MEIN LEBEN VON OBEN BETRACHTET

… im wahrsten Sinne des Wortes. Seit einigen Tagen sitze ich in einer Berghütte auf rund 1.600 m Seehöhe. Zu meinen Füßen breiten sich Almwiesen und Wälder aus, vor mir ragen imposante Bergspitzen in den Himmel. Dazwischen erlebe ich meine Kleinheit als Mensch im Angesicht der grauen Riesen. Das perfekte Szenario zum Reflektieren, denn die Perspektive verändert sich in dieser Höhe.

Vieles erscheint „unbedeutend“, wenn es links von mir steil nach oben und rechts steil nach unten geht, der vor mir liegende Weg kaum einen halben Meter breit und meine Aufmerksamkeit voll und ganz im Hier und Jetzt fokussiert ist. Solche Wege erfordern Achtsamkeit und eignen sich für mich zum Reflektieren, aber sie sind wunderbar, um bewusst „umzuschalten“, die Gedankenspirale auf Zuruf zu beenden und sich auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren.

Das endlose Kreisen in Gedankenspiralen und Nicht-aussteigen-Können begleitet mich mein Leben lang. Vermutlich kennen einige dieses Phänomen.

Auf den schwierigen Passagen hier oben am Berg absolviere ich mein Achtsamkeitstraining, auf den Spazierwegen wechsle ich in den Reflexionsmodus. Immer wieder spannend, längst Vergangenes hervorzukramen, neuerlich zu betrachten und hinzuspüren, was es (noch) auslöst. Welche Gedanken kommen, welche Emotionen?

Diese Art von Reflexion hat nichts mit „Leben in der Vergangenheit“ zu tun. Ganz im Gegenteil. Es geht darum, zu überprüfen, ob Ereignisse aufgearbeitet und gelöst wurden, oder ob sie noch unter der Oberfläche Spannungen verursachen. Vergleichbar mit den tektonischen Platten unseres Planeten, die sich gegeneinander verschieben und gelegentlich die aufgestaute Energie mittels Erdbeben freisetzen, können sich auch im Menschen Spannungen aufbauen, die sich explosionsartig entladen.

Während meiner Zeit auf der emotionalen Achterbahn geschah dies mit vorhersagbarer Regelmäßigkeit. Seit meiner Rückkehr in die Umarmung des Lebens ist es mir daher ein wichtiges Anliegen, solche Spannungen frühzeitig zu erkennen und möglichst rasch aufzulösen. Deshalb kehre ich bewusst zurück zu vergangenen Ereignissen, am besten in einer Umgebung, die weit weg von diesen ist, um aus einer anderen Perspektive hinzuschauen und hinzuspüren. Dabei kommt manches erstaunlich klar und nüchtern zu Tage.

Als Kind mit hochsensibler Veranlagung erlebte ich psychische, physische und sexuelle Gewalt und Übergriffe. Ein alkoholkranker, manisch-depressiver Vater und eine emotional abwesende (weil in Trauer um ein verlorenes Kind feststeckende) Mutter boten mir weder Halt noch Sicherheit oder gar Unterstützung dabei, mit mir selbst und dem, was geschehen war und mich völlig überforderte, umgehen zu lernen. Was aus diesem Cocktail entstand, nennt man in der Fachsprache Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS).

Recherchen in der Fachliteratur bestätigen mir, dass meine Geschichte „ins Bild passt“. Vernachlässigung und Misshandlung in der Kindheit finden sich häufig in der Anamnese von Betroffenen. Insofern entspreche ich dem Muster. Worin ich mich unterscheide, ist mein Umgang mit dieser „Störung“ und vor allem meine Auflösung derselben.

Stabilität trotz Hochsensibilität und intensiver Emotionalität.   

