Eine zauberhafte Masche

oder

Eine [nicht] ganz alltägliche Weihnachtsgeschichte „In the Middle of Nowhere“

Der gefrorene Schnee knirschte unter jedem seiner Schritte, die ihn eilig vom Parkplatz wegführten, vorbei an einige in der Dämmerung nur noch schemenhaft erkennbaren Bäumen Richtung des Gasthauses „In the Middle of Nowhere“. Allein der Name sagte alles über den Ort, an dem er gelandet war. Unzählige Orte hatte er während seiner vielen Reisen gesehen, dies war einer mehr auf einer langen Liste.

Es war kalt. Ungewöhnlich kalt für Anfang Dezember. Die kalte Luft fühlte sich in seinem Gesicht an wie unzählige Nadelstiche. Fröstelnd zog der Händler die Schulter hoch und beschleunigte seinen Gang. Eiskalt. Eisiger Hauch in Form kleiner nebliger Wölkchen begleitete jeden Atemzug auf seinem Weg, doch es war nicht nur die eisige Kälte rundum, die sich wie ein unerwünschter Mantel aus Blei auf seine Schultern legte. Da war noch mehr, worüber er schwieg, und was der Händler niemals einem anderen erzählen würde.

Endlich war er an dem Gasthaus angelegt und trat ein. Ein dampfender Schwall überhitzter Luft traf ihn unmittelbar beim Durchschreiten der Schwelle. Die rustikale Stube war voller Menschen, lärmender Stimmen und unzähliger Worte, die sich in einer Melange aus Gesprächen mit scheppernden Tellern, zu lauter Musik und nicht zuordenbarem Gelächter vermischte. Irgendwo am Rande konnte er noch das Knistern brennender Holzscheite in einem Bollerofen wahrnehmen, den warmen Schein der Flammen hinter der Glasscheibe. Wärme. Ersehnte Wärme, doch sie war nicht das Einzige, was er suchte. Da war noch mehr, worüber er schwieg, und was er auch an diesem hereinbrechenden Abend an diesem Ort der Durchreise für sich behalten würde.

Der Händler hatte einen langen Weg hinter sich, war müde und hungrig. Die Schlüssel für sein reserviertes Zimmer in Händen haltend stand er nach einigen Minuten erneut in der Gaststube. Alle Tische waren besetzt, so setzte er sich auf einen der Hocker an dem Tresen und bestellte etwas zu essen. Während er wartete, blickte er sich um. In dieser Gegend gab es nicht viele Möglichkeiten zu nächtigen, daher war der Andrang kaum verwunderlich. Die meisten schienen in kleineren oder auch größeren Gruppen unterwegs zu sein. Kaum jemand saß allein – so wie er. Niemand schenkte ihm großartig Beachtung. Der Händler war nur einer unter vielen Reisenden, und so wandte er sich schließlich dem dampfenden Teller zu, den die Wirtin soeben vor ihm auf den Tresen abgestellt hatte.

Während er die heiße, intensiv nach Wald duftende Pilzsuppe löffelte, konnte er kaum vermeiden, das Gespräch mitanzuhören, dass drei Männer direkt neben ihm am Tresen führten. Diese schienen geistreichen Getränken offenbar bereits lebhaft zugetan an diesem Abend. Ihre Gestik wirkte überbordend und ihre Stimmen beschwipst. Sie lachten laut und viel, obwohl ihre Gesprächsthemen vom Händler als nicht sonderlich erheiternd empfunden wurden, weshalb er bestmöglich versuchte, all dies nicht wahrzunehmen und sich in das Display seines Smartphones vertiefte, auch wenn es dort nichts Interessantes zu finden gab, es lenkte ihn vom Rundum ab – bis plötzlich eine Socke auf eben jenem Display zu liegen kam. Der Händler blickte auf und in das Gesicht eines unrasierten Mannes, mit roter Nase und noch röteren, glasigen Augen, der herzhaft lachte und sich dabei ungelenk für das Missgeschick entschuldigte, das beim Hantieren mit einer Papiertüte und einem Paar Socken entstanden war.

„Stell dir vor, das hat sie mir geschenkt: Socken! Als ob ich keine Socken hätte“, mokierte der offensichtlich Angetrunkene sinngemäß in weniger wohlgesonnenen Worten, die zweite Socke voller Geringschätzung über dem Tresen schwenkend.

Der Händler betrachtete das, was vor ihm gelandet war: eine selbstgestrickte Socke in quietschbuntem Design. Vielleicht ein wenig zu bunt für einen erwachsenen Mann, aber so lebendig, so einzigartig und unverwechselbar, dass er sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte.

