Liebe heilt alle (seelischen) Wunden, davon bin ich nach wie vor felsenfest überzeugt. Allerdings gibt es meiner Erfahrung nach eine kleine (entscheidende) Bedingung: man muss/darf/soll hinsehen auf das, was zur Wunde geführt hat. Nicht angenehm, aber notwendig. Wie sehr, wird mir gerade wieder einmal vor Augen geführt.
Gestern hat jemand im beruflichen Kontext mit einer an sich banalen Aussage unabsichtlich etwas sehr altes und schmerzhaftes in mir getriggert. Näher werde ich darauf nicht eingehen. Viel wichtiger als die Details ist, was darauf folgte. Das „banale“ Ereignis begann in meinem Denken Schleifen zu drehen, gestartet durch die ursprüngliche Emotion (aus der verletzenden Erfahrung) und genährt durch die all die Emotionen, die mit jedem gedanklichen Durchlauf des Worst-Case-Szenarios dunkler und intensiver wurden. Einiger solcher Schleifen haben dazu geführt, dass ich von einem Augenblick auf den anderen meine Zelte abgebrochen und wichtige Bereiche meines Lebens hinter mir gelassen habe … mehrfach! Auch eine Form der „Zerstörung“.
Für alle Nicht-Betroffenen: Solche Negativ-Spiralen können durch Kleinigkeiten ausgelöst werden, drehen sich unaufhaltsam Richtung Abgrund und werden dabei unerträglich. Manche Borderliner greifen dann zu Klingen, andere zu Drogen, Kurzschlusshandlungen … die Methoden sind vielfältig, ihr Ziel meistens das gleiche – endlich wieder Ruhe zu finden.
Diese Ruhe kommt nicht von allein – zumindest nicht bei mir. Solange ich beschäftigt bin, abgelenkt, konzentriert, kann ich diese Spirale auf Mute schalten, aber wehe es wird ruhig rund um mich, springt der Schalter auf „Continue“ und es geht weiter. Gedanken- und Gefühlsschleife Runde 99 …
Ein Ausweg, der für mich (und ich gehe davon aus, auch für andere) funktioniert ist jener, mich aus dem Alltag zurückzuziehen (deshalb sitze ich gerade wieder in den Bergen) und mit räumlich/zeitlichem Sicherheitsabstand auf jenes zu blicken, was war (gestern und vor langer Zeit). Ich blicke zurück, mir selbst bewusst machend, dass – was immer es war – ich überlebt habe, es weiterging, und ich jene wurde, die ich heute bin: eine, die von Lebensfreude und Liebe bestimmt wird. Trotz – oder vielleicht auch aufgrund – dessen, was vor langer Zeit geschehen ist, fand ich meinen Weg zurück zur Liebe. Was auch immer es damals war, es lag am Beginn dieses Weges und mittlerweile weit entfernt in der Vergangenheit, die niemand verändern kann. Vergangenheit gilt es zu akzeptieren und dort zu belassen, wo sie hingehört: In der Vergangenheit. Leben findet stets in der Gegenwart statt. Niemand kann gestern atmen, um heute auf einen Berg zu steigen. Fokus auf die Gegenwart: was ist es im Hier und Jetzt?
Die Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart wieder entwirren. In Liebe auf mich selbst zu blicken, mit Dankbarkeit für meinen Weg, der mich zu diesem Augenblick geführt hat. Loslassen und in die Vergangenheit entlassen, was dorthin gehört.
Danach wird es auch wieder möglich, die „banale“ Aussage als das zu hören, was sie war: eine Aussage, welche die Meinung einer anderen Person wiedergibt. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Grund für intensive Emotionalität – außer ich entscheide mich bewusst dafür. Keine Kurzschlusshandlungen.
Ob meine alte Wunde nun vollständig geheilt ist oder vielleicht noch die eine oder andere liebevolle Zuwendung braucht, wird sich zeigen. In mir ist reichlich Liebe und ein Kurztrip übers Wochenende in die Berge kostet (Dank Klimaticket) weniger als 2 h beim Therapeuten. Mal ehrlich: 2 Tage in den Bergen oder 2 Stunden auf der Therapie-Couch? Ich nehme die Berge 😉
Das Beitragsbild entstand während der Bahnfahrt, aufgenommen aus dem fahrenden Zug bei ca. 120 Km/h. Sonnenaufgang über dem Wallersee, etwas unscharf (wie so manches im Leben), dennoch ein Spiegelbild (wie so vieles im Leben).