und anderen Formen/Symptomen unter dem Hashtag Persönlichkeitsstörung sind weder schwach noch Versager. Ganz im Gegenteil. Viele unter ihnen sind sehr starke Menschen, denn es gelingt ihnen, über Jahre und Jahrzehnte ihr „Problem“ zu verbergen, im Alltag Rollen zu spielen, die kräftezehrend und belastend sind. Erst hinter verschlossenen Türen, wenn nur noch wenige Vertraute um sie sind oder manchmal auch niemand mehr, fallen die Masken, tritt der ungelöste innere Konflikt zu Tage und mit ihm die Zweifel an sich selbst bis hin zur Verzweiflung.

Starke Menschen weinen im Stillen.

Es mangelt ihnen nicht an Kraft, aber an Wissen um das, was sie fremdsteuert, ebenso wie es an der Fähigkeit mangelt, damit umzugehen, ihr psychisches und/oder seelisches Gleichgewicht selbständig in Balance zu halten.

Woher sollten sie es auch können?

Der Blick nach innen, die Reise zu sich selbst, die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und was immer sich dort findet … all das gehört für manche Menschen zum Alltag, aber für viele andere nicht.

Weil es sie nicht interessiert.

Weil sie nicht in einem Umfeld aufgewachsen sind, das sie dazu ermutigt hat.

Weil unsere Gesellschaft grundsätzlich mehr auf die Oberfläche als unter sie blickt.

Weil sie Angst vor dem haben, was sie vielleicht finden könnten.

Weil vielleicht etwas gänzlich anderes sie davon abhält.

Was auch immer es ist, es verhindert, dass diese Menschen lernen, in sich die Balance zwischen „Licht und Dunkelheit“ (wie ich es gerne romantisch nenne) herzustellen. Dieses Gleichgewicht wurde/wird bei den meisten Menschen irgendwann im Laufe des Lebens erschüttert (z.B. durch Verluste, traumatische Erlebnisse und dergleichen). Die Einen finden zurück ins Gleichgewicht, andere nicht. In ihnen wirkt Tag für Tag nach, was sie einst erschüttert hat, verstärkt durch das, was folgte, bis hin zum alltäglichen Rollenspiel.

Die Auswege aus diesem Dilemma sind so vielfältig wie die Menschen selbst, doch ihre Richtung ist stets dieselbe: der Blick nach innen, die Reise zu sich selbst.

Kleine bunte Pillen lösen keine dieser Probleme, sondern kehren sie unter einen farbenfrohen Teppich. Mehr nicht. Keine Pille der Welt ist in der Lage, eine Traumatisierung aufzulösen. Weder lässt sie das Geschehene vergessen noch eine neue Einstellung dazu gewinnen. Sie unterdrückt, was gelöst werden will, und damit verhindert sie auch die Rückkehr in den inneren Frieden.

Lösen kann man nur jenes, auf das man blickt, mit dem man sich befasst. Manchmal allein, ein anderes Mal mit Unterstützung. Auflösung ist ein aktiver, bewusster Prozess, der durch in ein offenes, wertschätzendes Umfeld unterstützt werden kann.

Wer sich auf die Reise zu sich selbst macht, wird dabei so manchem begegnen, das möglicherweise alten Schmerz wachruft, das lieber vergessen sein will, doch da gilt es hindurchzugehen. Weiß man Menschen an seiner Seite, die nicht (ver)urteilen, nicht die Richtung oder das Tempo vorgeben wollen, sondern einfach begleiten und Halt geben, wenn man diesen braucht, dann können die Herausforderungen dieser Reise leichter gemeistert werden.

Wer mit einem Gipsbein durch die Welt humpelt, wird als vorübergehend eingeschränkt wahrgenommen und es wird Rücksicht genommen. Gilt das auch für jene, die mitten in einer Depression stecken und den Kopf hängen lassen? Oder bekommen sie zu hören: „Reiß dich zusammen. Anderen geht’s auch dreckig und sie machen trotzdem weiter.“ Wer will schon als schwach gelten?

Starke Menschen weinen im Stillen, aber sie weinen.

Jeder von uns kann einen Teil dazu beitragen, das es für diese starke Menschen leichter wird, zu bleiben, indem wir anfangen, ein Umfeld zu erschaffen, das Halt gibt auf der Reise zu sich selbst.

