MUT ZUR LÜCKE

Das Gute beim Aufräumen von Gefühlschaos ist die Gelegenheit, alles zu hinterfragen, auch leicht angestaubte Überzeugungen. Dabei kann dann schon mal so etwas rauskommen:

„Im Moment beschäftige ich mich intensiv damit, mein Leben und mich selbst zu hinterfragen. Irgendwie eine Nebenwirkung von der Konfrontation mit dem Thema Tod. Vielleicht denke ich manchmal zu viel nach, aber derzeit hilft es mir, all die Emotionen in mir zu verstehen und damit klarzukommen. Mir ist bewusst geworden, dass ich seit einiger Zeit davonlaufe. Ich verstecke mich in Arbeit. Kaum ist etwas fertig, schnappe ich mir das nächste Arbeitspaket, engagiere mich da und dort … ich lenke mich mit Beschäftigung ab, um die Lücke nicht zu sehen. Ich hab ein cooles Leben, mache was mir Spaß macht und worin ich gut bin, bekomme eine Menge Anerkennung und Aufmerksamkeit … dennoch ist da eine Lücke in meinem Leben, fehlt etwas, dass mir wichtig ist. Keinen Partner zu haben, mit dem ich manches im Leben teilen kann, für den ich da sein kann, auf den ich meine Liebe ausrichten kann, ist diese Lücke. Ich will mich nicht länger selbst belügen. Etwas fehlt in meinem coolen Leben. Dem gilt es ins Auge zu blicken und das tut weh, doch es ist, was es ist. Ich bin eine unheilbare Romantikerin, ein Beziehungsmensch, meistens ein Ausbund an Lebensfreude und es gibt niemanden, der diese mit mir teilen möchte. Ich könnte mich als Versagerin sehen, oder als Opfer des Schicksals, bestraft für was auch immer … doch ich sehe mich einfach an einem Punkt im Leben angekommen, an dem ich in einen Spiegel blicke und anerkenne, was es ist.“

Das sind meine Notizen von vor wenigen Tagen. Diese Gedanken und Gefühle durften erstmal etwas sacken.

Ja, ich habe ein cooles Leben, für das ich dankbar bin.

Ja, ich bin glücklich.

Ja, etwas fehlt in meinem Leben.

Die Lücke ist für mich kein Grund, unglücklich oder unzufrieden zu sein, dennoch möchte ich nicht so tun, alles wäre alles genauso, wie ich es mir wünsche.

Widersprüchlich? Kompliziert? Eigentlich und tatsächlich: Nein. Gedacht und gefühlt.

Die Lücke ist da. Sie zu negieren hieße vor der Realität davonlaufen. Wenn ich eines im Leben erkannt habe, dann, dass man der Realität nicht dauerhaft entkommen kann. Und sei es, dass das Unterbewusstsein unaufhörlich den Fokus genau auf das lenkt, was man nicht sehen will (die verdrängte Lücke bzw. den damit verbundenen Wunsch). Rund um mich nehme ich fast ausschließlich Paare wahr, als gäbe es kaum anderes, was statistisch unmöglich ist bei 1,8 Millionen Singles allein in Österreich.

Ja, es fehlt etwas in meinem Leben, dass ich mir wünsche. Ob ich es finde oder nicht, wird sich zeigen. Die Lücke ist kein Grund, trübselig oder frustriert zu sein, aber sie ist eine gute Gelegenheit, ehrlich zu sich selbst zu sein.

Es ist, was es ist.

Bild: https://pixabay.com/de/photos/puzzle-passt-passen-fehlt-loch-693865/

PURE CLARITY

Trotz emotionalem Chaos, das sich zwar allmählich zu lichten beginnt, aber gleichzeitig vertiefte Einsichten und neue Fragen für mich bereithält, erlebe ich derzeit auch Momente von „Pure Clarity“ – vollkommene Klarheit. Das kann ein gesprochener Satz oder eine kurze Begegnung sein, die sich als Tore zu einem Verständnis jenseits von Fragen oder Zweifel entpuppen… ein vorübergehender Zustand, dennoch höchst inspirierend.

