TIEFERGEHENDE EINBLICKE Vol.2

„Zweifel und Angst hatten sich in der Vergangenheit als schlechte Ratgeber erwiesen, und so wurde Hoffnung meine Verbündete. Geduld stellte mich auf eine harte Probe.“

Die darin verborgene Botschaft lässt sich auf eine Frage komprimieren:

Lebst du in der Angst oder in der Liebe?

Wer in der Angst lebt, muss bewerten, auch abwerten, um alles „unter sich im Blick“ zu behalten, die Illusion von Kontrolle aufrecht zu erhalten. Wer andere bewertet, stellt sich über sie. Hält anderen den Spiegel vor die Nase und erblickt darin doch nur die eigenen Fehler, ohne sie zu erkennen.  

Liebe wertet nicht. Sie nimmt dich so, wie du bist, mit allem, was dazu gehört.

Wer in Angst lebt, zweifelt, an allem und jedem – und sich selbst.

Liebe hat Vertrauen.

Angst lässt dich festhalten, auch wenn es dir längst nicht gut tut.

Liebe lässt los, öffnet die Arme für das Wunderbare, wissend, dass jeder sich selbst begegnet. Angsterfüllte treffen Angsterfüllte, Liebende treffen Liebende.

Du willst liebevolle Menschen in deinem Leben haben, die dich wertschätzend behandeln? Werde zur Liebenden, lehn dich zurück, hab Geduld, hab Vertrauen und lass dich überraschen.

Sei frei von Erwartungen, denn diese würden dich nur beschränken.

Werde in dir, was du da draußen zu finden erhoffst.

Ebenso wie Jana durfte auch ich die Lektion der Liebe mehrfach durchlaufen. Angst gleicht der dunklen Seite der Macht: sie ist schnell verfügbar, verführerisch, trügerisch, denn die damit verbundene Kontrolle scheint Macht zu verleihen. Liebe muss nicht kontrollieren, Liebe vertraut. Vertrauen mag naiv wirken, doch steckt eine Menge Kraft dahinter, zu vertrauen, darauf zu vertrauen, dass – was auch immer kommen mag – man einen Weg findet, damit umzugehen, dem gewachsen zu sein.

Aus der Angst in die Liebe.

Alles braucht seine Zeit. Heilung lässt sich nicht erzwingen. Aus meinen geplanten 3 Jahren für JAN/A wurden 6. Hab ich versagt? Keineswegs. Ganz im Gegenteil. „Zeit ist nicht immer ein Feind. Zeit kann ein Verbündeter sein“. Diesen Satz habe ich mehrfach in die Story eingebaut. Zeit kann ein Fundament erschaffen, dass in den Stürmen des Lebens Halt gibt. Doch dafür braucht es Vertrauen – und Liebe.

Liebe öffnet die Augen für die verborgenen Botschaften, die Stimmen der Herzen, die Bilder der Seele. Wo Angst nur Bedrohung wahrnimmt, erkennt Liebe die Zusammenhänge.

Während Angst den Blick verdunkelt, lässt das Licht der Liebe die Farben heller erstrahlen. Ein Lichtstrahl genügt, um die völlige Dunkelheit zu verwandeln – ähnlich der Klarheit, die mit Liebe einhergeht. Frei von Zweifel, frei von Angst, voller Vertrauen.

Eine der wenigen Entscheidungen, bei der es um „entweder – oder“ geht: Lebst du in der Angst oder in der Liebe?

Bild: https://pixabay.com/de/photos/sonnenstrahlen-wald-nebel-b%C3%A4ume-1547273/

TIEFERGEHENDE EINBLICKE Vol.1

„Deine Emotionen gehören zu dir und du wirst lernen, damit umzugehen. Sie auszuschalten, nur damit du rational denken kannst, ist keine Option, die ich akzeptiere.“

Dieses Zitat aus Band 3 meiner autobiographischen Roman-Trilogie „JAN/A – Eine [nicht] ganz alltägliche Liebesgeschichte #Borderline“, habe ich vor kurzem in Facebook gepostet. An sich eine taffe Ansage, die für sich selbst stehen könnte, doch ich möchte auch auf die Hintergründe mehr eingehen. Immerhin verdanke ich JAN/A meine Rückkehr in die Umarmung des Lebens (Selbstheilung durch Schreibtherapie).

Vermutlich kommt so etwas nicht alle Tage vor, weshalb es möglicherweise hilfreich für andere sein kann, wenn ich ein wenig über die Hintergründe erzähle. In den kommenden Wochen erwarten euch hier also tiefergehende Einblicke.

