Man kann es nicht allen Recht machen …

… selten ist eine Generalisierung so zutreffend wie diese. Egal, wie sehr man sich auch bemüht, es wird sich immer irgendjemand finden, der es anders sieht. Jemand, dem nicht gefällt, was man tut, wie man tut, wer man ist …

Auch wenn es anders viel angenehmer wäre, Ablehnung gehört zum Leben dazu.

Grundsätzlich ist das ja auch in Ordnung, ABER … (wieder einmal ein großes ABER) … als Borderlinerin hatte ich leider das Bedürfnis, mehr noch: das Verlangen danach, von anderen gemocht zu werden. Inklusive dem, was ich so tat. Ablehnung war in gewisser Weise schmerzhaft für mich, weil sie in meiner Wahrnehmung eine Zurückweisung meiner Person bedeutete. Das häufig allerdings nur mein Verhalten abgelehnt wurde, das blieb mir lange verborgen. Selbst heute falle ich manchmal in dieses alte Gefühl des „ich bin nicht OK“ zurück. Sobald ich es bemerke, steuere ich dagegen mit einem Satz in der Art von: „Mein Verhalten gefällt meinem vis-a-vis nicht.“ Danach überlege ich mir, ob zu Recht oder nicht. Vielleicht habe ich ja überzogen reagiert? Vielleicht muss die andere Seite aber auch akzeptieren, dass nicht alles nach ihren Vorstellungen läuft?

Anerkennung im Leben ist eine wunderbare Sache und sie baut jenes Selbstbewusstsein auf, das gefragt ist, wenn Ablehnung auftritt.

Und Ablehnung wird auftreten, früher oder später, denn man kann es nie allen Recht machen (wie schon der heutige Titel verrät). Diesen Versuch habe ich lange unternommen. Er hat mich zweimal ins Burnout geworfen. Es allen Recht machen zu wollen, öffnet Tür und Tor für Ausbeutung und Überlastung. Ja, es gibt sie, jene Menschen, die ungehemmt die ausbeuten, die sich ausbeuten lassen in ihrem krampfhaften Streben nach Anerkennung. Die für ein „gut gemacht“-Leckerli rücksichtlich ihre eigenen Ressourcen und Grenzen überschreiten bis nichts mehr geht.

Unerfüllte Suche nach Anerkennung kann zur Sucht werden. Süchte führen zu fatalen Folgen.

Ich gestehe, ich war süchtig nach Anerkennung.

Ich bin es nicht mehr.

Ich habe gelernt, dass ich es nie allen Recht machen kann. Es wird Menschen geben, die werden ablehnen, was ich tue. Manche werden sogar mich als Person ablehnen. Das ist weder erfreulich noch angenehm für mich, doch ich akzeptiere es als Teil meines Lebens. Es gibt nicht nur romantische Sonnenuntergänge, es gibt auch schlammige Pfützen auf meinem Lebensweg.

Wobei – manchmal macht es Spaß, mit beiden Beinen in eine Pfütze zu springen. Dabei wird vielleicht jemand nass, aber was soll’s? Man kann es nicht allen Recht machen 😉

Ein altmodischer Spaziergang im November

Mein sonntäglicher Spaziergang durch einen herbstlichen Wald mit wolkenverhangenem Himmel im November. Die perfekte Gelegenheit für tiefgründige Gespräche in der Art von: SIE (Borderlinerin, also ich) und ER (Nicht-Borderliner, mein Partner) versuchen aus ihren jeweiligen Welten heraus, den anderen zu verstehen. Genauer gesagt: ER versucht SIE zu verstehen. Dieses Bestreben kann schon in einer „durchschnittlichen“ Beziehung eine Herausforderung darstellen. In unserem speziellen Setting ist es das mit Sicherheit, vor allem wenn mein Interesse, die Vergangenheit noch weiter ins Detail zu zerlegen und zu analysieren eher als schwindend betrachtet werden kann.

Also schlage ich nach einiger Zeit eine thematische Richtungsänderung ein. Weg von der weit zurück liegenden Vergangenheit hin zur Gegenwart bzw. kurzfristigen Vergangenheit. In der Tat beschäftigen mich noch immer einige Ereignisse der vergangenen Woche.

