AUFBRUCH INS JAHR 2022

Rund um den Jahreswechsel habe ich mich wieder einmal zurückgezogen, um meine Gedanken und mich selbst zu reflektieren, einiges davon auch neu auszurichten. Zeitlicher und räumlicher Abstand zum Hamsterrad und Alltagstrott sind enorm wichtig, um aus Schubladendenken und überholter Routine auszusteigen.

Wohin soll es 2022 für mich gehen?

Tatsächlich habe ich mehrere Anläufe benötigt, diesen Beitrag zu schreiben. Das ist für mich absolut ungewöhnlich. Normalerweise schreibe ich meine Gedanken rasch und schlüssig nieder. Doch diesmal war es irgendwie sperrig.

Zum einen waren da die zahlreichen Rückmeldungen, die kurz vor Jahresende noch kamen. Viele haben sich bei mir bedankt, weil ich ihnen in schwierigen Zeiten weiterhelfen konnte, Hoffnung vermitteln und ihr Vertrauen stärken konnte. Bewunderung für mich als Person und was ich in meinem Leben erreicht habe. Und allzu oft der Satz: Du hast so Recht. Wenn der kommt, nehme ich für einige Zeit meine Finger von der Tastatur, um zu verhindern, eine Antwort in der Art von „Mir geht’s nicht darum, Recht zu haben. Davon löst sich weder dein Problem noch ändert sich die Welt. Schwing lieber deinen Hintern in die Höhe und mach das, was zu tun ist.“ Diese Rückmeldung wäre schwer verdaulich, aber auch ehrlich.

Ich bin dankbar, hin und wieder begleiten, oder vielleicht sogar ein klein wenig bewirken zu dürfen. Tendenziell werde ich künftig stärker die Angehörigen von Borderlinern ansprechen und ihnen dabei helfen, eine Gedanken- und Gefühlswelt zu respektieren, sich von ihrer eigenen enorm unterscheidet. Verstehen wird wohl nicht immer möglich sein, aber Respekt und Achtsamkeit sind bereits wichtige Schritte. Meine bisherigen Erfahrungen in diesem Bereich zeigen mir, dass jene, die daneben stehen, ebenso an ihren Belastungsgrenzen sind wie jene, die mitten im Strudel der Emotionen stecken. Mit jemand zu sprechen, der all dies durchlebt, überlebt und zurück in ein glückliches Leben gefunden hat, kann Hoffnung und Zuversicht wecken.

Deshalb erzähle ich meine eigene Geschichte immer und immer wieder. Nicht aus Geltungsdrang oder weil ich damit berühmt werden will. Ich will damit inspirieren und motivieren. Und transformieren.

Früher hätte meine Geschichte wohl so gelautet:

In meinem Leben ist eine Menge Scheiße passiert.

Heute lautet sie:

Ich meinem Leben ist eine Menge Scheiße passiert, die zu jenem Dünger wurde, auf dem nun heilsame (Wort)Pflanzen (Geschichten und Gedichte) wachsen, die anderen helfen, ihre Wunden zu schließen, die in ihnen Mut, Hoffnung und Zuversicht keimen lassen, sie zum Nachdenken und Verstehen anleiten, sie zum Lächeln bringen, Lebensfreude wecken und für einige Zeit in die Umarmung des Lebens hüllen.

Aus Schicksal (Fluch) wurde Sinn (Segen). Eine wunderbare, berührende Geschichte.

Zum anderen schlage ich mich (wieder einmal) mit einem Thema herum, das ich leider nicht ganz ausblenden darf bzw. kann. Wie und wofür verwende ich meine Zeit? Dieses begrenzte Gut, das niemand von uns horten kann und vor dem auch niemand weiß, wie viel noch bleibt. Ich möchte meine Zeit bestmöglich nutzen. Ein wesentlicher Teil ist für den „Broterwerb“ reserviert. Mit dem Rest gilt es sinnvoll umzugehen.

Mein Widerwillen gegen Zeitfresser wie Facebook & Co ist nichts Neues. Meine Energie dafür einzusetzen, in der Flut von Postings mitzuschwimmen, die überwiegend anderes beinhalten als meine tiefgründigen Beiträge, sehe ich als reine Verschwendung an. Was ich mache, erfordert eindenken und einfühlen, also das Gegenteil von schnellem liken. So sehr ich die Grundidee der sozialen Medien schätze, hinterfrage ich, was die Masse an Menschen daraus macht. Die Herausforderung liegt meiner Ansicht nach im Lebensstil unserer Zeit. Oberflächlich und schnelllebig. Beiträge werden innerhalb von Sekunden mit einer Wertung versehen, ohne sie überhaupt gelesen oder gar reflektiert zu haben. Ein Blick auf ein Bild, vielleicht noch ein paar Worte … das war’s. Gesehen, aber nicht verstanden oder in die Tiefe erspürt. Genau dort vermute ich die Ursache für die Leere, die so viele Menschen in sich tragen. Sie streben nach Aufmerksamkeit und fühlen sich im Grunde bedeutungslos, denn Bedeutung ist etwas, das erkannt werden will, was Zeit in Anspruch nimmt, sich wandelt und erweitert je länger man es betrachtet.

Wie gesagt, die Grundidee dahinter finde ich gut. Dank der sozialen Medien habe ich einige wunderbare Menschen kennengelernt und spannende Projekte begonnen, ABER in der Masse dessen, was mir begegnet ist, machen diese nur einen kleinen Teil aus. Deshalb werde ich mich 2022 weiter aus den sozialen Medien zurückziehen und stärker auf das reale Leben konzentrieren.

Vor einige Wochen schrieb ich folgendes:

„Das wertvollste Geschenk, das du einem Menschen machen kannst, ist ein Augenblick, in dem kein Gedanke dich davon abhält, voll und ganz den anderen zu fühlen.“

Damit ich anderen Menschen noch viele wertvolle Geschenke machen kann, ist es wichtig, auf meine Zeit zu achten und manche Zeitfresser nicht länger zu füttern.

Das Bild zu diesem Beitrag entstand heute auf einer kurzen Wanderung an einem milden, sonnigen 2. Jänner 2022 – eine Stunde kraftspendende Zeit mit mir selbst und meinen Gedanken.

