RÜCKBLICK MIT WEITBLICK

Meine Woche als ehrenamtliche Hüttenwirtin am Anton-Proksch-Haus (Werfenweng) der Naturfreunde geht morgen zu Ende. Zeit, Bilanz für mich zu ziehen.

Eine meiner ersten Aktivitäten vor einer Woche war es, mir nach vielen Jahren endlich mal wieder ein Brot selbst zu backen. Die letzten Scheiben gab es heute zum Frühstück. Ein Brot hält eine Woche? Ja, und es wird weder steinhart noch trocken oder gar schimmelig. Was wieder einmal beweist, dass aus gutem Mehl (keine Backmischung), Sauerteig, ein wenig Hefe, Salz und Brotgewürz ein hochwertiges Lebensmittel entstehen kann – ohne jegliche Konservierungsstoffe, Feuchthaltemittel, Emulgatoren und was es sonst noch so gibt.

Obwohl ich mich deutlich mehr als normal bewegt habe, bergauf und bergab, habe ich gleichzeitig weniger gegessen als sonst. Ich war einfach nicht hungrig. Vielleicht lag das auch an dem, was ich mir gekocht habe: Von der Gerschtlsuppe, die mich 4 Tage satt gemacht hat, bis hin zu den selbstgepflückten Eierschwammerln. Mein Speiseplan war „einfach“. Genau das ist es, was für mich Leben auf einer Berghütte bedeutet:

Zurück zur Einfachheit

Einfach leben, in und mit der Natur, ohne viel Schnickschnack. Rück-Besinnung auf das, was Leben noch sein kann. Ich bin keine Minimalistin, aber habe häufig das Gefühl des „zu viel“ in meinem Leben an Dingen, To Dos … und gleichzeitig „zu wenig“ an Zeit.

Wenn ich – so wie heute Vormittag – meine Runde über die Brandlbergköpfe drehe (das Foto entstand dort oben), brauche ich sehr viel Zeit, denn ich halte häufig an. Nicht, weil mir die Puste ausgeht, sondern weil ich schaue, höre, schmecke, rieche, spüre … mit allen Sinnen wahrnehme, was rund um mich ist. Dabei werde ich selbst ganz still, innerlich wie äußerlich.

Vor mir ein Panorama der schier grenzenlose Weite. In der Ferne bimmeln Kuhglocken, in den Wipfeln der Bäume zwitschern Vögel, ab und an fiep ein Murmeltier. Harziger Duft von Kiefernnadeln vermischt sich mit Latschen und Wacholder. Heidelbeeren frisch vom Strauch schmecken köstlich (und verursachen Pausen 😉). Eine sanfte Brise streicht mir um die Nase.

Streicheleinheiten für meine Seele

In meiner Wahrnehmung verringert sich, wenn die Seele satt ist, das Hungergefühl auf die tatsächlich notwendigen Kalorien – und die sind zumeist weniger als wir zu uns nehmen. Ein wirklich kleines Frühstück, ein kurzer Abstecher zur Nachbaralm (wieder rauf/runter) auf einen Apfelstrudel und ein Glas Rohmilch, ein Teller Eintopf. Das war’s. Mehr braucht mein Körper nicht, auch wenn er sich 4-5 Stunden pro Tag am Berg bewegt. Erstaunlich – und Impulsgeber für eine spannende Frage:

Die Menschheit lebte Hundertausende von Jahren in und mit der Natur als Jäger und Sammler. Mit dem Ackerbau entstanden Siedlungen. Unsere urbane Lebensweise ist vergleichsweise jung. Zu jung, als dass sich unsere Genetik angepasst haben kann? Und unser Seelenleben? Kann die Entfernung zur Natur „Hunger“ auslösen? … den der Mensch mangels Verständnisses mit Nahrungsmitteln zu stillen versucht? … was zu einem global wachsenden Gewichtsproblem führt? … und die Frage nach den „artgerechten“ Lebensbedingungen für die Spezies Homo Sapiens (und sein Seelenleben) aufwirft.

Zurück zum Rückblick: Wie einfach das Leben sein kann, habe ich in der vergangenen Woche hautnah erlebt – ohne irgendetwas zu vermissen. Allein oder gar einsam habe ich mich dabei nicht eine Sekunde lang gefühlt. Ich war Teil dessen, was mich umgeben hat. In den Städten hat der Mensch sich seinen eigenen Lebensraum erschaffen, aber oben am Berg, da ist er nur ein Gast, der sich an die Spielregeln der Natur anpasst – oder die Konsequenzen zu spüren bekommt. Die grauen Riesen waren allgegenwärtige Gastgeber, die mir das eine oder andere zugeflüstert haben.

Ich traf auf Menschen, die mit mir auf einer Wellenlänge schwimmen – und andere, die ihren urbanen Lifestyle unverändert am Berg weiterführen, mit all der Hektik, dem Lärm … die blind und taub sind für das, was sie umgibt – und jene, die Zeit haben.

Zeit ist wohl der größte Luxus

Zeit zum Leben, nicht zum Überleben, Funktionieren, Arbeiten, Erledigen … sondern wirklich einfach Zeit zum Leben. Ich gehe an dieser Stelle absichtlich nicht näher auf den Begriff „Zeit zum Leben“ ein, denn eigentlich sollte jeder von uns wissen, was damit gemeint ist – und wenn nicht, wird es Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.

Einfach Leben in und mit der Natur

… ein Experiment, das ich nur weiterempfehlen kann, fürs eigene Seelenheil, um mit sich selbst wieder in Kontakt zu kommen, die Batterien aufzuladen und noch mindestens 100 andere Gründe.

Für mich steht fest: dies war meine erste, aber garantiert nicht meine letzte Woche in einer Berghütte.

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