Ich hatte einige Rückmeldungen zu mir als Person bekommen. Insbesondere eine von zwei Menschen, die mich seit 2017 jeweils nur 3-4x innerhalb weniger Wochen, und dann für den Rest des Jahres nicht mehr sehen. Diese beiden haben mich quasi vor JAN/A, während der Veröffentlichung der Erstfassung und eben jetzt kurz nach der Neuauflage erlebt. Beide sind es von ihrem Beruf her gewohnt, genau zu beobachten und rück zumelden. Insofern war ihr übereinstimmendes Feedback an mich, dass ich mich seit 2017 sowohl in meiner Art als auch meiner äußeren Erscheinung und Ausstrahlung sehr positiv verändert habe, für mich ein deutliches Zeichen, dass sich bei mir mehr geändert hatte, als ich bislang annahm.

Meine diesbezüglichen Anmerkungen verhallen im nebeligen Dunst zwischen den Bäumen. ER versucht nach wie vor zu verstehen, wie mein Borderline entstand mit der implizierten Fragestellung: wie kann es gelöst – im Sinne von geheilt – werden? Hier gehen unsere beiden Meinungen deutlich auseinander. Aus meiner Sicht bildet meine „grenzenlose Emotionalität“ den innersten Kern meines Borderline, um den sich spätere Ereignisse gelegt und somit das „Syndrom“ geformt haben. Diese nur schwer zu zähmende Emotionalität ist die treibende Kraft meiner Kreativität und somit keinesfalls zu „behandeln“ oder zu „heilen“. Mein Bestreben ist ein Leben in Balance, was mir inzwischen über weite Strecken sehr zufriedenstellend gelingt. 

Deshalb fokussiere ich mich in der Diskussion erneut auf den Aspekt, WIE mir Teile meiner eigenen Veränderung derart „entgehen“ konnten. Die Rückmeldung aus dem Umfeld war nämlich die Antwort auf die zweite der zirkulären Fragen. Diese werden gerne im Rahmen eines Coachings oder einer Intervention gestellt. Sinngemäß: wenn dies hier gut gelungen ist, woran (1) wirst du erkennen, dass sich etwas verändert hat? Woran (2) wird dein Umfeld erkennen, dass sich etwas verändert hat? Woran (3) wirst du erkennen, dass dein Umfeld erkannt hat, dass sich etwas verändert hat? Woran (4) wird dein Umfeld erkennen, dass du erkannt hast, dass dein Umfeld erkannt hat … das kann man beliebig ausdehnen. Wichtiger als die Fragen an sich ist für mich, dass mein Umfeld offenbar einiges vor mir erkannt hat.

Natürlich interessiert IHN dies wiederum weniger, weil ja weit weg von seinem Kernthema „Heilung“.

Dennoch, ich schlage wieder einen Haken zu meinen eigenen Interessen. Meine „Heilarbeit“ ist gelungen. JAN/A hat als Reframing für mein Borderline funktioniert. Die Rückmeldungen aus dem Umfeld betrachtend: meisterlich funktioniert.

Mehr noch: Ich habe meinem „Dämon“ derart viele liebenswerte Facetten hinzugefügt (keine davon frei erfunden, allesamt nur in mir wiedergefunden), dass ich keine Minute mehr ohne dieses feurige Fünkchen sein möchte. Meine grenzenlose Emotionalität lebe ich hemmungslos beim Schreiben von Gedichten und Geschichten aus. Mein Leben funktioniert in allen Bereichen, privat und beruflich. Heilung? Was ist das? Eine Bestandsaufnahme im Augenblick – so wie eine Diagnose?

Wie viel mehr kann ich erreichen als ein Leben im Einvernehmen mit mir selbst und meinem Umfeld? Wie viel mehr an Zufriedenheit möchte ich erreichen? Aus meiner Sicht gibt es für Zufriedenheit keine Steigerung, und Glück ist für mich unabhängig von äußeren Faktoren. Bin ich also am Ende meiner Suche angekommen?  