ALLE JAHRE WIEDER…

… durchkreuzt Weihnachten meine Pläne. Spätestens am Abend des 24.Dezember nehme ich mir felsenfest vor, im kommenden Jahr Weihnachten zu entfliehen und einfach nicht da zu sein. Doch dieser Vorsatz verwässert im Laufe des Jahres …

… und so kommt es zu „alle Jahre wieder“, sprich einem Treffen jener Familienmitglieder, mit denen ich noch Kontakt habe. Den überwiegenden Teil meiner ziemlich weitläufigen Verwandtschaft habe ich seit Jahren nicht gesehen – und das ist gut so, denn ich bin das „schwarze Schaf“. Also die, mit denen die anderen nichts anzufangen wissen, weil ich anders bin als sie. Mein Faible für tiefgründiges Hinterfragen und den Blick unter die Oberfläche traf stets auf Unverständnis. Gleichzeitig interessierte mich nicht die Gesprächsthemen der anderen.

Dennoch holen mich diese Themen immer wieder ein. Spätestens zu Weihnachten. Da treffe ich einige wenige nahe Mitglieder meiner Familie. Obwohl ich mir seit vielen Jahren vornehme, es anders zu machen, quasi das Ruder herumzureißen und einen neuen Kurs zu fahren, wird es doch stets das Tradierte – und Weihnachten 2021: über Stunden kreisten die Gespräche um Krankheiten, Todesfälle, Katastrophen. Nichts Positives. Keine Erkundigung was man gerade macht. Kein Feiern von Erfolgen. Kein wirkliches Interesse daran, wie’s dem anderen geht.

Das Schlimmste ist: ich kann mich nicht erinnern, dass es je anders war.

In einem auf Probleme fokussierten Umfeld aufzuwachsen, hat seine Spuren bei mir hinterlassen. Meine hochgradige Lösungsorientierung ist eine nützliche davon. Ein düsteres Weltbild, hartnäckige Selbstzweifel und kaum vorhandener Selbstwert waren weniger hilfreich, aber letztendlich fand ich auch dafür Lösungen und wurde, wer ich heute bin: ein feuriger Funken Lebensfreude – und damit der Gegenentwurf zu dem, was ich in meiner Familie wahrnehmen. Also doch das „schwarze Schaf“.

Heute, wenige Tage nach meinem „alle Jahre wieder Weihnachten“ frage ich mich, warum ich überhaupt noch den weihnachtlichen Versuch unternehme, meine Familie auf meinen lebensbejahenden Kurs zu holen. Ich sollte es längst wissen: Menschen kann man weder retten noch verändern, maximal auf diesem Weg begleiten, wenn sie es wollen und zulassen.

Trotzdem – das Kind in mir hätte so gerne eine heile Welt, eine glückliche Familie, wenigstens zu Weihnachten. Ein Wunschtraum seit Ewigkeiten, der 2021 unerfüllt blieb und es – realistisch betrachtet – auch in den kommenden Jahren bleiben wird. Mich damit abzufinden, ist wohl die aktuelle Lernaufgabe. Es Flut an negativen Input aushalten. Oder die Flucht zu ergreifen und einfach nicht mehr mitzuspielen. Das würde allerdings einige Menschen sehr verletzen, denen ich zwar schon x-mal erklärt habe, wie schlimm sich all das für mich anfühlt, die es aber nicht verstehen … nicht verstehen können, weil ihr Weltbild offenbar nichts anders zulassen kann als Krankheit, Tod und Katastrophen.

Mein Entscheidungsspielraum liegt also zwischen „halte es aus, obwohl du am liebsten schreiend davonlaufen oder schlimmeres tun möchtest, weil diese Negativität und das nicht gesehen werden  einfach nur weh tun“ und „sei die Ursache für den Schmerz anderer, weil du nicht da bist, obwohl sie dich auch nicht sehen, wenn du da bist“.

Dies ist offenbar mein persönliches „Kobayashi-Maru-Test“ https://de.wikipedia.org/wiki/Kobayashi-Maru-Test

Egal, was ich tue, es wird nicht ohne Schmerz funktionieren. Insofern ist meine Entscheidung klar: ich werde auch 2022 wieder einem Treffen beiwohnen, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wie in der Vergangenheit ablaufen wird. Ich tue dies den anderen zu Liebe und weil ich die Kraft habe, es auszuhalten, mich in Folge wieder auszubalancieren und auf meinem Kurs zu bleiben.

Das Leben ist nicht immer leicht, Entscheidungen nicht immer einfach. Aber sie bewusst zu treffen, macht die Freiheit spürbar, selbstbestimmt zu sein, und nicht mehr fremdgesteuert von dem „was im Unbewussten wirkt“ auf die emotionale Achterbahn geschleudert zu werden.

Manchmal darf man sich entscheiden, einen schwierigen Weg zu gehen.

Bild: pixabay.com

OAFOCH NUA GUAD GEH LOSSA oder

EINE GEWAGTE THEORIE

Ein Wochenende in den Gasteiner Bergen, über mir strahlend blauer Himmel, unter mir griffiger Schnee, und mir dazwischen geht’s einfach nur gut (übersetzt: oafoch nua guad). Ein Setting, das als Abschluss einer abwechslungsreichen Woche zu folgenden Gedanken geführt hat …

Ich brauche keinen Luxus, damit’s mir geht gut. Alles, was ich dafür brauche, ist der Freiraum sein zu können und sein zu dürfen, wer ich bin. Aber vielleicht ist das genau der größte Luxus im Leben? Sein zu dürfen und zu können, wer man ist. Im eigenen Rhythmus zu leben – was in meinem Fall (also bekennende Workoholic) nicht bedeutet, nichts zu tun. Eher schon das zu tun, was gut tut und Spaß macht. Aus meiner Sicht ist das DER Schlüssel für den Ausstieg aus der Fremdsteuerung durch Borderline (und generell für alle Menschen der Weg zu einem gelingenden Leben): gute Gefühle.

Deshalb präsentiere ich an dieser Stelle eine gewagte Theorie, die nicht auf wissenschaftliche Studien zurückgreift, sondern aus meinen empirischen Beobachtungen gewachsen ist. Eine gewagte Theorie über das (nicht) unstillbare Bedürfnis nach der Umarmung des Lebens.

Niemand kann verändern, was in der Vergangenheit geschehen ist. Immerhin gibt es keine Zeitreisemaschinen und wenn es sie gäbe, wer weiß, was die Menschen damit alles anstellen würden. Daher gilt aus heutiger Sicht: Was geschehen ist, ist geschehen. Es mag Wunden und Narben hinterlassen haben, schmerzhafte Erinnerungen, Ängste und Misstrauen … eine Menge negativer Emotionen, über die man schier endlos reden und sie analysieren kann. Aber ändert das etwas? Meine eigene Erfahrung: nein. Okay, man versteht, warum man in der Gegenwart ist, wer man ist, was die Ereignisse der Vergangenheit dazu beigetragen haben. Dennoch bleibt dieses Verstehen auf rationaler Ebene, und die Gefühle drehen sich weiter in ihrer emotionalen Endlosschleife.

