WORKOHOLIC?

In meinem Umfeld gibt es Person X, die seit längerem im Job auf 150 % läuft. In meinem Umfeld gibt es auch ein paar Personen, die sich nach diesem Einleitungssatz vermutlich fragen, ob sich X auf mich selbst bezieht. Meine vorausgreifende Antwort darauf: Vielleicht – aber nicht nur. X gibt es wirklich. Parallelen sind rein zufällig und unbeabsichtigt 😉

Der Fall X hat mich inspiriert der Frage nachzugehen, wo die Grenze zwischen überdurchschnittlichem Engagement und Arbeitssucht (=Workoholic) verläuft.

Hier nun meine nicht auf wissenschaftlicher Forschung, aber auf meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen basierenden Antwort. Keinesfalls der Weisheit letzter Schluss, aber vielleicht ein Denkanstoß.

Jede Sucht ist eine Suche. Ein Versuch, ein unerfülltes Bedürfnis zu befriedigen. Welches Bedürfnis kann ich mit Arbeit befriedigen? Gegenfrage: Was bekomme ich, wenn ich überdurchschnittlich viel arbeite, mehr mache als andere, vielleicht besser mache als andere?

Anerkennung!

Ob von extern (also anderen Menschen) oder aus mir selbst heraus (unterentwickeltes Selbstwertgefühl wird vorübergehend mit Eigenlob aufgepäppelt, aber letztendlich handelt es sich hier um ein Fass ohne Boden … es kann nie genug sein). Wenn man (meine eigene Erfahrung) früh im Leben spürt, dass man nicht wahrgenommen wird, aber alle anderen so toll sind, was ist die Konsequenz? Möglicherweise versucht man, noch toller zu sein als die anderen. Selbstwert entsteht dann nicht aus dem „Selbst-sein“ heraus, sondern durch Leistung. Diese wiederum bringt Anerkennung, sprich jene Aufmerksamkeit, das „Wahrgenommen werden“, dass jeder Mensch braucht. Vor allem auch jedes Kind, um zu einem gesunden und ausgeglichenen Erwachsenen zu werden.

Leistung per se ist ja nicht verkehrt, aber wann wird sie zur Sucht und krankhaft?

Ein Zeichen sehe ich darin, wenn Menschen beginnen, sich selbst physisch und psychisch auszubeuten. Für mich handelt es sich dabei um eine Form der Selbstverletzung, allerdings wird sie in der Gesellschaft selten so wahrgenommen, denn es sind keine selbstzugefügten Schnittwunden, kein Substanzmissbrauch, es geht „nur“ um Arbeit. Gesundheitsschädliches Verhalten wird mit schlechter Ernährung, mangelnder Bewegung, Alkohol, Zigaretten etc. assoziiert. Wer bremst jene Menschen, die sich sprichwörtlich „zu Tode arbeiten“? Oder zumindest in ein Burnout?

Gleichzeitig gibt es auch jene, die mit Begeisterung ihre Projekte realisieren und nicht ansatzweise arbeitssüchtig sind, obwohl sie enorm viel arbeiten.

Wo verläuft die Grenze?

Vielleicht dort, wo die Vielfalt des Lebens verloren geht? Wenn alles andere hinter der Arbeit zurückstehen muss, ganz gleich, ob Familie, Freunde, Beziehungen jeder Art, ist die Work-Life-Balance aus den Fugen geraten. 150 % im Job – was bleibt dann noch fürs Leben? Verbaut man nicht genau so die Chance, das auf gute Weise zu erhalten, was man ursprünglich gesucht hat? Anerkennung von anderen? Wertvolle zwischenmenschliche Beziehungen?

Wenn man sich nun ertappt, bereits in der Suchtfalle zu sitzen, wie kommt man raus? Kann man es überhaupt selbst erkennen? Wie viele Menschen sind süchtig nach Nikotin, Alkohol & Co ohne sich dessen bewusst zu sein? Wird nicht auch ein Workoholic der Selbsttäuschung erliegen und jede Menge plausible Erklärungen und Begründungen dafür liefern, warum es essenziell ist, dies oder jenes zu tun, warum niemand anders es tun kann, sich möglicherweise für unersetzlich halten?

Wie kann Ausstieg aus der Arbeitssucht funktionieren?

