HÖHEN UND TIEFEN

Drei Wochen – solange habe ich bis dato noch nie pausiert, um einen Beitrag zu erstellen. Gefühlt habe ich meinen letzten Beitrag vor ein paar Tagen geschrieben. Aber so geht’s, wenn man (oder ich) auf 120% Leistung (im Job) unterwegs ist. Kreatives Schaffen und Spaß rückt dann in den Hintergrund. Prioritäten setzen. Deshalb sitze ich jetzt auch auf über 1.600 m Seehöhe am Berg in der Sonne und blicke hinab ins Tal, auf all das, was für ein paar Tage weder wichtig noch dringlich ist.

Me Time ist angesagt.

Dazu gehört auch, meine Gedanken der vergangenen Wochen zu sortieren und niederzuschreiben.

Inmitten der Berge aus Arbeit, die ich abgetragen habe, tauchte ein (in diesem Setting unerwartetes) Thema mehrfach auf: Borderline-Diagnosen bei jungen Menschen, die einerseits ihre Pubertät hinter sich haben, aber andererseits noch nicht so richtig erwachsen und in ihrem Leben angekommen sind. Diese Menschen kannten weder meinen Lebensweg noch wussten sie von meiner Borderline-Diagnose, doch was sie über sich erzählten, ließe sich nahtlos in meine Geschichte einfügen – obwohl gut drei Jahrzehnte Altersunterschied besteht.

Nichts hat sich geändert.

Dieselben Probleme. Dasselbe Gefühl, sich von den anderen unverstanden zu fühlen, weil diese nicht wissen, wie sie mit einem umgehen sollen. Dasselbe Gefühl, sich selbst nicht zu verstehen und mit selbst nicht klarzukommen. Dasselbe Gefühl, irgendwo im nirgendwo zu sein, ohne Halt, ohne Geborgenheit. Dasselbe Gefühl, nicht zu funktionieren, kaputt zu sein, defekt …

In den Augen allzu oft erkennbar die Hilflosigkeit angesichts einer Herausforderung, die übermächtig erscheint. Tiefverwurzelte Einsamkeit. Manchmal auch Verzweiflung, weil keine Lösung in Sicht. Mitunter Wut, wenn all der Druck zu viel wird. Im schlimmsten Fall Selbstaufgabe.

Diese Begegnungen haben mich in meinem Innersten berührt und eine Ahnung aufkommen lassen, dass es – trotz aller Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen – zu einer Zunahme an Borderline-Betroffenen kommen wird. Wie könnte es auch anders sein? Die Fälle von Mobbing & Co nehmen zu, Narzissmus ist längst keine Randerscheinung mehr, das Aussehen zu optimieren wichtiger als Charakterbildung. Gleichzeitig fehlt es immer öfter an Orten und Menschen, wo man sich geborgen fühlt, 100% authentisch sein kann und trotzdem (oder genau deshalb) wertgeschätzt wird. Von Überforderung, Überlastung, Eigen- und Fremdausbeutung mal ganz zu schweigen. Unser Lebensstil und unsere Gesellschaft werden vermehrt Borderliner produzieren. Punkt.

Was kann ich daran ändern?

Vermutlich nicht viel, doch ich kann anfangen, die Distanz, die zwischen Autorin und Leserschaft besteht, zu verkleinern. Ich kann auf Betroffene und Angehörige zugehen, jenen Raum der Geborgenheit anbieten, der häufig fehlt. Ich kann meine Erfahrungen und Methoden teilen. Ich kann Hilfe zur Selbsthilfe anbieten.

Von hier oben verändert sich der Blick.

Es gibt keine Zufälle im Leben – zumindest glaube ich nicht an Zufälle. Das diese Begegnungen dort stattgefunden haben, wo ich sie nicht erwartet hätte, interpretiere ich als „sanften Wink“ des Schicksals, das es für mich um mehr geht, als „nur“ meine Herausforderung gelöst zu haben. Meinem Bauchgefühl lauschend vernehme ich eine Stimme, die mir zu flüstert:

„Vertrau drauf, dass du diesen jungen Menschen etwas geben kannst, wenn sie deinen Weg kreuzen. Erzähle einfach deine Geschichte, frei von Schmerz, voller Liebe und Dankbarkeit. Und sage ihnen, dass auch sie zurück finden können in die Umarmung des Lebens.“

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