STILLSTAND?

In den vergangenen Wochen habe ich mich bewusst von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seit dem Tod meiner Mutter und auch bereits davor, kehrten eine Menge vergessene und/oder verdrängte Erinnerungen zurück. Es brauchte Zeit, diese zuzulassen, sich ihnen zu stellen, sie neu zu bewerten und ihren Einfluss auf mein heutiges Leben zu hinterfragen. Gleichzeitig stoppte ich fast abrupt einige meiner kreativen Hobbies, ließ quasi von jetzt auf gleich ruhen, was mich in der ersten Jahreshälfte intensiv beschäftigt hatte. Stricknadeln, Nähnadeln & Co im Stillstand. Ich auch? Ganz und gar nicht.

Seit sehr langer Zeit – vielleicht zum ersten Mal überhaupt – gönne ich mir eine Phase des „Nicht-ständig-beschäftigt-seins“. Anders gesagt: ich gewöhne mich an den Zustand von Ruhe und Gelassenheit (abseits vom Job). Der Tod meiner Mutter ließ mich einiges erkennen, dass ich von ihr (als Kind und somit absolut unbewusst) übernommen und bis vor kurzem gelebt hatte. Übernommene Gefühle und Stimmungen können wie ein Stein im Schuh drücken – bis man sprichwörtlich den Schuh auszieht und den Stein entfernt. Das habe ich getan. Das hat einiges an Veränderungen in meinem Leben bewirkt und tut es noch immer, weshalb ich mir die Zeit nehme, all die Impulse, die kommen, all die Erinnerungen, all die Gedanken und Gefühle, in Ruhe und Gelassenheit auf mich wirken zu lassen. Was gehört (noch) zu mir? Was darf gehen? Verschüttete Anteile meiner Persönlichkeit sind aufgetaucht und es gilt herauszufinden, wie sie in mein heutiges Leben passen.

Vielleicht ist das meine Form zu trauern. Da ich nie zuvor getrauert habe, fällt mir die Zuordnung schwer. Was wie Stillstand anmutet, gleicht einem mächtigen Fluss, dessen Wasser ruhig zwischen den Ufern ihrem Weg folgen, gleichmäßig, unaufgeregt, und doch unaufhaltsam, verändern sie die umgebende Landschaft, Tropfen für Tropfen. Ruhe und Gelassenheit, Lesley, Ruhe und Gelassenheit. Stillstand ist nur eine Illusion. Leben bedeutet Veränderung, mit jedem Atemzug, jedem Herzschlag.

Inmitten einer Welt, die ständig versucht, sich selbst zu überholen und dabei das Wesentlich allzuoft übersieht: Leben findet genau hier und jetzt statt, nicht gestern, nicht morgen, nicht irgendwo da draußen, sondern in dem einen Augenblick, den das Bewusstsein zu erfassen vermag. Wer in den Augenblick eintaucht, fällt aus der Zeit.

Stillstand?

Oder gelebte Achtsamkeit?

Wohin auch die Reise führen wird … der Weg ist das Ziel. Nie zuvor spürte ich die enorme Multidimensionalität dieser Worte. Der Weg kann so vieles sein, letztendlich wird er stets zu mir selbst führen.

Stillstand?

Ich lächle, schweigend, in Ruhe und Gelassenheit verweilend …

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MENSCHLICHE LOGIK

Zwei Wochen Auszeit – nach all dem, was seit Jahresanfang in meinem Leben geschehen ist, bis hin zum Tod meiner Mutter – eine wirklich notwendige Auszeit. Auf einer Partymeile oder einem überfüllten Strand wird man mich in diesen zwei Wochen nicht finden, aber auf langgezogenen Wanderungen durch die Natur, in den Bergen, allein, weil ich dieses Alleinsein brauche.

Es soll tatsächlich Menschen geben, die es nicht aushalten, allein zu sein. Ich finde es erholsam, kann mich voll und ganz auf mich selbst fokussieren, auf das, was mich beschäftigt – und das ist eine Menge.

