Ein Mann, der niemals weint …

… beweist nur eines: dass er sein Herz nicht mehr spüren kann.

Dieser – zugegeben polarisierende Gedanke – tauchte vor einigen Tagen wie aus dem Nichts in meinem Kopf auf. Mir ist bewusst, dass diese Aussage lange und leidenschaftlich diskutiert werden kann. Insbesondere, warum ich das Subjekt „Mann“ gewählt habe, könnte es doch genauso gut „Mensch“ lauten. Nun, das folgende wird wohl Aufschluss darüber geben.

Als ich mich näher mit diesem „Satz aus dem Nichts“ befasste, tauchte einiges an Fragen auf, die ich hier teilen möchte in der Hoffnung, sie regen zum Nachdenken an:  

„Ein Mann, der niemals weint, beweist nur eines: dass er sein Herz nicht mehr spüren kann.“

Darf ein Mann überhaupt weinen? Im Jahr 2022 sind wir Lichtjahre von einer stereotypen-befreiten Gesellschaft entfernt. Rollenbilder bestimmen noch immer weitgehend unseren Alltag. Ein Mann, der weint? Berührbar, empfindsam, sensibel … nicht unbedingt die klassischen männlichen Attribute, oder? Was ist männlich? Was weiblich? Und was menschlich?

Auf welche Weise darf ein Mann zeigen, dass er verletzt wurde, ohne dass ihm gleichzeitig seine Männlichkeit abgesprochen wird? Eine Frau, die zartbesaitet ist, verliert dadurch nicht ihre Weiblichkeit – manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall. Aber wie fühlend darf ein Mann sein?

Wie geht es männlichen Borderlinern mit ihrer extremen Emotionalität? Wie viele unterdrücken jene Gefühle, die gemeinhin als „Schwäche“ eingestuft werden (Feinfühligkeit, Sensibilität, Mitgefühl, Trauer, Scham …), bis nur noch die anderen, die „Starken“ übrigbleiben (Wut, Zorn, Aggressionen …)? Oder gar keine Gefühle mehr, nur noch Leere?

Was würde sich in ihrem Leben verändern, dürften sie ohne Furcht zeigen, was sie fühlen?

Was wäre anders in dieser Welt, würden Tränen nicht länger als ein Zeichen von Schmerz und Schwäche gesehen, sondern von der Stärke, sich den Herausforderungen des Lebens fühlend zu stellen (nicht nur mit dem Kopf), und dem Mut, offen zu zeigen, was das Herz berührt?

Bild: pixabay.com

INSIGHT/INSIDE BORDERLINE

Borderline? Das sind Jugendliche, die sich die Arme ritzen, richtig?

Falsch! Das ist nur die klischeehafte Spitze des Eisbergs. Nur ein kleiner Teil der Betroffenen greift zur Klinge. Die weitaus meisten verletzen sich auf andere Art und Weise, sind gefangen in destruktiven Verhaltensmustern jeglicher Art, können sich selbst nicht verstehen … oder stoppen.

INSIGHT/INSIDE BORDERLINE

Impulsvortrag & Diskussionsrunde
am Dienstag, 14. Juni 2022, von 20:00-21:30 Uhr

*** Exklusiv für Teilnehmende des

Nach mehr als 3 Jahrzehnten in den „Klauen meines Borderline-Syndroms“ breche ich das Schweigen:

  • erzähle von der kaum nachvollziehbaren Gedanken- und Gefühlswelt
  • von der emotionalen Achterbahnfahrt; dem unheilvollen Drang zu zerstören, was gut läuft
  • von Gefühlen, die kaum auszuhalten sind in ihrer Intensität bis hin zum absoluten Nichts-fühlen
  • von Todessehnsucht und der Angst davor im nächsten Augenblick zu sterben
  • von inneren Widersprüchen und Täuschungen, all das vor der Welt zu verbergen
  • von der ewigen Suche nach dem, das sich nicht benennen lässt
  • und wie daraus ein positives Leben voller Lebensfreude, Achtsamkeit und Selbstsorge wurde.

Laut Expertenschätzung sind 20% der Jugendlichen vom Borderline-Syndrom mehr oder weniger stark betroffen.  Doch Borderline ist keine „Kinderkrankheit“. Der Anteil in der Gesamtbevölkerung liegt bei ca. 10%. In diesem Augenblick könnte ein Betroffener neben Ihnen stehen und Sie würden es höchstwahrscheinlich nicht erkennen, denn Borderliner sind Meister des Verbergens. Doch in diesen Menschen brodelt etwas, das 1 von 10 durch Suizid aus dem Leben scheiden lässt… und ratlose Angehörige fragen sich anschließend, wie es so weit kommen konnte.

Deshalb spreche ich über Borderline.

  • Weil es nicht so weit kommen muss.
  • Weil es andere Wege gibt.
  • Weil die Welt mehr Farben als schwarz/weiß hat.
  • Weil ein glückliches Leben auch für Borderliner erreichbar ist.

Du möchtest den Impulsvortrag live erleben? Dann melde Dich gleich hier für den Online Kongress WIR SIND an und schreib eine e-Mail an lesley.b.strong@gmx.net. Den Link zum Zoom-Raum erhältst du 24 Stunden vorab per e-Mail von mir.

Mindset, Selbstfürsorge, Bewusstseinswandel … das sind nur wenige Schlagworte, die einen ersten Einblick über die Themenvielfalt des des Online Kongress WIR SIND bieten … Special Days widmen sich den Schwerpunkten Mobbing, Jugend, Baby … international renommierte Speaker und Influencer bringen es auf den Punkt … WIR SIND

Bild: pixabay.com

TESTE DICH SCHNELL MAL

Selbsttest sind ziemlich populär – leider nicht nur in Bezug auf das C-Virus. Und – wie mir in einigen Gespräche der vergangenen Woche aufgefallen ist – auch Eigendiagnosen bzw. das Diagnostizieren anderer. Selbstredend bezieht sich meine Einleitung nicht auf medizinisches Personal, sondern Menschen gänzlicher anderer Professionen. Eine wunderbare Gelegenheit, um neuerlich auf folgendes hinzuweisen:

Finger weg von Borderline-Schnelltests, derer es so einige im World Wi(l)d Web gibt.

