Ansichten und Einsichten einer Insiderin

Was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?

Fluch? Schicksal? Krankheit? Oder doch etwas anderes? Meine Antwort verrate ich dir gegen Ende dieses Beitrags, zuvor jedoch eine wahre Geschichte, die sich vor einigen Wochen zugetragen hat.

Frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit stand ich in einem ziemlich vollen Wagon der Bahn nach Wien. In meiner Nähe ein junges Mädchen mit einem etwa gleichaltrigen Burschen, vielleicht ihrem Freund, und einem Hund. Es war ein warmer Morgen im Juni. Er trug lange, sie kurze Ärmel. Ihr Unterarm war voller Narben. Bis zu diesem Anblick kreisten meine Gedanken um Themen im Job, was für diesen Tag auf meiner Agenda stand … ich war beschäftigt, meine Welt war völlig in Ordnung – auch mein innere – abrupt stoppten meine Gedanken, fühlte ich eine nicht zu beschreibende Betroffenheit in mir und ich begann mich zu fragen: Wie geht’s weiter? Wird sie einen Job finden? Welchen Vorurteilen wird sie auf der Suche begegnen, wenn jemand ihren Arm erblickt? Oder wird auch sie beginnen, nur noch lange Ärmel zu tragen, unabhängig vom Wetter? Wird sie eine Chance im Leben bekommen? Gesunde Beziehungen führen?

Erinnerungen kamen hoch an die Zeit nach meiner Trennung, als ich versuchte, die entstandene Lücke in meinem Leben mit einem neuen Mann zu füllen? Da sich mein Schaffen als Autorin und Bloggerin nicht leicht verstecken lässt, ging ich von Beginn an offen damit um, was sich rasch als kontraproduktiv herausstellen sollte. „Borderline? Was is’n das? Hoffentlich nicht so eine Psycho?“ Echt jetzt? Ich traf auf Vorurteile, kaum Verständnis oder Toleranz, jede Menge Unwissenheit, allesamt auf verletzende Weise gegen mich ausgelebt. Zum Glück hatte ich damals bereits umfassende Stabilität und intrinsische Stärke erreicht, dadurch konnte ich diese Erlebnisse relativ schnell „verdauen“. Aber der bittere Nachgeschmack blieb … bis heute.

(Vor)verurteilt für etwas, an dem ich nicht die Schuld trage, sehr wohl aber die Last – jeden einzelnen Tag meines Lebens. Niemand – auch nicht ich – sucht sich aus, als Kleinkind traumatisiert zu werden. Aus einem begabten, hoch emotionalen, feinsinnigen Kind mit einer lebhaften Fantasie wurde im Laufe der Jahre eine hochfunktionale Borderlinerin, perfekt darin, all das schmerzhafte zu verbergen um von ihrem Umfeld als starke Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Niemand ahnte, wie es in mir aussah. Das ist eine der Facetten von Borderline, die es so schwierig macht für Außenstehende und Betroffene: selbst als ich den Mut fand, darüber zu sprechen, es ist verdammt schwer, das emotionale Chaos in nachvollziehbare Worte zu fassen – auch, weil es sich innerhalb kürzester Zeit völlig ändern kann und jene, die Gefühlswechsel weder in diesem Tempo noch dieser Intensität erleben, damit zumeist überfordert sind. Bereits als kleines Kind fühlte ich, dass ich anders bin – und wurde rasch davon überzeugt, dass es nicht gut ist, anders zu sein. Damit nahm das Drama seinen Lauf …

Was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?

