ALTE ERINNERUNGEN, NEUE PERSPEKTIVEN

Hinter mir liegen Tage der Trauer. Zum allerersten Mal in meinem Leben kann ich dieses urmenschliche Gefühl empfinden. Am Sterbebett meiner Mutter fiel meine (übernommene) Trauerblockade von mir ab. Danach überrollten mich die Emotionen.

Nie zuvor hatte ich beim Tod eines mir nahestehenden Menschen etwas gefühlt, ob es sich um meinen Großvater, meine Großmutter oder meinen Vater gehandelt hat. 2015 dachte ich, Trauer zu verspüren, als ich meine geliebte Katze Cleopatra nach 20 gemeinsamen Jahren über die Regenbogenbrücke entsenden musste. Aber verglichen mit dem, was ich in den vergangenen Tagen gefühlt habe, war es zwar ein Hauch von Trauer, der jedoch vom Gefühl einer existenziellen Angst überlagert wurde. Wovor ich Angst hatte? Nun, ich kam eines Abends von der Arbeit nach Hause, im Wohnzimmer standen zwei Koffer und mein damaliger Partner stellte unmissverständlich klar: entweder gehst du oder die Katze! Cleopatra hatte Krebs im Endstadium. Ich brachte es einfach (noch) nicht übers Herz, sie gehen zu lassen. Doch ich bekam weder seelische noch anderweitige Unterstützung von meinem Ex-Partner. Vor die Wahl gestellt, brachte ich Cleopatra damals ins Haus meiner Mutter, wo sie noch rund zwei Wochen lebte – und ich verkroch mich aus Furcht im Arbeitszimmer, versuchte unsichtbar zu werden um die Situation zu deeskalieren. Nahm all die Schuld auf mich. Für Trauer blieb kein Platz. Es herrschte wieder jener Zustand, den ich aus meiner Kindheit kannte: eingeschüchtert, machtlos, wehrlos, ausgeliefert, schuldig.

Zu jener Zeit war ich bereits in meiner heutigen Position, also bereits Führungskraft, trug Verantwortung, stand mit beiden Beinen im (Job)Leben, hatte den Ruf einer taffen, starken Problemlöserin … aber privat bestimmte mich noch meine Vergangenheit. Psychoterror, seelische Grausamkeit, Liebesentzug … all das war ein wiederkehrender Bestandteil meines Lebens. All das warf ich meiner Mutter lange Zeit vor. Während meiner Trauer veränderte sich mein Blickwinkel, kamen neue Perspektiven dazu, erweiterte sich mein Verständnis der Zusammenhänge. Vieles von dem, was ich erdulden musste, hatte auch sie ertragen. Vieles übernahm ich wohl von ihr, ungefragt, unreflektiert, unschuldig… vieles, aber nicht in der Lage, „erwachsen“ zu reagieren. Ich konnte leiden, aber nicht lösen.

Die Trauer um den tot geborenen Sohn, den sie nie im Arm halten durfte. Der unmittelbar nach der Geburt „entsorgt“ wurde, wie das damals so üblich war. Der Schock, der zum Erstarren der Gefühle führte, sowohl der Trauer als auch der Liebe für die Tochter, die später folgen sollte.

Jahrzehnte führte ich ein Doppelleben, stellte mich als Projektionsfläche (oder Zielscheibe) für andere zur Verfügung, die ihre unterdrückenden Aggressionen oder sonstige negative Gefühle an mir auslebten, mich benutzen, missbrauchten. Keinerlei Selbstschutz. Oder anders gesagt: Selbstverletzung pur, zugefügt durch andere. Ich ertrug, was auch immer von mir verlangt wurde – so wie meine Mutter all das Schlimme ertrug, all die Verluste, all den Schmerz. Ich wurde ihr ähnlicher als ich bislang vermutet hatte, übernahm das Muster des „sich von anderen für deren Zwecke benutzen lassen“ sowie die Gewissheit, eine niemals zu tilgende Schuld zu tragen. Fühlte sich meine Mutter schuldig an frühen Tod meines Bruders? Die wenige Male, die sie darüber sprach, lassen es mich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermuten.  

Mit der Trauer um meine Mutter kam auch das Erkennen dessen, was ich so lange höchst effizient verdrängt hatte. Die übernommenen Schuldgefühle, das omnipräsente schlechte Gewissen. All das werde ich morgen begraben werde – im wahrsten Sinne des Wortes – ins Grab jener Frau lege, von der ich diese Gefühle einst übernommen habe, aus Liebe, wie unschuldige Kinder das nun einmal tun, in ihrem naiven Wunsch, helfen zu wollen, mitzutragen … was nicht für ihre Schultern bestimmt ist.

