In den vergangenen Wochen war ich keine besonders fleißige Schreiberin. Das liegt daran, dass ich mich in einem ziemlich komplizierten Gefühlschaos verstrickt habe und dabei bin, dieses aufzulösen. Heute werde ich einiges darüber erzählen, denn ich glaube, auch andere könnten sich in ähnlich komplex-komplizierten Situationen befinden. Es geht um eine schwierige zwischenmenschliche Beziehung – zu meiner Mutter.
Es ist kein Geheimnis, dass meine Beziehung zu meiner Mutter belastet ist. Bewusst oder unbewusst, absichtlich oder aus Unwissenheit, war sie für mehrere traumatische Erlebnisse meiner frühen Kindheit verantwortlich und leider nicht in der Lage, mir den Halt zu geben, den ich gebraucht hätte, um diese Erlebnisse halbwegs unbeschadet zu überstehen. So sehr ich auch in mir forsche, ich finde keine Erinnerungen an Geborgenheit oder liebevolle Nähe. Schmerzhaft, aber so ist es.
Meine Mutter ist Mitte 80, ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich allmählich, ihren Geisteszustand definiere ich als „zunehmend realitätsfremd“. Ein klärendes, aussöhnendes Gespräch scheitert an ihrer Verleugnung/Verdrängung dessen, was war. Was bleibt, sind meine schmerzhafte Erinnerungen.
Schlimm, aber man kann ja ausweichen und auf Distanz gehen … könnte ausweichen … ich hänge allerdings in einer gewissen sozialen Verpflichtung, mich um meine Mutter zu kümmern. In meinem Gefühlsleben löst das folgendes aus:
„Ich darf mich nun um die Täterin kümmern, die auf armes Opfer macht. Tue ich es nicht, gelte ich als kaltherzige Täterin, die eine Bedürftige im Stich lässt. Ich soll ausblenden, was mir angetan wurde, vom Verlassenwerden als 3jährige über physische und psychische Gewalt, Demütigungen und Nicht-wahrgenommen-werden als dessen, wer ich bin, bis zum heutigen Tag. Ich soll über all dem stehen, und meinen Schmerz ausblenden.“
Nicht einfach, wirklich nicht einfach. Ein moralisches Dilemma mit vielen Nebenbei-Facetten, das in mir Wut aufsteigen ließ, wie ich sie selten zuvor erlebt habe. Wie soll/kann ich friedvoll in die Zukunft gehen, wenn in der Vergangenheit kein Frieden herrscht?
Kompliziert – und es geht noch komplizierter.
Teil dieses Chaos ist auch mein Sohn, der ein gänzlich anderes Bild seiner Großmutter hat und – zum Glück – andere Erinnerungen. Als ich ihm zu erklären versuchte, wie es mir geht und warum ich mich verhalte wie ich mich gerade verhalte, kam etwas zur Sprache, dass meinen Blickwinkel von jetzt auf gleich völlig umkrempelte: Mein Sohn nimmt mich emotional ähnlich wahr wie ich meine Mutter. Niemals im Leben wollte ich so sein/so werden wie sie! Doch …
… wenn ich ständig auf die Wunde starre, die meine Mutter gerissen hat, werde ich zur Wunde. Wie soll diese Wunde je heilen, wenn ich den Schmerz mit aller Macht am Leben erhalte? Seine Eltern abzulehnen ist (nach wie vor) ein erfolgsversprechender Weg, so wie sie zu werden. Ablehnung ist auch eine Form von Aufmerksamkeit, sprich ein Fokus, der verstärkt, worauf er gerichtet wird.
Von einem Tag auf den anderen verschwand die Wut in mir. Der Schmerz ist zwar noch nicht völlig vorbei, die Wunde noch nicht ganz geheilt, aber ich richte meinen Fokus nicht länger in die Vergangenheit. Diese darf vorbei sein. Mein Verstand hat die Ereignisse meiner Kindheit längst verarbeitet und mit Erklärungen versehen abgelegt. Meine emotionale Seite darf nun nachziehen. Das Chaos beginnt sich allmählich aufzulösen. Der Prozess läuft, jenes loszulassen, dass aus dem Schmerz heraus entstand, und das festgehalten wurde durch die offene Wunde in Form einer nicht enden wollenden Anklage.
Wie kann ich ein feuriger Funken Lebensfreude sein, wenn ein Teil von mir in der Vergangenheit lebt und leidet?
Leben findet an einem einzigen Ort statt: Im Hier und Jetzt!
Es geht weder um Vergessen noch um Verzeihen – es geht um Loslassen. Den Schmerz loslassen. Ihn nicht länger gleich einem Anker mit sich rumschleppen, der ständig zurückzieht in das längst Vergangene.
Die traumatischen Erlebnisse liegen Jahrzehnte zurück. Ich habe überlebt. Ich bin groß und stark geworden. Ich habe mir ein echt tolles Leben geschaffen. Ich werde auch das aktuelle Gefühlschaos in Harmonie verwandeln, weil ich es kann, ich es mir wert bin, weil ich mich für Liebe als das bestimmende Gefühl in meinem Leben entschieden habe. Deshalb bin ich dabei, das (emotionale) Bild in mir neu zu ordnen. Keine Verleugnung, keine Verdrängung, eher eine Akte, die geschlossen wurde.
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