Hier nun einige Gedanken, die versuchen, das Unerklärliche zu beschreiben:

Ein einzigartiges Puzzle, voller Emotionen und einer Menge Widersprüche. Diese waren es auch, die ich vorrangig als Hindernisse auf meinen Weg zurück in die Umarmung des Lebens wahrgenommen habe. Logic meets Empathy. Nur einer der Widersprüche. War bin ich? Die logisch-analytische Denkerin oder die hochsensitive Empathische? Mein Umfeld verlangte nach klarer Zuordnung, doch ich war beides, selten zeitgleich, aber diesen Tag so, am nächsten anders. Echt mühsam für alle Beteiligten inklusive meiner selbst. Beginnend mit der Akzeptanz meiner eigenen „Diversität“ (klingt für mich viel positiver als Widersprüchlichkeit 😉) formte sich Struktur im Chaos. Auch eine meine mittlerweile geliebten Diversitäten: Strukturen erschaffen zu können und gleichzeitig grenzenlos kreativ zu sein. Zahlen, Daten und Fakten fokussiert und gleichzeitig feinsinnig Stimmungen erfassend. Ich kann nicht nur das eine oder das andere sein – ich bin alles, in diesem Augenblick, wie ein Schmetterling, der auch nicht mit nur einem Flügel fliegen kann. Das bedeutet eine Flut an Emotionen, hochfrequentierte Gedankenautobahnen (im Sinne von Brain Traffic) und multidimensionale Wahrnehmung, vom globalen Überblick bis zum kleinsten unscheinbaren Detail – alles in diesem Augenblick.  

So paradox das nun klingen mag, die Lösung ist im Grunde recht simpel und in Kürze zu beschreiben, ABER in der Umsetzung brauchte ich dafür Jahre: All dem zustimmen was es ist, Struktur ins Chaos bringen, jedem Anteil meiner Persönlichkeit Raum zum Leben geben, ein paar Perspektiven verändern und bedingungslos Anerkennen, dass meine Vergangenheit (ausnahmslos alles davon) mich zu der macht, die ich heute bin und morgen vielleicht sein werde – und ganz viel bewusste Fokussierung auf positive Gedanken und Gefühle. That’s it.

Eine Borderline-Diagnose kann zur Endstation Selbstaufgabe werden – oder zum Ausgangspunkt einer einzigartigen Reise der Selbstfindung. Meine Entscheidung fiel (zuerst nicht bewusst) auf letzteres, aber Selbstaufgabe war nie mein Ding. Bei all dem, was ich in meiner Vergangenheit er- und überlebt habe, ein Teil von mir hielt stets am Leben fest, glaubte an das Gute und tut das bis heute, unerschütterlich. Mein Lebenswille ist offensichtlich sehr stark. Selbstliebe war eine wiederkehrende Herausforderung, mit er es sich ähnlich wie mit einer Zwiebel verhält: viele Schichten, jede davon tränenreich, aber irgendwann wird auch das geschafft sein.

Seit 2017 gehe ich konsequent meinen Weg in vollem Bewusstsein dessen, das ich anders bin, immer war und bis zu meinem letzten Atemzug sein werde. Ich bin Borderlinerin. Ich habe das schmerzhafte Chaos hinter mir gelassen und lebe die Stärken der Borderliner, die es mir ermöglichen, nicht alltägliches zu leisten. Meine Erfolge hängen unmittelbar mit dem zusammen, was mich anders sein lässt – auch in meiner beruflichen Führungsposition, in der ich besonders von meiner Diversität profitiere (Zahlen UND Menschen). Auf den Punkt gebracht: ich könnte nicht all das tun, was ich tue, wäre ich „normal“. Danke an meine Widersprüchlichkeit.

Wie könnte ich auch nur eine Sekunde lang denken, ich sei krank, weil ich so bin wie ich bin? Völlig absurd für mich. Ich habe eine hochfunktionale, komplexe Borderline-Persönlichkeit mit vielfältigen Fähigkeiten, Kompetenzen und Talenten, sowie noch schlummernde Potenziale. Mit gelebter Achtsamkeit lässt sich diese sechsköpfige Quadriga samt ihren beiden Querläufern (mein humorvoller Blick auf meine differenzierten Persönlichkeitsanteile, die subsummiert MICH ergeben) dynamisch lenken. All das wäre nicht möglich, würde ich Borderline als Krankheit sehen und dagegen (und damit gegen mich selbst) ankämpfen. Ich bin, wer ich bin. Es ist, was es ist.