Emotionen ausschalten ist nicht ganz zutreffend formuliert, denn – meiner Erfahrung nach – ist das gar nicht möglich, ABER Emotionen lassen sich umfassend unterdrücken, bis sie im Wachzustand nicht mehr spürbar sind. Dennoch brodeln sie unter der Oberfläche weiter. Ich vergleiche diesen Zustand in der Story gerne mit dem „verborgenen Ozean der Gelassenheit“ (also dem, was ich als natürlichen Gefühlszustand eines emotional ausgeglichenen Menschen betrachte). Jener Ozean wird durch unterdrückte Emotionen aufgewühlt, das Gleichgewicht gestört.  

Wie bei einer Sprungfeder, die zusammengedrückt wird, braucht es auch beim Unterdrücken von Emotionen einiges an Energie – insbesondere, um den Zustand zu erhalten (was erklärt, warum es so kräfteraubend ist, etwas zu unterdrücken). Wird die Sprungfeder losgelassen, schnellt sie in ihren Ausgangszustand zurück – ähnlich verhalten sich unterdrückte Emotionen. Gleich einer Pop-up-Figur in einer Schachtel poppen sie auf, sobald das, was sie zurückgehalten hat, schwächer wird oder gänzlich wegfällt. Dafür genügt mitunter ein harmloser Auslöser im Außen.

Ein Beispiel aus meinem Alltag, das sich erst vor wenigen Stunden ereignet hat.

Ich stehe in der Küche, schäle Äpfel für ein Kompott, bin gechillt im sonntäglichen Relax-Modus, im Radio spielt es den Song „Großvater“ von STS und kaum eine Minute später laufen Tränen über mein Gesicht. Die emotionale Stimmung des Songs triggert etwas tief in mir, dass vor beinahe 50 Jahren „unterdrückt“ wurde (nicht freiwillig). Damals war ich fünf oder sechs Jahre alt. Ich erinnere mich an einen Großvater, der eine andere Sprache als ich sprach, bei dem ich mich wohl fühlte, obwohl er merkwürdig roch (Tabak). Eines Tages war er weg und ich bekam mein eigenes Zimmer. Niemand erzählte mir, wohin mein Großvater gegangen war. Von seinem Tod erfuhr ich erst Jahre später, als ich die Inschrift auf dem Grabstein lesen konnte. Die Traumatisierung, die mich in die Dunkelheit warf, geschah rund drei Jahre vor dem Tod meines Großvaters. Ich war also bereits „vorbelastet“. Gut möglich, dass ein Teil von mir damals den Tod intuitiv wahrnahm, aber da mein Umfeld sich so verhielt, als wäre alles in Ordnung, ich sogar noch mein eigenes Zimmer bekam, schob ich das Gefühl der Trauer als unangebracht in mir zur Seite, unterdrückte es, bis ich es nicht mehr wahrnehmen konnte. Auch nicht, als einige Jahre später mein Vater starb, oder nochmal einige Jahre später meine Großmutter. Bis heute kann ich das Gefühl der Trauer nicht dann zulassen, wenn es angebracht wäre. Stattdessen drängt es in einem Moment, in dem alles in bester Ordnung ist, wie aus dem Nichts an die Oberfläche, getriggert durch einen Song im Radio.

Viele Jahre hielt ich mich für „gefühlsbehindert“, weil es neben Trauer noch einige andere (vor allem positive) Gefühle gab, die ich nicht spüren konnte – doch sie waren da, tief in mir. Das Schreiben meiner Geschichten half mir, diese Gefühle wiederzufinden und sie in den passenden Kontext zu setzen, so dass ich die meisten (bis auf Trauer) heute fühlen kann – wenngleich sie mitunter extrem intensiv sein können. Alles im Leben hat zwei Seiten – so auch Borderline: intensive Emotionalität, aber auch dafür gibt es Möglichkeiten. Nicht, um zu dämpfen, sondern um auszugleichen und fühlend in der Balance zu bleiben.

Unterdrückte Gefühle bauen Spannung auf. Das sieht man an Menschen, die sich ärgern, diese Wut runterschlucken und nach außen hin versuchen, ruhig zu bleiben. Manche beißen dabei die Zähne zusammen, bis diese knirschen. Da verspannen sich Nackenmuskel, ballen sich Fäusten, verkrampfen Waden und Mägen, erhöht sich der Blutdruck …

Um eines klarzustellen: ich sage NICHT, dass Wut immer ausgelebt werden soll, aber anstatt sie zu unterdrücken, wäre es klug (und im Hinblick auf die physische und psychische Gesundheit sehr empfehlenswert) zu lernen, die Wut zu transformieren – oder sich einen Kontext zu suchen, in dem die Wut ausgelebt werden kann ohne Schaden anzurichten. Ich persönlich lebe ganz viel meiner intensiven Emotionalität beim Schreiben aus. Aufgrund meiner äußerst lebendigen Vorstellungskraft finden sich vielfältigen Szenarien, in denen die unterschiedlichsten Emotionen Platz finden.

