HINTER DEN KULISSEN

Mein Blick streift durchs Fenster hinaus in die Weite, bis hinüber zum wolkenverhangenen Hochkönig. Im Hintergrund das monotone Ticken der alten Uhr mit dem Holzrahmen über dem Eingang. Meistens empfinde ich mechanisches Tick-Tack störend, doch an diesem Ort bestätigt es mir, dass meine Suche erfolgreich war. Stille – hier oben auf beinahe 1.600 m Seehöhe, kurz vor Sonnenuntergang, sinkt der Anteil an menschlich erzeugten Geräuschen. Vögel zwitschern, Kühe schnauben. Frequenzen der Natur, harmonisch, erdend, ganz anders als die Lärmkulisse des Alltags.

Einige Tage Rückzug in die Berge. Seele baumeln lassen, Natur inhalieren, Energie tanken.

Seit mehreren Wochen arbeite ich (wieder einmal) noch mehr als das übliche „viel“ – und das mit Begeisterung, weil es Spaß macht, sinnvoll ist, ich mich mit all meinen Kompetenzen so richtig im Flow austoben kann. Modern formuliert: I am in the zone! Klar, anstrengend ist es auch. Bei aller Begeisterung ruft der Körper nach einiger Zeit – völlig zu Recht – nach einer Pause.

Deshalb sitze ich nun am Berg und lasse meine Gedanken driften.

Um nachvollziehen zu können, was mich bewegt, warum ich (wieder einmal) ans Limit gehe und dabei auch noch hoch motiviert bin, braucht es wohl etwas mehr an Kontext. Deshalb nun erstmalig ein Blick hinter die Kulissen. Dass ich Bücher schreibe (wenn ich Zeit dafür finde) ist wohl bekannt. Was mich meistens vom Schreiben abhält, könnte ich vereinfacht als Job bezeichnen. Doch es so viel mehr.

Während ich als Autorin bestrebt bin, Klischees und Vorurteile in Bezug auf Borderline & Co zu hinterfragen und dem allgemeinen Bild eine stärkenorientierte Facette hinzuzufügen, habe ich in meinem Job die Möglichkeit, Projekte für Menschen mit multiplen Problemstellungen zu entwickeln, zu gestalten und zu leiten. Auch wenn diese Projekte keine therapeutische Ausrichtung haben, es geht dabei stets auch um Abbau von Blockaden und Aufbau von Ressourcen und Kompetenzen um eigenverantwortlich, eigenständig und selbstbestimmt zu leben. Viel zu oft stehen dabei die eigenen Glaubenssätze und hemmende Überzeugungen im Weg. Als Autorin schreibe ich Geschichten, um zu neuen Gedanken zu inspirieren. Im Job schaffe ich Räume, in denen neue Gedanken entstehen und erprobt werden können. Mehr noch. Ich komme in Kontakt mit Entscheidungsträgern und kann auch dort wirken – unter anderen dadurch, dass ich offen zu meiner Borderline-Persönlichkeit stehe und sichtbar mache, welche Stärken für mich damit verbunden sind.

Ich zeige, was es noch sein kann – und bin mit vollem Einsatz dabei.

Bis vor kurzem war mir selbst nicht bewusst, wie stark beide Bereiche meines Lebens ineinandergreifen und sich auf dasselbe Ziel ausrichten: neue Perspektive aufzeigen und Potenziale entwickeln.

In der analogen Welt etwas aufzubauen, dass hunderte Menschen innerhalb eines Jahres unterstützen kann, lässt mich guten Gewissens meine selbst gesetzten Zeitvorgaben für das aktuelle Buchprojekt hinausschieben. Oder mich wochenlang den sozialen Medien fernbleiben.  Nach all dem, was in meinem Leben geschehen ist, all den großen und kleinen Katastrophen, den Jahren auf der emotionalen Achterbahn, bin ich an einem Punkt angekommen, den ich mir früher niemals hätte vorstellen können.

Ich bin präsent. Meine Stimme wird gehört. Meine Meinung wird respektiert, mein Beitrag geschätzt. Aus einer Frau mit Diagnose wurde eine Frau mit Expertise. Ich lebe, worüber ich schreibe – und was ich schreibe, lebe ich. Dafür gibt es ein Wort: Authentizität!

Teil meiner Authentizität ist es, gleichzeitig echt gut drauf und echt müde zu sein. Deshalb sitze ich nun hier oben am Berg und gönne mir eine Auszeit – vor und hinter den Kulissen.

SCHICKSAL, BESTIMMUNG, GÖTTLICHER PLAN ODER …

… Zufall? Freier Wille? Was taktet unser Leben? Allzu oft erscheinen Ereignisse perfekt getimt. Sind sie das? Oder sind sie schlichtweg die logische Konsequenz dessen, was wir in uns tragen und um uns auslösen?

Ist es wichtig, die Antwort auf diese Fragen zu kennen? Oder geht es vor allem darum, Vertrauen zu haben, dass das, was geschieht – aus welchem Grund auch immer und von wem oder was auch immer gesteuert – genau das ist, was es sein soll. Was bei Kleinigkeiten leicht fällt, kann zur erdrückenden Herausforderung werden, wenn es darum geht, Menschen dabei zuzusehen, die einander das Leben unerträglich machen und doch nicht voneinander loskommen. Arbeiten sie ihr Karma auf? Oder verursachen sie das nächste? Worin liegt das Gute? Ist tatsächlich freier Wille am Wirken? Oder muss es so sein, um durch all die Schwierigkeiten zu lernen und zu wachsen?

Könnten wir all diese Fragen beantworten, hätten wir Erklärungen, die unsere Neugier stillen und unserem Denken Kontrolle vermitteln. Doch wir haben keine verbindlichen Antworten. Urvertrauen zu haben, wenn der Verstand den Kopf schüttelt, gleicht einem Licht, das aufbegehrt gegen jene Dunkelheit, die alles zu verschlingen droht: Zweifel, Angst, Hoffnungslosigkeit, Sinnlosigkeit.

Manche mögen Urvertrauen naiv nennen – oder realitätsfremd. Vielleicht ist es das. Vielleicht ist es aber auch nur ein vertrauensvoller Blick auf das, was morgen real sein könnte, für das Hier und Heute die Saat gelegt wird.

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