Mein Schlüssel zum Ausstieg aus der destruktiven Borderline-Persönlichkeitsstörung und zum Einstieg in die konstruktive Borderline-Persönlichkeitsentfaltung lautet: Annehmen, was es ist – und das Beste daraus machen.

Allzu oft wird der Fokus ausschließlich auf die selbstzerstörerischen Aspekte gelenkt, haftet auf der Oberfläche, aber was liegt darunter? Ein in sich zerrissener, im emotionalen Chaos versinkender Mensch, der verzweifelt versucht, so zu werden, wie die anderen, die gesunden, sind. Hier beginnt – meiner Meinung nach – das Scheitern. Ich kann nicht werden, wie die anderen. Ich kann nur sein, wer ich bin – und mich entscheiden, ob ich das, was in mir ist, nutze, um mich selbst zu zerstören, oder dem Leben eine liebevolle Facette hinzuzufügen. Lieben oder Leiden?

Eine Frage, die mir mitunter gestellt wird: Bist du überhaupt noch Borderlinerin? Bei alldem, was du erreicht hast?

Ja und Nein.

Nein in Bezug auf selbstzerstörerisches Verhalten (abgesehen von einer latenten Tendenz Richtung Workoholic 😉). Emotionale Instabilität kommt gelegentlich vor, stellt aber kein Problem dar, da ich gelernt habe, diese rasch auszugleichen. Und mal ehrlich – wer ist nicht in und wieder unrund? Ohne Symptome keine Diagnose, aber so einfach ist es nicht – finde ich. Denn die Stärken der Borderliner sind nach wie vor da. Betrachte ich also nicht nur Symptome, sondern auch Stärken, verändert sich das gesamte Bild. Deshalb auch ein Ja.

Meiner bescheidenen Meinung nach ist es an der Zeit, neue Perspektiven auf das Thema Borderline zu eröffnen, um Betroffenen die Chance zu geben, über die Vorurteile und Diagnosen hinaus zu wachsen.

Was es dafür braucht?

Vielleicht wäre ein guter Beginn, an die Diagnose BPS folgende Worte anzuschließen:

„… Sie haben eine einzigartige, vielfältige Persönlichkeit, überdurchschnittlich ausgeprägte Fähigkeiten, zu fühlen, sich anzupassen, kreativ zu sein, spontan, eine starke Individualität. Damit verbunden sind einige Herausforderungen in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen bzw. den Umgang mit ihrer eigenen intensiven Emotionalität. Es wird einige Zeit dauern und einigen Einsatz von Ihnen verlangen, aber am Ende dieses Weges angekommen, werden Sie ein Leben führen, dass Sie selbst gestalten, nicht länger mit dem Gefühl fremdgesteuert zu sein, sondern selbstbestimmt. Alles, was es dafür braucht, ist zu lernen, wie Sie mit dem, was in Ihnen ist, gut umgehen können. Sie müssen nicht jemand anders werden, sondern nur Sie selbst und Ihr ureigenes Potenzial entfalten.“

Worte von einer, die diesen Weg gegangen ist und jeden Tag aufs Neue geht. Inside & Insight Borderline. Ein emotionales „Schmetterlingskind“, nicht flatterhaft, sondern den feinsten Windhauch spürend.

Meine finale Antwort auf die Frage, was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?

Eine hoch komplexe Persönlichkeit mit intensiven Emotionen, zahlreichen Stärken, noch mehr Potenzialen und das, was ich daraus mache.