Kleiner Denkanstoß nebenbei: viele Borderline wissen genau aus diesem Grund des ständigen Analysierens eine Menge über Psychologie und sind in der Lage, Psychotherapeuten zu täuschen, mehr unbewusst als bewusst, um jenes negative innere Bild am Leben zu erhalten, das in der Vergangenheit gezeichnet wurde.

Der Ausstieg bzw. der Schritt Richtung Heilwerdung beginnt damit, einem anderen, positiven, liebevollen Bild von sich selbst zuzustimmen – und das kann heftig sein, denn es können sich himmelhohe Hindernisse auftürmen und bodenlose Abgründe aufbrechen. Alles, nur um nicht in die Selbstliebe zurückzufinden, in das Gefühl, liebenswert zu sein, die Gewissheit, vom Leben umarmt zu sein und alles Glück dieser Welt um seiner Selbstwillen verdient zu haben.

Wie gesagt, nicht der Kopf sollte das denken, sondern das Herz es fühlen. Dazwischen liegen Welten!

Es sich einfach nur gut gehen lassen – das konnte ich Jahrzehnte nicht. Einfach nur das Leben genießen, im Hier und Jetzt, den Brain Traffic zum Stillstand bringen und den Augenblick erleben.

Gute Gefühle sind mein Weg und Schlüssel zu diesen beinahe magischen Momenten.

Ganz viele gute Gefühle.

Sie bewusst wahrnehmen, sie zum Ausdruck bringen, anderen davon erzählen, oder – in meinem Fall – darüber schreiben in Geschichten und Gedichten. Mir selbst vor Augen halten, dass es mir gut geht und dadurch jenes längst überholte Bild der Vergangenheit mit jedem Wort bunter, lebendiger, liebevoller, lebenswerter gestalten. Das ist mein Weg des Ausstiegs aus Borderline.

So einfach kann es sein?

Um ehrlich zu sein: ja.

Wenn ein Kind heranwächst ohne das Gefühl vermittelt zu bekommen, in Ordnung zu sein, so wie es ist (was in den meisten Fällen leider genau so geschieht), dann wird das Bedürfnis nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit nicht gestillt. Das Kind wird nie „satt“, fühlt sich nie um seiner selbst geliebt. In ihm entsteht eine Art „emotionales schwarzes Loch“, das alles aufsaugt, dessen es um jeden Preis habhaft werden kann, jede Form der Anerkennung (und seien es Schläge – und sie sind eine Form der Anerkennung, des „wahrgenommen werden“, wenngleich in einer schrecklichen Form.)

Das Kind wird heranwachsen, doch das unerfüllte Bedürfnis bleibt. Es wächst sogar mit. Deshalb laufen so viele Erwachsene in der Welt herum, die innerlich „hungrig“ sind nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit, und diese Bedürfnisse auf ihre jeweilige Art und Weise zu stillen versuchen. Doch das gelingt nicht dauerhaft, denn das emotionale schwarze Loch in ihnen ist nach wie vor ein Fass ohne Boden. Vor allem realisieren diese Menschen gar nicht, was sie bekommen, den ihr rationales Denken fokussiert auf den Ereignishorizont, also den noch sichtbaren Bereich des schwarzen Loches, in dem die Emotionen verschwinden werden, ohne anerkennend wahrgenommen zu werden.

Zu abstrakt?

Machen wir es einfach: Um das innere (negative) Bild durch gute Gefühle nachhaltig verändern zu können, ist es wichtig, diese guten Gefühle bewusst wahrzunehmen, sie anzuerkennen (ja, das, was man selbst nicht bekommen hat, soll man nun tun), sie wertzuschätzen (liebevoll auf sie zu blicken) und erst danach führen sie zurück in die Umarmung des Lebens (Geborgenheit pur).

Das es funktioniert, habe ich selbst erlebt.

Ob es für jeden funktioniert, hängt wohl davon ab, wie jeder es umsetzt. Ich denke: ja, aber man kann sich dabei auch auf vielfältige Weise selbst im Weg stehen (auch das durfte ich selbst erleben). Einmal mehr gilt es: Bedingungslos zu sich selbst JA zu sagen. Man muss nicht alles an sich selbst toll finden, aber es als Teil von sich selbst akzeptieren. Schließlich hat man die Freiheit, sich selbst nach Belieben weiterzuentwickeln, neues dazuzulernen, zu wachsen, ohne etwas von sich selbst abzulehnen. Ganz im Gegenteil: es als das zu achten, was es ist – ein Teil. Das große Ganze besteht aus vielen unterschiedlichen Teilen und sie alle haben ihre Berechtigung. Mit Ablehnung auf einzelne davon zu blicken, reißt Gräben in uns auf. Ihnen zuzustimmen und sie in Liebe zu umarmen, baut Brücken.

Die Conclusio meiner (nicht) grauen Theorie:

Lass es dir gut gehen, nimm dies bewusst wahr und heile dadurch die Wunden deiner Seele.

Oder anders (in meiner Bergsprache) gesagt: Loss da oafoch guad geh.

Bild: Lesley B. Strong (Blick ins Gasteiner Tal vom Stubnerkogel)

WER BIN ICH?

Die Frage aller Fragen … und wer den Film „Die Wutprobe“ mit Jack Nicholson und Adam Sandler kennt, weiß auch, dass es DIE Frage ist, die einen Menschen an und über seine Grenzen katapultieren kann, weil die Antwort darauf alles andere als einfach ist …

Es ist auch DIE Frage, die ich ganz gerne meinem Gegenüber stelle. So auch vor wenigen Tagen bei einem Spaziergang.