Hierzu eine Anmerkung der Mentaltrainerin in mir: „Unser Unterbewusstsein kann nicht unterscheiden zwischen Vorstellung und Realität. Wer sich also lebhaft vorstellt, etwas zu erlebt, dessen Unterbewusstsein erlebt dies auch.“ Deshalb können Fantasiereisen so entspannend sein, funktionieren Trancen und Aufstellungsarbeiten. Deshalb konnte ich durch das Schreiben von JAN/A all die Blockaden in mir auflösen, die Wunden heilen, aus der Zerrissenheit in die Ganzheit zurückkehren.

Emotionalität gehört zum Menschsein. Unsere Gefühlswelt ist etwas Einzigartiges, vielschichtig, facettenreich, lebendig, mitunter widersprüchlich und manchmal können wir uns ihr ausgeliefert fühlen. Unsere Gefühle sind das, was uns bestimmt, mehr noch als unser Intellekt. Wir fühlen vom ersten Augenblick unseres Lebens an, lange noch, bevor wir eine individuelle Persönlichkeit entwickeln, und wir fühlen auch noch dann, wenn Krankheiten wie Alzheimer oder Demenz unsere geistigen Fähigkeiten einschränken.

Für mich sind jene Menschen wahrhaft stark, die ihre Gefühle zulassen inmitten einer Welt, die oftmals wenig gefühlvoll mit uns umgeht. Menschen, die ihren Verstand (Kopf) nicht über ihre Gefühle (Herz) stellen, sondern beides vereinen – auch wenn dies eine lebenslange Aufgabe sein kann. Menschen, die begriffen haben, dass sie nur dann vollständig (eins) sind, wenn sie all das, was in ihnen ist, annehmen und liebevoll umarmen. Denn nur dadurch beenden sie den Konflikt in sich und können die aus der Tiefe ihres Seins entspringende Harmonie in die Welt hinaustragen.

Genau das war es, was mich letztendlich wieder heil (eins) werden ließ: das Auflösen der Konflikte in mir, das Annehmen all dessen, was ich war – inklusive meiner Gefühle – auch wenn eines davon noch ein kleines Thema mit dem passenden Timing hat, aber das ist in Ordnung und darf sein.

Nobody is perfect 😉

Bild: https://pixabay.com/de/photos/smiley-emoticon-der-zorn-ver%C3%A4rgert-2979107/

DIE ULTIMATIVE FRAGE

… lautet: Lebst du in der Angst oder in der Liebe? Ohne lange darüber nachzudenken, aus dem Bauch heraus, was ist deine Antwort? Sie wird dir so einiges über dich verraten. Zum Beispiel, ob du deine Themen bereits gelöst hast, oder da noch ein paar Baustellen auf dich warten. Zögern zeigt in diesem Fall nur, dass sich das Denken vors Fühlen drängt. Vielleicht um eine Antwort zu finden, die plausibel erklärt werden kann? Ausschweifende Erläuterungen, warum es in einem Fall so und im anderen anders ist, umschifft den Kern der Frage ebenso. Es geht einzig und allein um eines:

Welches Gefühl bestimmt dich?

Jedes Gefühl ist auch eine Schwingung, die dich durchdringt und über dich hinaus in die Welt wirkt.

Mich bestimmte viele Jahre die Angst, manchmal klar auf etwas ausgerichtet, manchmal diffus, aber stets das Gefühl der Angst vor etwas. Damit verbunden waren jede Menge Zweifel & Co, die Kraft raubten.

Es hat einige Zeit und viel Arbeit erfordert, doch ich konnte meine Grundschwingung neu ausrichten. Jeder negativen Erfahrung stellte ich eine positive gegenüber. Irgendwann war die Bilanz ausgeglichen. Heute ist es Liebe, die mich bestimmt und mir Kraft schenkt, mich in der Umarmung des Lebens Geborgenheit finden lässt.

