KRAFTVOLLE WURZELN

Damit ein Baum fest verankert den Stürmen des Lebens widerstehen und seine prachtvolle Krone tragen kann, braucht er starke Wurzeln. Mitunter reichen diese im Untergrund weiter als sein Blätterdach oberhalb. Eine wunderbare Analogie, die sich auch auf den Menschen übertragen lässt. Damit dieser die Fülle der in ihm angelegten Potenziale – ob in Beziehungen, im Job, Kreativität etc. – entfalten kann, sind starke Wurzeln und die damit einhergehende Erdung wichtig.

Die Wurzeln eines Menschen liegen in seinen Vorfahren, im Familiensystem – und hier beginnt es interessant, um nicht zu sagen herausfordernd zu werden. Mit seinen Vorfahren in gutem Einvernehmen zu stehen, fällt nicht immer leicht, insbesondere nicht wenn man – so wie ich – aus einem belastenden familiären Umfeld stammt.

Worum geht’s bei diesen Wurzeln?

In erster Linie darum, anzuerkennen, woher man stammt. Diese Challenge habe ich gemeistert. Ich bin meinen Eltern dankbar für das Geschenk des Lebens, das sie mir gemacht haben – unabhängig von dem, was später alles folgte. Meine Dankbarkeit bezieht sich darauf, dass ich ohne sie nicht hier wäre. Meine Lebenswurzel ist verankert. Punkt.

Der nächste Schritt, mit dem ich mich derzeit befasse, geht etwas weiter. Bildlich gesprochen sind es die vielen Nebenwurzeln, die ein Baum braucht, um stabil Halt zu finden. Ein Kind ist das Ergebnis der Vermischung von Anteilen der Mutter und des Vaters. Beide Seiten bringen DNA ein, aber keine Seite zu 100% (sonst käme ein Klon dabei raus). Jedes Kind trägt also Anteile von beiden Elternteilen in sich. Lehnt das Kind einen Elternteil konsequent ab, lehnt es de facto auch einen Teil von sich ab, was wiederum die Wurzeln schwächt. Lehnt es beide Elternteile ab, lehnt es auch sich selbst ab und kappt die eigenen Wurzeln. Das alles vollzieht sich meist subtil im Unterbewusstsein, doch die Auswirkungen werden im Alltag Leben sichtbar. Diese Menschen finden einfach nicht in ihre Kraft, sind häufig instabil, ständig in Konflikten (die sie genau genommen aus sich selbst heraus ins Umfeld projizieren), Anklage, Opferrolle, unterdrückte und/oder gelebte Aggression … kurz gesagt: mit sich selbst nicht im Reinen.

Die kraftvollen Anteile meines Vaters anzunehmen, war relativ einfach. Von ihm habe ich meine Kreativität und das Geschichtenerzählen, die Liebe zur Natur … einige wunderbare Geschenke. Ich habe allerdings auch ein paar belastende Anteile abbekommen, mit denen ich allerdings zwischenzeitlich gut umgehen gelernt habe (anders als mein Vater, der dies nie geschafft hat).

Was ich von meiner Mutter habe, ist nicht ganz so einfach. Auch deshalb nicht, weil mein Verhältnis zu ihr nach wie schwierig ist. Erschreckenderweise ertappte ich mich in der Vergangenheit mitunter dabei, genauso wie so zu sprechen oder zu handeln. Nur nie sein wie sie! Der perfekte Vorsatz, um genauso zu werden, denn damit liegt der Fokus darauf etwas zu vermeiden.

Alles, was genährt wird (auch das, was wir vermeiden wollen) wächst.

Nun ja, Theorie und Praxis. Allem Wissen zum Trotz stolpere auch ich manchmal über meine eigenen Beine. Aufstehen und Weitergehen.

Also, welche kraftvollen Anteile habe ich von meiner Mutter? Ich kann – ebenso wie sie – viel aushalten, eine Menge negatives ertragen. Keine sehr positive Aussicht, zumindest auf den ersten Blick, denn ich identifizierte damit sofort ihre Leidensfähigkeit. Seit ich mich erinnern kann lebt meine Mutter in der Opferrolle und tat dies vermutlich auch die Jahrzehnte davor. Leidensfähig bin ich auch, aber es das ein kraftvoller Anteil, für den ich dankbar sein will/kann? Ein Anteil, der mich gut im Leben verwurzelt? Was ist Leidensfähigkeit eigentlich genau? Wer etwas lange Zeit ertragen kann, ist doch irgendwie auch „stark“, oder nicht? Es braucht dafür eine Menge Ausdauer. Mit Ausdauer kann ich gut. Die habe ich im Sport, im Job und auch in Beziehungen bewiesen. Wobei – gerade in Beziehungen war es auch die Version „ausdauernd aushalten“. Die Betonung liegt hier auf WAR, denn mittlerweile ist meine Ausdauer in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht mehr von Verlustangst geprägt, sondern vom Wunsch Liebe zu teilen.

Ausdauer als kraftvolle Wurzel, als Geschenk meiner Mutter? Mein Vater wird nicht ausdauernd. Wenn etwas schief ging, ließ er es bleiben. Vielleicht eine Folge seiner zwei Fluchterfahrungen, bei denen er jedes Mal fast alles zurücklassen musste?

Je mehr ich mich damit befasse, desto mehr entdecke ich, was ich von meinen Eltern auf meinen Weg mitbekommen habe. Vieles davon konnte ich mittlerweile zu kraftvollen Wurzeln weiterentwickeln. Manches haben sie aufgrund ihrer eigenen Vergangenheit auf negative, teils zerstörerische Weise ausgelebt.

Ein Mensch kann ausdauern darin sein, an seinem Schmerz festzuhalten, gefesselt von seinen Ängsten und zu leiden – oder ausdauernd darin, die Wunden seiner Seele zu heilen und seinen Weg zurück in die Umarmung des Lebens zu finden. Ausdauer ist per se neutral. Selbiges gilt für Kreativität. Mein Vater setzte sie dafür ein, seine Depressionen und seine Alkoholerkrankungen vor der Welt zu verbergen. Ich nutze meine Kreativität und erzähle Geschichten, um die Herzen von Menschen zu berühren. Kreativität ist per se neutral.

Auch wenn ich das meiste anders ausleben als meine Eltern, so bin ich dankbar für das, was ich mitbekommen habe – selbst für die belastenden Anteile. Diese waren mit dafür verantwortlich, einige besonderes starke Wurzeln zu bilden. Letztendlich habe ich gelernt, selbst zu entscheiden, was ich aus meinem „Erbe“ mache.

Ein paar Gedanken möchte ich hier noch anschließen für alle jene, die ihre Eltern nie kennengelernt habe. In meinem Umfeld sind dies einige Menschen. Diese Erfahrung teile ich zwar nicht, aber ausgehend von dem, was weise Menschen mich gelehrt haben und was ich selbst beobachtet habe, gehe ich davon aus, dass auch hier die menschliche Vorstellungskraft ein mächtiges Werkzeug ist. Es kommt wohl weniger darauf an, was es wirklich war, als auf das, wie es in uns ist.

Eine meiner Mentorinnen hatte einen Spruch dazu: „Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Provokante Aussage, ich weiß, aber ich arbeite daran, die guten Augenblicke in den Fokus zu holen, um meine Wurzeln zu stärken, und die schmerzhaften dort zu lassen, wo sie hingehören: in der Vergangenheit.

Die gute Nachricht zum Tage: Wurzeln stärken ist auch in der Lebensmitte noch möglich 😉

Bild: pixabay.com

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