Ich halte sie allesamt für den falschen Weg.

Warum?

Ganz einfach. Wer sich die Mühe macht, ein wenig zum Thema Borderline zu recherchieren, wird dabei u.a. auf DSM-5 treffen.

DSM-5 ist das Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, dass die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) im Kapitel Persönlichkeitsstörungen verzeichnet (wo auch sonst?). Sehr vereinfacht gesagt, listet es 9 typische Symptome auf, von denen 5 erfüllt sein müssen, um von einer BPS ausgehen zu können.

Mittlerweile gibt es auch ein DSM-5 Alternativ-Modell mit Unterkategorien, die 2 von 4 bzw. 4 von 7 Treffer für eine Diagnose heranziehen.

„Ritzen“ oder „Schneiden“ wird in keinem der Modelle explizit genannt. Lediglich der Begriff „Selbstverletzung“ wird genannt. Selbstverletzung kann vieles sein. Abgesehen davon …

… wer sich die Listen aufmerksam durchliest, wird vielleicht ebenso wie ich zu der Erkenntnis gelangen, dass sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit jeder Mensch im Laufe seines Lebens mindestens einmal in einer Phase befinden wird, in der „5 aus 9“ zutreffen. Sind deshalb alle Borderliner? Nein, denn es handelt sich um eine Momentaufnahme. Um verantwortungsvoll eine Diagnose treffen zu können, braucht es mehr als das.

Meine eigene Diagnose erhielt ich Mitte Vierzig, aber nicht, weil ich plötzlich „erkrankt“ war, sondern weil ich mein zweites Burnout hinter mir hatte. Im Zuge der therapeutischen Arbeit blickten wir auf mein Leben zurück. Dabei zeigten sich wiederkehrende Muster, sowohl in Handlungen als auch in meiner Gefühlswelt. Nachdem ich damals bereit war, erstmals offen über das zu sprechen, was ich zuvor stets unter dem Teppich belassen hatte, nämlich wie ich wirklich fühle und was ich wahrnehme, ergab sich nach einigen Monaten intensiver Reflexion ein eindeutiges Bild bzw. eine Diagnose.

Dankenswerterweise hatte ich einen Therapeuten, dem es wichtiger wahr, mich dabei zu unterstützen, mit meinem Leben gut zurecht zu kommen, als eine Diagnose zu formulieren. Vielleicht hätte er dies bereits Jahre davor tun können, z.B. nach meinem ersten Burnout (da war ich noch nicht bei ihm in Therapie). Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich die Diagnose damals mit Vehemenz abgelehnt hätte, war ich doch davon überzeugt, die anderen hätte mich in den Zusammenbruch getrieben durch die Ausbeutung meiner Gutmütigkeit, durch zu hoch gesteckte Ziele, durch dies und das und was auch immer … ich lebte damals in der Opferrolle. Wie hätte ich da annehmen können, „anders“ zu sein – obwohl ich innerlich immer spürte, „anders“ zu sein.

Verleugnen, verdrängen, ver-rücken … ein nettes Wortspiel. Die Realität oder das, was man davon wahrnimmt, wird so lange „ver-rückt“, bis sie dem entspricht, was man akzeptieren kann. Ver-rückt man zu lange, besteht die Gefahr, eines Tages „verrückt“ zu werden und zu bleiben, nicht mehr in die allgemeingültige Realität zurückzufinden. Dieser spannende Gedankengang wurde mir einst von meiner geschätzten Lucy vermittelt, findet sich aber auch in diverser Literatur zu Psychosomatik und Psychologie.

Heute bin ich dankbar, dass die Diagnose erst zu einem Zeitpunkt ausgesprochen wurde, als ich sie auch annehmen und damit umgehen konnte. Interessanterweise hätte ich mich selbst davor nie als Borderlinerin gesehen. Ich doch nicht! Ich ritze mich nicht, wie kann ich da Borderlinerin sein? Wie so manch andere, reduzierte ich das Thema auf einen Aspekt von vielen, übersah die Zusammenhänge, das große Ganze, meinen eigenen blinden Fleck …

Eine Borderline-Diagnose ist kein eingewachsener Zehennagel. Der ist zwar unangenehm, aber diese Diagnose kein man auch als Laie recht einfach stellen bzw. eindeutig spüren. Borderline ist diffus, komplex und veränderlich. „Normale“ Phasen lösen sich mit Episoden ab. Wer in einer Krise seines Lebens einen Selbsttest vornimmt, kann eine Weiche auf ein falsches Gleis legen, von dem er oder sie dann nicht mehr loskommt. Deshalb …

Finger weg von Selbsttests!

Die Thematik ist derart umfangreich, dass man sie kaum überblicken kann. Es gibt sogar Studien aus Asien, die Selbstverletzendes Verhalten (SVV) nicht in Zusammenhang mit BPS sehen, sondern zwei getrennte Störungen.

Ich stehe heute auf diesem Standpunkt:

Ganz egal, welches Etikett das „Problem“ bekommt, es existiert in mir, verursacht Stress und ein Ungleichgewicht in meinem Leben, und deshalb ist es meine Verantwortung, einen Weg zu finden, die Balance wiederherzustellen. Punkt.

Und nochmal …

Finger weg von Selbsttests!

Ersatzweise empfehle ich 3x täglich die Frage: Heute schon gelächelt? Lächeln ist gesund … auch das findet man im World Wi(l)d Web 😊

MYTHOS BEZIEHUNGSUNFÄHIGKEIT

In den vergangenen Wochen habe ich mich gedanklich mit dem Mythos der Beziehungsunfähigkeit befasst, der Borderlinern gerne nachgesagt wird. Meine Conclusio: Wie meistens im Leben, ist es nicht so einfach.

Beinahe 25 Jahre in einer Lebenspartnerschaft spricht gegen eine Beziehungsunfähigkeit. Regelmäßige Krisen in dieser Zeit dafür.

Freundschaften (die ja auch eine Form von Beziehung sind) zu pflegen ist für mich nach wie vor eine Herausforderung.