Es ist an der Zeit, mein Leben von einer Last zu befreien, die niemals die meine war.

Mutter und Tochter

Es war einmal eine Tochter, eine sehr wütende Tochter, die sich unverstanden und nicht angenommen fühlte vom ersten Tag ihres Lebens an, gleichzeitig erdrückt und eingesperrt. Ihre Mutter hatte einige Jahre vor ihrer Geburt ein Kind verloren. Wie es damals so üblich war, gab man ihr keine Zeit sich zu verabschieden und den Verlust zu verarbeiten. Das totgeborene Kind wurde einfach „entsorgt“, doch die Gefühle der Mutter ließen sich nicht einfach so abstellen. Sie blieben hängen bei jenem Kind, das nie eine Umarmung kennengelernt hatte. Für die wütende Tochter blieb von Beginn an wenig an Gefühlen, dafür umso mehr Vorsicht, damit das Schlimme sich nicht wiederholen würde.

Die Jahre vergingen. Im Leben der wütenden Tochter geschah einiges, das niemals hätte geschehen dürfen, dass sowohl sie selbst als auch ihre Mutter völlig überforderte und einen unüberwindbaren Graben zwischen beiden schuf. Einen Graben voller Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Verletzungen, Unverständnis. Keiner von beiden gelang es, den eigenen Schmerz hinter sich zu lassen. Zu tief hatte er sich eingebrannt in ihre Herzen und Seelen. Worten zerstörten mehr als sie heilten. Ihre Welten lagen zu weit auseinander, nichts Gemeinsames, nichts Verbindendes.

Im Laufe der Zeit erforschte die Tochter die Vergangenheit, begann zu verstehen, warum ihre Mutter so gehandelt hatte wie sie tat. Doch trotz all dem Verständnis, die von ihr zwischen beiden errichtete Mauer blieb bestehen, denn nur dahinter fühlte sie sich sicher vor neuerlicher Verletzung. Jegliche Versuche ihrer Mutter, diese Mauer einzureißen, führten dazu, dass sie noch höher und massiver wurde.

Erst als der Tod seine Hand auf die Schulter der Mutter legte, löste sich in einem einzigen Augenblick all die Wut der Tochter in Nichts auf, zeigte sich, was sich dahinter verbarg: unsägliche Trauer, die nie ausgelebt worden war. Trauer um all jene, die sie bereits verloren hatte, aber aufgrund der Blockade ihrer Gefühle stumm ziehen lassen musste. All der Schmerz, der nie gelebt worden war, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte, deren Trauer um das verlorene Kind erstickt worden war. Dies hatte die Mutter – ohne es zu wollen – an ihre Tochter weitergegeben, jene wütende Tochter, die über sich selbst dachte, ein gefühlloses Wesen zu sein, weil sie nichts zu fühlen vermochte, wenn der Tod seine Hand nach ihren Lieben ausstreckte. Nun war es neuerlich so weit.

Die Tochter saß am Bett der sterbenden Mutter, hielt die Hand jener Frau, die sie großgezogen hatte, und die nun nur noch ein Schatten ihrer selbst war, vor sich hindämmernd, scheinbar wartend. Aber auf was? Jeder Atemzug war eine offensichtliche Qual für ihren ausgemergelten Körper, dennoch blieb sie – sie blieb so lange, bis der letzte Stein jener Mauer, die ihre Tochter errichtet hatte, zu Staub zerfallen war und zwischen den beiden nur noch das war, was es von Anfang an sein hätte sollen: die Liebe zwischen Mutter und Tochter.

Kurze Zeit, nachdem ihre Tochter dies erkannt und erstmals in Worte gefasst hatte, schlief die Mutter friedlich ein. Was auch immer in all den Jahren zwischen beiden falsch gelaufen war, am Ende war es ein Moment voller Frieden und Dankbarkeit, der eine Seele hinübertrugt.

Für meine Mutter – Ruhe in Frieden und umarme jenes Kind, das du nie halten durftest. Danke, dass du so lange geblieben bist, bis ich dich in meinem Herzen gefunden habe.

Bild: pixabay.com

LEBENSECHT

Viele meiner lebensphilosophischen Gedanken werden von der Natur inspiriert und ich schreibe sie unmittelbar am Ort ihrer „Geburt“ nieder.

Angesichts der sich häufenden Unfälle in den Bergen las ich in den vergangenen Tagen vermehrt das Wort „Ehrfurcht“ vor der Natur. So wichtig ich das Anliegen nehme, dem Wort „Ehrfurcht“ stimme ich nicht bedingungslos zu. Es trägt die „Furcht“ im Wortstamm – und Furcht ist keine gute Wegbegleiterin. Besser gefällt mir „Respekt“.

