TAGEBUCH MEINES NEUEN LEBENS: Tag 165 … (k)ein Weihnachtsdrama

165 Tage, beinahe ein halbes Jahr, so viel Zeit ist bereits vergangenen, seit ein Tsunami mein über Jahrzehnte sorgsam aufgebautes Leben innerhalb weniger Tage hinwegfegte, um ein Vakuum zu erschaffen, das sich auf wundersame Weise ebenso schnell mit Neuem füllte. Dieser Prozess hielt mich derart auf Trab, dass ich keine Zeit darüber hatte, mir im Vorfeld Gedanken (oder gar Sorgen) darüber zu machen, wie es wohl sein würde, seit Weihnachten allein zu verbringen – jene Zeit des Jahres, die mehr als jede andere mit „heiler Familie“ assoziiert wird – jene Zeit des Jahres, die mehr als jede andere mit „Familiendramen“ assoziiert wird – jene Zeit des Jahres, die ambivalent ist wie kaum eine andere.

Nun ist es so weit. Die perfekte Gelegenheit für eine Reflexion.

Weihnachten 2020. Mein letztes Weihnachten als Single war 1995. Mein Lebenspartner war zwei Wochen vor Weihnachten ausgezogen, ich war schwanger und in einem emotional undefinierbaren Zustand. In all den Jahren, die darauf folgten, wurde Weihnachten – obwohl nicht mehr allein – mehr und mehr zu einem Drama. War es vor 1995 oftmals eine Zeit, in der für wenige Tage alles unter dem Teppich gekehrt wurde, um eine „heile Welt“ um des lieben Friedens willen zu leben, so veränderte es sich ab 1996 dahingehend, dass immer öfter diese „heile Welt“ explodierte und all das Unterdrückte sich auf dramatische Art und Weise Beachtung verschaffte. Weihnachten etablierte sich als Synonym für Krise. Also stornierten wir Weihnachten. Auch ein Weg, dem auszuweichen, was man nicht anschauen will.

Weihnachten 2020. Bis auf den 24.12. mit familiären Verpflichtungen, der nicht ganz einfach war, sehr ruhig. Offenbar kommt es zwangsläufig zu Verletzungen, sobald mindestens drei Personen meiner Kernfamilie aufeinander treffen. Ein trauriger Umstand, aber ich bin nur für meinen Teil verantwortlich, ebenso wie jeder von uns.

Wie auch immer. Seit gestern Abend genieße ich es, für mich allein zu sein und Weihnachten auf meine Weise zu verbringen. Wenn mir danach ist, sende ich Gedanken in diese Welt hinaus, die zum Nachdenken und Fühlen anregen – und freue mich, wenn ich anderen damit für kurze Zeit ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Ich freue mich auch, dass es den Menschen, die einen Platz in meinem Herzen haben, gut geht, ganz gleich wo sie sich in diesem Augenblick auf diesem Planeten befinden. Diese tiefe innere Verbindung ist unabhängig von räumlichen Distanzen.

Ich bin allein, weil ich es in diesen Tagen auch sein will, aber ich bin alles andere als einsam.

Weihnachten wird oft als besinnliche Zeit des Jahres tituliert. Besinnung – genau darum geht es für mich. Auf das besinnen, was 2020 alles geschehen ist, innehalten, ordnen, neu ausrichten.

2020 war ein Jahr wie keines zu vor.

Das Corona-Virus hat in der ersten Jahreshälfte umfassende Änderung in meinem Job verursacht – wie wohl bei uns allen. Aber es war nicht der Tsunami. Der kam später.

Am 10. Juli 2020 wachte ich in einer Wohnung auf an der Seite des Mannes, mit dem ich mein halbes Leben verbracht hatte, den ich noch in diesem Jahr heiraten und für immer bei ihm bleiben wollte. Am 15. Juli 2020 legte ich einen Schlüssel in seine Hand und verließ die Wohnung für immer, mit 75 Kartons, die hauptsächlich meine Kleidung, Bücher und Töpfe enthielten. Alles andere ließ ich zurück. Möbel, Auto, … ich gab alles auf, nur nicht mich selbst.

Warum?

Weil diese wenigen Tage mich etwas erkennen ließen, dass ich bereits seit langem gespürt, aber konsequent verdrängt hatte: Dieser Mann liebte nur einen Teil von mir, einen anderen lehnte er konsequent ab und würde es immer tun, weil er diesen Teil (meine Emotionalität) nicht verstehen konnte und es nie würde, denn er fürchtete diese Emotionalität dermaßen, dass er sie unterdrückte, in sich – und in gewisser Weise auch in mir.

Als ich mich mit meinem inneren Dämon Borderline ausgesöhnt und zurück in die Umarmung des Lebens gefunden hatte, schwor ich mir selbst, gut auf mich selbst zu achten und nichts zu tun, dass einer Selbstverletzung gleichkäme. In einer Beziehung zu bleiben, die nur dann Bestand haben konnte, wenn ich kontinuierlich einen Teil von mir selbst unterdrückte, kam für mich einer Selbstverletzung gleich – und so verließ ich mein bequemes Leben innerhalb von wenigen Tagen, ohne zu wissen, wohin oder was mich erwarten würde.   