„Wer bist du?“

Die Antwort kam nicht wie aus der Pistole geschossen. Vielmehr begann eine längere Diskussion, in deren Verlauf ich auch meine eigene Antwort lieferte. Bevor ich diese hier verrate, hier noch eine kleine Geschichte, die ich während dieses Spaziergangs zum Besten gab – und die ich gefühlt bereits 1.000-mal erzählt habe:

In dem Moment, in dem unser Leben entspringt, gleichen wir einem Kristall, funkelnd in allen Farben des Regenbogens, unendlich klar, unendlich viel Potenzial, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Bereits im nächsten Augenblick beginnen die anderen Menschen um uns damit, uns zu formen, in dem sie uns zeigen und sagen, wer wir sind, welche Rolle wir einnehmen und was wir zu tun haben. Alle diese Botschaften schreiben sie auf Post-It und kleben sie auf den Kristall. Man nennt das auch Konditionierung, Erziehung …

Im Laufe der Jahre werden es immer mehr von diesen klebrigen Zettelchen. So viele, bis wir eines Tages auf uns selbst blicken und nur mehr die Post-It und ihre Botschaften erkennen können. Der Kristall verschwindet völlig aus unserer Wahrnehmung. Vielleicht bleibt eine dumpfe Ahnung, dass da etwas ist, was wir nicht wirklich fassen können. Vielleicht fühlen wir eine undefinierbare Leere in uns, suchen im Außen nach etwas, ohne es genau benennen zu können?

Werden wir eines Tages gefragt: „Wer bist du?“ wird die Antwort etwas von dem sein, was auf den unzähligen klebrigen Zettelchen von anderen hinterlassen wurde. Wie könnte es auch anders sein? All die Bilder, die andere von uns gezeichnet haben, sie prägen das Bild, das wir von uns selbst haben. Viele spüren intuitiv, dass sie die Frage nicht wirklich beantworten können. Manche werden aggressiv (wie im o.g. Film), andere frustriert. Oder sie resignieren.

Einige brechen auf zu einer Reise nach innen, um all die Post-It-Botschaften zu hinterfragen, passende zu behalten, andere zu verwerfen. Sie arbeiten sich vor bis zu jenem Kern, der sich unter den Klebezetteln verbirgt, bis zu ihrem wahren ICH.

An jenem Punkt fand ich inneren Frieden, schier unerschöpfliche Kraft und bedingungslose Lebensfreude … und meine Antwort auf die Frage: „Wer bist du?“

Ich bin ein feuriger Funken Lebensfreude – und darüber hinaus alles, was ich sein will und aus mir mache.

Diese Antwort – oder besser: das Gefühl, das damit verbunden ist – holt mich in kürzester Zeit zurück in den Zustand von Ruhe und Gelassenheit. Ganz gleich, wer oder was mich gerade getriggert hat. Dieses Gefühl ist mein Fels in der Brandung. Mein Anker, der mich mit mir selbst verbunden hält. Mein Ausstieg aus Borderline.

Damit endete meine Geschichte während des Spaziergangs. Es bleibt abzuwarten, was die andere Person daraus machen wird. Eine Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ erhielt ich an diesem Tag nicht mehr. Auch nicht am nächsten. Oder übernächsten. Vielleicht hat die Reise nach innen für diesen Mensch auch gerade erst begonnen. Meine dauert bereits länger an.

Hinter dem Spiegel (der klebrigen Zettelchen), unter der Oberfläche des (konditionierten) Offensichtlichen fand ich mich (zwischen den Zeilen) selbst … daraus wurde mein Motto:

Find me … between the lines … behind the mirror … beyond the surface

Ein wenig theatralisch, philosophisch und kunstvoll vage.

Wer bin ich? Nicht nur für Borderliner kann es eine Herausforderung sein, diese Frage zu beantworten. Die Antwort darauf kann so viel mehr sein als „nur“ eine Aussage. Für mich hat sie mein Leben um 180 Grad gewandelt. Seit ich den feurigen Funken Lebensfreude in mir fühlen kann, hat die Dunkelheit keine Macht mehr über mich. Sie zeigt sich ab und zu, doch sie bleibt nicht. Kann sie gar nicht, denn … wie viel Licht braucht es, um die Dunkelheit zu durchbrechen? Die Flamme einer kleinen Kerze genügt, und die Finsternis weicht. Ein Funke …

Wer ich bin?

A fiery spark of joie de vivre … ein feuriger Funken Lebensfreude

Wer bist du?

Bild: pixabay.com

ENGEL OHNE FLÜGEL

„Da Engel nicht überall sein können, gibt es Menschen wie dich.“ … über diesen Satz bin ich vor wenigen Tagen gestolpert. Er brachte mich zum Nachdenken.

Spontan rief dieser Satz die Erinnerung an Menschen wach, die ich meine „Engel“ nenne, weil sie ganz einfach für mich da waren, als ich sie brauchte. Im Privatleben, im Job, bei einer Panne …

Engel haben nicht immer Flügel. Manchmal laufen sie sogar eine Zeitlang auf Krücken – wie einer meiner aktuellen Engel. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden sie eher Hilfe brauchen als anderen helfen können, doch dieser erste Blick täuscht. Ich gehe davon, dass besagter Engel diese Zeilen lesen wird. Möglicherweise schleicht sich ein kleines Tränchen im Augenwinkel an, wenn ich meinen heutigen Blog ihr sowie all jenen anderen Engeln widme, die mir auf meinem Lebensweg begegnet sind.

An dieser Stelle ein riesengroßes, von Herzen kommendes DANKE an alle meine Engel.

DANKE, dass es euch gibt.

Meine Engel waren nie ganz nah an mir dran, weder mit mir verwandt noch Lebenspartner. Zumeist waren sie mehr Bekannte als enge Freunde, doch das hielt sie nicht davon ab, für mich da zu sein.

Es gab eine Menge Engel auf meinem Lebensweg.

In der Adventzeit, kurz vor Weihnachten, neige ich zum Reflektieren über Vergangenes. Manch einer mag sich vielleicht denken, dass ich ein wenig sentimental bin. Unterstützung von anderen Menschen zu erfahren, ist an sich nichts Außergewöhnliches in einer funktionierenden Gesellschaft. Das mag auch stimmen, dennoch – für mich hat diese Reflexion etwas ganz Besonderes, denn sie erinnert mich daran, dass ich nie wirklich allein war.

Egal, wie be**** die Situation auch war, wie frustrierend, aussichtslos, hoffnungslos, erdrückend, belastend, schmerzhaft und endlos es sich anfühlte, es gab stets Menschen um mich, die mir ihre Hand reichten.

Mir diese Tatsache bewusst zu machen, verändert nachträglich den Blickwinkel auf vieles in meinem Leben. Zu spüren, dass andere da waren und sind, wenn ich mal eine Schulter zum Anlehnen, jemand um Reden oder einfach nur zum Lachen brauche, schafft ein Gefühl der Ruhe und Gelassenheit in mir.