Ich finde es faszinierend, dass Menschen über Jahrzehnte befreundet sein und sich quasi parallel entwickeln können. Von der Schule über den Job, Familiengründung, gemeinsame Unternehmungen … für mich klingt das wunderbar und gleichzeitig unerreichbar. In meinem Leben kommen und gehen Menschen. Manchmal frage ich mich, ob es an mir liegt, ob ich nicht den „sozialen Kitt“ aufbringen kann, um Menschen in meinem Leben zu halten. Bin ich zu sprunghaft? Zu vielseitig? Zu unnahbar? Zu tiefgründig? Ich bin anders, in vielem. Aber beziehungsunfähig?

Wie funktionieren Freundschaften? Wie Beziehungen? Jenseits der Theorien, also in der Praxis?

Berufliche Beziehungen sind einfach. Freundschaften nicht. Um ehrlich zu sein, gibt es nur wenige Menschen, die ich als Freunde bezeichne, im Unterschied zu den unzähligen Bekannten. Zu Freundschaft gehört für mich auch eine Form von emotionaler Verbundenheit, die ich nicht leicht eingehe. Ich wahre gerne eine gewisse Distanz. Vielleicht eine Art von Schutzreflex, denn Nähe kann zur Belastung werden, wenn ich all die Emotionen und Stimmungen der anderen Menschen wie ein Schwamm aufnehme.

Ich halte mich selbst für äußerst umgänglich und alles andere als beziehungsunfähig, dennoch gelingt es mir nicht, meinen Freundeskreis zu erweitern.

Laufend bekomme ich die Rückmeldung, wie toll Menschen all das finden, was ich kann, was ich mache und was ich erreicht habe, dennoch freunden sie sich nicht mit mir an.

Im Job sage ich häufig scherzhaft: „Ich bin ein Alien.“ Vielleicht liegt in dieser Aussage mehr Wahrheit, als mir lieb ist.

Ich bin anders.

Die Art und Weise, wie ich Beziehungen führe und Freundschaften pflege, ist anders.

Anders als die Norm, also die Masse, der Durchschnitt.

Es geht nicht um richtig oder falsch, gut oder schlecht. Eher darum, nicht verstanden zu werden.

Würde ich die Norm, also die Masse, den Durchschnitt, als Referenz heranziehen, würde dies unweigerlich dazu führen, mich als die Ursache des Nichtfunktionierens zu identifizieren. Ich denke, genau deshalb halten sich viele Borderliner für beziehungsunfähig. Oder weil sie es in der Fachliteratur gelesen haben. Oder jemand ihnen diesen Stempel aufgedrückt hat. Aber ist alles, was außerhalb der Norm liegt, automatisch „defekt“?

Es ist nicht so, dass jene zwei Menschen, die sich entscheiden, eine Freundschaft oder Beziehung einzugehen, die für sie stimmigen Parameter festlegen – ganz gleich, welche es sind?

Vielleicht scheitern viele Beziehungen nicht aufgrund der Beziehungsunfähigkeit einzelner Personen, sondern aufgrund der Unterschiede in den Beziehungsparametern.

Menschen sind von Natur aus soziale Wesen. Ich denke, echte Beziehungsunfähigkeit kommt weitaus seltener vor, als sie unterstellt wird. Oder als Urteil über sich selbst gefällt wird. Topf und Deckel müssen zusammenpassen. Manche Töpfe kommen häufiger vor, andere sind Raritäten, ebenso wie manche Deckel.

Lebenserfahrung macht es nicht immer leichter, neue Beziehungen aufzubauen. Wer – so wie ich – schon so einiges erlebt hat, wird vorsichtig. Kaum verwunderlich, dennoch hinderlich. Unvoreingenommen jedem neuen Menschen in seinem Leben zu begegnen, das kann eine Herausforderung sein.

Heißt es nicht: gibt jedem Tag die Chance, der Schönste deines Lebens zu werden.

Ich adaptiere diese Aussage einfach mal auf: gibt jedem Menschen die Chance, dein Freund zu werden.

Meistens dauert es Jahre, bis ich zulasse, dass mich jemand umarmt. Ein anderes Mal gehe ich beim ersten Treffen auf einen Menschen zu und umarme ihn. Für mich hängt der Grad an Nähe von vielen Faktoren ab. Ebenso wie Freundschaften. Oder Beziehungen. Wie gerne würde ich für mich eine klare Regel erstellen, doch … so einfach ist es nicht für eine komplexe, in sich teilweise widersprüchliche und dennoch alles vereinende Persönlichkeit wie mich.

Bin ich deshalb beziehungsunfähig?

Bild: pixabay.com

GRAS WÄCHST AUCH NICHT SCHNELLER …

… wenn man dran zieht. Diese volkstümliche Weisheit begegnete mir das erste Mal Anfang der 2000er-Jahre. Sie hat sich – wieder einmal – als äußerst zutreffend für mich erwiesen.

Seit knapp einem Jahr habe ich etwas vor mir hergeschoben, dass ich grundsätzlich gerne tun wollte, weil es für meine Borderline-Auflösung einen wichtigen Schritt darstellt, doch gleichzeitig habe ich mit auf jede nur erdenkliche Weise davor gedrückt und alle Ablenkungen und Zwischenfälle priorisiert.

Worum es geht?

Um das Finale meiner JAN/A-Trilogie, meiner in Echtzeit geschriebenen Borderline-Auflösung in Romanform. Vor wenigen Tagen habe ich die Arbeit daran aufgenommen, motiviert durch mein wachsendes schlechtes Gewissen bei dem Blick auf meinen Zeitplan. Immerhin wollte ich Ende 2021 damit fertig sein. Doch Stand heute fehlen noch 3 von 7 Kapiteln.

Welch Hybris von mir, zu denken, ich setze mich hin und schreibe die Story einfach zu Ende. Den Verlauf der Handlung kenne ich seit 2018, daran hat sich nichts geändert. JAN/A sollte noch ein paar Überraschungen für mich parat halten, denn kaum hatte ich begonnen, eine – zugegeben emotional herausfordernde – Szene zu schreiben, fügte meine Intuition (ich schreibe in einer Art Wachtrance) neue Elemente hinzu, die so nicht angedacht waren. Aber sie fühlten sich stimmig an, weshalb ich sie übernahm. Gleichzeitig wurden mir auch Zusammenhänge bewusst, die zuvor noch im Dunkeln lagen. Mein Verständnis dessen, warum manches wie in meinem Leben geschehen ist, gewann eine neue Dimension dazu.