Gedacht: Ja

Gefühlt: Ja

Geplant: (um ehrlich zu sein) eher ein glücklicher Zufall

Sollte mir tatsächlich gelungen sein, wonach so viele streben? Noch dazu derart unspektakulär? Oder sprechen viele einfach nicht darüber, obwohl sie es längst ebenfalls erreicht haben? Aber vielleicht erkennen manche die eigene Veränderung auch nicht (so wie ich auch) in vollem Umfang, weil sie gar zu unrealistisch erscheint? Vielleicht ist es auch un-modern geworden, mit sich selbst und seinem Leben zufrieden zu sein, weil man ja eventuell noch mehr (wovon eigentlich) erreichen könnte?

Was soll’s, ich bin gerne altmodisch zufrieden und glücklich😉

Hier noch ein sentimentaler Nachsatz: ich wünschte, ich könnte dir sagen „mach einfach, was ich gemacht habe, und dein Problem löst sich.“ Das wäre gelogen. Mein Weg ist keine allgemein gültige Kopiervorlage, maximal eine kreative Quelle der Inspiration. Nichts desto trotz – ich bin absolut davon überzeugt, dass es für jeden von uns einen individuellen Weg für ein glückliches und zufriedenes Leben gibt. Und ich wäre unendlich dankbar, wenn meine Worten und Geschichten einen Hauch dazu beitragen, dich zu bestärken, deinen Weg zu finden und zu gehen.

… und welches Etikett trägst Du?

Beim Aufräumen am Wochenende fand ich einen Beitrag wieder, den ich im Juli nicht gepostet hatte. Warum auch immer … heute hole ich dies nach.

Das vergangene Wochenende verbrachte ich überwiegend in einem Lese-Marathon. 612 Buchseiten in 3 Tagen, allerdings nicht zum reinen Lesegenuss, sondern um die verbliebenen, sich hartnäckig versteckenden Fehler im Probedruck von JAN/A zu finden.

Seit dem Zeitpunkt des Schreibens waren doch schon mehrere Monate vergangen, so dass einiges zwar vertraut, aber dennoch irgendwie anders auf mich wirkte. Wie z.B. der letzte Absatz im Nachwort:

„Jeder Mensch, ganz gleich ob Borderliner oder nicht, oder welche Varietät des Lebens man eben darstellt, wir alle sehnen uns nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung. Darum dreht sich letztendlich alles im Leben, jede Handlung, jede Motivation lässt sich darauf zurückführen. Finden wir Liebe, Geborgenheit und Anerkennung in uns bzw. in unserem Umfeld, verweilen wir in der Umarmung des Lebens, in tiefer Verbundenheit mit allem rund um uns und in dem Bewusstsein, das alles genau richtig ist, in diesem Augenblick des Lebens.“

Dies brachte mich wieder einmal zum Nachdenken, bzw. förderte eine alt bekannte Ambivalenz zu Tage: Einerseits schreibe ich über Borderline und bekenne mich auch dazu, Borderlinerin zu sein. Anderseits mag ich die Klassifizierung in Borderliner und Nicht-Borderliner überhaupt nicht. Wir sind doch bitte alles Menschen mit denselben grundlegenden Bedürfnissen nach Essen, Trinken und Schlaf. Und darüber hinaus – und nicht weniger existenziell aus meiner Sicht – die Bedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung.

Während ich also gerade über meinen inneren Zwiespalt grüble, entdecke ich einen Beitrag meiner lieben Autoren-Kollegin Franziska Neidt:

„KOMMUNIKATION heißt HIER DAS ZAUBERWORT!
„Borderliner“ sind keine Unmenschen. Im Gegenteil. Die wenigsten Menschen wissen, dass Borderline-Betroffene zum größten Teil sehr hochsensible Menschen sind. Ihre Wahrnehmung, ihre Gefühle sind so stark ausgeprägt, dass dies oft sogar zur Belastung werden kann. Sie spüren Dinge und nehmen Kleinigkeiten wahr, die andere Menschen erst viel später erkennen und spüren.“ (Quelle: Klang der Seele – Mein Leben mit Borderline; von Franziska Neidt)

Ihre Worte bestätigen, was ich in den vergangenen Wochen selbst (wieder-)entdeckt habe: meine eigene Hochsensibilität. Mit Borderline wird mit nicht geboren, es entsteht später. Wodurch? Darüber diskutieren die Experten noch, aber was auch immer sie irgendwann vielleicht herausfinden werden, ich für meinen Teil habe meine Antwort gefunden: auf ein traumatisches frühkindliches Erlebnis folgte ein krasser Mangel an Geborgenheitsgefühl. Dazu eine überbordende Emotionalität aufgrund meiner Hochsensibilität. Für das Umfeld „schwierige“ Verhaltensmuster, Bestrafung als Erziehungsmaßnahme, Druck, Übergriffe … Eins kam zum anderen, auf jede Aktion eine Reaktion und irgendwann war’s dann soweit und ich trug das Etikett „Borderline“.