Es geht nicht darum, dass mich diese Engel immer verstehen. Vermutlich haben das die wenigsten, aber sie waren und sind da. Das zählt. Dem Irrtum des „Alleinseins“ in mir eine Erfahrung das „Dazugehörens“ gegenüberzustellen.

Ich chatte häufig mit anderen Borderlinern. Viele von ihnen berichten davon, sich allein zu fühlen, unverstanden, abgelehnt – Gefühle, die mir vertraut sind, die meine Wirklichkeit über viele Jahrzehnte geprägt haben. Doch der Rückblick offenbart die (Selbst)Täuschung. Es gab stets auch das, was ich damals nicht wahrnehmen konnte, weil mein inneres Bild permanent auf das, was fehlte fokussierte und dabei übersah, was längst da wahr. Mangeldenken in Reinkultur.

Die Engel waren und sie stets da. Häufig sind es nicht jene Menschen, die wir gerne in diese Rolle stecken würden, sondern ganz andere. Vielleicht übersieht man sie deshalb manchmal? Sie sind auch keine überirdischen Wesen, geistig verklärt oder mystisch angehaucht. Meine Engel sind Menschen durch und durch, mit allem, was dazugehört. Stärken ebenso wie die eine oder andere Schwäche. Absolut nicht perfekt, doch wann immer sie helfen können, packen sie zu. Ein Herz aus Gold schlägt in ihrer Brust, das vielleicht die eine oder andere Narbe abbekommen hat, doch nichts von seiner Güte eingebüßt hat. Sie brauchen keine Flügel, um Engel zu sein.

Wenn ich mir in dieser Adventzeit etwas wünsche, dann ist es dies: Mögen viele Menschen die Engel in ihren Leben erkennen und beginnen, selbst auf den Pfaden der Engel zu wandeln und für andere da zu sein. Ein kühner Gedanke, eine wundervolle Vision. Was könnte daraus alles entstehen?

Bild: pixabay.com

PANISCH … MANISCH … oder doch nur MENSCHLICH?

Dienstag, 23. November 2021. Lockdown Tag 2 in Wien. Eine ziemlich volle U-Bahn. Jede Menge Menschen mit FFP2-Masken verhalten sich, als wären sie unsichtbar – oder unerreichbar. Mit leerem Blick sitzen oder stehen sie rum, manche swishen am Handy. Nur mit niemand anderem in (Blick)Kontakt treten. Null Lebendigkeit. Zombie-Modus.

Und ich mittendrin.

Ich mit Ohrstöpsel und dem Sound von ABBA’s Waterloo mittendrin, der meine Füße unruhig werden lässt.

Verdammt, ich kann und will nicht stillstehen. Mir ist nach … tanzen!

Was soll’s … der Rhythmus hat mich und ich hab‘ den Rhythmus. Mitten in Wiens düsteren Eingeweiden, sprich in der U-Bahn. Ruckelnd kommt die Garnitur zum Stillstand. Ich steige aus und tänzle rüber zum Bahnsteig.

Erste panische Blicke rundum. Ist die denn noch normal? Tanzen am Bahnsteig? Geht gar nicht. Schon gar nicht in Zeiten wie diesen …

Was hat die sich denn reingezogen? Höre ich unausgesprochene Gedanken. Vielleicht ein bisschen irre? Um nicht zu sagen: psychisch fragwürdig.

Manisch?

Sorry, Fehlanzeige. Ich bin nicht manisch, durchgeknallt oder sonst irgendwie „daneben“.

Die Realität mit allem, was derzeit geht und was nicht, welche Risiken und Gefahren bestehen, ist mir nur allzu bewusst. Im Job bin täglich mit menschlichen Schicksalen konfrontiert. Viele davon alles andere als leicht – und ich nehme kein einziges davon auf die leichte Schulter, sondern mit dem gebührenden Respekt. Und einer großen Portion Pragmatismus.

Wird irgendetwas besser, wenn ich mit hängendem Kopf bewegungslos am Bahnsteig stehe und in die Leere starre? Hilft das auch nur einem einzigen Menschen?

Garantiert nicht. Ganz im Gegenteil.

Etwas Wesentliches – um nicht zu sagen: Existenzielles – geht dabei verloren: menschliche Wärme!

Ein Lächeln. Lächeln wirkt ansteckend. Das ist erwiesen. Selbst FFP2-Masken können echtes Lächeln nicht verbergen, denn es zeigt sich in leuchtenden Augen. Und vielleicht auch in tänzelnden Schritten.

Freude über Kleinigkeiten wie den Lieblingssong kann überspringen. Wie ein Virus. Ein „Lebensfreude-Virus“.

Wieder einmal eine wunderbare Gelegenheit, auf Viktor Frankl und sein Buch „Trotzdem JA zum Leben sagen“ zu verweisen. Eines DER prägenden Bücher meines Lebens. Sich von den Umständen nicht kaputt machen zu lassen, sondern Lebensmut, Zuversicht und Lebensfreude zu bewahren, egal, wie schlimm es auch gerade ist – das habe ich mir aus diesem äußerlich unscheinbaren Büchlein mitgenommen. Seine Botschaft benötigt weder Glitzer noch Eye Catcher:

Trotzdem JA zum Leben sagen

Für mich bedeutet das, auch in Zeiten einer Pandemie meine Lebensfreude zum Ausdruck zu bringen und mit anderen zu teilen. Lebensfreude ist ein essentieller Teil meines Menschseins. Ich will und werde sie nicht aufgeben, trotz Covid-19, Lockdown und all dem, was damit einhergeht. Trotzdem sage ich JA zum Leben.

Deshalb habe ich ein kleines soziales Experiment gestartet: Wann immer ich auf einem Bahnsteig warte, tanze ich.

Ich bin schon neugierig, was zuerst passieren wird: Das jemand sich von mir anstecken lässt und mittanzt, oder das ich „eingeliefert“ werde. Panische Blicke konnte ich bereits einige wahrnehmen.

Wie kann man nur? (unausgesprochene Frage)

(Schulterzucken meinerseits) Ich kann. Ich bin ein Mensch, von Natur aus lebendig, lebensfroh und kommunikativ.

Gegenfrage: Wie kann man nicht?

Wird irgendetwas besser, mitten unter Menschen zu sein und so zu tun, als wäre man gar nicht da oder die anderen unsichtbar? FFP2-Masken und Abstand halten sind eine Sache. Mitmenschen zu ignorieren eine gänzlich andere.

In kalten Zeiten wie diesen ist menschliche Wärme gefragt.

Ein Lächeln (der Augen). Geteilte Freude. Einfach Mensch(lich) sein.