Ereignisse, welche die Angst in uns verstärken, gehören zum Leben dazu. Sie passieren, ob wir wollen oder nicht. Der liebevolle Ausgleich dazu braucht manchmal etwas Nachhilfe, um sich zu offenbaren. Oder besser gesagt: Achtsamkeit und bewusste Wahrnehmung, dass unter all dem, was in dieser Welt geschieht, sich auch viel Positives ereignet, Liebe allgegenwärtig ist, wenngleich sie sich oft bescheiden im Hintergrund hält. Wir vergessen häufig darauf, wenn anderes sich lautstark in den Vordergrund drängt. Dabei wäre es enorm wichtig, den Fokus bewusst zu steuern, denn das, was Aufmerksamkeit bekommt, wird mehr. Die Mehrheit bestimmt. Was bestimmt dich?

Bild: https://pixabay.com/de/photos/bl%C3%A4tter-wasser-reflexion-farbe-4232572/

HEILE DICH SELBST

In einem Land wie Österreich als Nicht-Medizinerin das Wort „Heilung“ in den Mund zu nehmen, kann einen in Teufels Küche bringen. Vom Gesetz her ist es nur Medizinerinnen und Medizinern gestattet, zu heilen. Neben vielen anderen stellt sich mir auch diese Frage:

„Darf ich mich denn selbst heilen?“

Soweit mir bekannt ist, steht darüber nichts in den Gesetzestexten.

Wenn es um körperliche Erkrankungen und Verletzungen geht, leistet die Medizin (meistens) viel Gutes. Ich möchte diese Leistungen in keinster Weise schmälern, ABER meiner Erfahrung nach ist die klassische Medizin bei psychischen und seelischen Leiden rasch an ihren Grenzen (oder beim Verordnen von Psychopharmaka). Auch Psychotherapeuten heilen nicht, sie begleiten, können Impulse setzen, Wege aufzeigen, Feedback geben, aber sie heilen nicht.

Ich habe die Verletzungen meiner Seele und Psyche selbst geheilt. Therapeutische Gespräche, unterschiedlichste Seminare und Workshops, Aufstellungsarbeit, Reflexion, Selbsterfahrung, Coaching … ICH habe viel für meine Heilung getan, vieles von außen bekommen – doch wäre ich innerlich nicht bereit gewesen, all dies anzunehmen, wäre es wirkungslos geblieben.

Genau das geschieht – meiner Beobachtung nach – täglich.

Menschen erwarten, dass jemand anders sie heilt. Sie absolvieren Therapien, führen Gespräche, machen dies und das in der Erwartungshaltung, dass sie dadurch geheilt werden. Was dabei oft übersehen wird, ist, dass zuerst der Schmerz und das Leid losgelassen werden muss, damit es zur Heilung kommen kann.

Loslassen kann niemand anders für uns. Loslassen kann jeder nur selbst.

Mit Loslassen meine ich nicht oberflächliche, kopflastige Aussagen, sondern tiefgehende emotionale Prozesse. Seelischer Schmerz ist häufig derart in uns verankert, dass dieser „normal“ wird, ein Leben ohne diesen Schmerz schlichtweg nicht vorstellbar. Dann können Frage wie diese auftauchen:

„Was bleibt mir noch, wenn ich den vertrauten Schmerz, den roten Faden meines Lebens, das Einzige, was verlässlich immer da war, loslasse?“

Leere?

Wer innerlich von Angst erfüllt ist, mag das so sehen. Es gibt aber – wie immer im Leben – auch andere Sichtweisen:

Leere enthält das Potenzial der Fülle.

Leere ist nichts, kann aber alles werden, abhängig von dem, was wir daraus machen.

Leere gleicht einem Freiraum, in dem wachsen kann, was zuvor keinen Platz hatte, weil es vom Schmerz erdrückt wurde.

Leere ermöglicht Neubeginn.

Nur wer loslässt, kann (vorübergehend) Leere in sich schaffen, denn das Leben füllt stets nach. Was es wird, entscheidet jeder von uns selbst.

Jemand anders kann ein Pflaster auf meine Wunde kleben, doch dieses Pflaster wird nicht heilen, sondern die Zellen meines Körpers werden den Schaden reparieren.

Jemand anders kann tröstende Worte zu mir sprechen, aber diese Worte werden die Verletzung meiner Seele nicht heilen, sondern die Gedanken und Gefühle, mit denen ich die Verletzung betrachte, werden dazu führen, dass ich wieder ganz (=heil) werden darf.

Dieser Gedankenansatz half mir, meine Traumatisierungen aufzulösen, aus innerer Zerrissenheit eine harmonische Einheit zu formen, mich selbst voll und ganz anzunehmen, Ruhe und Gelassenheit zu fühlen … kurz gesagt: ICH und heil zu werden.