Logisch betrachtet, macht es wenig Sinn, nicht mehr zu arbeiten (abgesehen davon, dass ja auch Rechnungen bezahlt werden wollen), weil die Arbeit ja ein Bedürfnis erfüllt, quasi einen „Hunger“ stillt. Alternativen sind gefragt. Wenn es um Anerkennung geht, diese woanders zu finden. Oder noch besser: in sich selbst in Form eines gesunden Selbstwertgefühls zu finden. Dann muss man nämlich nicht mehr bis zur Selbstausbeutung arbeiten, sondern kann gut auf sich selbst achten und Grenzen ziehen.

All das geht mir durch den Kopf, während ich wieder einmal auf über 1.000 m am Berg sitze, müde nach einem langen Tag, den ich im Zug und auf der Skipiste verbracht habe, und mein To Do, das ich mir für heute Abend vorgenommen hatte, soeben auf morgen verschoben habe. Ob ich heute oder morgen oder vielleicht auch erst nächste Woche darüber entscheide, welche Gedichte in Band 2 von Berggeflüster kommen, ändert nichts daran, dass ich mich mag, so wie ich bin – inklusive punktueller Aufschieberitis😉

KRAFTVOLLE WURZELN

Damit ein Baum fest verankert den Stürmen des Lebens widerstehen und seine prachtvolle Krone tragen kann, braucht er starke Wurzeln. Mitunter reichen diese im Untergrund weiter als sein Blätterdach oberhalb. Eine wunderbare Analogie, die sich auch auf den Menschen übertragen lässt. Damit dieser die Fülle der in ihm angelegten Potenziale – ob in Beziehungen, im Job, Kreativität etc. – entfalten kann, sind starke Wurzeln und die damit einhergehende Erdung wichtig.

Die Wurzeln eines Menschen liegen in seinen Vorfahren, im Familiensystem – und hier beginnt es interessant, um nicht zu sagen herausfordernd zu werden. Mit seinen Vorfahren in gutem Einvernehmen zu stehen, fällt nicht immer leicht, insbesondere nicht wenn man – so wie ich – aus einem belastenden familiären Umfeld stammt.

Worum geht’s bei diesen Wurzeln?

In erster Linie darum, anzuerkennen, woher man stammt. Diese Challenge habe ich gemeistert. Ich bin meinen Eltern dankbar für das Geschenk des Lebens, das sie mir gemacht haben – unabhängig von dem, was später alles folgte. Meine Dankbarkeit bezieht sich darauf, dass ich ohne sie nicht hier wäre. Meine Lebenswurzel ist verankert. Punkt.

Der nächste Schritt, mit dem ich mich derzeit befasse, geht etwas weiter. Bildlich gesprochen sind es die vielen Nebenwurzeln, die ein Baum braucht, um stabil Halt zu finden. Ein Kind ist das Ergebnis der Vermischung von Anteilen der Mutter und des Vaters. Beide Seiten bringen DNA ein, aber keine Seite zu 100% (sonst käme ein Klon dabei raus). Jedes Kind trägt also Anteile von beiden Elternteilen in sich. Lehnt das Kind einen Elternteil konsequent ab, lehnt es de facto auch einen Teil von sich ab, was wiederum die Wurzeln schwächt. Lehnt es beide Elternteile ab, lehnt es auch sich selbst ab und kappt die eigenen Wurzeln. Das alles vollzieht sich meist subtil im Unterbewusstsein, doch die Auswirkungen werden im Alltag Leben sichtbar. Diese Menschen finden einfach nicht in ihre Kraft, sind häufig instabil, ständig in Konflikten (die sie genau genommen aus sich selbst heraus ins Umfeld projizieren), Anklage, Opferrolle, unterdrückte und/oder gelebte Aggression … kurz gesagt: mit sich selbst nicht im Reinen.

Die kraftvollen Anteile meines Vaters anzunehmen, war relativ einfach. Von ihm habe ich meine Kreativität und das Geschichtenerzählen, die Liebe zur Natur … einige wunderbare Geschenke. Ich habe allerdings auch ein paar belastende Anteile abbekommen, mit denen ich allerdings zwischenzeitlich gut umgehen gelernt habe (anders als mein Vater, der dies nie geschafft hat).