Mittlerweile denke ich den unbewussten Grund für mein Ausweichen im vergangenen Jahr zu kennen: Ich brauchte noch Zeit, mich dem zu stellen und das zuzulassen, was nun geschieht. Und es tut sich sehr viel. Als hätte ich einen Sturm im Wasserglas entfesselt und alles, was sich dort abgesetzt hatte, aufgewirbelt, damit es sich neu ordnen kann. Einschlafprobleme, unruhige Nächte, körperliche Schmerzen, Sinnfragen, demonstrative Abgrenzung – alles wieder da. Dennoch anders als früher. Ich weiß, das mein Schreib- bzw. Auflösungsprozess dafür verantwortlich ist. Ich rüttle bewusst an allen mir bekannten Türen und Schubladen, spüre in mich hinein auf der Suche nach verbliebenen Verstrickungen, Verspannungen und Konflikten. Mein Unterbewusstsein antwortet mit Symbolen, Metaphern, Wendungen in der Geschichte… JAN/A ist eine niedergeschriebene intrapersonelle Teilearbeit. Mein innerer Dialog in den Bildern meiner Seele. Ziemlich fantasievoll und emotional. Eine alternative Realität, in der das geschehen kann, was in der realen Welt in der Vergangenheit verabsäumt wurde und auch in der Gegenwart kaum umzusetzen ist.

Mein Ort des Heilens: meine JAN/A-Bubble

Der Schreibprozess ist meine Zeit des Heilens.

Doch … Ego, Wille und Co hin oder her … es geht nicht schneller, nur weil ich dran ziehe, oder darauf drücke im Sinne von Einhalten des Zeitplans.

Wie könnte es auch?

Was vor Jahren oder Jahrzehnten zerbrochen, entweder gar nicht oder nur behelfsmäßig geflickt wurde, braucht nun auch seine Zeit, um wieder zu heilen.

Diese Worte legte ich vor wenigen Tagen Jana in den Mund: „Geduld war keineswegs meine größte Tugend, jedoch erforderte mein ausgefeilter Plan reichlich davon.“ … und hielt mir damit selbst einen Spiegel vor meine Nase.

Mein „Plan“, mich mit den 3 Bänden von JAN/A (oder 3 Entwicklungsphasen im Sinne von auf mich selbst zugehen, mich selbst annehmen, mit mir selbst leben) zurück in die Selbstbestimmung meines Lebens zu schreiben, entstand zwar eher unbeabsichtigt, aber nachdem mir die damit verbundenen Möglichkeiten bewusst geworden waren, folgte die weitere Umsetzung aus voller Überzeugung. Nur den Faktor „Zeit“ hatte ich nach Band etwas leichtfertig behandelt, indem ich dachte, ich bestimme, wann ich fertig bin. Das tue ich nicht.

Traumatisierungen oder (romantisch gesprochen) eine verletzte Seele heilen nicht nach einem getakteten Fahrplan. Die Route zurück zu mir kenne ich (seit langem), folge ihr auch konsequent, doch das Tempo bestimmt nicht mein Verstand, sondern mein Fühlen, das sich langsam vortastet in eine Welt außerhalb der heilenden Bubble.

Jana hat ein passendes Mantra, das ich wohl selbst öfters rezitieren sollte: „Ruhe und Gelassenheit, Jana, Ruhe und Gelassenheit.“

Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht.

Bild: pixabay.com

OAFOCH NUA GUAD GEH LOSSA oder

EINE GEWAGTE THEORIE

Ein Wochenende in den Gasteiner Bergen, über mir strahlend blauer Himmel, unter mir griffiger Schnee, und mir dazwischen geht’s einfach nur gut (übersetzt: oafoch nua guad). Ein Setting, das als Abschluss einer abwechslungsreichen Woche zu folgenden Gedanken geführt hat …

Ich brauche keinen Luxus, damit’s mir geht gut. Alles, was ich dafür brauche, ist der Freiraum sein zu können und sein zu dürfen, wer ich bin. Aber vielleicht ist das genau der größte Luxus im Leben? Sein zu dürfen und zu können, wer man ist. Im eigenen Rhythmus zu leben – was in meinem Fall (also bekennende Workoholic) nicht bedeutet, nichts zu tun. Eher schon das zu tun, was gut tut und Spaß macht. Aus meiner Sicht ist das DER Schlüssel für den Ausstieg aus der Fremdsteuerung durch Borderline (und generell für alle Menschen der Weg zu einem gelingenden Leben): gute Gefühle.

Deshalb präsentiere ich an dieser Stelle eine gewagte Theorie, die nicht auf wissenschaftliche Studien zurückgreift, sondern aus meinen empirischen Beobachtungen gewachsen ist. Eine gewagte Theorie über das (nicht) unstillbare Bedürfnis nach der Umarmung des Lebens.

Niemand kann verändern, was in der Vergangenheit geschehen ist. Immerhin gibt es keine Zeitreisemaschinen und wenn es sie gäbe, wer weiß, was die Menschen damit alles anstellen würden. Daher gilt aus heutiger Sicht: Was geschehen ist, ist geschehen. Es mag Wunden und Narben hinterlassen haben, schmerzhafte Erinnerungen, Ängste und Misstrauen … eine Menge negativer Emotionen, über die man schier endlos reden und sie analysieren kann. Aber ändert das etwas? Meine eigene Erfahrung: nein. Okay, man versteht, warum man in der Gegenwart ist, wer man ist, was die Ereignisse der Vergangenheit dazu beigetragen haben. Dennoch bleibt dieses Verstehen auf rationaler Ebene, und die Gefühle drehen sich weiter in ihrer emotionalen Endlosschleife.

