Ein rätselhafter Regentag

Ein verregneter Start in diesen Tag. DIE Gelegenheit für eine kleine Leseprobe aus EMBRACE,  mein neuestes Buch, das im März erscheinen wird. Gönn dir eine Auszeit zwischendurch und genieße etwas Romantik – meine Methode für den Umgang mit trüben Tagen und Stimmungen 😉

Kurzgeschichte „Ein rätselhafter Regentag“

Die Welt draußen vor dem Fenster hatte sich entschlossen, jeglichen Staub von ihrer Oberfläche hinweg zu spülen. Es regnete ohne Unterlass, schon seit Tagen. Ungezähmt prasselten die Tropfen auf das dichte Laub der Birken vor unserem Fenster, dann weiter auf das darunterliegende Schindeldach des kleinen Gartenhäuschens, um sich in der Regenrinne zu sammeln und schließlich als plätschernder Miniaturwasserfall auf den Steinen im Auffangbecken zu landen.

Schweigend verfolgte ich das Geschehen. Vielleicht schon seit Stunden? Keine Ahnung. Irgendwie war meine Wahrnehmung aus der Zeit gefallen. Mein Rücken lehnte an der Seitenwand des Kachelofens, dessen Wärme durch meinen ganzen Körper zu fließen schien, bis weit unter die alte, bunte Patchwork-Decke meiner Großmutter, die ich so sehr liebte, und die ich über meine Beine gelegt hatte – und auf der nun auch ein Teil von dir ruhte. Du hattest es dir neben mir auf der Kaminbank bequem gemacht. Dein Körper lag an meinen angeschmiegt.

Draußen der Regen, hier drinnen wir. Nichts anderes existierte mehr an diesem Nachmittag. Wir waren einfach da, verweilten im Augenblick. Keine Gedanken, keine Hektik, nichts zu tun – außer dem Regen zu lauschen, und deinem Atem, dem Rhythmus des Lebens, das dich und mich durchströmte. Ich konnte die Wärme spüren, die dein Körper ausstrahlte. Wenn ich meine Augen schloss, meine Sinne völlig auf dich ausrichtete, fühlte ich deinen Herzschlag – das Leben in dir.

Vielleicht drehte sich die Welt da draußen weiter – hier drinnen war sie definitiv zum Stillstand gekommen in der Zeitlosigkeit eines verregneten Nachmittags. Auf ewig hätte ich in diesem Augenblick verharren können. In dem Frieden, der uns umgab. In der Harmonie, die uns verband. In der Geborgenheit eines vollkommenen Moments.

Du warst ruhig, schienst zu schlafen, angelehnt an die warmen Kacheln und an mich, voller Vertrauen in den Augenblick. Verschwunden war all jenes, das uns zuvor Kummer bereitet hatte, all die Sorgen und Ängste, versunken im Dunkel verblassender Erinnerungen, weggewaschen durch den Regen, der dabei war, die Welt da draußen zu verwandeln. Irgendwann würde es aufhören zu regnen. Der Wind würde die Wolken vom Himmel vertreiben und die Sonne mit all ihrer Kraft würde die Farben der Welt neu erstrahlen lassen.

Deine Augen waren geschlossen, doch mein Blick ruhte auf dir, wich nur selten ab um kurz in die Welt vor dem Fenster zu blicken, dem unablässigen Muster aus Tropfen folgend, die zuerst auf die Blätter der Bäume, dann auf das Dach fielen, und weiter ihrer vorbestimmten Reise folgten, dem unaufhörlichen Lauf der Dinge.

War auch unsere gemeinsame Reise vorherbestimmt? Wohin würde sie uns führen? Wie lange würde sie andauern? Fragen, die da waren in meinem Denken – und auch nicht. Belanglos in diesem Augenblick inniger Verbundenheit, denn die nicht zu erklärende, gefühlte Gewissheit in meinem Herzen war Antwort genug.

Leben im Augenblick. In einem Atemzug. Einem Herzschlag. Hier und jetzt.

Es war alles in Ordnung, in bester Ordnung. Jeder Zweifel daran war wie einer jener Regentropfen, die zuerst auf das Blätterdach der Bäume fielen, dann weiter auf unser kleines Gartenhäuschen und weiter … immer weiter dem unaufhaltbaren Strom folgten.

Ich verharrte in Ruhe und Gelassenheit, mit dir, angelehnt an einen wohlig warmen Kachelofen, an einem regnerischen Nachmittag.

Und das Rätsel, das es zu lösen gilt, ist die Frage, wer wohl mit mir auf dieser Kaminbank verweilte: Ein vierbeiniger Freund? Ein schurrender Schmusetiger? Mein Kind? Die Liebe meines Lebens? Wer weiß…

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