Was ich von meiner Mutter habe, ist nicht ganz so einfach. Auch deshalb nicht, weil mein Verhältnis zu ihr nach wie schwierig ist. Erschreckenderweise ertappte ich mich in der Vergangenheit mitunter dabei, genauso wie so zu sprechen oder zu handeln. Nur nie sein wie sie! Der perfekte Vorsatz, um genauso zu werden, denn damit liegt der Fokus darauf etwas zu vermeiden.

Alles, was genährt wird (auch das, was wir vermeiden wollen) wächst.

Nun ja, Theorie und Praxis. Allem Wissen zum Trotz stolpere auch ich manchmal über meine eigenen Beine. Aufstehen und Weitergehen.

Also, welche kraftvollen Anteile habe ich von meiner Mutter? Ich kann – ebenso wie sie – viel aushalten, eine Menge negatives ertragen. Keine sehr positive Aussicht, zumindest auf den ersten Blick, denn ich identifizierte damit sofort ihre Leidensfähigkeit. Seit ich mich erinnern kann lebt meine Mutter in der Opferrolle und tat dies vermutlich auch die Jahrzehnte davor. Leidensfähig bin ich auch, aber es das ein kraftvoller Anteil, für den ich dankbar sein will/kann? Ein Anteil, der mich gut im Leben verwurzelt? Was ist Leidensfähigkeit eigentlich genau? Wer etwas lange Zeit ertragen kann, ist doch irgendwie auch „stark“, oder nicht? Es braucht dafür eine Menge Ausdauer. Mit Ausdauer kann ich gut. Die habe ich im Sport, im Job und auch in Beziehungen bewiesen. Wobei – gerade in Beziehungen war es auch die Version „ausdauernd aushalten“. Die Betonung liegt hier auf WAR, denn mittlerweile ist meine Ausdauer in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht mehr von Verlustangst geprägt, sondern vom Wunsch Liebe zu teilen.

Ausdauer als kraftvolle Wurzel, als Geschenk meiner Mutter? Mein Vater wird nicht ausdauernd. Wenn etwas schief ging, ließ er es bleiben. Vielleicht eine Folge seiner zwei Fluchterfahrungen, bei denen er jedes Mal fast alles zurücklassen musste?

Je mehr ich mich damit befasse, desto mehr entdecke ich, was ich von meinen Eltern auf meinen Weg mitbekommen habe. Vieles davon konnte ich mittlerweile zu kraftvollen Wurzeln weiterentwickeln. Manches haben sie aufgrund ihrer eigenen Vergangenheit auf negative, teils zerstörerische Weise ausgelebt.

Ein Mensch kann ausdauern darin sein, an seinem Schmerz festzuhalten, gefesselt von seinen Ängsten und zu leiden – oder ausdauernd darin, die Wunden seiner Seele zu heilen und seinen Weg zurück in die Umarmung des Lebens zu finden. Ausdauer ist per se neutral. Selbiges gilt für Kreativität. Mein Vater setzte sie dafür ein, seine Depressionen und seine Alkoholerkrankungen vor der Welt zu verbergen. Ich nutze meine Kreativität und erzähle Geschichten, um die Herzen von Menschen zu berühren. Kreativität ist per se neutral.

Auch wenn ich das meiste anders ausleben als meine Eltern, so bin ich dankbar für das, was ich mitbekommen habe – selbst für die belastenden Anteile. Diese waren mit dafür verantwortlich, einige besonderes starke Wurzeln zu bilden. Letztendlich habe ich gelernt, selbst zu entscheiden, was ich aus meinem „Erbe“ mache.

Ein paar Gedanken möchte ich hier noch anschließen für alle jene, die ihre Eltern nie kennengelernt habe. In meinem Umfeld sind dies einige Menschen. Diese Erfahrung teile ich zwar nicht, aber ausgehend von dem, was weise Menschen mich gelehrt haben und was ich selbst beobachtet habe, gehe ich davon aus, dass auch hier die menschliche Vorstellungskraft ein mächtiges Werkzeug ist. Es kommt wohl weniger darauf an, was es wirklich war, als auf das, wie es in uns ist.

Eine meiner Mentorinnen hatte einen Spruch dazu: „Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Provokante Aussage, ich weiß, aber ich arbeite daran, die guten Augenblicke in den Fokus zu holen, um meine Wurzeln zu stärken, und die schmerzhaften dort zu lassen, wo sie hingehören: in der Vergangenheit.