Kleiner Denkanstoß nebenbei: viele Borderline wissen genau aus diesem Grund des ständigen Analysierens eine Menge über Psychologie und sind in der Lage, Psychotherapeuten zu täuschen, mehr unbewusst als bewusst, um jenes negative innere Bild am Leben zu erhalten, das in der Vergangenheit gezeichnet wurde.

Der Ausstieg bzw. der Schritt Richtung Heilwerdung beginnt damit, einem anderen, positiven, liebevollen Bild von sich selbst zuzustimmen – und das kann heftig sein, denn es können sich himmelhohe Hindernisse auftürmen und bodenlose Abgründe aufbrechen. Alles, nur um nicht in die Selbstliebe zurückzufinden, in das Gefühl, liebenswert zu sein, die Gewissheit, vom Leben umarmt zu sein und alles Glück dieser Welt um seiner Selbstwillen verdient zu haben.

Wie gesagt, nicht der Kopf sollte das denken, sondern das Herz es fühlen. Dazwischen liegen Welten!

Es sich einfach nur gut gehen lassen – das konnte ich Jahrzehnte nicht. Einfach nur das Leben genießen, im Hier und Jetzt, den Brain Traffic zum Stillstand bringen und den Augenblick erleben.

Gute Gefühle sind mein Weg und Schlüssel zu diesen beinahe magischen Momenten.

Ganz viele gute Gefühle.

Sie bewusst wahrnehmen, sie zum Ausdruck bringen, anderen davon erzählen, oder – in meinem Fall – darüber schreiben in Geschichten und Gedichten. Mir selbst vor Augen halten, dass es mir gut geht und dadurch jenes längst überholte Bild der Vergangenheit mit jedem Wort bunter, lebendiger, liebevoller, lebenswerter gestalten. Das ist mein Weg des Ausstiegs aus Borderline.

So einfach kann es sein?

Um ehrlich zu sein: ja.

Wenn ein Kind heranwächst ohne das Gefühl vermittelt zu bekommen, in Ordnung zu sein, so wie es ist (was in den meisten Fällen leider genau so geschieht), dann wird das Bedürfnis nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit nicht gestillt. Das Kind wird nie „satt“, fühlt sich nie um seiner selbst geliebt. In ihm entsteht eine Art „emotionales schwarzes Loch“, das alles aufsaugt, dessen es um jeden Preis habhaft werden kann, jede Form der Anerkennung (und seien es Schläge – und sie sind eine Form der Anerkennung, des „wahrgenommen werden“, wenngleich in einer schrecklichen Form.)

Das Kind wird heranwachsen, doch das unerfüllte Bedürfnis bleibt. Es wächst sogar mit. Deshalb laufen so viele Erwachsene in der Welt herum, die innerlich „hungrig“ sind nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit, und diese Bedürfnisse auf ihre jeweilige Art und Weise zu stillen versuchen. Doch das gelingt nicht dauerhaft, denn das emotionale schwarze Loch in ihnen ist nach wie vor ein Fass ohne Boden. Vor allem realisieren diese Menschen gar nicht, was sie bekommen, den ihr rationales Denken fokussiert auf den Ereignishorizont, also den noch sichtbaren Bereich des schwarzen Loches, in dem die Emotionen verschwinden werden, ohne anerkennend wahrgenommen zu werden.

Zu abstrakt?

Machen wir es einfach: Um das innere (negative) Bild durch gute Gefühle nachhaltig verändern zu können, ist es wichtig, diese guten Gefühle bewusst wahrzunehmen, sie anzuerkennen (ja, das, was man selbst nicht bekommen hat, soll man nun tun), sie wertzuschätzen (liebevoll auf sie zu blicken) und erst danach führen sie zurück in die Umarmung des Lebens (Geborgenheit pur).

Das es funktioniert, habe ich selbst erlebt.

Ob es für jeden funktioniert, hängt wohl davon ab, wie jeder es umsetzt. Ich denke: ja, aber man kann sich dabei auch auf vielfältige Weise selbst im Weg stehen (auch das durfte ich selbst erleben). Einmal mehr gilt es: Bedingungslos zu sich selbst JA zu sagen. Man muss nicht alles an sich selbst toll finden, aber es als Teil von sich selbst akzeptieren. Schließlich hat man die Freiheit, sich selbst nach Belieben weiterzuentwickeln, neues dazuzulernen, zu wachsen, ohne etwas von sich selbst abzulehnen. Ganz im Gegenteil: es als das zu achten, was es ist – ein Teil. Das große Ganze besteht aus vielen unterschiedlichen Teilen und sie alle haben ihre Berechtigung. Mit Ablehnung auf einzelne davon zu blicken, reißt Gräben in uns auf. Ihnen zuzustimmen und sie in Liebe zu umarmen, baut Brücken.

Die Conclusio meiner (nicht) grauen Theorie:

Lass es dir gut gehen, nimm dies bewusst wahr und heile dadurch die Wunden deiner Seele.

Oder anders (in meiner Bergsprache) gesagt: Loss da oafoch guad geh.

Bild: Lesley B. Strong (Blick ins Gasteiner Tal vom Stubnerkogel)

WER BIN ICH?

Die Frage aller Fragen … und wer den Film „Die Wutprobe“ mit Jack Nicholson und Adam Sandler kennt, weiß auch, dass es DIE Frage ist, die einen Menschen an und über seine Grenzen katapultieren kann, weil die Antwort darauf alles andere als einfach ist …

Es ist auch DIE Frage, die ich ganz gerne meinem Gegenüber stelle. So auch vor wenigen Tagen bei einem Spaziergang.

