Zeit der Stürme

In dem einen Augenblick war die Welt noch völlig in Ordnung – im nächsten stimmt nichts mehr. Wie ein Blitz, der aus dem Nichts heraus die Stille zerreißt, das eben noch sanft wogende Meer in einen aufgewühlten Ozean verwandelt, auf dem ich in einem winzigen Holzboot treibe, ausgeliefert der Naturgewalt der Elemente …

Mein aktueller Zustand lässt sich auch weniger romantisch in einem Wort beschreiben: Getriggert!

Anders als in früheren Zeiten, bin ich mir mittlerweile dessen bewusst, was in mir abgeht. Mein „Ich“ sitzt auf einer Art Bademeisterturm (befindet sich also in der Meta-Position bzw. ist dissoziiert), während meine Emotionen den tosenden Wellen gleichen, die gegeneinander und an einen harten Fels branden, aufgepeitscht durch meine (zugegeben: wenig beruhigenden) Gedanken, die das Szenario zusätzlich mit Energie aufladen.

Ich hoffe, anhand dieser Beschreibung wird für Außenstehenden nachvollziehbar, was sie (absichtlich oder unabsichtlich) anrichten können, durch einzelne Worte oder Gesten – und wie schwer es sein kann, danach wieder zur Ruhe zu kommen. Ein stürmischer Ozean lässt sich nun mal nicht leicht besänftigen.

Auch wenn mir mein Zustand heute bewusst ist und ich weiß, dass sich alles wieder beruhigen wird, es ist trotzdem kein Zustand, denn ich erleben möchte. Mag sein, dass der Kern dieses Sturmes latent in mir vorhanden ist, aber er bricht nicht grundlos aus. Es braucht einen Auslöser, der von außen gesetzt wird. Wie ein Zündfunke. Ein Katalysator, der meine sonst konstruktiv eingesetzte Energie urplötzlich in ihr Gegenteil verwandelt: ein Anker oder Trigger.

Jetzt, in genau diesem Augenblick, da ich diese Zeilen schreibe, beginne ich die Situation langsam auch gedanklich aus der Meta-Position zu betrachten, indem ich als Erzählende davon berichte. Das schwächt den Sturm und holt mich zurück an ein sicheres Ufer. Ich schreibe mich quasi zurück in die Normalität. Für mich ist das ein therapeutischer Prozess, denn ich offenlege, um anderen Betroffenen Möglichkeiten aufzuzeigen, die sie vielleicht für sich selbst nutzen möchten.

Mit jeder Zeile löse ich mich mehr und mehr aus den Verstrickungen, die mich in der Spirale aus den Emotionen der ursprünglichen Situation und den Gedanken an das Trigger-Ereignis festhalten. Anders formuliert: die emotionale Achterbahnfahrt nähert sich ihrem Ende – zumindest für diese Runde.

Der Haken an dem Ganzen ist: es kann und wird wieder passieren.

Jahrelang habe ich vieles unternommen, um meine Triggerpunkte vollständig zu neutralisieren, doch bis heute ist es mir nicht zur Gänze gelungen. Ich konnte sie mit einer Art Schutzschicht überziehen, damit sie nicht so sensibel reagierten, nur leider waren für mich damit unerwünschte Nebenwirkungen verbunden. Eine Art von „Emotionsarmut“. Ich lebte gewissermaßen „schaumgebremst“. Als ich mich dafür entschied, mich selbst wieder voll und ganz zu spüren, akzeptiere ich damit zeitgleich das Risiko, neuerlich getriggert zu werden. Ein Teil von mir sagt dazu nur: Man kann nicht alles haben im Leben. Oder auch: Nobody is perfect.

Meine Botschaft heute ist: Sei dir bewusst, dass alles, was du tust oder sagst, bei einem anderen einen Trigger auslösen kann. Dieser andere kann dadurch in einen Sturm gestoßen werden, dessen Ausmaße gigantisch sein können – und kaum mehr mit der Realität übereinstimmen. Dennoch ist dieser Sturm „real“ – im Erleben des Betroffenen. Auch wenn du von außen vermutlich kaum etwas tun kannst, um dem anderen da raus zu helfen, du kannst es wesentlich verschlimmern und dazu beitragen, dass es länger andauert. Wie? In dem du es nicht ernst nimmst, als Lappalie abtust, oder Überreaktion, Theater … Diese Stürme sind real! Auch wenn du sie selbst vielleicht nicht wahrnehmen kannst, für den anderen können sie übermächtig sein.

Was du dennoch tun kannst, um zu helfen? Nun, frag dich selbst: Stell dir vor, du bist allein einem alles verschlingenden Sturm ausgeliefert, was würde dir helfen?  

… und welches Etikett trägst Du?

Beim Aufräumen am Wochenende fand ich einen Beitrag wieder, den ich im Juli nicht gepostet hatte. Warum auch immer … heute hole ich dies nach.

Das vergangene Wochenende verbrachte ich überwiegend in einem Lese-Marathon. 612 Buchseiten in 3 Tagen, allerdings nicht zum reinen Lesegenuss, sondern um die verbliebenen, sich hartnäckig versteckenden Fehler im Probedruck von JAN/A zu finden.