Die gute Nachricht zum Tage: Wurzeln stärken ist auch in der Lebensmitte noch möglich 😉

Bild: pixabay.com

ALTE WUNDEN

Liebe heilt alle (seelischen) Wunden, davon bin ich nach wie vor felsenfest überzeugt. Allerdings gibt es meiner Erfahrung nach eine kleine (entscheidende) Bedingung: man muss/darf/soll hinsehen auf das, was zur Wunde geführt hat. Nicht angenehm, aber notwendig. Wie sehr, wird mir gerade wieder einmal vor Augen geführt.

Gestern hat jemand im beruflichen Kontext mit einer an sich banalen Aussage unabsichtlich etwas sehr altes und schmerzhaftes in mir getriggert. Näher werde ich darauf nicht eingehen. Viel wichtiger als die Details ist, was darauf folgte. Das „banale“ Ereignis begann in meinem Denken Schleifen zu drehen, gestartet durch die ursprüngliche Emotion (aus der verletzenden Erfahrung) und genährt durch die all die Emotionen, die mit jedem gedanklichen Durchlauf des Worst-Case-Szenarios dunkler und intensiver wurden. Einiger solcher Schleifen haben dazu geführt, dass ich von einem Augenblick auf den anderen meine Zelte abgebrochen und wichtige Bereiche meines Lebens hinter mir gelassen habe … mehrfach! Auch eine Form der „Zerstörung“.

Für alle Nicht-Betroffenen: Solche Negativ-Spiralen können durch Kleinigkeiten ausgelöst werden, drehen sich unaufhaltsam Richtung Abgrund und werden dabei unerträglich. Manche Borderliner greifen dann zu Klingen, andere zu Drogen, Kurzschlusshandlungen … die Methoden sind vielfältig, ihr Ziel meistens das gleiche – endlich wieder Ruhe zu finden.

Diese Ruhe kommt nicht von allein – zumindest nicht bei mir. Solange ich beschäftigt bin, abgelenkt, konzentriert, kann ich diese Spirale auf Mute schalten, aber wehe es wird ruhig rund um mich, springt der Schalter auf „Continue“ und es geht weiter. Gedanken- und Gefühlsschleife Runde 99 …

Ein Ausweg, der für mich (und ich gehe davon aus, auch für andere) funktioniert ist jener, mich aus dem Alltag zurückzuziehen (deshalb sitze ich gerade wieder in den Bergen) und mit räumlich/zeitlichem Sicherheitsabstand auf jenes zu blicken, was war (gestern und vor langer Zeit). Ich blicke zurück, mir selbst bewusst machend, dass – was immer es war – ich überlebt habe, es weiterging, und ich jene wurde, die ich heute bin: eine, die von Lebensfreude und Liebe bestimmt wird. Trotz – oder vielleicht auch aufgrund – dessen, was vor langer Zeit geschehen ist, fand ich meinen Weg zurück zur Liebe. Was auch immer es damals war, es lag am Beginn dieses Weges und mittlerweile weit entfernt in der Vergangenheit, die niemand verändern kann. Vergangenheit gilt es zu akzeptieren und dort zu belassen, wo sie hingehört: In der Vergangenheit. Leben findet stets in der Gegenwart statt. Niemand kann gestern atmen, um heute auf einen Berg zu steigen. Fokus auf die Gegenwart: was ist es im Hier und Jetzt?

Die Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart wieder entwirren. In Liebe auf mich selbst zu blicken, mit Dankbarkeit für meinen Weg, der mich zu diesem Augenblick geführt hat. Loslassen und in die Vergangenheit entlassen, was dorthin gehört.

Danach wird es auch wieder möglich, die „banale“ Aussage als das zu hören, was sie war: eine Aussage, welche die Meinung einer anderen Person wiedergibt. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Grund für intensive Emotionalität – außer ich entscheide mich bewusst dafür. Keine Kurzschlusshandlungen.