(Bild: pixabay.com)

VON MENSCHEN UND ALIENS

Vergangene Woche habe ich fünf Tage ich als Ausstellerin auf der Buchmesse Wien verbracht. Nach beinahe 2 Jahren Corona mit mehreren Lockdown-Phasen plötzlich wieder mit hunderten, tausenden Menschen innerhalb kürzester Zeit konfrontiert. Eine spannende Erfahrung.

Nach wie ist da diese Ambivalenz in mir.

Einerseits das wunderbare Gefühl, inmitten vieler (mit ähnlichen Interessen, weil Buchliebhaberinnen) zu sein, sich in der Menge wie in einer Welle treiben zu lassen, zuhören und zu erzählen, hin und wieder auch ein wenig im (kleinen Rahmen) im Mittelpunkt zu stehen. Ein buntes Treiben, vielfältig, menschlich.

Anderseits die erdrückende Flut negativer Emotionen, unterdrückte Ängste, ungelöste Konflikte. Flüchtige Blicke, die taxieren und ablehnen. Menschen mit all ihren Problemen auf der Flucht vor sich selbst – bewusst oder unbewusst. Unsichtbar zu sein für jene, deren Wahrnehmung geblendet ist von dem, was sie nicht sehen wollen. Ein starres Verharren, komplex, menschlich.

Dazwischen fühle ich mich wie ein Alien. Vielleicht werde ich auch von einigen so gesehen. Wer tanzt schon in der U-Bahn von Wien zur Musik von ABBA? Mir ist noch niemand begegnet. Ich bin … anders.

Wie anders, das haben mir etliche Gespräche auf der Messe bestätigt. Meine Bücher gehören nicht zum Mainstream, daher erzähle ich gerne etwas über die Hintergründe. Kaum fällt das Wort Borderline, geht’s auch schon los mit den Geständnissen. 4 von 5 berichten, dass sie mindestens einen Borderliner in ihrem Umfeld kennen. Schneller als mir lieb ist, höre ich Lebensgeschichten bzw. agiere stabilisierend im Sinne von Coaching, weil etwas in den Menschen aufbricht. Da sind Schuldgefühle ebenso dabei wie Hilflosigkeit. Oder Verzweiflung, wenn die Story ein trauriges Ende nimmt. Unverständnis in vielen Fällen. Bewunderung, dass ich es „geschafft“ habe und es mir so gut geht. Wie ich das denn hinbekommen habe?

Die Antwort, die auf diese Frage folgt, hören die Menschen zwar, aber ob die Botschaft immer gehört wird, daran zweifle ich.

Die eigenen, inneren Konflikte auflösen, ohne Wenn und Aber auf sich selbst zugehen und annehmen, was man findet … Zustimmung ja, aber Umsetzung???

Menschen sind Menschen. Sie lernen erst, wenn der Leidensdruck groß genug ist, das hat meine weise Lucy gerne gesagt. Und sie behält bis heute recht. Leiden statt lösen. Ich kann nur hoffen, dass viele – so wie ich – eines Tages aufwachen und das Leid beende. Liebe macht das Leben unendlich lebenswerter, lebendiger, lustvoller, …

Wer weiß, vielleicht bin ich eines Tages ein in der U-Bahn tanzendes Alien inmitten ganz vieler anderer in der U-Bahn tanzenden Aliens … und die „Normalen“ sind die Ausnahme. Was für eine Vorstellung!

Bild: pixabay.com

WENN DIR DAS LEBEN DEN STINKEFINGER ZEIGT …

… sind Gelassenheit, Pragmatismus und eine riesengroße Portion Humor gefragt.

Mein aktueller Status: Der linke Knöchel schmerzt nach dem Bänderriss vom letzten Jahr immer noch. Im rechten Knie eine Baker-Zyste, die linke Hand im Gips und rechts ein Tennis- bzw. Strickarm. Und damit das Ganze nicht nur körperlich zwickt, rumpeln meine Emotionen über eine Achterbahn, von himmelhochjauchzend bis zu düsterem Weltschmerz … und ich habe keine Ahnung, was diesen Stimmungshöllenritt ausgelöst hat. Es gibt keinen Grund für trübe Gedanken. Vielleicht hat mich was getriggert? Vielleicht sind es die Hormone? Das Wetter? Der Mondstand?

Ich weiß nur eines: es ist zaaaach.

Normalerweise tippe ich fast so schnell wie ich denke. Und jetzt? Meine Gedanken überholen die Buchstaben mehrfach, die ich mit 5+3 Finger ungelenkig in die Tasten klopfe.

Das Leben hat mich ausgebremst.

Eine Lektion in Geduld – und Dankbarkeit.

Dankbar zu sein dafür, mir meiner selbst, meiner Kraft und meines Lebenswillens derart bewusst zu sein, dass ich den düsteren Impulsen – woher auch immer sie kommen – nicht folge. Diese Phase wird vorüber gehen, wie alles im Leben.

Wenn ich heute darüber berichte, dann nicht um Mitleid zu ernten. Vielleicht können meine offenen Worte anderen helfen, die sich in ähnlich (ver)irren(den) Situationen wiederfinden und Gefahr laufen, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Das Leben zeigt uns nämlich nicht den Stinkefinger. Was danach aussieht, ist nichts anderes als ein Wellental nach einem Wellenberg.

Die Wellen des Lebens. Mal geht’s rauf, dann wieder runter. Absolut nichts Neues. Dennoch blenden wir es gerne aus. Wie verführerisch sind die Versprechen von immerwährender Glückseligkeit – und wie illusorisch. Wer auf einen Gipfel will, beginnt seine Reise im Tal. Doch niemand bleibt ewig auf dem Gipfel. Es geht auch wieder runter. Und wieder rauf … Wellenreiten ist auch ein wunderbarer Vergleich. Runterfallen gehört dazu.

Rettungsring Pragmatismus. Mit dem Schicksal zu hadern, ändert nichts. Mich über meine ungeschickte Aktion beim Basketball oder meine exzessiven Strickallüren zu ärgern, lässt den Gips nicht verschwinden. Es ist, was es ist.

Ich nutze meine aktuelle Situation auch für humorvolle Spekulationen: Nachdem zwei Finger meiner linken Hand im Gips stecken, fällt sie zum Eincremen des rechten Tennisarms aus. Meine linke Fußsohle bietet sich ersatzweise dafür an. Allerdings könnte ich mir bei dieser Aktion den Rücken verrenken, was wiederum die Sanitäter erheitern würde, die mich entknoten müssten.