Bild: pixabay.com

KLEINE SCHRITTE – GROSSE WIRKUNG

Gestern schrieb ich meinen Beitrag über Me-Time, manifestierte meine Gedanken in dieser Realität in Worten. Ein kleiner Schritt mit (überraschend) großer Wirkung. Heute wachte ich kurz vor Sonnenaufgang auf, in mir eine Erkenntnis fühlend, die keiner Worte bedurfte. Ein umfassendes Bild, über Jahrzehnte verzweigte Zusammenhänge, absolute Klarheit. Muster, die auf den ersten Blick unterschiedlich nicht sein hätten können, und doch unter der Oberfläche einen gemeinsamen Nenner haben. Im halbwachen Zustand fand ich jene Antwort, die mein Tagesbewusstsein bis dato nicht zugelassen hat … vermutlich, weil sie extrem schmerzhaft war, zu Beginn. Die Wucht dieser Erkenntnis raubte mir den Atem, löste stechende Schmerzen im Rücken aus, ließ mich in Tränen versinken. Am Morgen stand ich buchstäblich neben mir.

Doch je länger ich diese Antwort betrachtete, desto mehr wich der Schmerz.

Vor einer gefühlten Ewigkeit prägten die Erfahrungen in meinem Umfeld einen Glaubenssatz, meiselten bildlich gesprochen für mich ein Dogma in Stein: So ist es! Im Lauf der Zeit versank dieser Glaubenssatz in den Tiefen meines Unterbewusstseins, von wo aus er 24/7 seine Wirkung entfaltete. Derart tief begraben, gelang es mir nicht, an wahrzunehmen, zu reflektieren oder gar zu verändern.

Vermutlich nutzten meine Selbstheilungskräfte vergangene Nacht meine schwarz auf weiß bekundete Bereitschaft zur Veränderung und wurden aktiv. Zack – und von einem Augenblick auf den anderen nehme ich die Ereignisse meines Lebens und mich selbst in einem völlig anderen Licht wahr.

Über meinen Glaubenssatz werde ich hier nur so viel verraten, dass dieser alles andere als förderlich für ein gelungenes Leben war. Warum ich so lange daran festhielt? Weil er unsichtbar geblieben war – bis ich bereit war, mich meiner „intrinsischen Wahrheit“ zu stellen, sie zu hinterfragen und loszulassen. 

Obige Zeilen schrieb ich vor 8 Tagen. Meine (Erkenntnis)Reise war noch nicht zu Ende. Ganz im Gegenteil, sie begann erst, so richtig Fahrt aufzunehmen. Heute bin ich (hoffentlich) etwas weiter. Drei Tage Rückzug in die Berge half dabei einen Glaubenssatz zu hinterfragen, der derart tief ins Unterbewusstsein abgesunken ist, dass sich Schicht um Schicht weitere Glaubenssätze darübergelegt haben, doch sein Kern wirkt aus dem Verborgenen heraus in den Alltag. Vielleicht mag das jetzt ein wenig paradox klingen, doch ich erkenne solche Glaubenssätze leichter, wenn ich in die Ferne blicke. Deshalb auch das Bild oberhalb, das ich übrigens in den Bergen (wo sonst?) aufgenommen habe.

Der Blick in die Ferne wird für mich gleichzeitig zu einem Blick in die Tiefe in mir selbst. In mir ist viel mehr, als von außen sichtbar ist. Ein bisschen ähnelt das der TARDIS (für alle, die jetzt nicht wissen, was das ist: die TARDIS ist eine fiktive Raum-Zeit-Maschine aus der beliebten Fernsehserie Dr. Who. Von außen sieht sie wie eine gewöhnliche Telefonzelle aus, aber innen drin ist sie wesentlich größer.)