Wie beschreibt man vollkommene Klarheit? Hier mein Versuch:

Es ist, als ob die Grenzen zwischen Denken und Fühlen sich auflösen, zwischen der Welt um mich und dem, was in mir ist. Alles ist eins und in diesem flüchtigen Augenblick bis ins kleinste Detail und in jeder Facette vollkommen stimmig.

Vielleicht nimmt es aber auch jeder anders wahr und dies ist nur meine ureigenste Version.

Die Nachwirkungen solcher Momente der Klarheit sind vielfältig, sie verändern unmittelbar mein Verhalten. „Eigentlich“ ist Verhaltensveränderung eher ein langwieriger Prozess, weil ja eine Gewohnheit umgestellt werden muss/soll/darf, aber ein Moment völliger Klarheit scheint wie ein Urknall zu wirken – bildlich gesprochen. Aus dem scheinbaren Nichts heraus entsteht ein neues (Gedanken- und Gefühls) Universum. Zumindest fühlt es sich so ein. Natürlich verändert sich nicht ALLES, aber was sich verändert, ist so präsent, dass der Rest im Hintergrund verschwindet.

Ich wäre nicht ICH, würden hierbei nicht auch philosophische Gedanken durch meinen Kopf geistern, die danach fragen, ob es sich mit dem großen Universum da draußen ebenso verhält wie mit dem kleinen in mir. Zuerst vermehrt sich das Chaos, um dann Schwupp eine neue Ordnung entstehen zu lassen, weil das Eine ohne das Andere nicht sein kann, Pol und Gegenpol einander bedingen… Die Antworten darauf werden wohl nie gefunden werden, aber allemal unterhaltsame Ablenkung 😉

Allmählich kehrt auch das Gefühl wieder zurück, das mich bestimmt: Lebensfreude 😊

Gerüstet für die (ungewisse) Zukunft? Mein Kopf sagt „hmmm“, mein Gefühl vertraut. Was auch immer in den kommenden Wochen geschehen wird, auf die eine oder andere Weise werde ich einen Weg finden, damit klar zu kommen – und ich werde lernen und mich weiterentwickeln. Auch das ist völlig klar.

Braucht es mehr?

Oder kann/darf das Leben (so) einfach sein?

War/ist es je etwas anderes, als einfach – wenn wir Menschen es sein lassen, was es ist?

Bild: pixabay.com

GEFÜHLSCHAOS

In den vergangenen Wochen war ich keine besonders fleißige Schreiberin. Das liegt daran, dass ich mich in einem ziemlich komplizierten Gefühlschaos verstrickt habe und dabei bin, dieses aufzulösen. Heute werde ich einiges darüber erzählen, denn ich glaube, auch andere könnten sich in ähnlich komplex-komplizierten Situationen befinden. Es geht um eine schwierige zwischenmenschliche Beziehung – zu meiner Mutter.

Es ist kein Geheimnis, dass meine Beziehung zu meiner Mutter belastet ist. Bewusst oder unbewusst, absichtlich oder aus Unwissenheit, war sie für mehrere traumatische Erlebnisse meiner frühen Kindheit verantwortlich und leider nicht in der Lage, mir den Halt zu geben, den ich gebraucht hätte, um diese Erlebnisse halbwegs unbeschadet zu überstehen. So sehr ich auch in mir forsche, ich finde keine Erinnerungen an Geborgenheit oder liebevolle Nähe. Schmerzhaft, aber so ist es.

Meine Mutter ist Mitte 80, ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich allmählich, ihren Geisteszustand definiere ich als „zunehmend realitätsfremd“. Ein klärendes, aussöhnendes Gespräch scheitert an ihrer Verleugnung/Verdrängung dessen, was war. Was bleibt, sind meine schmerzhafte Erinnerungen.