Das Potenzial der Selbstheilung schlummert in jedem von uns. Was es braucht, ist Raum, um sich zu entfalten.

Lass los und werde frei (von Schmerz und Leid).

HÖHEN UND TIEFEN

Drei Wochen – solange habe ich bis dato noch nie pausiert, um einen Beitrag zu erstellen. Gefühlt habe ich meinen letzten Beitrag vor ein paar Tagen geschrieben. Aber so geht’s, wenn man (oder ich) auf 120% Leistung (im Job) unterwegs ist. Kreatives Schaffen und Spaß rückt dann in den Hintergrund. Prioritäten setzen. Deshalb sitze ich jetzt auch auf über 1.600 m Seehöhe am Berg in der Sonne und blicke hinab ins Tal, auf all das, was für ein paar Tage weder wichtig noch dringlich ist.

Me Time ist angesagt.

Dazu gehört auch, meine Gedanken der vergangenen Wochen zu sortieren und niederzuschreiben.

Inmitten der Berge aus Arbeit, die ich abgetragen habe, tauchte ein (in diesem Setting unerwartetes) Thema mehrfach auf: Borderline-Diagnosen bei jungen Menschen, die einerseits ihre Pubertät hinter sich haben, aber andererseits noch nicht so richtig erwachsen und in ihrem Leben angekommen sind. Diese Menschen kannten weder meinen Lebensweg noch wussten sie von meiner Borderline-Diagnose, doch was sie über sich erzählten, ließe sich nahtlos in meine Geschichte einfügen – obwohl gut drei Jahrzehnte Altersunterschied besteht.

Nichts hat sich geändert.

Dieselben Probleme. Dasselbe Gefühl, sich von den anderen unverstanden zu fühlen, weil diese nicht wissen, wie sie mit einem umgehen sollen. Dasselbe Gefühl, sich selbst nicht zu verstehen und mit selbst nicht klarzukommen. Dasselbe Gefühl, irgendwo im nirgendwo zu sein, ohne Halt, ohne Geborgenheit. Dasselbe Gefühl, nicht zu funktionieren, kaputt zu sein, defekt …

In den Augen allzu oft erkennbar die Hilflosigkeit angesichts einer Herausforderung, die übermächtig erscheint. Tiefverwurzelte Einsamkeit. Manchmal auch Verzweiflung, weil keine Lösung in Sicht. Mitunter Wut, wenn all der Druck zu viel wird. Im schlimmsten Fall Selbstaufgabe.

Diese Begegnungen haben mich in meinem Innersten berührt und eine Ahnung aufkommen lassen, dass es – trotz aller Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen – zu einer Zunahme an Borderline-Betroffenen kommen wird. Wie könnte es auch anders sein? Die Fälle von Mobbing & Co nehmen zu, Narzissmus ist längst keine Randerscheinung mehr, das Aussehen zu optimieren wichtiger als Charakterbildung. Gleichzeitig fehlt es immer öfter an Orten und Menschen, wo man sich geborgen fühlt, 100% authentisch sein kann und trotzdem (oder genau deshalb) wertgeschätzt wird. Von Überforderung, Überlastung, Eigen- und Fremdausbeutung mal ganz zu schweigen. Unser Lebensstil und unsere Gesellschaft werden vermehrt Borderliner produzieren. Punkt.

Was kann ich daran ändern?

Vermutlich nicht viel, doch ich kann anfangen, die Distanz, die zwischen Autorin und Leserschaft besteht, zu verkleinern. Ich kann auf Betroffene und Angehörige zugehen, jenen Raum der Geborgenheit anbieten, der häufig fehlt. Ich kann meine Erfahrungen und Methoden teilen. Ich kann Hilfe zur Selbsthilfe anbieten.

Von hier oben verändert sich der Blick.

Es gibt keine Zufälle im Leben – zumindest glaube ich nicht an Zufälle. Das diese Begegnungen dort stattgefunden haben, wo ich sie nicht erwartet hätte, interpretiere ich als „sanften Wink“ des Schicksals, das es für mich um mehr geht, als „nur“ meine Herausforderung gelöst zu haben. Meinem Bauchgefühl lauschend vernehme ich eine Stimme, die mir zu flüstert:

„Vertrau drauf, dass du diesen jungen Menschen etwas geben kannst, wenn sie deinen Weg kreuzen. Erzähle einfach deine Geschichte, frei von Schmerz, voller Liebe und Dankbarkeit. Und sage ihnen, dass auch sie zurück finden können in die Umarmung des Lebens.“