Respekt vor dem, das seit Jahrtausenden vor uns kleinen Menschen aufragt, uns trägt und ernährt, seien es die Berge im Speziellen, die Natur ganz allgemein oder das Leben per se. Ohne die Natur gäbe es uns Menschen nicht, weshalb sie nicht nur unseren Respekt, sondern auch unsere uneingeschränkte Dankbarkeit verdient.

Wer das Leben respektiert, kommt nicht umhin, auch sich selbst zu respektieren, denn jede und jeder von uns ist ein Teil des Lebens, ein Teil jener Natur, in und von der wir leben. Ausdruck dieses Respekts kann sein, mit sich selbst achtsam umzugehen. Weder die eigenen Grenzen überschreiten noch zulassen, dass andere sie überschreiten – nicht aus Furcht, sondern aus Respekt.

WENIGER IST MEHR

Vor einigen Tagen wurde ich wieder einmal „kontaktiert“. Was mit einem Lob begann, wurde mit einem Feedback (mir ist da was aufgefallen) weitergeführt. Neugierig, wie ich manchmal bin, reagierte ich mit einer Interessensbekundung, was denn da wohl aufgefallen sei. Als Antwort kamen Fragen im Sinne von „Was sind deine Ziele? Was möchtest du erreichen? Reichweite …? Nachdem ich diese Fragen offen und ehrlich beantwortet hatte, kam nie wieder was.

Hier meine Antwort in gekürzter Form:

„Mein Profil ist, was es ist: einfach ein Platz, an dem ich meine Gedanken teile. Keine großen Ziele oder Visionen. Ein Ausgleich zu meinem Job, in dem ich eine Menge bewirken kann. Wovon ich träume? Ich lebe mein Leben genauso wie ich es leben möchte. Keine Wunschträume, ich genieße, was es hier und jetzt ist.“

Zugegeben, ich ging davon aus, die von der anderen Seite initiierte Kommunikation damit beendet zu haben, dennoch war es für mich auch eine willkommene Gelegenheit zu reflektieren. Seit fast genau 4 Jahren arbeite ich daran, mein Leben zu vereinfachen, zu erleichtern, alles Unnötige loszulassen. „Mehr“ darf es gerne sein, aber dann bitte an Klarheit, an Leichtigkeit, an Lebensfreude … Mehr an den (für mich) wirklich wichtigen Dingen. Reichweite?

Spielen wir es mal gedanklich durch. Mehr an Reichweite bedeutet auch sehr viel mehr an Interaktion. Irgendwann wird ein Punkt erreicht, an dem diese Interaktion aus zeitlichen und sonstigen Gründen ausgelagert werden muss, an andere oder auch an eine KI. Nichts für mich. Ich beantworte gerne persönlich jeden Kommentar, den ich erhalte. Meine Zeit ist limitiert, ein Großteil meinem Job gewidmet, der mich ernährt und darüber hinaus noch einige positive Aspekte hat… u.a. das ich die Vielfalt meiner Talente ausleben kann. Warum sollte ich mir also mehr Reichweite wünsche, für die ich dann keine Zeit habe? Meine Prämisse lautet: Qualität vor Quantität, insbesondere bei zwischenmenschlichen Themen. Weniger ist mehr. Punkt.

Sich von Bedürftigkeiten zu befreien, bringt eine Menge positiver Effekte, u.a. eine Art von Lotus-Effekt in Bezug auf „jemand will mir was verkaufen“. Marketing triggert häufig die menschliche Gier, mehr haben zu wollen, doch mehr bedeutet nicht zwangsläufig besser. Ob 2, 200, 20000 oder 2000000 Menschen meinen Blog lesen, hat keinen Einfluss auf meine Beiträge. Ich teile meine Gedanken. Punkt.

Apropos Bedürftigkeiten: das sind jene „Bedürfnisse“, die darauf abzielen, den Mangel an Selbstwert, Selbstliebe und Selbstvertrauen auszugleichen. Anstatt das Problem bei der Wurzel zu packen, geht’s um Symptomkosmetik an der Oberfläche… das nutzen gewiefte Marketingprofis ebenso wie Menschen von nebenan, um ihre Ziele zu erreichen, die eindeutig „mehr“ im Wortlaut führen, selten jedoch in Kombination mit dem, worauf es im Leben ankommt: über die eigene Vergangenheit hinauszuwachsen und seine Potenziale in der Gegenwart zu entfalten um die beste (Charakter)Version von sich selbst zu werden. Wenn’s um Charakter und Humor geht, bin ich wieder voll dabei bei „mehr“ 😉

Heute passend zum Text ein humorvolles Bild aus pixabay.com