Dieser Entstehungsprozess dauerte Jahre, und vielleicht wäre es möglich gewesen – bei entsprechender Hilfestellung – zwischendurch auszusteigen, den Prozess zu stoppen oder gar umzukehren. Wer weiß? Ich weiß heute jedenfalls eines mit Sicherheit, nämlich dass sowohl in der Entstehungs- als auch späteren Bestandsphase es immer einen Mangel an den „Big 3“: Liebe, Geborgenheit und Anerkennung gab bzw. mein Unvermögen, selbige wahrzunehmen. Nachdem ich gelernt hatte, die „Big 3“ in mir selbst zu finden, wurde ich von meinem Umfeld unabhängiger und mein Leben bewegte sich Richtung „Normalität“ (was auch immer das bedeuten mag).

Meine über Jahrzehnte gewaltsam (gegen mich selbst) unterdrückte Hochsensibilität ist noch immer (oder wieder) gelebter Teil meiner Persönlichkeit. Bewusster Umgang mit ihr hält mich in Balance und entzieht Borderline-Episoden den emotionalen Zündstoff. ABER (und hier wirklich ein großes ABER) sie macht es auch anstrengend, die Ellbogenmentalität unserer Zeit und Gesellschaft auszuhalten. Ignoranz, Intoleranz, Rücksichtslosigkeit … all das zerrt an meiner inneren Balance. Und wenn ich mich umsehe, dann geht’s nicht nur mir so. Egal, ob Borderliner oder nicht, oder welche Varietät des Lebens man eben darstellt, wir alle sehen uns nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung. Hatten wir das nicht schon mal?

Eine philosophisch-romantische Spekulation: Was auch immer auf deinem Etikett steht, vielleicht ließe es sich mit viel Liebe, Geborgenheit und Anerkennung verändern? Nicht für die Welt. Unser Wahn nach Zuordenbarkeit und Katalogisierung treibt uns dazu, alles und jedem ein Etikett verpassen zu wollen, Normen für alles möglich festzulegen, zu bestimmen, wie viel Emotionalität normal und was zu viel ist. Diesem Drang (oder Zwang) nach Zuschreibung werden wir uns wohl nicht mehr entziehen können, ABER für dich selbst … grenzenlos im Ausmaß und bedingungslos im Gewähren: Liebe, Geborgenheit und Anerkennung, eine unerschöpfliche Ressource in dir selbst. Was wäre anders? Welches Etikett würdest du tragen?

Auf meinem Etikett steht: Lesley

Es braucht immer zwei …

Heute werde ich ein wenig über die Ereignisse der vergangenen sieben Tage reflektieren.

Zum einen war ich in einigen Borderline-Foren und Selbsthilfegruppen aktiv unterwegs um einen Eindruck zu gewinnen, wie andere mit ihrer Borderline-Thematik umgehen. Ich traf dabei auf viel Bekanntes. Leider auch auf die weit verbreitete Überzeugung, die „Anderen“ würden Borderline-Betroffenen überwiegend mit Unverständnis, Ablehnung und Ausgrenzung begegnen.

Zum anderen war ich am Wochenende auf einer Frauen-Messe und habe die Gelegenheit genutzt, Kontakte zu knüpfen und vor allem Menschen auf das Thema Borderline anzusprechen. Quasi Feldforschung zu betreiben. Wieder einmal hat sich dabei bestätigt, dass die meisten kaum etwas darüber wissen – von den klassischen Klischees und Zuschreibungen abgesehen. Auf Ablehnung traf ich persönlich nicht, eher auf Erstaunen (weil ich den Klischees nicht entspreche?) und auf Interesse (weil ich den Klischees nicht entspreche!)