„Wer bist du?“

Die Antwort kam nicht wie aus der Pistole geschossen. Vielmehr begann eine längere Diskussion, in deren Verlauf ich auch meine eigene Antwort lieferte. Bevor ich diese hier verrate, hier noch eine kleine Geschichte, die ich während dieses Spaziergangs zum Besten gab – und die ich gefühlt bereits 1.000-mal erzählt habe:

In dem Moment, in dem unser Leben entspringt, gleichen wir einem Kristall, funkelnd in allen Farben des Regenbogens, unendlich klar, unendlich viel Potenzial, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Bereits im nächsten Augenblick beginnen die anderen Menschen um uns damit, uns zu formen, in dem sie uns zeigen und sagen, wer wir sind, welche Rolle wir einnehmen und was wir zu tun haben. Alle diese Botschaften schreiben sie auf Post-It und kleben sie auf den Kristall. Man nennt das auch Konditionierung, Erziehung …

Im Laufe der Jahre werden es immer mehr von diesen klebrigen Zettelchen. So viele, bis wir eines Tages auf uns selbst blicken und nur mehr die Post-It und ihre Botschaften erkennen können. Der Kristall verschwindet völlig aus unserer Wahrnehmung. Vielleicht bleibt eine dumpfe Ahnung, dass da etwas ist, was wir nicht wirklich fassen können. Vielleicht fühlen wir eine undefinierbare Leere in uns, suchen im Außen nach etwas, ohne es genau benennen zu können?

Werden wir eines Tages gefragt: „Wer bist du?“ wird die Antwort etwas von dem sein, was auf den unzähligen klebrigen Zettelchen von anderen hinterlassen wurde. Wie könnte es auch anders sein? All die Bilder, die andere von uns gezeichnet haben, sie prägen das Bild, das wir von uns selbst haben. Viele spüren intuitiv, dass sie die Frage nicht wirklich beantworten können. Manche werden aggressiv (wie im o.g. Film), andere frustriert. Oder sie resignieren.

Einige brechen auf zu einer Reise nach innen, um all die Post-It-Botschaften zu hinterfragen, passende zu behalten, andere zu verwerfen. Sie arbeiten sich vor bis zu jenem Kern, der sich unter den Klebezetteln verbirgt, bis zu ihrem wahren ICH.

An jenem Punkt fand ich inneren Frieden, schier unerschöpfliche Kraft und bedingungslose Lebensfreude … und meine Antwort auf die Frage: „Wer bist du?“

Ich bin ein feuriger Funken Lebensfreude – und darüber hinaus alles, was ich sein will und aus mir mache.

Diese Antwort – oder besser: das Gefühl, das damit verbunden ist – holt mich in kürzester Zeit zurück in den Zustand von Ruhe und Gelassenheit. Ganz gleich, wer oder was mich gerade getriggert hat. Dieses Gefühl ist mein Fels in der Brandung. Mein Anker, der mich mit mir selbst verbunden hält. Mein Ausstieg aus Borderline.

Damit endete meine Geschichte während des Spaziergangs. Es bleibt abzuwarten, was die andere Person daraus machen wird. Eine Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ erhielt ich an diesem Tag nicht mehr. Auch nicht am nächsten. Oder übernächsten. Vielleicht hat die Reise nach innen für diesen Mensch auch gerade erst begonnen. Meine dauert bereits länger an.

Hinter dem Spiegel (der klebrigen Zettelchen), unter der Oberfläche des (konditionierten) Offensichtlichen fand ich mich (zwischen den Zeilen) selbst … daraus wurde mein Motto:

Find me … between the lines … behind the mirror … beyond the surface

Ein wenig theatralisch, philosophisch und kunstvoll vage.

Wer bin ich? Nicht nur für Borderliner kann es eine Herausforderung sein, diese Frage zu beantworten. Die Antwort darauf kann so viel mehr sein als „nur“ eine Aussage. Für mich hat sie mein Leben um 180 Grad gewandelt. Seit ich den feurigen Funken Lebensfreude in mir fühlen kann, hat die Dunkelheit keine Macht mehr über mich. Sie zeigt sich ab und zu, doch sie bleibt nicht. Kann sie gar nicht, denn … wie viel Licht braucht es, um die Dunkelheit zu durchbrechen? Die Flamme einer kleinen Kerze genügt, und die Finsternis weicht. Ein Funke …

Wer ich bin?

A fiery spark of joie de vivre … ein feuriger Funken Lebensfreude

Wer bist du?

Bild: pixabay.com

VON MENSCHEN UND ALIENS

Vergangene Woche habe ich fünf Tage ich als Ausstellerin auf der Buchmesse Wien verbracht. Nach beinahe 2 Jahren Corona mit mehreren Lockdown-Phasen plötzlich wieder mit hunderten, tausenden Menschen innerhalb kürzester Zeit konfrontiert. Eine spannende Erfahrung.

Nach wie ist da diese Ambivalenz in mir.

Einerseits das wunderbare Gefühl, inmitten vieler (mit ähnlichen Interessen, weil Buchliebhaberinnen) zu sein, sich in der Menge wie in einer Welle treiben zu lassen, zuhören und zu erzählen, hin und wieder auch ein wenig im (kleinen Rahmen) im Mittelpunkt zu stehen. Ein buntes Treiben, vielfältig, menschlich.

Anderseits die erdrückende Flut negativer Emotionen, unterdrückte Ängste, ungelöste Konflikte. Flüchtige Blicke, die taxieren und ablehnen. Menschen mit all ihren Problemen auf der Flucht vor sich selbst – bewusst oder unbewusst. Unsichtbar zu sein für jene, deren Wahrnehmung geblendet ist von dem, was sie nicht sehen wollen. Ein starres Verharren, komplex, menschlich.

Dazwischen fühle ich mich wie ein Alien. Vielleicht werde ich auch von einigen so gesehen. Wer tanzt schon in der U-Bahn von Wien zur Musik von ABBA? Mir ist noch niemand begegnet. Ich bin … anders.

Wie anders, das haben mir etliche Gespräche auf der Messe bestätigt. Meine Bücher gehören nicht zum Mainstream, daher erzähle ich gerne etwas über die Hintergründe. Kaum fällt das Wort Borderline, geht’s auch schon los mit den Geständnissen. 4 von 5 berichten, dass sie mindestens einen Borderliner in ihrem Umfeld kennen. Schneller als mir lieb ist, höre ich Lebensgeschichten bzw. agiere stabilisierend im Sinne von Coaching, weil etwas in den Menschen aufbricht. Da sind Schuldgefühle ebenso dabei wie Hilflosigkeit. Oder Verzweiflung, wenn die Story ein trauriges Ende nimmt. Unverständnis in vielen Fällen. Bewunderung, dass ich es „geschafft“ habe und es mir so gut geht. Wie ich das denn hinbekommen habe?