Schlimm, aber man kann ja ausweichen und auf Distanz gehen … könnte ausweichen … ich hänge allerdings in einer gewissen sozialen Verpflichtung, mich um meine Mutter zu kümmern. In meinem Gefühlsleben löst das folgendes aus:

„Ich darf mich nun um die Täterin kümmern, die auf armes Opfer macht. Tue ich es nicht, gelte ich als kaltherzige Täterin, die eine Bedürftige im Stich lässt. Ich soll ausblenden, was mir angetan wurde, vom Verlassenwerden als 3jährige über physische und psychische Gewalt, Demütigungen und Nicht-wahrgenommen-werden als dessen, wer ich bin, bis zum heutigen Tag. Ich soll über all dem stehen, und meinen Schmerz ausblenden.“

Nicht einfach, wirklich nicht einfach. Ein moralisches Dilemma mit vielen Nebenbei-Facetten, das in mir Wut aufsteigen ließ, wie ich sie selten zuvor erlebt habe. Wie soll/kann ich friedvoll in die Zukunft gehen, wenn in der Vergangenheit kein Frieden herrscht?

Kompliziert – und es geht noch komplizierter.

Teil dieses Chaos ist auch mein Sohn, der ein gänzlich anderes Bild seiner Großmutter hat und – zum Glück – andere Erinnerungen. Als ich ihm zu erklären versuchte, wie es mir geht und warum ich mich verhalte wie ich mich gerade verhalte, kam etwas zur Sprache, dass meinen Blickwinkel von jetzt auf gleich völlig umkrempelte: Mein Sohn nimmt mich emotional ähnlich wahr wie ich meine Mutter. Niemals im Leben wollte ich so sein/so werden wie sie! Doch …

… wenn ich ständig auf die Wunde starre, die meine Mutter gerissen hat, werde ich zur Wunde. Wie soll diese Wunde je heilen, wenn ich den Schmerz mit aller Macht am Leben erhalte? Seine Eltern abzulehnen ist (nach wie vor) ein erfolgsversprechender Weg, so wie sie zu werden. Ablehnung ist auch eine Form von Aufmerksamkeit, sprich ein Fokus, der verstärkt, worauf er gerichtet wird.

Von einem Tag auf den anderen verschwand die Wut in mir. Der Schmerz ist zwar noch nicht völlig vorbei, die Wunde noch nicht ganz geheilt, aber ich richte meinen Fokus nicht länger in die Vergangenheit. Diese darf vorbei sein. Mein Verstand hat die Ereignisse meiner Kindheit längst verarbeitet und mit Erklärungen versehen abgelegt. Meine emotionale Seite darf nun nachziehen. Das Chaos beginnt sich allmählich aufzulösen. Der Prozess läuft, jenes loszulassen, dass aus dem Schmerz heraus entstand, und das festgehalten wurde durch die offene Wunde in Form einer nicht enden wollenden Anklage.

Wie kann ich ein feuriger Funken Lebensfreude sein, wenn ein Teil von mir in der Vergangenheit lebt und leidet?

Leben findet an einem einzigen Ort statt: Im Hier und Jetzt!

Es geht weder um Vergessen noch um Verzeihen – es geht um Loslassen. Den Schmerz loslassen. Ihn nicht länger gleich einem Anker mit sich rumschleppen, der ständig zurückzieht in das längst Vergangene.

Die traumatischen Erlebnisse liegen Jahrzehnte zurück. Ich habe überlebt. Ich bin groß und stark geworden. Ich habe mir ein echt tolles Leben geschaffen. Ich werde auch das aktuelle Gefühlschaos in Harmonie verwandeln, weil ich es kann, ich es mir wert bin, weil ich mich für Liebe als das bestimmende Gefühl in meinem Leben entschieden habe. Deshalb bin ich dabei, das (emotionale) Bild in mir neu zu ordnen. Keine Verleugnung, keine Verdrängung, eher eine Akte, die geschlossen wurde.

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