Weg von (Vor)Urteilen, hin zu Respekt und Wertschätzung.

Vielleicht müssen starke Menschen dann nicht mehr im Stillen weinen.

Vielleicht kommt sogar der Tag, an dem sie aufhören zu weinen, weil sie angekommen sind und geschätzt werden als die, die sie sind.

Eine wunderschöne Vorstellung.

Bild: https://pixabay.com/de/photos/sonnenuntergang-frieden-einsamkeit-1207326/

GEDANKEN ZU KRIEG UND FRIEDEN

Manchen Fragen kann man sich nicht entziehen. Zumindest mir geht es so. Kann ich an das immanente Gute im Menschen glauben angesichts dessen, was Menschen in diesem Augenblick gar nicht so weit von hier anrichten? Spoiler: JA! Wie ich zu diesem JA komme, erläutere ich in meinen folgenden Gedankengängen:

Krieg ist etwas Entsetzliches.

Egal, was manche auch glauben, es gibt keine Gewinner. Jede Menge unschuldige Opfer. Einige wenige, die laut Krieg schreien – und sehr viele, die dem Ruf folgen und marschieren. Einer allein kann keinen Krieg führen, wenn andere nicht mitmachen.

Warum schreien die einen? Warum machen die anderen mit?

Aus Angst? Gier? Wut? Rache? Machtgelüste, Minderwertigkeit, … vermutlich lässt sich die Aufzählung noch lange weiterführen, aber mit ziemlicher Sicherheit werden sich weder Punkte wie Respekt, Toleranz, Wertschätzung, Vertrauen und dergleichen darunter finden.

Wer im Außen den Krieg sucht, trägt den Krieg längst in sich.

Deshalb ist es auch so schwierig, Kriege zu beenden. Frieden lässt sich nicht kaufen, nicht dauerhaft. Weder im Außen noch im Inneren eines Menschen.

Innerer Frieden bedeutet, sich der ursprünglichen menschlichen Instinkte des Kampfes bewusst zu sein, den aggressiven Emotionen zuzustimmen, doch sich nicht von ihnen bestimmen zu lassen. Angst oder Wut zu negieren, halte ich für zutiefst ungesund. JEDE menschliche Emotion erfüllt einen Zweck, hat ihre „guten“ und „schlechten“ Seiten. Einige davon aus sich herauszuschneiden, führt nur zur emotionalen Selbstverstümmelung.

Was jedoch möglich ist und auch das Ziel einer bewussten, achtsamen Lebensführung sein sollte, ist das Reflektieren der eigenen Emotionen und situationsbezogen das Transformieren. Vereinfacht gesagt: Auch wenn mich jemand wütend macht, muss ich dieser Person nicht die Zähne einschlagen.

Krieg, Konflikt, Konfrontation … dahinter steht das Muster „wir gegen die anderen“. Ein weitverbreitetes Muster. Um es zu erkennen, braucht es nicht den Blick in Kriegsgebiete. Es genügt sich umzuschauen. Über Jahrzehnte wurde Konkurrenzdenken und Ellbogenmentalität in unserer Gesellschaft kultiviert. Rücksichtlosigkeit im Straßenverkehr – der Krieg des kleinen Menschen, mitunter mit tödlichen Folgen.

Solange der weitaus überwiegende Teil einer globalen Gesellschaft unreflektiert und achtlos durch den Alltag stolpert, ist die Menschheit weit entfernt von nachhaltigem Frieden.

Solange die Menschen den Krieg in sich tragen, nicht im inneren Frieden angekommen sind und Kooperation über kleinliches Ego-Geplänkel stellt, wird es immer wieder zu Konflikten kommen, die mal mehr, mal weniger eskalieren.

Krieg ist auch eine effektive Ablenkung von den existenziellen Problemen, welche die Spezies Mensch nur gemeinsam und global lösen kann. Weder ein Mensch noch ein Land oder Kontingent kann das allein tun. Wir haben ein Paradies in eine Müllhalde verwandelt. Doch anstatt sich um diese Herausforderung zu kümmern, rasseln manche der Mächtigen mit den Säbeln und tragen ihren inneren Krieg in die Welt hinaus.