Ohne Übertreibung – es waren Jahrzehnte an Arbeit dafür nötig. Der Rückzug in die Einsamkeit (der Bergwelt) ist ein Teil dieser Arbeit. Inmitten der Natur, weit weg von anderen Menschen, finde ich zu mir selbst, kann all das loslassen, das ich nicht unbedingt freiwillig aufgenommen habe.

Ein Beispiel, um nachvollziehen zu können, warum dieser Rückzug für mich (überlebens)wichtig ist: Betrete ich einen Raum mit Menschen, nehme ich diese mit all meinen Sinnen wahr, auch emotional-empathisch. Die Gefühle dieser Menschen gehen durch mich durch wie Röntgenstrahlen. Bin ich selbst in meinem Gefühlsmodus, spüre ich es unmittelbar. Bin ich gerade kopflastig unterwegs, bleiben sie subtil unter der Oberfläche. In beiden Fällen jedoch wirken sie auf mein eigenes Gefühlsleben. Ähnlich einem Glas Wasser, in das ein paar Tropfen Tinte geschüttet werden, verfärbt sich mein Gefühlsleben. Nach einiger Zeit fällt es mir schwer zu unterscheiden, welche von diesen Gefühlen meine und welche die übernommenen sind.

Würde ich mich in einem liebevollen, wertschätzenden, achtsamen Umfeld bewegen, wäre das alles kein Problem, denn es wäre positive Gefühle. Aber ich bewege mich nun mal in der Realität, und da nehme ich eine Menge Negativität wahr – bedauerlicherweise. Diese unfreiwillig absorbierte Negativität will ich wieder loswerden, weshalb ich mich in die Natur zurückziehe, möglichst weit weg von Menschen. Wenn der Nachschub an Negativität ausbleibt, kommt die „Halbwertszeit“ zum Wirken und ich fühle wieder meine eigenen Gefühle ohne Mitbringsel.

Natürlich drängt sich die Frage auf, ob nicht Abgrenzung eine Option wäre. Vermutlich, aber ich habe noch keinen Weg gefunden, mich abzugrenzen, ohne gleichzeitig einen Teil von mir zu unterdrücken (nämlich den Hochsensiblen). Diese Unterdrückung führt zu innerer Spannung, die sich wiederum irgendwann explosionsartig entlädt. In den Jahrzehnten der Arbeit an mir selbst, war dies ein Weg, den ich gegangen bin, und den ich wieder verlassen habe.

Übrigens vermute ich, dass die (angebliche) Beziehungsunfähigkeit von Borderlinern möglicherweise genau darauf zurückzuführen ist: man übernimmt so viel von anderen, dass man sich selbst nicht mehr wahrnehmen kann, sich selbst verliert, und gleichzeitig verspürt man den brennenden Wunsch, man selbst zu sein. Bumm. Ein derartiger Widerspruch kann gar nicht anders, als irgendwann zu explodieren. Dabei wäre die Lösung – sollte meine Hypothese richtig sein – ziemlich einfach: fixe Freiräume schaffen, in denen man wieder zu sich selbst findet. Und natürlich bewusster Umgang mit sich selbst, Reflexion, Achtsamkeit …

… und schon bin ich wieder bei dem Thema, das mich hier hinauf auf den Berg geführt hat. Nichts von dem, das in meiner Vergangenheit geschehen ist, kann ich ungeschehen machen, aber ich kann verändern, wie ich damit umgehe und was es heute – im Hier und Jetzt – in mir auslöst. Sollte etwas noch nicht zufriedenstellend gelöst sein und eine unerwünschte Gedankenspirale in Gang setzen, diese bewusst unterbrechen, um sie im passenden Kontext aufarbeiten zu können.

Die Borderline-Herausforderung ist lösbar.

Das ist kein leeres Versprechen in der Art „es wird schon irgendwann von selbst verschwinden“ oder „wirf die Pillen ein und alles wird gut“, sondern eine Aufforderung, sich einem langwierigen, intensiven Selbstfindungsprozess zu stellen.

Eines kann ich versprechen: Es lohnt sich!

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