Ob meine alte Wunde nun vollständig geheilt ist oder vielleicht noch die eine oder andere liebevolle Zuwendung braucht, wird sich zeigen. In mir ist reichlich Liebe und ein Kurztrip übers Wochenende in die Berge kostet (Dank Klimaticket) weniger als 2 h beim Therapeuten. Mal ehrlich: 2 Tage in den Bergen oder 2 Stunden auf der Therapie-Couch? Ich nehme die Berge 😉

Das Beitragsbild entstand während der Bahnfahrt, aufgenommen aus dem fahrenden Zug bei ca. 120 Km/h. Sonnenaufgang über dem Wallersee, etwas unscharf (wie so manches im Leben), dennoch ein Spiegelbild (wie so vieles im Leben).

KÄFIG DER ANGST

Vor ein paar Tagen ist mir der Begriff „vielwahrnehmend“ begegnet. Selbstredend habe ich mich darin wiedergefunden, allerdings war mir das auch bereits davor klar, dass meine Wahrnehmung etwas „überdurchschnittlich“ ist. Oder wie ich es gerne nenne: multidimensional.

Eben jene Wahrnehmung (welches Adjektiv auch immer ich davorsetze) beschert mir derzeit einige neue Einsichten und Erkenntnisse, insbesondere auf den „Käfig der Angst“. In dem saßen/sitzen einige der Menschen, die mir in den vergangenen Tagen begegnet sind. So verschiedenen ihre Leben auch sind, ihr gemeinsamer Nenner ist jener Käfig der Angst. Eine innere Haltung, in die sie (so vermute ich) sehr früh in ihrer Kindheit durch wenig erfreuliche Ereignisse geworfen wurden und seither darin festsitzen, in einem imaginären, gefühlten, emotionalen Käfig, in dem sie einst Schutz suchten, und der sie heute davon abhält, ein freies selbstbestimmtes Leben zu leben. Manche können ihre Gefühle nicht zeigen, andere nicht mit Menschen interagieren … es gibt viele Versionen dieses Käfigs, doch in allen davon verhindert er Lebendigkeit.

Dieser Käfig der Angst war einst wirklich sinnvoll und wichtig um zu überleben, aber die Menschen wurden größer, stärker, bräuchten diesen Käfig nicht mehr, dennoch halten sie daran fest.

Richtig gelesen: Die Menschen halten daran fest.

Genau genommen existiert dieser Käfig nur im Kopf und Gefühl, niemals in der Realität.

Es gibt verschiedene Zitate, die von einer „Hölle auf Erden“ sprechen. Ich glaube, jeder Mensch erschafft sich seine ganz persönliche Hölle, meistens nicht freiwillig, aber die wenigsten verlassen freiwillig diese Hölle. Meistens braucht es immensen Leidensdruck, um zu verändern, was die Gitter des Käfigs der Angst undurchdringlich zu machen scheint.

Angst lähmt, erstickt die Lebendigkeit in uns. Insbesondere die Form der Angst, die sich subtil anschleicht, von schmerzhaften Erinnerungen genährt wird und mehr und mehr Raum in uns einnimmt, die uns im Käfig gefangen hält.

Einst saß ich auch in diesem Käfig, viele Jahre, Jahrzehnte, fast mein ganzes Leben lang – doch irgendwann löste ich die Gitterstäbe auf, um Raum zu haben für meine Lebendigkeit und Lebensfreude. Heute frage ich, welche Botschaft für mich sich in den Begegnungen mit all den Menschen in ihren Käfigen der Angst verbirgt.

Soll es mich daran erinnern, wo ich einst war und was ich überwunden habe?

Soll ich jenen die Hand reichen, die noch in ihren Käfigen sitzen? Ich vermag niemanden zu retten, denn auch wenn ich den Käfig wahrnehmen kann, er existiert nur in dem anderen und nur jener andere kann die Tür des Käfigs öffnen. Die geht nämlich nur in eine Richtung auf: von innen nach außen.

Soll ich meine Gedanken dazu mit anderen teilen, Licht auf blinde Flecken werfen? Nicht jeder will in den Spiegel blicken, der offenbart, was es ist. Manche laufen davon und nehmen ihren Käfig mit, den dieser ist äußerst mobil. Flucht ist keine Option. Es gibt nur einen Ausweg – und der führt nach innen, übers Denken ins Gefühl, ins Herz, in die Seele, mit sich selbst ins Reine zu kommen… und die Gitterstäbe des Käfigs verblassen wie Schatten der Nacht im Licht der aufgehenden Sonne.

Bild: https://pixabay.com/de/photos/sonnenaufgang-nebelmeer-alpen-nebel-3909583/