APROPOS … RADIKALE AKZEPTANZ

Dieser Begriff begegnete mir in den letzten Monaten einige Male. Neugierig wie ich nun einmal bin, habe ich selbstverständlich dazu recherchiert. Die Kurzfassung: Neuer Name für etwas, das bereits in den alten Weisheitslehren zu finden ist, aber …

… ein neuer Name macht daraus keine Innovation. In diesem Falle finde es den Namen sogar ausgesprochen unglücklich gewählt. Warum?

Von vorne. Grundsätzlich halte ich das unter dem Begriff „Radikale Akzeptanz“ zusammengefasste Gedankengut für sehr wertvoll und wichtig. Allerdings ist der Begriff selbst kontraproduktiv, weil bei den meisten von uns im Unterbewusstsein das Wort „radikal“ alles andere als positiv belegt ist. Es wird mit Gewalt, Kampf, Druck usw. assoziiert. Akzeptanz wiederum bedeuten, zu etwas Ja zu sagen, es anzunehmen und ihm zuzustimmen.

Der Begriff „Radikale Akzeptanz“ verbindet also die Gewalt mit Zustimmung. Nicht auf der reflektierenden Verstandesebene, aber in der subtilen Welt unseres Unterbewusstseins, in dem Worte mit den dahinterliegenden Gefühlen und Bildern verarbeitet werden. Das will mir als eine in die Techniken des Mentaltrainings und der Autosuggestion Eingeweihten gar nicht gefallen.  Für mich klingt es nach einem Kampfauftrag, endlich anzunehmen, was da ist. Widerstand ist vorprogrammiert. Widerstand, durch den man sich dann hindurch kämpfen darf.

Auch das Wort „Akzeptanz“ bedeutet eher, dass es einem zwar nicht unbedingt gefällt, man es aber trotzdem annimmt. Auch so eine halbe Sache.

Die bereits vor Jahrtausenden entwickelte Grundidee des Annehmens, was ist, lautet ganz einfach: annehmen, was ist. Nicht mehr und nicht weniger. Je nach spiritueller oder religiöser Strömung wurden später Adjektive hinzugefügt, um es moderner erscheinen zu lassen:

Liebevolles Annehmen

Wertschätzendes Annehmen

Bedingungsloses Annehmen

Konsequentes Annehmen

Allumfassendes Annehmen

Kein einziges davon ändert die Kernbotschaft. Ich persönliche vermeide die Adjektive, da jedes von ihnen eine Wertung bringt, wo es keine braucht. Die von mir verwendete Formel lautet daher:

Es ist, was es ist … und ich stimme dem zu. Punkt.

Um diese Haltung einnehmen und leben zu können, hat es einige Zeit (bzw. Jahrzehnte) gedauert. Das gebe ich offen zu. Daher hier auch ein paar Tipps für hilfreiche Lektüre, um eventuell die Hürde schneller und leichter zu nehmen:

„Anerkennen, was ist“ von Bert Hellinger

„Trotzdem JA zum Leben sagen“ von Viktor Frankl

„Drehbuch für Meisterschaft im Leben“ von Ron Smothermon M.D. … dieses Buch hat mich besonders gefordert, weil es mir wie kein anderes meinen trägen, Ego lastigen und rechthaberischen Intellekt vor Augen führte, und damit verbunden, wie sehr ich mir selbst im Weg stand.

Annehmen, was ist … ist die Voraussetzung, um aus dem inneren und äußeren Kampf gegen das, was ist (das Leben!) in eine Haltung der Kooperation und Kommunikation zu kommen, mit sich selbst und anderen.

Aus meiner eigenen Erfahrung: Die Voraussetzung, um aus der Borderline-Dynamik aussteigen zu können.

Die Geschichte der Menschheit zeigt über Jahrtausende hinweg, dass der Konflikt erst endet, wenn alle Beteiligten aufhören zu kämpfen. Erst dann gibt es Gewinner auf allen Seiten. Solange gekämpft wird, verlieren alle.

Was entsteht aus radikaler Akzeptanz? Radikale Liebe?

Man möge mir Spitzfindigkeit und Wortklauberei vorwerfen, doch Worte sind so mächtig. Mächtiger als den meisten bewusst ist. Sie verändern, was in uns ist und aus dem wiederum alles entsteht, was wir nach außen tragen.

Es ist so leicht, verzweifelte Menschen, die nach Lösungen suchen, mit schlagkräftigen Worten auf einen Kurs zu schicken, doch wohin führt dieser Kurs? Je länger ich auf diesem Planeten wandle, desto mehr erlebe ich eine virale Kurzsichtigkeit der Menschen, eine Ausrichtung auf kurzzeitige Effekte und Erfolge, ein Ignorieren langfristiger Auswirkungen. Oberflächliche Symptomkosmetik anstelle von Ursachenbereinigung.

Gewalt zeugt Gewalt.

Liebe zeugt Liebe.

Jeder von uns ist frei, sich seine eigene Meinung zu bilden und eigene Entscheidungen zu treffen. Ich erinnere heute nur daran, das Liebe keine Radikalität braucht, um ans Ziel zu führen.

Bild: pixabay.com

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