Eines Morgens wachte ich also auf und starrte auf jenen Glaubenssatz, der die Gelegenheit genutzt hatte, sich während einer Schlafphase an die Oberfläche emporzuarbeiten: „Die Menschen, die ich gernhabe und die mir wichtig sind, nehmen mich und meine Bedürfnisse nicht wahr, lassen keine Nähe zu, laufen vor mir davon – oder sie erdrücken mich.“ Das entspricht den Erfahrungen meiner frühen Kindheit, Jugend und weiter Strecken meines Erwachsenenlebens. Insofern also korrekt, doch wie war/ist es heute? Die Wahrheit? Beziehungen stellen immer noch eine Herausforderung dar, vor allem, wenn es um Nähe geht. Als würden diese Menschen vor mir davonlaufen … Stopp! Beweise für meinen Glaubenssatz? Vielleicht – vielleicht aber auch Belege dafür, dass Konzepte wie Gesetz der Anziehung (Law of Attraction), Spiegelgesetz, Resonanzgesetz, systemische Beziehungsdynamiken etc. doch mehr sind als esoterischer Humbug. Ähnlich der Erdanziehungskraft wirken diese „Gesetze“ nämlich unerbittlich, ganz gleich, ob wir sie kennen, akzeptieren oder ablehnen.

Was ich um Außen rund um mich wahrnehme, spiegelt stets etwas wider, das in mir ist.

Auf einem Bahnhof sitzend mitten in der Menschenmenge und dementsprechendem Sprachengewirr nehme ich vorrangig genau jene Worte wahr, die in Sprachen gesprochen werde, die ich beherrsche. Alles andere klingt nach Kauderwelsch. Inmitten der Masse an Menschen erkenne ich Muster, die ich in mir trage. Menschen spiegeln mir also einen Teil von mir wider – zumeist meinen blinden Fleck. Den hat übrigens jeder von uns, ganz gleich, ob wir das akzeptieren oder abstreiten. Auch so ein Punkt, über den zu diskutieren obsolet ist.

Betrachte ich meinen Glaubenssatz als etwas, das mir gespiegelt wird, stellt sich mir die Frage: „Wovor laufe ich davon? Wo lasse ich keine Nähe zu? Welche Bedürfnisse anderer nehme ich nicht wahr?“ Diese Fragen haben einen nicht zu unterschätzenden Nebeneffekt: Sie holen mich aus der Opferrolle raus! Nicht die anderen sind „schuld“ bzw. machen „etwas falsch“. Der Ball liegt bei mir. Opfer sind hilflos, können nichts verändern, nur leiden. Glaubenssätze, die mich zum Opfer machen, sind wie die dunkle Seite der Macht, verführerisch, schnell darin, Verantwortliche zu identifizieren – und sie können nicht nachhaltig gelöst wird. Gewiss, ich könnte ab sofort 3x täglich Affirmationen wie „Die Menschen rund um mich behandeln mich mit großer Aufmerksamkeit und wertschätzend“ oder dergleichen runterbeten, doch blieben es fiktionale Wunschträume. Ich würde weiterhin das „anziehen“, was in mir ist – es sei denn, ich gehe meinem eigenen Deep Belief auf seinen tief verborgenen Grund und verändere dort, was längst überholt ist.

Einen Schritt zurück also. Wovor laufe ich davon? Wo lasse ich keine Nähe zu? Das bringt mich automatisch zu der Frage: Warum lasse ich keine Nähe zu? Antwort: Weil ich neuerliche Verletzung vermeiden will. Gegenfrage: Bin ich tatsächlich noch so leicht zu verletzen? Ich bin längst kein kleines hilfloses Kind mehr, verstecke mich aber hinter einem Schutzwall aus inneren Bildern, die bei näherer Betrachtung eines gemeinsam haben. Genau dort liegt der Kern, um den all die Fragen und Antworten, Glaubenssätze und Ängste kreisen wie Planeten um eine Sonne: ich bin nicht liebenswert, deshalb … laufen andere vor mir davon, behandeln mich rücksichtslos, wollen keine Nähe zu mir oder erdrücken mich, weil ich nicht in Ordnung bin …

Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden. Definitiv eine Annahme, die aus den traumatischen Erlebnissen meiner frühen Kindheit resultiert, die deshalb so tief sitzt – und ebenso falsch wie fatal ist. Aber sie ist da – und wenn ich an den eingangs erwähnten, sich nächtlich offenbarten Glaubenssatz denke – immer noch da. Richte ich meinen Blick von Innen wieder ins Außen, wird mir bewusst, dass ich tatsächlich noch liebevoller mit mir selbst umgehen könnte. In diesem Augenblick halte ich alle Fäden der Veränderung in meinen Händen. Wie ich mit mir selbst umgehe, liegt allein bei mir. Aus einem Glaubenssatz mit Opfer-Touch (die anderen …) wird ein Vorsatz (ich gehe liebevoll mit mir selbst um, Tag für Tag ein bisschen mehr), der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seine Wirkung entfalten wird und auch meine Wahrnehmung (anderer Menschen) verändern wird. Denn in Wahrheit gibt es Menschen, die mich und meine Bedürfnisse wahrnehmen.

ME-TIME … SO WICHTIG

In den vergangenen Wochen gab es wenig von mir zu lesen. Das hat damit zu tun, dass ich meine derzeit eher spärliche Freizeit dafür verwendet habe, all das, was in mir an (neuen) Gedanken und Gefühlen war, zu sichten, sortieren, reflektieren … ein Prozess, der aktuell noch andauert. In meiner Post-Depressionsphase erscheint manches plötzlich in anderem Licht, mit mehr Klarheit, neuen Perspektiven. Wieder einmal ein lebendiges Zeugnis dafür, dass jede Krise, jedes Tief, auch eine hormongesteuerte Depression, in sich auch eine Chance birgt. Was bei erster oberflächlicher Betrachtung nur schmerzhaft und anstrengend erscheint, offenbart beim zweiten (tiefergehenden) Blick sein Potenzial.

Me-Time, ein neumodisches Wort für die altbewährten Stunden der Muse, des voll und ganz auf sich selbst Fokussierens. Was brauche ich jetzt? Was tut mir gut? Ob Muse oder Me-Time, seit Jahresanfang habe ich mir davon definitiv zu wenig gegönnt. Mal nicht dicht getaktet funktionieren, sondern ein wenig zerstreut-chaotisch den Tag seinen Weg finden lassen, ganz dem eigenen Rhythmus folgend. Ein Wochenende mal „verschlafen“. Die Welt dreht sich auch ohne mein Zutun weiter. Ebenso wie meine Gedanken. Erkenntnisse tauchen an der Oberfläche meines Bewusstseins auf, treiben wie Blätter auf dem stillen See. Manche passen wie Puzzleteile zusammen, ergeben gemeinsam ein neues Bild, erweitertes Verständnis dessen, was sich unter der Oberfläche befindet.

Mitten in diesem Prozess habe ich mein neues Buchprojekt gestartet – quasi eine Tür geöffnet für all meine Gedanken und Gefühle, die sich bislang noch nicht in Worten manifestiert haben. Eine wahre Flut, die allmählich Struktur annimmt. Das ist nichts, was sich beliebig beschleunigen lässt. Es braucht seine Zeit. Muse eben. Oder Me-Time. Gelassenheit gefällt mir auch sehr gut. Gelassenheit ist für mich die Kombination aus bewusst gewählter Ruhe und kraftvoller (Selbst)Sicherheit, den Entwicklungen ihren Lauf zu lassen, ohne sie zu pushen. Frei nach dem Motto: Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.

Veränderung ist ein häufig strapaziertes Wort. Meiner Erfahrung nach realisieren wir Veränderung erst, wenn sie bereits geschehen ist. Zumeist an veränderten Reaktionen aus dem Umfeld, aber auch daran, dass wir manches anders tun als zuvor. Derzeit stelle ich zahlreiche Veränderungen an mir fest. Kleinigkeiten, Nuancen, die nicht das große Ganze an sich verändern, dennoch einen Unterschied machen – wie die richtige Dosis Salz in der Suppe. Ich bleibe, wer ich bin, gleichzeitig werden die Facetten dessen, was ich bin, intensiver, teils harmonischer aufeinander abgestimmt. Eine äußerst spannende Phase meines Lebens, die ich mit gebührend Muse und Me-Time bewusst erlebe.

Bild: pixabay.com