Über mich selbst schmunzelnd erinnere ich mich an eine Geschichte in einem Buch von Osho. Darin ging es um einen weisen Zen-Meister, der – so sehr es ihn auch in seinem Herzen schmerzte – seinen Schüler aus dem Fenster schubste, wenn dies für dessen Weg zur Erleuchtung hilfreich war. Das Leben ist für mich eine weise, mitunter linkische Zen-Meister*in. Nicht jede Lektion ist leicht oder gar angenehm. Doch wie heißt es so schön: Fernab der Welt in der Einsamkeit einer Höhle im Einklang mit sich selbst zu leben ist eines, inmitten des hektischen Alltags etwas gänzlich anderes.

In diesem Sinne zeigt mir das Leben nicht den Stinkefinger, sondern lädt mich ein die Brandung zu fühlen…

Bild: pixabay.com

BIST DU NICHT WILLIG …

… steig ich für dich auf die Bremse. So ungefähr lassen sich die Ereignisse der vergangenen Woche in einem Satz darstellen.

Ein durchgetakteter Kalender, Pflicht ebenso wie Kür (sprich: Spaß). Dennoch kaum Zeit zum Nichtstun. Also warf das Leben meine Agenda kurzerhand um und verpasste mir eine Gipshand, die aktuell einiges verhindert. Spazierengehen statt Fitnessstudio. Nachdenken. Was will mir das Leben (oder mein Unterbewusstsein) sagen? Einige Warnzeichen hatte ich bereits ignoriert und meinen Kurs durchgezogen. Aber nun ging es nicht mehr. Zeit für einen neuerlichen Blick hinter den Spiegel.

Es gibt da etwas in meinem Leben, das nicht so läuft, wie ich es gerne hätte. Das frustriert mich und führt gleichzeitig zu außerordentlichem Engagement. Zu viel des Guten? Loslassen? Das Thema zeigte sich zu schnell, zu klar, zu simpel. Für mich ein klassisches Ablenkungsmanöver. So „einfach“ konnte es nicht sein. Dafür waren die Auswirkungen zu komplex. Da half nur eines: raus in die Natur.

Wenn der (von Menschen gemachte) Lärm um uns verstummt, hören wir wieder die Stimme des Lebens in uns.

Dieser weise Satz stimmt tatsächlich aus meiner Tastatur. Was wäre naheliegender, als danach zu handeln.

Unweit von mir liegt ein 52 Hektar großes hügeliges Waldgebiet mit unzähligen Wegen, auf denen man stundenlang wandern kann, ohne Menschen zu treffen. Optimal – abgesehen davon, dass ich meistens woanders lande als geplant. Aber nachhause fand ich bisher noch immer.

In der Stille des Waldes blickte ich in meinen Spiegel. Da gab es etwas, dass ich nicht sehen, mir nicht eingestehen wollte. Das, was nicht so lief, wie ich wollte, ist eine zwischenmenschliche Beziehung, die kraftvoll gestartet hatte und nun irgendwie stagnierte. Dieser Stillstand ist frustrierend – und gleichzeitig beruhigend, denn ein Teil von mir fürchtet sich davor, verletzt zu werden. Nach dem Crash von 2020 nicht verwunderlich. Dennoch etwas, das ich mir eingestehen muss. Nicht mein Denken fürchtet sich, das kommt auch damit klar. Ein anderer Teil von mir tut das nicht. Dieser Teil wurde so tief verletzt, dass selbst Zuneigung und Vertrauen innerhalb jener Beziehung nicht reichen, um die Furcht in mir zum Schweigen zu bringen.

Wie stark diese Furcht war, zeigte sich bei jeder Treppe, die ich hinab schritt. Der Crash 2020, also das dramatische Ende meiner 24-jährigen Beziehung, ist untrennbar mit dem Sturz auf der Treppe, dem Bänderriss und seinen Folgen verbunden. Bis heute erfasst mich Unsicherheit, wenn ich eine Treppe hinabgehe, starre ich auf jede einzelne Stufe, fühle ich mich unwohl. Früher lief ich Treppen „blind“ hinab. Heute undenkbar. Der Schock der Trennung, die extremen Emotionen, haben sich tief in das Körpergedächtnis eingeprägt und beeinflussen immer noch meine Bewegungen. Warum sollte meine emotionale Innenwelt davor verschont bleiben?

Es geht mir nicht darum, diesen Umstand in irgendeiner Form zu bewerten. Oder gar darunter zu leiden, mich als Opfer zu sehen. Das bin ich nicht. Aber ich halte es für wichtig, mir bewusst zu machen, was – noch immer – in mir wirkt, um damit gut umgehen zu können.

Möglicherweise war meine straff getaktete Agenda ein Versuch, diesem Blick in den Spiegel auszuweichen, die Frustration zu übertönen, mir anderweitig Befriedigung zu holen … zutiefst menschliche Strategien.

Ich bin nur ein Mensch. Lebenskrisen können mich wie jeden anderen auch aus der Bahn werfen. Zäsuren gehen nicht spurlos an mir vorüber. Ambivalente Gefühle gehören manchmal dazu. Das darf so sein. Deshalb bin ich weder schwach noch lebensunfähig, sondern einfach nur menschlich.

Gut möglich, dass ich deshalb vom Leben eingebremst wurde, um mir all dies bewusst zu machen, den verletzten Teil in mir zu umarmen, mir Zeit für mich selbst zu nehmen. Immerhin hat das Leben mir nicht ein Gipsbein verpasst, sondern nur eine Gipshand. Gedankenreiche Spaziergänge durch die Natur, um meine innere Stimme deutlicher zu hören, darf und kann ich führen.

Auf meinem heutigen Spaziergang entstand auch das Bild zu diesem Beitrag. Aufgenommen an jener Stelle, an der sich mir die Zusammenhänge offenbarten.

EIN GOLDENER KÄFIG

… so nenne ich manchmal die menschliche Komfortzone. Dieser Begriff beinhaltet als das, was ein Individuum kennt und kann … andere Menschen, Orte, Tätigkeiten … alles, was vertraut ist, wenngleich es nicht immer angenehm sein muss. Aber zumindest weiß man, was es ist, kann das Risiko einschätzen und sich einigermaßen „sicher“ fühlen. Deshalb golden.