Die erste große Lektion, die 2020 für mich bereithielt:

Es ist, was es ist

Es gab vieles Schönes, für das ich immer dankbar sein werde, aber letztendlich war es kein Heim, sondern ein goldener Käfig, aus dem der Tsunami mich herausriss und an ein neues Ufer spülte, in ein echtes Heim, in dem ich in diesem Augenblick befinde. Die Wurzeln dieses „Zufalls“ reichen ins Jahr 2019 zurück, als ich begann, für eine liebe Nachbarin, die viel Zeit im Ausland verbringt, die Wohnung zu hüten. Hier fand ich Unterschlupf. Mehr noch, diese Nachbarin bot mir an, mit mir gemeinsam eine „Mädels-WG“ zu gründen. Platz sei ausreichend vorhanden und die Wohnung würde dadurch nicht mehr über Monate leer stehen. So kam es, dass sich zwei unterschiedliche, bewegte Lebenswelten an einem Ort zu überschneiden begannen.

Heute sitze ich in einem alten Rattenlehnstuhl, den ich bereits vor der Geburt meines Sohnes hatte, auf meiner Plüschdecke namens „Eisbärenfell“, auf der sitzend ich bereits JAN/A Band 1 getippt hatte. Meine Beine liegen auf einer Klavierbank, auf der die Tochter meiner Mitbewohnerin Klavier spielen gelernt hatte. Vor mir steht das Sofa, das mein Sohn sich gekauft hatte, als er ausgezogen ist. Neben mir ein Tisch, den wir aus dem Keller reaktiviert hatten. Hinter mir ein altes Kallax-Regal der ersten Generation neben den neuen, die heuer dazukamen. Meine bunte Häkeldecke unter ebenso bunten Ölbildern, die seit langem an den Wänden hängen. Kakteen, die bereits einige Winter auf der Fensterbank verbracht haben, und Orchideen, die eben erst eingezogen sind. All das macht zusammen mein „Heim“, eine bunte Melange vieler Leben und Erinnerungen, zusammengefügt an einem Ort, an dem ich willkommen bin, genauso, wie ich bin. Einem Ort, an dem ich keinen Teil von mir unterdrücken muss, sondern sein darf, wer ich bin.

Und dies ist die zweite große Lektion 2020:

Meine 3 Säulen für ein Verweilen in der Umarmung des Lebens

  1. ICH sein, so wie ich bin. Mich selbst voll und ganz annehmen und zustimmen, das ich bin, wer ich bin.
  2. Ein Plätzchen im Leben, an dem ICH sein darf, so wie ich bin. Dafür braucht es weder Luxus noch Perfektionismus. Willkommen zu sein zählt, nicht auf welchen Möbeln ich sitze.
  3. Menschen (und es genügt ein einziger!), die mich so annehmen, wie ich bin. Die nicht kritisieren oder urteilen, sondern mich auch dann noch lieben, wenn ich mal nicht perfekt funktioniere, mich gerade selbst im Weg stehe oder in meiner Fokussierung auf ein zu lösendes Problem nicht mehr sehe, was links oder rechts ist.

Auf diesen drei Säulen ruht mein Leben, das von den Stürmen 2020 zwar ordentlich durchgeschüttelt wurde, dennoch sitze ich heute hier in Gelassenheit und einer tiefen inneren Ruhe, in der Gewissheit, dass all die Ereignis dieses verrückten Jahres zwar eines „verrückt“ haben in meinem Leben, aber keinesfalls zum Schlechteren. Ganz im Gegenteil. Ich bin noch näher an mich selbst „herangerückt“, an die, die ich bin und auch sein will.

So verbringe ich mein Weihnachten 2020 allein, mit Schmetterlingen im Bauch, die jemand zum Flattern bringt, der gerade ganz wo anders sitze – und auch das passt genau so, wie es ist. Bevor ich mich in ein neues Abenteuer stürze, gilt es zuerst einmal, das alte abzuschließen.

Eine kritische Stimme in mir hinterfragt, ob ich – wie in der Vergangenheit – wieder an einem Fall von „Zweckoptimismus“ laboriere. Zeichne alles schön und lenke damit davon ab, dass du es eigentlich gerne anders hättest, aber das nicht sagen willst … falls dir diese Gedanken bekannt vorkommen, sie sind weitverbreitet. Krampfhaftes positives Denken. Tricky. Eine der vielen Formen von Selbsttäuschung. In meinem Fall schließe ich es diesmal nach eingehender Prüfung aus.

Ich meine es ernst. Mir geht’s gut. Es passt, wie es ist. Kein Weihnachtsdrama. Es ist anders als all die Jahre zuvor. Ein [nicht] ganz alltägliches Weihnachten. Passt perfekt zu mir 😊

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Bild: pixabay.com

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