Die Antwort, die auf diese Frage folgt, hören die Menschen zwar, aber ob die Botschaft immer gehört wird, daran zweifle ich.

Die eigenen, inneren Konflikte auflösen, ohne Wenn und Aber auf sich selbst zugehen und annehmen, was man findet … Zustimmung ja, aber Umsetzung???

Menschen sind Menschen. Sie lernen erst, wenn der Leidensdruck groß genug ist, das hat meine weise Lucy gerne gesagt. Und sie behält bis heute recht. Leiden statt lösen. Ich kann nur hoffen, dass viele – so wie ich – eines Tages aufwachen und das Leid beende. Liebe macht das Leben unendlich lebenswerter, lebendiger, lustvoller, …

Wer weiß, vielleicht bin ich eines Tages ein in der U-Bahn tanzendes Alien inmitten ganz vieler anderer in der U-Bahn tanzenden Aliens … und die „Normalen“ sind die Ausnahme. Was für eine Vorstellung!

Bild: pixabay.com

IN DER MITTE

Wieder einmal reflektiere ich die vergangene Woche, während ich mich auf den sanften Klängen einer Piano Chillout Lounge treiben lasse. Diese Momente, in denen ich mich von der Welt zurückziehe und in mir jene Ruhe (oder romantisch formuliert: meinen geliebten Dämon, der in seinem inneren Ozean der Gelassenheit verweilt) finde, waren zu wenige in jener Woche. Ich sehne mich danach, einfach nur ICH sein kann – ausgeklinkt aus dem Alltagsstress und allem, was dazu gehört.

Nun, in den kommenden Wochen werde ich dafür reichlich Zeit finden und meine Gedanken mit euch teilen. So wie diesen, der vor wenigen Tagen meinen bewussten Horizont streifte – und ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob er nur für jene andere Person gedacht war, oder ob er nicht auch ein kleiner Schubs meines Unterbewusstseins war, meinen Kurs zu überprüfen.

Hier nun eine erweiterte Ausführung jenes Gedankens:

Du bist in der biologischen Mitte deines Lebens angekommen. So weit, so gut. In der ersten Hälfte ging es darum, dich selbst kennenlernen, zu wachsen, aufzubauen, dich zu beweisen, deinen Way of Life zu finden, ein Heim und eine Familie zu gründen. Energie schien unerschöpflich vorhanden.

In der zweiten Hälfte geht es darum, gelassener zu werden, auch vieles loszulassen, nicht mehr zu kämpfen, sondern zu „zaubern“, also aus Erfahrung heraus zu handeln und vor allem darum, anderen oder sich selbst nichts mehr beweisen zu müssen, weil man bei sich selbst angekommen ist. Die Leistungsfähigkeit verändert sich insofern es längere Regenerationszeiten braucht als früher. Der Körper verändert sich. Auch das Denken und Fühlen sollte diesen Prozess mitgehen. Wesentlich ist es, das Leben zu erleichtern von jenem Ballast, der sich zuvor angesammelt hat, um unbelastet den letzten aller Wege beschreiten zu können – frei von Bedauern über das, was man getan hat bzw. was man unterlassen hat zu tun. Aufräumen und entrümpeln, aussöhnen und annehmen.

Die Lebensmitte ist ein Scheidepunkt. Manche werden einfach alt in allen Belangen und dümpeln bis zu ihrem Tod dahin, verlieren laufend an Kraft und Können. Andere verfallen dem Jugendwahn und machen sich mit Eskapaden lächerlich. Beides sind Wege in die Illusion und Selbsttäuschung. Der dritte Weg führt in die Freiheit und Leichtigkeit, wenn man die Veränderung proaktiv annimmt und sich darauf einstellt. Dann offenbaren sich die Möglichkeiten. Erfahrung mit Kraft und Wissen kombiniert ergibt Weisheit. Nichts mehr beweisen zu müssen, führt zu Gelassenheit. Sich der Liebe und damit verbunden der Berührbarkeit zu öffnen, macht frei. Oft fallen Verpflichtungen (Kinder etc.) weg, und es entsteht ein Freiraum der Möglichkeiten.

Die alten Weisheitslehren sagen, diesen Scheidepunkt hat jeder von uns zu absolvieren. Welche Entscheidung wir auch immer treffen, sie wird über lange Zeit unser Leben bestimmen. Manchmal bis zu unserem Tod.

Es ist mir persönlich nicht leicht gefallen zu akzeptieren, dass ich nicht mehr so tun kann wie mit 20. Nicht mehr so funktioniere, wie ich es gewohnt war. Dennoch – heute weiß ich, wenn mich jemand mag, dann weil ich bin, wer ich bin, und nicht, weil ich den knackigen Körper einer 20jährigen habe. In der zweiten Lebenshälfte wird das Leben „echter“, wenn man sich darauf einlässt. Geliebt zu werden um seiner selbst willen. Liebe ist keine Ware, die man kaufen kann. Auch keine Belohnung, die man sich verdienen muss. Sondern ein Geschenk.

Anerkennung und Geborgenheit sich selbst geben zu können befreit aus der „Sucht“, sie von anderen zu bekommen und sich dafür in der Überlastung aufzureiben. 

Mit 20, 30 oder 40 konnte ich mir nicht vorstellen, wie es sein würde, eines Tages aufzuwachen und zu mit großer Wahrscheinlichkeit sagen zu können, dass weniger Lebenszeit vor als hinter mir liegt. Wenn ich davon ausgehe, nicht 104 zu werden, habe ich diesen Punkt mittlerweile erreicht. Ob ich mit Weisheit gesegnet wurde, mögen andere beurteilen. Ich denke, ich habe gelernt, Fragen zu stellen, die mich weiterbringen. Prioritäten zu setzen. Und mich hin und wieder – und hoffentlich immer öfter – einfach auf mich selbst einzulassen, die Welt rundum auszublenden und ganz bei mir selbst zu sein. Mit mir selbst zu sein, denn mehr brauche ich nicht, um glücklich zu sein. Am Leben zu sein und dieses Leben bewusst wahrnehmen zu können, ist für mich Grund genug. Ganz gleich, wie die äußeren Umstände sind. Solche Momente mit anderen teilen zu dürfen, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Das Leben beweist mir nahezu täglich, dass es jeden meiner Pläne mit Leichtigkeit durchkreuzen kann. Warum also darüber ärgern oder gar dagegen ankämpfen? Mit Humor geht’s genauso gut, wenn nicht besser.

