Manchmal will das Herz glauben …

… auch wenn im Verstand alle Alarmglocken schrillen. Warum ignorieren wir manchmal alle sichtbaren Zeichen, die uns warnen würden? Warum vertrauen wir dort, wo Skepsis und Vorsicht angebracht wären? Was lässt uns sehenden Auges in ein Desaster steuern?

Diese Fragen stelle ich mir seit langem. Ich versuche erst gar nicht, eine allgemein gültige Antwort zu finden, aber eine Antwort für mich selbst, denn diese könnte mir vielleicht die eine oder andere schmerzhafte Erfahrung ersparen.

Warum also ignoriere ich meinen Verstand und folge meinem Herzen, obwohl eindeutige Hinweise dafür vorliegen, dass dieser Weg in eine Sackgasse führen wird? Oder Schlimmeres. Das eine Extrem.

Aus Unwissenheit? Naivität? Weil es sich schrecklich anfühlt, immer nur zu misstrauen? Ist es der tief in mir verwurzelte Wunsch nach einem wahr werdenden Märchen in der Realität? Der unerschütterliche – oder noch nicht ausreichend geschundene – Glaube an das Gute im Menschen? Eine fatale Sehnsucht nach Schmerz – und damit verbunden die Wiederholung dessen, was viele Jahre mein Leben bestimmte? Hybris – der Realität meinen Willen aufzwingen zu können? Oder Demut – mich dem vorbestimmten Leid zu ergeben und zu ertragen, was nicht durch mich zu verändern ist? Vielleicht auch eine Mischung aus all dem? Oder nichts davon?

Ich weiß es einfach nicht. So sehr ich auch in mir forsche und die Motivation für meine Handlungen zu ergründen versuche, die endgültige, verbindliche Antwort habe ich bis heute nicht gefunden. Worum geht es, wenn ich quasi „blind vertraue und bleibe“, obwohl ich davonlaufen sollte?

Liebe? Welcher Mensch sehnt sich nicht danach, geliebt zu werden um seiner selbst willen? Diese Tonart anzuschlagen, öffnet so manches Tor zum Herzen eines Menschen.

Geborgenheit? Das Gefühl von Sicherheit erschafft Vertrauen. Wer es zu erzeugen vermag, kann das aus Erfahrungen geborene Misstrauen schwächen, mitunter gänzlich ausschalten.

Anerkennung? Der magische Schlüssel zur Manipulation von Menschen. Kaum jemand ist immun gegen die gezielt eingesetzte Wirkung von Komplimenten, Schmeicheleien, Anerkennung in jeder Form. Sie schenkt uns, woran es in einer Gesellschaft, die unrealistische Vorbilder hypt und durchschnittliches gering schätzt, häufig fehlt: Das Gefühl, wertvoll und richtig zu sein.

Unwissenheit kann ich für mich wohl ausschließen. Die Tricks der Manipulation sind mir wohl bekannt, dennoch blende ich sie manchmal aus, obwohl ich sie nur allzu deutlich wahrnehme.

Warum also? Kindlich-naiver Glaube an das Gute im Menschen? Ich bin zwar Romantikerin, aber auch Zynikerin – beide stellen für mich die zwei Seiten einer Münze dar. Romantik lässt mich träumen, Zynismus ist ein Schutzschild mit spitzen Stacheln.

Meine Schwachstelle als Borderlinerin? Das wäre zu einfach. Außerdem beobachte ich dieses Verhaltensmuster des „Ignorieren des Offensichtlichen“ auch bei Nicht-Borderlinern. Aus meiner Sicht ist es eher ein allgemein auftretendes menschliches Verhalten.

Vielleicht bin ich auch konsequent lernresistent in diesem Bereich?

Mit meinen Überlegungen komme ich so nicht weiter. Also eine Umkehrung des Denkprozesses. Was wäre, wenn ich es nicht mehr täte? Wenn ich fort an stets meinem Verstand folgen und mein Herz auf „Mute“ schalten würde? Vermutlich würde ich mir dadurch einige Erfahrungen ersparen. Mein Leben würde vermutlich anders verlaufen. Möglicherweise langweiliger, weniger vielfältig, weniger bunt – weniger mein eigenes Leben. Das andere Extrem.

Liegt die Lösung für mich genau dazwischen – in einer Art „goldener Mitte“? Wo beginnt diese und wann verlasse ich den Mittelweg und falle wieder in ein Extrem?

Gibt es überhaupt eine Lösung?

Wenn ich meinen Verstand frage, dann verlangt dieser nach klaren Richtlinien, Entscheidungskriterien, Regeln, Strukturen und letztendlich Konsequenzen.

Mein Herz jedoch sagt: „Geh ein Risiko ein! Gib, ohne zu erwarten, und freu dich über das, was zurückkommt. Erinnere dich an jene, die dir gegeben haben, ohne etwas dafür zu verlangen, ohne dich zu kennen. Vielleicht sind es nur wenige, denen man tatsächlich vertrauen kann, doch wie willst du sie erkennen und unterscheiden von jenen, die von dir nehmen, ohne zurückzugeben?“

Schöne Worte, doch ich höre auch meinen Verstand, der dagegenhält: „Damit öffnest du Tür und Tor für Ausbeutung und Missbrauch. Hat dich die Vergangenheit denn gar nichts gelehrt?“

„Die Vergangenheit hat mich vieles gelehrt“, erwidert darauf mein Herz, „Misstrauen mit lauter Stimme ebenso wie Vertrauen in leisen Worten. Beides gehört zum Leben, doch was davon soll dich bestimmen? Eine Wunde des Betrugs vermag zu heilen. Ein in ewigem Misstrauen verdorrtes Leben bleib öd und trostlos.“

„Du offenbarst deine Schwäche!“ warnt mein Verstand.

„Ich zeige meine Stärke“, bekräftigt mein Herz, „unterwerfe mich nicht der Furcht, die Grenzen zwischen den Menschen erschafft. Vielleicht werden andere mein Vertrauen ausnutzen, werde ich scheitern, doch ich werde stets einmal mehr aufstehen als ich hinfalle, denn es wird auch jene geben, die meine Hand nehmen und mit mir gemeinsam den Weg des Vertrauens gehen.“

Die Diskussion zwischen meinem Herzen und meinem Verstand, zwischen Vertrauen und Misstrauen, endet nicht am heutigen Tag. Vielleicht wird sie das nie? Vielleicht gehört sie zu jenen Herausforderungen, die mich noch lange auf meinem Lebensweg begleiten werden? Vielleicht soll sie auch niemals enden? Vielleicht ist sie ein Koan? Eine Fragestellung, auf die es keine Lösung gibt, deren Sinn einzig und allein darin, bewusst über das Thema nachzudenken und alle Facetten davon zu beleuchten. Ganz so wie die Frage, wie wohl das Geräusch einer einzelnen klatschenden Hand klingt?

Vielleicht will mein Herz aber auch einfach nur glauben und vertrauen, weil es dafür erschaffen wurde – als Gegenpol zu meinem Verstand, der an allem zu zweifeln vermag und jedes Risiko berechnet?

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