Beide Erfahrungen betrachtend habe ich mich an ein Ereignis vom Jahresanfang erinnert. Damals führte ich ein Telefonat mit einer Kollegin, das außer Kontrolle geriet. Sie verstand mich nicht und ich sie nicht. Klassisches Kommunikationsproblem. Leider eines, dass mich getriggert und dadurch einen aggressiven Abwehrmechanismus in mir gestartet hat. Es gelang mir gerade noch, mit einer wenig höflichen Aussage im Sinne von „Kein guter Zeitpunkt zum Reden. Ich melde mich wieder“ das Gespräch abrupt zu beenden und aufzulegen. Ich brauchte einige Stunden, um aus dem emotionalen Karussell wieder auszusteigen. Danach wollte ich den Vorfall nicht am Telefon besprechen, sondern habe ein paar Tage gewartet, bis ich diese Kollegin persönlich traf. Sie war wenig erfreut, mich zu sehen. Man könnte auch sagen: sie war angepisst. In ihren Augen war meine Handlungsweise äußerst unkollegial, rüde, abweisend …

Ich erklärte ihr den Hintergrund, dass ich Borderlinerin sei und schlichtweg in einem Verhaltungsmuster festgesteckt bin. Das Gespräch zu beenden bevor mein Verhaltungsmuster die Eskalationsspirale weiter nach oben schrauben konnte, war aus meiner Sicht die beste Option. Aus Unverständnis wurde Verständnis, aus einem Konflikt die Basis für Kooperation. Das Wundermittel? Kommunikation. Wir arbeiten nach wie vor zusammen und besser als je zuvor.

Vorfälle wie dieser bestärken mich auf meinem Weg, offen mit meinem Thema Borderline umzugehen. Hier sei in aller Deutlichkeit gesagt: dies ist MEIN Weg. Ich empfehle jedem, selbst zu entscheiden, ob und in wie weit jeder einzelne darüber offen sprechen möchte. Dafür gibt es keine allgemein gültige Idealformel.

Ich spreche und schreibe offen über mein Borderline-Syndrom. Lange Jahre tat ich das nicht, weil ich dachte, ich würde damit als schwach oder unfähig wahrgenommen werden. Ich bin keins von beiden. Ich bin verletzlich, und wollte diese Verletzlichkeit nicht preisgeben – aus Angst vor Unverständnis, Ablehnung und Ausgrenzung. Daher verstehe ich den Rückzug hinter den Mantel des Schweigens nur allzu gut.

Dennoch ist es mir wichtig zu zeigen, dass sich die Gesellschaft nicht so einfach in zwei Lager aufspalten lässt: Auf der einen Seite Borderliner (oder Menschen mit anderen „belächelten“ Krankheiten) und auf der anderen Seite „die Anderen“, die nicht verstehen, ablehnen und ausgrenzen.

So einfach ist es nicht.

Die Welt – inklusive unserer Gesellschaft – besteht nicht aus schwarz/weiß, sondern aus unendlichen vielen Facetten von grau. Oder unendlich vielen Farben. Ich bevorzuge die bunte Variante. In dieser bunten Vielfalt ist jeder von uns ein Individuum. Keine zwei sind völlig gleich in ihrer Persönlichkeit und ihrem Verhalten. Oder ihrem Umgang mit Krankheit, ihren Beziehungsvorstellungen, Konfliktstrategien … Der gemeinsamer Nenner, der uns alle inmitten dieser Vielfalt verbindet, sind urmenschliche Bedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung. Normalerweise vermeide ich Verallgemeinerungen, doch dieser einen stimme ich aus tiefster Überzeugung zu.

Es gibt noch etwas, dass ich wage zu verallgemeinern: Wann immer zwei (Menschen oder Gruppen) einander mit Offenheit und ehrlichem Interesse begegnen, lösen sich Unverständnis, Ablehnung und Ausgrenzung von ganz alleine auf. Durch Kommunikation und Kooperation entsteht ein Miteinander. Aber dafür braucht es immer zwei, die aufeinander zugehen und damit beginnen, zu vertrauen.

Zwei wie Hund und Katze …

… ein geflügeltes Wort aus der Umgangssprache für zwei, die nicht zusammen passen. Kennt jeder von uns. Manche verwenden es vielleicht sogar. Dennoch ist es eine bewiesene Lüge. Unzählige Bilder zeigen, dass es auch anders sein kann. Im Grunde kann alles anders sein.