Auf das fragende und etwas rüpelhafte „Was?“ des offenbar unzufriedenen Besitzers der Socke entgegnete der Händler: „Ich denke, da hat jemand viel Zeit und Arbeit investiert, um dir dieses Geschenk machen zu können.“

Daraufhin herrschte kurzzeitig Schweigen zwischen den Männern am Tresen inmitten der Geräuschkulisse der Gaststube. Danach brach der Angetrunkene in schallendes Gelächter aus, klopfte sich mit den Händen auf seine Schenkel und schüttelte den Kopf.

„Wenn du auf so was stehst, du kannst sie haben. Ich schenk‘ sie dir.“

„Nein danke“, erwiderte der Händler ruhig und legte den Löffel beiseite, den sein Teller war mittlerweile leer. „Diese Socken wurden für dich gemacht. Sie würden mir nicht passen.“

Dann wandte er sich von den drei Männern ab, schob den Teller an den hinteren Rand des Tresens und deutete der Wirtin seinen Wunsch zu zahlen. Die hämischen Worte der anderen ignorierend, agierte er mit Bedacht, doch auch mit verdeckter Hast, denn da war noch mehr, worüber er schwieg, und was er nicht zeigen wollte. Er beneidete insgeheim diesen Trunkenbold um das, was sich hinter diesem nur scheinbar banalen Geschenk verbarg: die Aufmerksamkeit eines anderen Herzens.

Nachdem der Händler seine Rechnung beglichen hatte, stand er vom Tresen auf und machte ein paar Schritte in die noch immer übervolle Gaststube. Einerseits wollte er sich noch nicht auf sein Zimmer zurückziehen, andererseits schien hier auch kein passender Platz für ihn. Während er sinnierend im Raum stand, holte ihn eine freundliche Stimme aus seinen Gedanken:

„Vergiss den Kerl. Manchmal bekommen die Falschen ein Geschenk vom Leben, das sie nicht zu schätzen wissen. Das ist zwar schade, aber nicht zu ändern. Hier ist noch Platz. Magst du dich setzen?“

Hinter einem großformatigen Block tauchte das Gesicht einer Frau auf, deren Augen mehr lächelten als ihr Mund. Sie lehnte mit ihrem Rücken am dunkelblauen Kachelofen, der seine wohlige Wärme unerkennbar bis weit in die Stube ausstrahlte. Dennoch schien es dem Händler, als würde auch von dieser Frau eine Form von Wärme ausgehen, und so folgte er gerne ihrer Einladung. Sie schob ein gestreiftes Sitzkissen in seine Richtung und er setzte sich neben sie auf die knarrende Holzbank.

„Was machst du hier?“ erkundigte sie sich.

„Ich bin auf der Durchreise.“

„Sind wir das nicht alle … irgendwie“, erwiderte die Frau kryptisch, die sich als Portraitzeichnerin zu erkennen gab. Rund um sie hingen an der Wand einige ihrer Werke. Fein ausgeführte, detailreiche Studien von Gesichtern, die das Leben gezeichnet hatte – im doppelten Wortsinn. Auch jetzt glitt ihre Hand flink über den Skizzenblock, führte sicher hier einen Strich und dort eine Schraffierung aus. Der Händler folgte interessiert ihrem Tun.

„Und was hat dich hierhergeführt?“

„Ich verdiene mir mit den Zeichnungen ein kleines Zubrot. Wenn die Gaststube voll ist, findet sich meistens Kundschaft. Und wenn nicht, übe ich einfach ein wenig.“

Sie lächelte, und ihr Lächeln war eines, das ein Herz erwärmen konnte.

An diesem Abend saßen der Händler und die Portraitzeichnerin noch lange an den Kachelofen gelehnt in der Gaststube, die sich von Stunde zu Stunde leerte, bis nur noch die Beiden und die Wirtin übrig waren. Sie unterhielten sich über ferne Länder, über Wunder, die sich erblickt hatten, über Rätsel, die noch der Lösung harrten, über das Leben, das sie hierhergeführt hatte. Wohl niemand hätte vermutet, dass sie einander eben erst kennengelernt hatten, so vertraut wirkten sie nebeneinander, stimmig im Tun und Denken. Leider endete dieser Abend mit der Sperrstunde.

Als der Händler schließlich sein Zimmer betrat, hielt er in seinen Händen einen Bogen Papier, auf dem sein Gesicht zu erkennen war. Die Portraitzeichnerin hatte das Blatt signiert und auch ihre Telefonnummer dazugeschrieben, für den Fall, das er noch Änderungen wünschte. Er betrachtete das Werk noch einige Zeit, bevor er es sorgsam zusammenrollte, mit einem Gummiband fixierte und ordentlich in seinem Koffer verstaute. Seine Gedanken und Gefühle in dieser Nacht waren nicht so einfach zu ordnen. Er lag noch lange wach, denn da war noch mehr, worüber er schwieg, weil er es sich selbst nicht erklären konnte.

