Dies ist eine wahre Begebenheit, die ich etwas zeitverzögert erzähle. Sie hat sich am vergangenen Wochenende zugetragen, aber sie berührt mich bis heute und wird das vermutlich noch lange tun.
Auf dem Weg zu meinem ersten Einsatz als ehrenamtliche Hüttenwirtin traf ich am heimatlichen Bahnsteig einen älteren Mann mit Rucksack, der offensichtlich ebenfalls eine Wandertour geplant hatte. Es stellte sich rasch heraus, dass wir dasselbe Ziel ansteuerten und er noch ein Quartier für die kommende Nacht suchte. Er entschied kurzerhand, in meiner Hütte zu nächtigen.
Da es sich um eine Liebesgeschichte handelt, nenne ich den älteren Mann hier einfach Romeo.
Romeo und ich trafen uns jeweils zum Umsteigen an den Bahnhöfen. Dazwischen hatten wir Reservierungen in unterschiedlichen Wagons. Am Ziel angekommen trennten sich unsere Wege – vorerst – dann sie kreuzten sich auf den Wanderwegen erneut. Letztendlich landeten wir bei in einer geselligen Runde in der Hütte eines Nachbarn bei ein paar Schnapserl, es wurde viel geredet und die Stunden vergingen wie im Flug.
Das für mich faszinierende und nachhaltig beeindruckende: Romeo wird im kommenden Jänner 91 Jahre alt. Er bewegt sich langsam, aber sicher da oben am Berg. Seine Julia ist ein paar Jahre jünger als er. Leider spielen ihre Beine nicht mehr mit, weshalb er einmal pro Woche allein in seine geliebten Berge fährt. Die restliche Zeit verbringt er mit Julia. Romeo telefoniert auch mehrmals pro Tag mit Julia wenn er unterwegs ist, erzählt ihr alles, was er erlebt, wen er getroffen hat, was er gegessen hat … er lässt sie teilhaben an dem, was ihr anders nicht möglich wäre. Wenn Romeo mit Julia spricht, spürt man die tiefe Zuneigung in seiner Stimme, die innige Verbundenheit. Da kommunizieren zwei Menschen liebevoll miteinander, die zusammengewachsen sind im Laufe eines langen gemeinsamen Lebens, das sicherlich nicht immer leicht war, dennoch gingen sie ihren Weg gemeinsam, auch auf ihren Wanderungen. Nun geht Romeo und trägt seine Julia dabei im Herzen.
Es war für mich, die in einem Elternhaus frei von gelebter Zuneigung aufgewachsen ist, unbeschreiblich berührend, erleben zu dürfen, dass zwei Menschen in Liebe gemeinsam alt geworden sind. Romeo und Julia leben nicht nebeneinander, sondern miteinander und füreinander.
Für mich sind Romeo und Julia ein Vorbild für das, was eine Partnerschaft sein sollte. Bislang hielt ich meine diesbezügliche Vorstellung für eine romantische Fantasie, hoffnungsvoll, doch wenig realistisch. Romeo und Julia sind für mich der Beweis, dass es möglich ist.
Die Begegnung mit diesen besonderen Menschen – direkt und indirekt – gehört zu den prägenden Momenten meines Lebens. Augenblicke, die wenig spektakulär waren, die man dennoch nie vergisst, weil sie intensive Emotionen wachrufen: Dankbarkeit, Zuversicht, Hoffnung, Liebe.
Von ganzem Herzen wünsche ich Romeo und Julia noch viele gemeinsame Jahre – und wenn das Unausweichliche kommt, dann möge das Schicksal gnädig sein und sie so gehen lassen, wie sie gelebt haben – gemeinsam.
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