Wie viele „Volksweisheiten“ oder Glaubenssätze übernehmen wir unreflektiert, hegen und pflegen sie unser Leben lang, geben sie an die nächste Generation weiter.  

Wie viele Wahrheiten glauben wir zu kennen, über andere und uns selbst.

Es gibt nur wenige verbriefte Wahrheiten, und selbst über die kann man philosophieren … was ich heute ausnahmsweise nicht vorhabe. Vielmehr geht es mir darum einen Denkanstoß zu geben, achtsam zu bleiben, zu hinterfragen und vorsichtig mit Vorurteilen und Zuschreibungen.

Hund und Katze müssen einander nicht zwangsläufig als Feinde begegnen.

Borderliner müssen nicht zwangsläufig beziehungsunfähig sein.

Nicht-Borderliner müssen nicht zwangsläufig die einfacheren Menschen sein.

In den vergangenen Tagen habe ich mich in einigen Foren bewegt und festgestellt, dass nach wie vor viele Menschen an den diversen Vorurteilen und Zuschreibungen leiden. Es scheint fast, als hätte das Leben (oder die Gesellschaft) ihnen einen Stempel verpasst, ein Etikett in der Art von: „Borderline – eh schon wissen …“

Tun wir das? Wissen wir? Was wissen wir?

Das jeder Mensch ein Individuum ist?

Das jede Persönlichkeit die Summe all ihrer Lebenserfahrungen ist?

Das keine zwei vollkommen gleich sind?

Das Hund und Katze beste Freunde sein können?

Bleib wachsam gegenüber Vorurteilen und Zuschreibungen. Mögen sie von außen kommen oder aus deinem Innersten, aus deiner Vergangenheit, aus dem, was andere dich einst lehrten, über dich und die Welt zu denken.

Bleib wachsam und erlaube dem Leben, dich jeden Tag aufs Neue zu überraschen; dir neue Ideen und Erkenntnisse zu bringen; deine Welt größer und bunter werden zu lassen.

Apropos … fridays for future

Bis vor kurzem lebte ich stärker in der Vergangenheit als in der Gegenwart. In der Zukunft sah ich eher ein abstraktes Konzept denn etwas, mit dem ich mich wirklich befassen wollte. Vieles hat sich für mich verändert.  Auch zum Thema Zukunft. Oder um es mit Jean-Luc Piccard zu halten: „Vor mir liegen weniger Jahre als hinter mir“. Das mag Ansichten verändern und Einsichten entstehen lassen. Die Zukunft ist ein Thema, das jeden von uns beschäftigen sollte. Nachdem in den letzten Wochen und Monaten sehr viele Menschen weltweit diesbezüglich Stellung nehmen, will ich dies heute auch tun.

Meine ganz persönliche Meinung: nie war es dringender, aktiv zu werden um unseren Lebensraum zu erhalten. Wir hätten bereits vorgestern damit beginnen sollen. Gestern haben wir verschlafen. Heute ist nicht mehr absehbar, was kommen wird, aber tun wir nichts, ist eines gewiss: es wird keinesfalls besser. Der Schaden, den die Menschheit angerichtet hat, wird nicht von allein verschwinden – zumindest nicht in einigen Generationen. Vielleicht in Jahrtausenden?

Dennoch – ich glaube nicht, dass wir diese Herausforderung meistern werden, indem wir einander Schuldzuweisungen an den Kopf werden oder Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen und abstrafen. Dies mag das Gerechtigkeitsstreben des menschlichen Geistes befrieden, aber es beseitigt weder Umweltschäden noch deren Auswirkungen.

Wir – die Menschheit – hat ein globales Problem erschaffen, dass unsere Lebensgrundlage zerstören kann und wird. Und nur wir – die Menschheit – wird dieses Problem lösen können.

Für mich steht dabei das Thema Rückbesinnung im Vordergrund. Wir haben den Bezug zu unserer Umwelt (und manchmal auch zu den Menschen um uns) verloren. Irgendwann in der Entwicklung der Menschheit begannen wir uns offenbar als „Außenstehende“ des Organismus Erde wahrzunehmen. Die Krone der Schöpfung? Eher deren Sargnagel. Der Planet Erde kann gut ohne die Menschen weiter seine Bahnen um die Sonne drehen. Die Menschen allerdings können nicht ohne die gute alte Mutter Erde.

