BEFREMDLICH …

… dieses Wort beschreibt noch am besten, was ich heute gefühlt habe, als ich auf der Buchmesse in Wien auf der Toilette einen Abfallbehälter vorgefunden habe, der gekennzeichnet war mit den Symbolen von Spritze, Rasierklinge und Sicherheitsnadel. Ich starrte auf die drei Symbole, während mir bewusst wurde, welchen Zweck dieser spezielle Behälter erfüllt.

Seither kreisen unterschiedlichste Gedanken durch meinen Kopf.

Gut, dass es eine Möglichkeit der Entsorgung gibt, die verhindert, das (noch mehr) Schaden geschieht.

Nachdenklich stimmend, dass offenbar der „Bedarf“ wahrgenommen wurde, entsprechende Behälter zu installieren. Damit sind Kosten verbunden, die eine gewisse Notwendigkeit dahinter vermuten lassen. So was macht man eher nicht für vereinzelte Ausnahmefälle, sondern … gehäufte Vorkommnisse? Teil des Alltags? Routine?

Bedrückend zu wissen, dass sich hinter all dem menschliches Leid verbirgt. Schmerz, Verzweiflung, Kummer, Angst, Wut, Scham, Einsamkeit … inmitten einer Wohlstandsgesellschaft.

Drei Symbole, schmerzlich verbunden mit Selbstverletzung und Selbstzerstörung. Was fehlt, ist ein Symbol der Hoffnung, eine Telefonnummer, Hinweis auf Stellen, die Hilfe anbieten. Für das „Danach“ ist gesorgt, doch was ist mit dem „Davor“?

Abgestumpft … noch so ein Gefühl, das ich wahrnahm.

An dieser Stelle schloss ich die Datei. Ich konnte nicht weiterschreiben. Das Thema wühlte mich zu sehr auf, warf mich in eine Spirale der Anklage gegen ein System, das weniger an Ursachenlösung als an Abfallbeseitigung interessiert scheint: Bitte nach Selbstverletzung das Werkzeug korrekt entsorgen.

Theatralischer Zynismus? Ja – und der Zeitpunkt für eine Unterbrechung, damit Gedanken und Emotionen sich wieder beruhigen und neu ausrichten können.

Gewiss, ich könnte meine rhetorischen Fähigkeiten nutzen, um ein berührendes Manifest in Stein zu meißeln, aber was würde ich damit erreichen? Die Vorurteile in den Köpfen jener zu zementieren, die glauben zu wissen …

Was dabei auf der Strecke bliebe, ist das, was meine Seele in diesem Augenblick braucht, um die Erinnerungen an Schmerz und Leid loszulassen, die durch die 3 Symbole und die damit verbundene Thematik getriggert wurden. Auf die Barrikaden zu steigen, um kämpferisch eine Veränderung einzufordern, trägt in sich die Energie des Kampfes (gegen etwas). Kampf vermag (oberflächlich) Konflikte zu beenden, doch das, was es zu verändern und zu heilen gilt, liegt unter der Oberfläche, braucht Verständnis und Liebe.

Deshalb kämpfe ich nicht (gegen das, was ich befremdlich, ja verstörend finde), sondern kümmere mich um jenen Anteil von mir, der in selbstloser Weise diese Welt heilen möchte – mit Liebe. Jenen Anteil, der nicht versteht, warum Menschen sich selbst und andere verletzen, zerstören. Dieser Anteil träumt davon, was möglich wäre, wenn Konflikt und Konfrontation durch Kommunikation und Kooperation ersetzt werden. Wenn Menschen nicht nach Aussehen, Ruhm oder Besitz streben würden, sondern danach, die bestmögliche Version von sich selbst zu werden, um ihr Potenzial zu entfalten und dieser Welt eine wunderbare, liebevolle Facette hinzuzufügen. In der Dunkelheit des Schmerzes möchte der feurige Funken Lebensfreude in mir jenes Licht sein, das Hoffnung schenkt und ein winziges Stück des Weges erkennen lässt, der zurückführt zu dem, was es sein sollte – ein Leben im Einklang mit sich selbst und dem großen Ganzen. Ein Leben voller Achtsamkeit, Respekt und Wertschätzung.

Der Weg zurück ins Licht der Bewusstheit und Ganzheit.

Der Weg der Liebe.

Der Weg der Heilung.

Bild: pixabay.com

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