Das macht mich traurig – und wütend. Aber ich lasse nicht zu, dass diese Wut mich bestimmt. Denn Wut gebiert wiederum Wut. Wut ist gut für den Kampf, doch Wut umarmt nicht, gibt keinen Halt, keine Geborgenheit, keinen Frieden.

Wir dürfen nicht zulassen, dass die verabscheuenswürdigen Handlungen anderer den Krieg in uns hineintragen, in unser Denken und Fühlen.  

Wer den Krieg (in sich) beenden will, muss dem Frieden (in sich) zustimmen. Umarmen, was da ist und den Weg der Kooperation einschlagen. Gemeinsam an Lösungen arbeiten. In den Unterschieden das Gemeinsame erkennen, das Verbindende vor das Trennende reihen. Im Denken und im Handeln.

Wenn die Menschheit geschlossen diesen Weg einschlägt, dann werden alle Kriege enden.

JA, ich glaube an das Gute im Menschen.

Wenn ich zu diesen Gedankengängen fähig bin – und ich bin nur ein Mensch wie jeder andere auch – dann sind es auch andere. Die Veränderung einer Gesellschaft geschieht nicht von oben herab befohlen, sondern von innen heraus durch Umdenken. Achtsamkeit hilft dabei, in Zeiten wie diesen den Glauben an das Gute und die Hoffnung zu bewahren.

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WENN – DANN … ODER DOCH: ES IST!

Das Leben liefert doch immer wieder Stoff für Beiträge. Ich habe einige Zeit überlegt, wie ich das heutige am besten niederschreibe, dann es könnte leicht missverstanden werden. Am besten, ich fange einfach mal an …

Mein WordPress-Blog ist so eingerichtet, dass sämtliche Kommentare durch mich als Admin freigeschalten werden müssen, bevor sie öffentlich sichtbar sind. Ein ganz normales Prozedere, das in vielen Workshops zu kritischer Medienkompetenz und Sicherheit im Netz empfohlen wird.

Vor wenigen Tagen fand ich ein paar interessante Kommentare von einem User, der bereits mehrfach kommentiert hat, anfangs ganz lieb und nett, in Folge veränderte sich der Ton. Ich habe die letzten Kommentare nicht mehr freigeschalten, da ich das, was sie in mir auslösten, in diesem Beitrag ein wenig durchleuchten möchten:

„Funktioniert dein Leben? Bist du glücklich? Wenn Gott gewollt hätte, dass wir Menschen glücklich wären, dann hätte er uns nicht aus dem Paradiese vertrieben .. 🙂“

Auf diesen Kommentar hätte ich mit „Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt und welchen Plan er/sie mit den Menschen hat, aber mein Leben funktioniert und ich bin glücklich – auch ohne dieses Wissen“… ich hätte auf diese Weise geantwortet, wäre da nicht noch ein Kommentar gewesen:

„PS: „Dein Kommentar muss noch freigeschaltet werden.“ Zeugt nicht gerade von Vertrauen in deine Mitmenschen, wenn du die Kommentare erst nach Überprüfung freigibst 😉 Handelt so ein glücklicher Mensch?“

Vielleicht war es ja witzig gemeint, aber in meinem Linguistinnen-Ohr schrillte eine Alarmglocke und in großen Lettern prangte vor meinem geistigen Auge die Frage: „Was bitte hat das eine mit dem anderen zu tun?“ Was haben technische Blog-Einstellungen damit zu tun, ob ich ein glücklicher Mensch bin? Oder anders gefragt: Kann ich nur dann ein glücklicher Mensch sein, wenn ich meinen Blog (für dessen Inhalte ich verantwortlich gemacht werden kann) für jegliche Tastenspiele freigebe?