Ich bin Borderlinerin. Lange Zeit meines Lebens hatte ich den emotionalen Bezug zu den Menschen in meinem Umfeld verloren oder nur sehr schwach wahrgenommen. In dieser Zeit fügte ich meinem Umfeld und mir selbst viel Schaden zu. Für mich sieht es heute so aus, als hätte die Menschheit den Bezug zu ihrer Lebens- und Überlebensgrundlage verloren. Wie sonst kann man erklären, dass Menschen ihren eigenen Lebensraum verseuchen, verwüsten und zerstören. Gleich jenem Selbstzerstörungsdrang, der mich selbst lange Zeit bestimmte.

Nicht Befehle oder Gesetze werden die Menschen zum Umdenken und zu Veränderungen in ihren Entscheidungen und Handlungen führen, sondern das Bewusstsein, das alles auf diesem Planeten gemeinsam eine Einheit bildet und wir ebenso dazugehören wir jeder Baum, jeder Stein, jedes Tier, jeder Tropfen Wasser …

Wir sind ein Teil des Ganzen!

Zerstören wir unsere Umwelt, zerstören wir uns selbst.

Die Rechnung ist ganz einfach. Die Lösung wäre es im Grunde auch. Jeder von uns kann etwas tun. Manche mehr, andere weniger. Die einen können Entscheidungen treffen, die ganze Nationen bewegen. Andere können sich jeden Tag dafür entscheiden, ein Leben zu führen, dass möglichst wenig Schaden anrichtet oder etwas tun, um den Schaden wieder auszugleichen.

Wir können alle etwas tun!

… wenn wir aufhören, uns gegenseitig zu bekämpfen, gleich ob mit Worten oder Waffen, und stattdessen erkennen, dass dieser Planet unser aller Heimat ist.

… wenn wir aufhören, über Vergangenes zu klagen, und stattdessen nach vorne blicken, was JETZT zu tun ist.

… wenn wir aufhören, in Grenzen zu denken, und stattdessen jene Fähigkeiten nutzen, die uns als Menschen ausmachen: Kommunikation und Kooperation.

Die Zukunft entsteht genau jetzt, in diesem Augenblick, mit jedem Gedanken, jedem Wort, jeder Entscheidung … und jeder von uns trägt dazu bei, was morgen sein wird.

Apropos … teilen ausdrücklich erwünscht 😉

Wieder einmal … Beziehungsstress

Weil es gerade aktuell ist und wer kennt das nicht: Stress mit dem Partner oder der Partnerin. Es begann ganz klassisch. Das falsche Wort zur falschen Zeit, einer triggert den anderen und schwuppdiwupp – so schnell konnte ich gar nicht schauen – herrschte Funkstille. Fass mich nicht an und wenn du es doch versuchst, dreh ich mich weg. Ablehnung und Zurückweisung. Das ist für niemanden leicht verdaulich. Für mich als Borderlinerin schon gar nicht. Diese Form von Stress öffnet bei mir Tür und Tor für alte Gedanken und Verhaltensmuster. Und es hilft wenig bis gar nichts, mir vor Augen zu halten, dass mein Partner gerade selbst in einem alten Verhaltensmuster feststeckt und nicht anders kann. Wie ich in meinem Beitrag am 15.10.2019 dargestellt habe, kann ich diese Gedanken bewusst denken, und mein Verstand schleudert mir ein handfestes Gegenargument nach dem anderen vor die Füße.

Nein, es braucht für mich andere Wege. Oder besser gesagt: einen anderen Weg, nämlich raus aus der Wohnung und ab in den Wald. Allein. Frische Luft. Bewegung. Einfach auf mich wirken lassen, was rundum ist. Natur. Farben. Raschelndes Laub. Plätscherndes Wasser und mitunter der unerkennbare Geruch von Pilzen, Moos und feuchter Erde … Wald eben.