Am nächsten Morgen setzte der Händler seinen Weg fort, ohne die Portraitzeichnerin noch einmal getroffen zu haben. Mit jedem Tag führte ihn seine Reise weiter fort von dem Gasthaus „In the Middle of nowhere“, doch seine Gedanken kehrten täglich dorthin zurück, wenn er den Bogen Papier zur Hand nahm und die Zeichnung darauf betrachtete. Es waren nur Striche, Linien und Schraffierungen, unverkennbar sein Gesicht, dennoch – da war noch mehr, was die Portraitzeichnerin erfasst und festgehalten hatte. Facetten seiner selbst, die niemand außer ihm kennen konnte. In ihrer Zeichnung fand er, was er der Welt zeigte – und was er vor ihr verbarg. Dass sie ihn auf diese Weise wahrzunehmen vermochte, irritierte den Händler zutiefst. Auch wenn er den Wunsch verspürte, sie wiederzusehen, so zögerte er doch, sie anzurufen, denn er fürchtete, dass da etwas war, das sie nicht auf selbe Weise erwidern würde. Zu viele Wunden aus der Vergangenheit, die noch immer schmerzten, hielten ihn davon ab, jenen Schritt zu wagen, den er ersehnte und gleichzeitig mehr als alles andere fürchtete.

Wenige Tage vor Weihnachten schlug der Händler einen Umweg ein, um noch einmal zum Gasthaus „In the Middle of nowhere“ zu fahren. Er wusste selbst nicht so genau, was er dort zu finden erhoffte, doch etwas ließ ihn nicht zu Ruhe kommen. Als er die Stube betrat, fiel sein Blick sofort auf den Platz am dunkelblauen Kachelofen, an dem die Portraitzeichnerin zuletzt gesessen hatte. Der Platz war leer. Seine Hoffnung wich einem Gefühl der Schwere, des Bedauerns, das er mit einer großen Portion Pragmatismus im Sinne „ist wohl besser so“ zur Seite schob. Dennoch nahm der Händler wieder an der Stelle Platz, an der er auch an diesem Abend vor einigen Wochen gesessen war, auf dem gestreiften Kissen, mit dem Rücken an der warmen Seitenfront des Kachelofens lehnend. Die Wirtin kam mit der Speisekarte, die aus einem einzelnen laminierten Blatt bestand. Der Händler winkte ab und bestellte nur die Pilzsuppe, die er zuletzt gegessen hatte.

Wenige Minuten später kehrte die Wirtin mit einem Teller dampfender, nach Wald duftender Suppe zurück – und einer kleinen Schachtel. Beides stellte sie vor dem Reisenden auf den Tisch und meinte, das Paket sei für ihn deponiert worden. Der Händler runzelte die Stirn. Wer sollte für ihn hier ein Paket deponieren? In the Middle of nowhere? Verwundert griff er danach. Es war schlichter, grauer Karton, verschlossen mit ein paar transparenten Klebestreifen, nicht sonderlich schwer, und wenn er die Schachtel schüttelte, war kein Geräusch darin zu hören. Der Händler schob den Teller Suppe etwas beiseite und begann, vorsichtig die Klebestreifen zu lösen. Dann nahm er den oberen Teil der Schachtel ab. Weißliches Seidenpapier kam zum Vorschein, dass er raschelnd entfaltete und darunter ein paar handgestrickte Socken entdeckte, die er staunend aus der Verpackung holte. Kunterbunt waren sie mit einem eigenwilligen Muster, angenehm weich, alles andere als perfekt, denn einige Maschen schienen nicht ganz ins Muster zu passen, doch genau das machte sie einzigartig, und mit Gewissheit hatte jemand viele Stunden damit verbracht, Masche für Masche aneinander zu reihen, um dieses Geschenk zu erschaffen … für ihn. Fassungslos schüttelte der Händler seinen Kopf.

Doch da war noch mehr. Am Boden der Schachtel lag ein gefaltetes Blatt Papier, auf dem stand in wunderschöner verspielter Handschrift: „Manchmal bekommen die Richtigen ein Geschenk vom Leben, das sie auch zu schätzen wissen. Denk an mich, wenn du sie trägst, so wie ich an dich gedacht habe, als ich daran gearbeitet habe. Frohe Weihnachten.“

Der Händler schloss die Augen, denn da war etwas, das er allmählich zu begreifen begann. Eine vage Hoffnung war dagewesen, eine diffuse Ahnung, doch es hatte dieser zauberhaften Masche eines einzigartigen Geschenks bedurft, um dieses ungewisse Etwas – die Aufmerksamkeit eines anderen Herzens – für ihn fassbar zu machen, derer er sich nun bewusst wurde, als er sein Smartphone ergriff und jene Nummer wählte, die er vor Wochen bereits gespeichert hatte.

© Lesley B. Strong 2020

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