Mutter und Tochter

Es war einmal eine Tochter, eine sehr wütende Tochter, die sich unverstanden und nicht angenommen fühlte vom ersten Tag ihres Lebens an, gleichzeitig erdrückt und eingesperrt. Ihre Mutter hatte einige Jahre vor ihrer Geburt ein Kind verloren. Wie es damals so üblich war, gab man ihr keine Zeit sich zu verabschieden und den Verlust zu verarbeiten. Das totgeborene Kind wurde einfach „entsorgt“, doch die Gefühle der Mutter ließen sich nicht einfach so abstellen. Sie blieben hängen bei jenem Kind, das nie eine Umarmung kennengelernt hatte. Für die wütende Tochter blieb von Beginn an wenig an Gefühlen, dafür umso mehr Vorsicht, damit das Schlimme sich nicht wiederholen würde.

Die Jahre vergingen. Im Leben der wütenden Tochter geschah einiges, das niemals hätte geschehen dürfen, dass sowohl sie selbst als auch ihre Mutter völlig überforderte und einen unüberwindbaren Graben zwischen beiden schuf. Einen Graben voller Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Verletzungen, Unverständnis. Keiner von beiden gelang es, den eigenen Schmerz hinter sich zu lassen. Zu tief hatte er sich eingebrannt in ihre Herzen und Seelen. Worten zerstörten mehr als sie heilten. Ihre Welten lagen zu weit auseinander, nichts Gemeinsames, nichts Verbindendes.

Im Laufe der Zeit erforschte die Tochter die Vergangenheit, begann zu verstehen, warum ihre Mutter so gehandelt hatte wie sie tat. Doch trotz all dem Verständnis, die von ihr zwischen beiden errichtete Mauer blieb bestehen, denn nur dahinter fühlte sie sich sicher vor neuerlicher Verletzung. Jegliche Versuche ihrer Mutter, diese Mauer einzureißen, führten dazu, dass sie noch höher und massiver wurde.

Erst als der Tod seine Hand auf die Schulter der Mutter legte, löste sich in einem einzigen Augenblick all die Wut der Tochter in Nichts auf, zeigte sich, was sich dahinter verbarg: unsägliche Trauer, die nie ausgelebt worden war. Trauer um all jene, die sie bereits verloren hatte, aber aufgrund der Blockade ihrer Gefühle stumm ziehen lassen musste. All der Schmerz, der nie gelebt worden war, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte, deren Trauer um das verlorene Kind erstickt worden war. Dies hatte die Mutter – ohne es zu wollen – an ihre Tochter weitergegeben, jene wütende Tochter, die über sich selbst dachte, ein gefühlloses Wesen zu sein, weil sie nichts zu fühlen vermochte, wenn der Tod seine Hand nach ihren Lieben ausstreckte. Nun war es neuerlich so weit.

Die Tochter saß am Bett der sterbenden Mutter, hielt die Hand jener Frau, die sie großgezogen hatte, und die nun nur noch ein Schatten ihrer selbst war, vor sich hindämmernd, scheinbar wartend. Aber auf was? Jeder Atemzug war eine offensichtliche Qual für ihren ausgemergelten Körper, dennoch blieb sie – sie blieb so lange, bis der letzte Stein jener Mauer, die ihre Tochter errichtet hatte, zu Staub zerfallen war und zwischen den beiden nur noch das war, was es von Anfang an sein hätte sollen: die Liebe zwischen Mutter und Tochter.

Kurze Zeit, nachdem ihre Tochter dies erkannt und erstmals in Worte gefasst hatte, schlief die Mutter friedlich ein. Was auch immer in all den Jahren zwischen beiden falsch gelaufen war, am Ende war es ein Moment voller Frieden und Dankbarkeit, der eine Seele hinübertrugt.

Für meine Mutter – Ruhe in Frieden und umarme jenes Kind, das du nie halten durftest. Danke, dass du so lange geblieben bist, bis ich dich in meinem Herzen gefunden habe.

Bild: pixabay.com

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