Wenn ich allein unterwegs bin, begegne ich mir selbst… das ist etwas, vor dem (in meiner Wahrnehmung) viele Menschen davonlaufen. Sich mit all dem Ungelösten und Unterdrücktem in sich selbst auseinandersetzen, wer macht das schon freiwillig? Ich!

Nehmen wir mal all das Unterdrückte. Ich bin keine, die gerne pauschaliert, aber wenn ich mir Borderliner anschaue, erkenne ich (mindestens) einen gemeinsamen Nenner: Sie stehen alle massiv unter Druck, den sie selbst aufbauen. Druck erzeugt stets Gegendruck. Kann dieser Druck nicht konstruktiv abgebaut werden, entlädt er sich früher oder später destruktiv. Das vorherzusagen ist keine Hellseherei, sondern simple Logik.  

Die Ereignisse der vergangenen Monate haben vieles in mir aufgewühlt, beinahe Vergessenes an die Oberfläche gespült, neue Perspektiven geschaffen, Erkenntnisse generiert … all das muss erst mal verarbeitet werden. Dazu nutze ich meine zwei Wochen Auszeit. Ich gehe bewusst Wege, die ich nie zuvor gegangen bin. Mein Gehirn schaltet dadurch auf Lernmodus, was auch den Prozess des Verarbeitens unterstützt. Reflektieren gehört zum erfolgreichen Lernen dazu, ganz gleich, worum es geht. Ob neue Wanderwege erkunden oder neue Gedankenmuster entwickeln – oder inneren Druck, der sich mitunter subtil tarnt, auf die Schliche zu kommen und ihn aufzulösen bevor unerwünschtes passiert.

Meine persönliche Theorie, warum Borderliner so viel Druck in sich aufbauen, ist recht simpel und erschreckend logisch: Borderliner sind in der Lage, es lange in einem für sie schädlichen Umfeld auszuhalten. Sie passen sich an, sind Meister der Anpassung. Vordergründig lässt sich darin eine Stärke erkennen, die aber eine Schattenseite hat. Aus Anpassung kann Überanpassung werden und – so ging’s mir lange Zeit – Selbstaufgabe. Dabei wird das eigene (meist unbewusst) verdrängt, unterdrückt, um angepasst zu sein… und da wären wir wieder beim Druck.

Von Zeit zu Zeit ziehe ich mich zurück aus meinem Alltag, manchmal nur für Stunden, diesmal für zwei Wochen, um achtsam auf all das zu blicken, was sich zeigt, wenn ich mir da draußen in der Natur selbst begegne. Vermisse ich etwas? Fehlt etwas? Oder bin ich mir selbst genügt? Bin ich die Quelle meiner Zufriedenheit, meiner Lebensfreude? Unabhängig von anderen? Selbstbestimmt? Frei?

In den vergangenen Wochen durfte ich einige sehr interessante, tiefgehende Gespräche führen, die um das Thema zwischenmenschliche Beziehungen kreisten. Diese können – so die Conclusio der diversen Diskussionen – nur dann wirklich gelingen, wenn zwei zusammentreffen, die sich jeweils selbst genug sind. Die nicht durch Bedürftigkeiten und Erwartungshaltungen verbunden sind, sondern durch Interesse am anderen, durch den Wunsch zu teilen und zu geben.  

Wer mit einem anderen Menschen eins werden möchte, muss zuerst lernen, mit sich selbst eins zu sein. Frei von Selbstanklage, Selbstablehnung oder -unterdrückung, weder Verdrängung noch Flucht lebend. Sich selbst voll und ganz annehmen, in sich all das zu finden, was es braucht, um glücklich und zufrieden zu sein. Wer das erreicht, hat Wundervolles zu teilen und zu geben.

Wir können nur geben, was wir in uns haben. Eigentlich logisch 😉

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