Heute wurde ich Zeugin eines wahrhaft magischen Augenblicks: Die Geburt einer Eiche. Wer das Bild genau betrachtet, wird jenen zarten Trieb erkennen, der sich durch die harte Schale der Eichel kämpft. Okay, diese Geburt wird deutlich länger andauern als jene Zeitspanne, die wir Menschen üblicherweise als „Augenblick“ bezeichnen, aber eine Eiche kann auch auf eine Lebensspanne von einigen Hundert Jahren hoffen, insofern darf auch die Geburt mehr Zeit in Anspruch nehmen. Auf einer Wanderung, die rund 23.000 Schritte umfasste, rein „zufällig“ den (Augen)Blick auf ein derart unscheinbares Detail zu werfen, ist für mich etwas Magisches. Was oder wer auch immer wollte, dass ich sehe, wahrnehme, erkenne … das Besondere im Alltäglichen, in dem stets eine tiefe Weisheit verborgen darauf wartet, unser Sein um einen magischen Augenblick zu bereichern.
Also setze ich mich abends hin, schnappe mir mein Laptop, um meine Gedanken niederzuschreiben, als im Browserfenster eine Schlagzeile aufpoppt: „US-Psychologe benennt Schlüssel zu Resilienz in nur einem Wort“. Selbstredend, dass ich neugierig werde. Dieses eine Wort, das – ergänzend zu Atmen, Achtsamkeit, Aushalten und all dem anderen – die Resilienz stärkt, ist Hoffnung.
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Hoffnung – wie passend. Was passt besser zu meinem magischen Augenblick der Geburt einer Eiche als Hoffnung. Wird jener Spross dereinst zu einer mächtigen Eiche heranwachsen, die lange noch ihren Platz einnehmen wird in jenem Wald, wenn ich längst nicht mehr bin? Alles ist möglich, nichts ist fix. Was macht den Unterschied, zwischen einfach nur dahintreiben im Strom der Zeit oder den Blick offen halten für die oft winzigen Details, die den Dingen ihre Bedeutung verleihen. Hoffnung?
Manche mögen darin eine sentimentale Anwandlung sehen, illusorische Träumerei, doch war es nicht Hoffnung, die Viktor Frankl jene Zeit des Horrors im KZ überstehen ließ? Sagen wir nicht, sie ist guter Hoffnung, wenn eine Frau ein ungeborenes Kind in sich trägt und neues Leben entsteht? Ist es nicht Hoffnung, die bis zuletzt an unserer Seite ist, denn geht sie verloren, ist alles verloren.
Liebe gilt als die stärkste unserer Emotionen, Hoffnung ist der lange Atem, der die Liebe in schweren Zeiten am Leben erhält. Ein unverkennbares Leuchten in den Augen, dass ich vor wenigen Tagen im Gesicht einer jungen Frau erblickt habe. Ein Lächeln, das viel mehr erzählt als Worten es je könnten – und das mir Hoffnung macht, vielleicht jener eine Tür in ein selbstbestimmtes Leben aufgezeigt zu haben.
Hoffnung macht vieles möglich, eröffnet neue (gedankliche) Wege, wird zu einer schier unerschöpflichen Kraftquelle, kann Zweifel beiseiteschieben und das Fundament des Vertrauens festigen. Mitunter mag Hoffnung sich nicht an vorherrschende Realitäten oder Wahrscheinlichkeiten ausrichten, aber wird sie dadurch nicht genau zu jener Kraft, die uns hilft, unsere selbst auferlegten Beschränkungen zu überwinden und bislang Unmöglich erscheinendes möglich zu machen?
Begegne ich einem Menschen, sehe ich, was da ist – und was dieser Mensch sein könnte, wenn er oder sie die noch schlummernden Potenziale in sich entfaltet und zur Blüte bringt. Es ist ein Blick voller Hoffnung, auf das, was möglich wäre …
Vor vielen Jahr hing in meinem Zimmer ein Motivationsbild mit einem Spruch von J.W. Goethe: „Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein können.“ … für mich ein Spruch voller Hoffnung – und ein Auftrag, achtsam zu sein, was ich im anderen erblicke, durch den Spiegel, hinter die Fassade, in die Tiefe zu blicken, ins Herz und in die Seele, wo uns Menschen eines verbindet: der Wunsch, geliebt zu werden, von anderen wertgeschätzt und in Geborgenheit zu leben.
Normalerweise halte ich wenig von Generalisierungen, aber in diesem Fall … wer nicht in sich den Wunsch nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung verspürt, darf mir dies gerne rückmelden um mein hoffnungsvolles Bild einer (zumindest auf dieser Ebene) verbundenen Menschen zu revidieren. Eines verrate ich vorweg: ich bin nicht gewillt, meine Hoffnung aufzugeben, dass die Menschheit eines Tages das Trennende überwinden und das Verbindende in den Vordergrund stellen wird, dass über all die offenen Gräben tragende Brücken gebaut werden. Wer weiß, vielleicht wird die kleine Baby-Eiche diesen Tag erleben?