Ich denke, ich bin ganz gut auf dem dritten Weg unterwegs 😉

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GRATWANDERUNG

Ein „banales“ Ereignis der vergangenen Woche: Ich fahre mit dem Auto morgens Richtung Wien und Job, als es im Radio „Großvater“ von STS spielt. Ein uralter Song, mit dem ich quasi großgewordenen bin, den ich unzählige Male gehört habe, aber seit meiner „Wiedergeburt“ (oder ultimativen Entscheidung, mich selbst voll und ganz anzunehmen) im Jahr 2017, löst dieser Song (und ein paar andere) etwas in mir aus, was er nie zuvor hat: Tränen!

Einen Großvater wie im Song beschrieben, hatte ich nie. Insofern triggert der Sohn per se keine Erinnerungen, doch die intensive Emotionalität erfasst mich wie eine Welle und reißt mich mit. Ein absolut unpassender Zeitpunkt dafür, weshalb ich mich mit starrem Blick darum bemühe, mit jedem Atemzug die Emotionen in mir weiter runterzuschrauben. Berührbarkeit in dieser Form kann ich in meinem Job nicht gebrauchen. Sie würde mich schlichtweg entscheidungs- und handlungsunfähig machen. Ein Teil in mir wehrt sich gegen dieses „Abschalten“ meiner Emotionalität, weil es sich wie das Zwängen in ein viel zu enges Korsett anfühlt, dennoch ist es notwendig.

Grenzenlos emotional – Fluch und Segen zugleich

Jahrzehnte hatte ich meine Emotionalität abgelehnt, tief in mir verborgen, mir nur im dunklen Kinosaal ab und an erlaubt, sie auszuleben, wenn niemand meine Tränen sehen konnte. Es kostete mich unglaublich viel Kraft, diese Unterdrückung in mir aufrecht zu erhalten – und allzu öfter entlud sich der aufgestaute Druck in zerstörerischer Weise.

Typisch Borderline?

Mag sein.

Früher geschah diese Unterdrückung aus Unwissenheit und Angst. Heute vollziehe ich das „Abschalten“ bewusst aus der Notwendigkeit heraus, meinen Job ausüben zu können, der dies erforderlich macht. Schließlich muss auch ich Rechnungen bezahlen. Gewiss, ich könnte mir einen anderen Job suchen, der ohne Abschalten möglich ist, aber ich bin nun einmal ziemlich gut in dem, was ich tue. Manchmal denke ich, dass genau dieses Runterfahren der Emotionalität für meinen Erfolg verantwortlich ist – weil ich auch im ärgsten Stress einen klaren Kopf bewahren und rationale Entscheidungen treffen kann. Aber um welchen Preis?

Selbstbeschränkung auf Zeit.

Solange ich ausreichend Freiraum habe, ich selbst zu sein, funktioniert das recht gut. Schwierig wird es, wenn die Beschränkungszeiten zu lange andauern. Irgendwann stecke ich dann im Modus gedämpfter Emotionalität fest und komme dort nur mit ein wenig „Starthilfe“ wieder aus. Also mit etwas, das meine Gefühlsleben wieder pusht. Auch das ist mir mittlerweile bewusst und lebbar.

Dennoch bleibt bei all dem ein bitterer Beigeschmack: Je nach Bedarf knipste ich meine emotionale Seite aus oder an. Manchmal denke ich dabei an eine Filmszene aus „Star Trek: First Contact“, als der Androide Data mit einer Kopfbewegung seinen Emotionschip deaktiviert, um angesichts der Bedrohung durch das Borg-Kollektiv ungestört funktionieren zu können. Irgendwie habe ich das Gefühl, genau dasselbe zu machen. Was für mich lebensphilosophischen Frage aufwirft: Gehört es zum Menschsein dazu, sich hin und wieder emotional auszuschalten? Oder entwickelt sich diese Form des Menschseins in Richtung Maschine? Ist eine Gesellschaft noch gesund, die Arbeitsbereiche entwickelt hat, in denen Gefühle (und damit verbunden Berührbarkeit) stören?

Vor meinem zweiten Burnout beschäftigte mich die Frage, was einen Frontsoldaten auf Heimaturlaub dazu bringt, wieder an die Front zurückzukehren? Eine sehr plakative Metapher. Zurück in die innere Unterdrückung der eigenen Emotionen, um weiter „arbeitsfähig“ zu bleiben. Damals entzog ich mich auf drastische Weise der Beantwortung der Frage bzw. der Auflösung meines inneren Konfliktes. Heute bewege ich mich (leider) regelmäßig an der Grenze der Überlastung, jongliere ein hochexplosives Potenzial durch einen mit Herausforderungen gespickten Arbeitsalltag. Auf der einen Seite würde ich gerne dauerhaft vollständig ICH sein, ohne meine Emotionen aus- und anzuschalten. Auf der anderen Seite übt mein Job auch eine nicht zu leugnende Faszination auf mich aus. Den Reiz, das hinzubekommen, woran andere sich die Zähne ausbeißen. Das scheinbar unmögliche möglich zu machen. Mein Kick … und auf das Adrenalin-High folgt unausweichlich Frustration, über den Preis (Selbstbeschränkung), den ich dafür zu entrichten habe.

Süchtig nach dem Kick?

Dieser Vergleich drängt sich auf. Warum sonst nehme ich in Kauf, etwas zu tun, das mir dauerhaft nicht guttut, aber sich für kurze Zeit ungemein lebendig anfühlt, bevor es dann zur Belastung wird.

Schwarz-weiß. Das Pendeln zwischen den Extremen. Einst ein Fluch, heute ein überwiegend bewusstes „Spiel“ für mich… und mit Sicherheit eine Gratwanderung, ein Absturz jederzeit möglich, das Wissen um die Zusammenhänge und Achtsamkeit meine Sicherungsleinen.

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