Seit dem Zeitpunkt des Schreibens waren doch schon mehrere Monate vergangen, so dass einiges zwar vertraut, aber dennoch irgendwie anders auf mich wirkte. Wie z.B. der letzte Absatz im Nachwort:

„Jeder Mensch, ganz gleich ob Borderliner oder nicht, oder welche Varietät des Lebens man eben darstellt, wir alle sehnen uns nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung. Darum dreht sich letztendlich alles im Leben, jede Handlung, jede Motivation lässt sich darauf zurückführen. Finden wir Liebe, Geborgenheit und Anerkennung in uns bzw. in unserem Umfeld, verweilen wir in der Umarmung des Lebens, in tiefer Verbundenheit mit allem rund um uns und in dem Bewusstsein, das alles genau richtig ist, in diesem Augenblick des Lebens.“

Dies brachte mich wieder einmal zum Nachdenken, bzw. förderte eine alt bekannte Ambivalenz zu Tage: Einerseits schreibe ich über Borderline und bekenne mich auch dazu, Borderlinerin zu sein. Anderseits mag ich die Klassifizierung in Borderliner und Nicht-Borderliner überhaupt nicht. Wir sind doch bitte alles Menschen mit denselben grundlegenden Bedürfnissen nach Essen, Trinken und Schlaf. Und darüber hinaus – und nicht weniger existenziell aus meiner Sicht – die Bedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung.

Während ich also gerade über meinen inneren Zwiespalt grüble, entdecke ich einen Beitrag meiner lieben Autoren-Kollegin Franziska Neidt:

„KOMMUNIKATION heißt HIER DAS ZAUBERWORT!
„Borderliner“ sind keine Unmenschen. Im Gegenteil. Die wenigsten Menschen wissen, dass Borderline-Betroffene zum größten Teil sehr hochsensible Menschen sind. Ihre Wahrnehmung, ihre Gefühle sind so stark ausgeprägt, dass dies oft sogar zur Belastung werden kann. Sie spüren Dinge und nehmen Kleinigkeiten wahr, die andere Menschen erst viel später erkennen und spüren.“ (Quelle: Klang der Seele – Mein Leben mit Borderline; von Franziska Neidt)

Ihre Worte bestätigen, was ich in den vergangenen Wochen selbst (wieder-)entdeckt habe: meine eigene Hochsensibilität. Mit Borderline wird mit nicht geboren, es entsteht später. Wodurch? Darüber diskutieren die Experten noch, aber was auch immer sie irgendwann vielleicht herausfinden werden, ich für meinen Teil habe meine Antwort gefunden: auf ein traumatisches frühkindliches Erlebnis folgte ein krasser Mangel an Geborgenheitsgefühl. Dazu eine überbordende Emotionalität aufgrund meiner Hochsensibilität. Für das Umfeld „schwierige“ Verhaltensmuster, Bestrafung als Erziehungsmaßnahme, Druck, Übergriffe … Eins kam zum anderen, auf jede Aktion eine Reaktion und irgendwann war’s dann soweit und ich trug das Etikett „Borderline“.

Dieser Entstehungsprozess dauerte Jahre, und vielleicht wäre es möglich gewesen – bei entsprechender Hilfestellung – zwischendurch auszusteigen, den Prozess zu stoppen oder gar umzukehren. Wer weiß? Ich weiß heute jedenfalls eines mit Sicherheit, nämlich dass sowohl in der Entstehungs- als auch späteren Bestandsphase es immer einen Mangel an den „Big 3“: Liebe, Geborgenheit und Anerkennung gab bzw. mein Unvermögen, selbige wahrzunehmen. Nachdem ich gelernt hatte, die „Big 3“ in mir selbst zu finden, wurde ich von meinem Umfeld unabhängiger und mein Leben bewegte sich Richtung „Normalität“ (was auch immer das bedeuten mag).

Meine über Jahrzehnte gewaltsam (gegen mich selbst) unterdrückte Hochsensibilität ist noch immer (oder wieder) gelebter Teil meiner Persönlichkeit. Bewusster Umgang mit ihr hält mich in Balance und entzieht Borderline-Episoden den emotionalen Zündstoff. ABER (und hier wirklich ein großes ABER) sie macht es auch anstrengend, die Ellbogenmentalität unserer Zeit und Gesellschaft auszuhalten. Ignoranz, Intoleranz, Rücksichtslosigkeit … all das zerrt an meiner inneren Balance. Und wenn ich mich umsehe, dann geht’s nicht nur mir so. Egal, ob Borderliner oder nicht, oder welche Varietät des Lebens man eben darstellt, wir alle sehen uns nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung. Hatten wir das nicht schon mal?

Eine philosophisch-romantische Spekulation: Was auch immer auf deinem Etikett steht, vielleicht ließe es sich mit viel Liebe, Geborgenheit und Anerkennung verändern? Nicht für die Welt. Unser Wahn nach Zuordenbarkeit und Katalogisierung treibt uns dazu, alles und jedem ein Etikett verpassen zu wollen, Normen für alles möglich festzulegen, zu bestimmen, wie viel Emotionalität normal und was zu viel ist. Diesem Drang (oder Zwang) nach Zuschreibung werden wir uns wohl nicht mehr entziehen können, ABER für dich selbst … grenzenlos im Ausmaß und bedingungslos im Gewähren: Liebe, Geborgenheit und Anerkennung, eine unerschöpfliche Ressource in dir selbst. Was wäre anders? Welches Etikett würdest du tragen?

Auf meinem Etikett steht: Lesley