Außerhalb dieser Komfortzone lauert das Unbekannte auf jeden von uns. Orte, die wir nicht kennen. Menschen, denen wir noch nie begegnet sind. Tätigkeiten und Handlungen, die wir noch nicht getan haben und daher nicht wissen, ob wir das können. Was wiederum impliziert, dass wir damit gewaltig auf die Nase oder anderes fallen können. Und dies zum Amüsement anderer. Oder zu unserem eigenen (finanziellen oder anderen) Ruin. Weshalb nahezu jeder Mensch über einen gewissen „inneren Wächter“ verfügt, der uns davon abhält, allzu voreilig und unbedacht aus unserer Komfortzone zu stürmen. In gewisser Weise wird sie durch diesen inneren Wächter zu einem Käfig, der uns schützen soll, aber eben auch einsperrt.

Unser goldener Käfig aka Komfortzone ist schon etwas Geniales, ebenso wie etwas Problematisches.

Letzteres speziell dann, wenn wir etwas in unserem Leben verändern wollen in Sinne von etwas Neuem, dem wir uns erstmals widmen. Dann nämlich mahnt unser innerer Wächter zu (häufig übertriebener) Vorsicht, erinnert an vergangene Episoden des Scheiterns und prophezeit eine Wiederholung, dämpft jene Energie, die uns voran treiben würde … Ich denke, auch ohne dies weiter auszuführen kann sich jeder vorstellen, was ich meine oder auf eigene Erinnerungen zurückgreifen.

Heute finde ich es amüsant und erschreckend zugleich, wie lange ich mich von meinem inneren Wächter kontrollieren ließ, ohne die von ihm prognostizierten Schreckensbilder auf ihre Relevanz hin zu hinterfragen. Ich könnte mir selbst also eine gewisse „konsequente Lernresistenz“ attestieren (die glücklicherweise zwischenzeitlich ausgestanden ist) oder es nobler formulieren: Ich nahm mir reichlich Zeit zur empirischen Überprüfung gewisser Theorien im Selbststudium. Wie auch immer …

Die Kernaussage bleibt dieselbe: ich stand mir selbst im Weg bzw. hockte in meinem goldenen Käfig und starrte hinaus in die weite Welt mit Wunschträumen im Kopf, die ich nicht umzusetzen wagte.

Bei diesen Wunschträumen handelte es sich nicht um Weltbewegendes. Ganz im Gegenteil. Im Grunde waren es „banale“ Dinge, wie einfach meine Gefühle und Bedürfnisse anderen Menschen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Oder einfach mal zu tanzen, wenn mir danach war und die Musik meine Beine lockte. Ein Selfie zu machen und dies zu teilen.

Wenn ich so darüber nachdenke, waren und sind genau jene „Banalitäten“ mitunter „weltbewegend“ – sie bewegten nämlich meine eigene „Welt“, denn sie waren kein Teil meiner Komfortzone. Aus der musste ich raus, um eben jenes tun zu können. Raus aus dem goldenen Käfig hinein in eine unbekannte Dimension des Lebens.

Was würde mich dort erwarten? Heute kenne ich die Antwort, aber bevor ich sie verrate, noch ein paar weitere Gedanken.

Ohne Übertreibung treffe ich gefühlt täglich Menschen, die aus ihrem goldenen Käfig in die Welt hinausstarren. Längst habe ich aufgehört, aktiv nach den Gründen für ihr Verharren in ihrer Komfortzone zu fragen. Auch wenn diese Gründe auf den ersten Blick sehr unterschiedlich erscheinen mögen, im Kern geht es stets um dasselbe: sie stehen sich selbst im Weg bzw. überlassen ihrem inneren Wächter die Kontrolle über ihr Leben. Dieser Wächter sollte jedoch nur als Berater fungieren, nicht als Steuermann oder gar Kapitän. Für diese Funktion fehlt dem Wächter nämlich der komplexe Weitblick und die Vision der Veränderung.

Stichwort Veränderung. Einer der beliebtesten Gründe, in der Komfortzone zu verharren, und sich selbst den Schritt hinaus zu verwehren, ist diese.

„Veränderung ist schwer.“

Schade, dass du gerade nicht das leicht süffisante Lächeln in meinem Gesicht sehen kannst, wenn ich in meinem Kopf jenes formuliere:

„Veränderung ist stets so schwer oder leicht, wie du dir selbst erlaubst, dass sie sein darf!“

Mit dieser Aussage habe ich schon so einiges ausgelöst. Von Verärgerung und wortlosen Abgang, bis zu beschämtem Erröten oder verständnislosem Kopfschütteln. Dabei ist sie absolut logisch und nachvollziehbar. Das gesamte „Problem“ inklusive goldenem Käfig, innerem Wächter und Erinnerungen an Scheitern existiert ausschließlich in unserem Denken. Wer sonst als wir selbst kann uns in unserem Denken im Weg stehen? Natürlich wird manchmal versucht, die „Schuld“ für das eigenen Denken auf jene zu schieben, die verursacht haben, dass man so denkt wie man denkt …

Naja, Ausreden gibt’s viele auf dieser Welt. Mindestens so viele wie es Menschen gibt. D.h. die Ausreden werden täglich mehr. Aber im Fall eines erwachsenen, mündigen und sich selbst als handlungsfähig einstufenden Menschen sind dies Ausflüchte, denn sich aus der Fremdsteuerung durch Konditionierung zu befreien, ist Teil des Entwicklungsprozesses eines jeden Menschen. Somit auch Teil unserer individuellen Verantwortung der Menschheit gegenüber.

Wenn ich dich an dieser Stelle aus deiner eigenen gedanklichen Komfortzone schubse, kann ich nur sagen: „Willkommen im Club“. Mir erging es vor vielen Jahren genauso. Ich war einst eine Weltmeisterin der Ausreden, der Schuldzuweisungen an andere und des Verharrens in der Opferrolle. Dies war mein goldener Käfig, der mich davon abhielt, meine Zeit hier auf Erden nach meinen Bedürfnissen, Wünschen und Vorstellungen zu gestalten. Der mich davon abhielt, voller Lebensfreude das Wunderbare im Alltäglichen zu entdecken und dankbar für jede – wirklich jede – Erfahrung meines Lebens zu sein.

Meine persönliche Komfortzone ist längst kein goldener Käfig mehr, sondern ein dynamisches, vielfältiges, sich ständig erweiterndes Haus. Meine persönliche Villa Kunterbunt. Jedes Mal, wenn ich einen Fuß aus dem Haus hinaus in die Welt setze, weiß ich – fühle ich – dass mich eine Umarmung des Lebens erwartet. DAS ist einer jener Wunschträume, die für mich real wurden, als ich wagte, meinen goldenen Käfig namens Komfortzone zu verlassen.

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