Ich öffnete also meinen Geist für die Eindrücke rundum, bewegte mich vom Problem fort und hin auf einen erwünschten Zustand: Ruhe und Gelassenheit. Plötzlich war da ein völlig anderer Gedanke, eine Idee für eine Geschichte. Ich weiß noch, ich begann zu lachen und sagte (ziemlich laut): das ist echt gut! Naja, Selbstgespräche im Wald hören meistens nur die Bäume, aber wer weiß, vielleicht waren auch Wanderer in der Nähe.

Jedenfalls weitete sich die Idee aus und am selben Tag noch schrieb ich eine Geschichte, ein modernes Märchen, das ich demnächst hier posten werde, aber heute würde es den Rahmen sprengen. Heute geht es mir darum, etwas anderes bewusst zu machen.

Fast jedes Problem löst in irgendeiner Weise Stress aus. Sonst wäre es ja kein Problem. Viele von uns versuchen Probleme zu lösen, indem sie immer tiefer mit ihren Gedanken in das Problem eindringen. Das ist fatal, denn – vereinfacht und ohne umfangreiche theoretische Hintergrunddarstellung (bitte vertrau mir, dass ich weiß, wovon ich schreibe) – worauf wir unsere Gedanken richten, dass verstärken wir, davon ziehen wir mehr in unser Leben, das halten wir fest, daran klammern wir uns, das bestimmt uns. Dies gilt natürlich und insbesondere für Probleme. Solange unser Geist damit befasst ist, zu ergründen, was warum nicht funktioniert, blockieren wir uns selbst.

Bei meinem Spaziergang durch den Wald ging es mir nicht darum, vor dem Problem davonzulaufen, aber meinen Kopf freizubekommen und meine Gedanken in einen anderen Bereich zu lenken, um sie letztendlich gezielt auf das zu richten, was ich haben will: eine Lösung!

Man sagt mir nach, ich sei eine sehr gute Problemlöserin. Eine Kompetenz, die ich im Laufe vieler Jahre und vieler Katastrophen erworben habe. Probleme, auch Beziehungsprobleme (und damit verbunden Beziehungsstress), lassen sich nur schwer lösen, indem der Fokus auf das Problem gelenkt wird, sondern viel leichter durch eine 180-Grad-Wendung: durch die Fokussierung auf das, was sein soll! Daraus leite ich dann konstruktive Fragestellungen ab: was brauche ich dafür? Was kann ich dafür tun? Dies wiederum verändert meine innere Haltung, meine Ausstrahlung, meine Energie, meine Anziehungskraft, meine Wirklichkeit … welches Erklärungsmodell auch immer für dich akzeptabel erscheint.

Eine weise alte Nachbarin sagte einmal zu mir: Alles, was du beachtest, wird mehr!

Umkehrschluss: alles, das ich nicht beachte, wird weniger.

Das trifft jetzt vielleicht nicht unbedingt auf die Schale mit Kartoffelchips zu, die bei Beachtung definitiv an Fülle verliert, aber es trifft mit Sicherheit auf Gefühle und Gedanken zu; auf das, was uns durch dieses Leben führt.

Halte ich mir schmerzerfüllt vor Augen, wie grausam mein Partner sich gerade benommen hat, wo er doch besser als alle anderen wissen müsste, wie tief es mich verletzt … betrete ich mein persönliches Jammertal und bin in Gefahr, auf seinen verworrenen Wegen noch so einiges wieder zu entdecken, dass diesen Eindruck verstärkt. Ich würde mich in meinem eigenen destruktiven Gedanken-Labyrinth verlieren.

Halte ich mir vor Augen, dass es mir in diesem Augenblick gut geht, ich durch einen farbenprächtigen Herbstwald wandere und noch ein paar wärmende Sonnenstrahlen vor dem nahenden Winter genießen darf, dann wird es mir deutlich leichter fallen zu verstehen, dass wir alle nur Menschen sind und hin und wieder einfach das falsche Wort zur falschen Zeit sagen, ohne böse Absicht. Einfach nur ungeschickt. Menschlich. Und diese Verstimmung wird vorüber ziehen, so wie der Nebel, der eben noch oberhalb der Baumwipfel lag und sich über den Hang hinauf verzogen hat.

Wenn ich nach Hause zurückkehre, wird meine Ausstrahlung nicht von Sorgen und Schmerz, sondern von Lebensfreude und Gelassenheit künden. Und manchmal kann das hoch viral sein 😉