Wenn – dann … komplexe Äquivalenz? Echt jetzt? Manipulation oder Unwissenheit darüber, was da sprachlich gerade angestellt wird? Zu diesem Zeitpunkt schwankte ich noch, auf welche Weise ich antworten sollte. Aber die Entscheidung wurde mir mit dem nächsten (freizugebenden) Kommentar deutlich erleichtert:

„Liebe kann auch tiefe Schmerzen verursachen. Denk an Hölderlin, der sich aufgrund einer unglücklichen Liebe in den Wahnsinn flüchtete. Die Liebe kann sehr tragisch enden. Man kann natürlich sagen: „Dann war es keine Liebe, sondern Vereinnahmung .. usw. blabla .. In der Theorie ist alles möglich. Aber die Realität zeigt den Stachel der Liebe. Alles andere ist Esoterik und Wunschdenken. Freut mich, dass du glücklich bist .. Aber wie schon gesagt: Ich hab das Gefühl, dass du dich selbst belügst .. Das gibt ein böses Erwachen irgendwann, ein harter Aufprall .. Ich wünschte, ich irrte mich ..“

Der vorletzte Satz ist (linguistisch betrachtet) hellseherisch auf mein Leben bezogen und wird durch den letzten nochmal in seiner ultimativen, negativen Aussage bestätigt. Eine Generalisierung mit einer Tilgung.

Danke, aber ich weise jegliche externe Prognosen über mein Leben entschieden zurück.

Ich diskutiere sehr gerne mit Menschen über ALLE Themen des Lebens, aber nicht auf diese Weise. Gegenüber „Zuschreibungen“ (Das gibt ein böses Erwachen …) reagiere ich ziemlich sensibel. Jegliche Zuschreibung, auch eine vordergründig positive (Du bist super) ist letztendlich etwas, das einer dem anderen „zuschreibt“, sich also über den anderen stellt und ihn bewertet – und damit das Gegenteil der gewaltfreien Kommunikation, wie sie Marshal Rosenberg formulierte.

Wenn ich meine Brille als Kommunikationstrainerin aufsetze, entdecke ich in den Kommentaren auch ein Muster: Unabhängig vom Beginn enden sie mit einer negativen Botschaft. Das macht mich traurig und nachdenklich, was wohl den Verfasser zu diesen Gedanken veranlasst.

Ich halte mich für eine philosophische Pragmatikerin, die auf das blickt, was es ist, in diesem Augenblick; die stets für möglich hält, dass etwas Wunderbares geschieht – und ich bin Realistin. Krisenmanagement ist ein wichtiger Teil meines Jobs und ohne nüchterne Betrachtung der Realität nicht möglich. Dennoch … wenn ich spazieren gehe und auf meinem Weg finden sich auf der einen Seite ein Hundehäufchen und auf der anderen ein Blümchen, sehe ich beides und entscheide mich bewusst, die Stimmung des Blümchens an mich heranzulassen.

Natürlich könnte man auch diese beiden Schlussfolgerungen ziehen:

Wenn du auf das Hundehäufchen blickst, dann wird dein Leben irgendwann in der Scheiße enden.

Wenn du auf das Blümchen blickst, dann wirst du glücklich sein.

Das wären Klassiker im Sinne von positiv/negativ, aber beides wären hellseherische Zuschreibungen. Wer weiß schon, wie ein anderer Mensch innen drin gestrickt ist und was welche Wirkung auslöst? Das wissen die meisten Menschen von sich selbst nicht.

Ich weiß nur eines: Ohne Zuschreibungen würden sich die Menschen so manche Missverständnisse und Konflikte ersparen. In der Kommunikation bei „es ist, was es (für mich) ist“ zu bleiben, erfordert Achtsamkeit.

P.S.: Kommentare werden auch weiterhin erst nach meiner Freischaltung sichtbar sind und solange sie niemand verletzen, diskriminieren oder in einer anderen Art und Weise anstößig sind.

P.P.S.: Keine Ahnung, ob es auf Gottes Agenda so steht, aber ich bin glücklich 😊

P.P.P.S.: Auf meinem Balkon blühen bereits die ersten Krokusse 😊

VON TÄTERN UND OPFERN

Vor wenigen Tagen erfuhr ich, das mein Expartner, der seit unserer Trennung (die von ihm ausging) jeglichen Kontakt zu mir ablehnt, einen schweren Unfall hatte und seither mit einigen Einschränkungen lebt.

Mein erster Gedanke war, bei ihm vorbeizuschauen und nachzufragen, ob er was braucht und ich helfen kann. Immerhin waren wir fast 25 Jahre liiert und auch wenn wir seit 1,5 Jahren getrennte Wege gehen, helfe ich wenn es nötig ist.

Im nächsten Schritt erzählte ich meinem Sohn von meinem Vorhaben, der entsetzt reagierte. Ob ich vergessen hätte, dass ich von einem Tag auf den anderen auf der Straße (bzw. auf dem Sofa meines Sohnes) gelandet bin? Ob ich ernsthaft alles ausblende, was damals geschehen ist? Gute Argumente.

Also setzte ich mich in Ruhe hin und fühlte ich mich hinein.

Nein, ich hatte nichts vergessen oder ausgeblendet. Die Ereignisse rund um die Trennung waren mir bewusst.

Was mein Sohn (und vermutlich einige andere auch) nicht verstehen kann: Ich sehe meinen Expartner nicht als Täter. Die Trennung traf mich damals wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Extreme Emotionen, allerdings nicht auf meiner Seite (der Borderlinerin, wo man sie erwartet hätte), sondern auf seiner. Über Jahre und Jahrzehnte Unterdrücktes und Aufgestautes (auch aus einer Zeit vor mir) brach explosionsartig in aggressiver Form an die Oberfläche.

Es wäre ein leichtes, die Schuld bzw. Verantwortung für all das meinem Expartner zu übertragen und ihn damit in die Täterrolle zu schieben. Doch so einfach ist es nicht – für mich. In dem Augenblick, in dem ich meinen Ex zum Täter mache, erkläre ich mich selbst zum Opfer. Hilflos. Machtlos. Ausgeliefert. Das war ich nicht.

Ich konnte mir selbst helfen bzw. mir Hilfe von anderen holen.

Ich hatte ich Macht, eine Entscheidung für mein Leben zu treffen und sie umzusetzen.

Ich ging auf meinen eigenen Beinen durch eine Tür hinaus und durch eine andere in mein neues Leben hinein.

Ich war kein Opfer. Ich bin kein Opfer.

Der Logik folgend war und ist mein Expartner kein Täter.

Wir lebten lange Zeit eine Beziehungsdynamik, die ich heute als toxisch bezeichne. Doch bis kurz vor dem Aus stimmte ich (bewusst oder unbewusst) dieser Dynamik zu und blieb, obwohl ich weder hilflos noch machtlos oder ausgeliefert war.

Wenn ich meine eigenen Gedankengänge aus der Metaposition heraus betrachte, erkenne ich den geistigen Einfluss von Viktor Frankl. Insbesondere dieses Zitat von ihm spiegelt sich in meinen Überlegungen wider:

„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“

Wenn ich mich entscheide, in meinem Expartner keinen Täter oder Feind zu sehen, geschieht dies aus meiner menschlichen Freiheit in der Wahl der Einstellung. Ebenso wie ich mich entscheide, mir selbst eine starke Rolle zu geben. Gewiss, manches hätte ich früher erkennen können, andere Handlungen setzen usw. Nun, wir alle machen Fehler, und aus einigen lernen wir hoffentlich auch. Aber ich war kein hilfloses, machtloses, ausgeliefertes Opfer.

Für mich ist es sehr wichtig, die Täter-Opfer-Dynamik aus den Ereignissen herauszunehmen, um ein starkes Fundament für das zu schaffen, das darauf aufbaut: mein aktuelles Leben.

Ziemlich sicher beeinflusst hier Bert Hellinger mit seinem Buch „Anerkennen was ist: Gespräche über Verstrickungen und Lösungen“ meine Denkansätze.

Ein wenig provokant formuliert meine Essenz in Bezug auf die Trennung: „Wer sich ewiglich in der Opferrolle suhlt, bleibt ebenso lange an den Täter gebunden. Freiheit beginnt mit dem Loslassen (der Opfer-/Täterrollen)“.

Das Ganze hat für mich auch nichts mit positivem Denken, Vergebung oder ähnlichem zu tun. Es geht schlichtweg um ein pragmatisches: Es ist, was es ist.

Das Leben kann schwarz/weiß betrachtet werden, oder bunt – alles eine Freiheit der Einstellung.

Möglicherweise bereiten diese Zeilen manchen Menschen nachdenkliche Stunden.

Verstrickungen sind tückische Fallstricke. Lösungen erfordern mitunter ein Loslösen von alten Denkmustern.

Ich war (noch) nicht bei meinem Expartner. Mein Bauchgefühl ist noch unschlüssig in Bezug auf den richtigen Zeitpunkt. Meine Einstellung dazu habe jedoch ich gefunden.

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