WANN BEGINNT ZUVIEL?

Eine verdammt gute Frage. Eine berechtigte Frage. Eine Frage, die ich mir wieder einmal stelle. Wenn der Anblick eines auszuräumenden Geschirrspülers Tränen und das Gefühl von „ich kann nicht mehr“ auslöst, wurde der Zeitpunkt bei mir definitiv bereits überschritten. Was nun hilft, sind weder Drama noch Selbstverwürfe oder dergleichen, sondern mich selbst in den Arm zu nehmen – und eine nüchterne (Selbst)Analyse auf der Couch inklusive Kursänderung.

Wochenlang auf 200% unterwegs – wer kann das, wenn nicht ich? Ach ja, Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Aber handelt es sich um Hochmut? Phasenweise am Limit – sprich 100% – unterwegs zu sein, ist nicht das Problem, wenn es denn auch Phasen unter 100% gibt, in denen die Batterien aufgeladen und die Spannung abgebaut werden kann. Wenn nicht … dann kommt irgendwann der Moment, in dem ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Der Schritt über den Rand der Klippe hinaus in den Abgrund. Ein klein wenig bildhafte Theatralik, um die Ernsthaftigkeit hervorzuheben.

Der Weg auf die Klippe ist lang, besteht aus sehr vielen Schritten, aber letztendlich ist es ein einziger Schritt, der von der sicheren Seite in den alles verschlingenden Abgrund führt. Selbstredend wäre es gesünder, frühzeitig den Kurs zu ändern und nicht erst am Rand der Klippe stehend, aber – um auf meine Eingangsfrage zurückzukommen – wann ist dieser Moment? Falls dieser Moment sich mittels eines Zeichens bemerkt zu machen versucht hat, habe ich es (bewusst oder unbewusst) ignoriert. Weshalb ich nun auf meiner Analyse-Couch sitze, mir zwei Tage Rückzug verordnet habe und reflektierend zurück und nach innen blicke, eine Antwort suchend.

Über Erfolge zu schreiben, ist motivierend – über ein (Beinahe) Scheitern ernüchternd … aber auch eine wichtige Phase des Lernens, der (Selbst)Erkenntnis.

Der ungeschönte Blick in den Spiegel.

Ein Teil von mir WILL sich am oberen Rand der Klippe bewegen. Dort fühle ICH mich enorm lebendig, wenn ich Höchstleistungen erbringe, von denen andere vielleicht nicht mal zu träumen wagen. Wenn ICH unmögliches möglich mache. Wenn ICH es hinbekomme. Durchschnittlichkeit fühlt sich für mich un-lebendig an, dumpf, farblos, schal, mitunter erstickend. Als würde all das, was mich umgibt, sich wie ein Nebel über und um mich legen, ich Teil des Nebels werden. Mich von meinem Umfeld abzuheben, eröffnet die Chance, als ICH zu überleben. Klingt nach einem Minderwertigkeitskomplex? Ist es aber nicht. Mangelnder Selbstwert? Fehlanzeige. Es geht nicht darum, irgendetwas irgendwem zu beweisen, sondern schlichtweg darum, mich selbst zu spüren, ICH zu sein.

Paradoxerweise – oder vielleicht auch logischerweise – braucht es all das nicht, wenn ich allein bin, irgendwo da draußen in der Natur. Dann spüre ich MICH, spüre die feinsten Nuancen auf dem Weg zur Klippe, halte mich in einem gesunden, sicheren Bereich.

Woraus sich eine simple Schlussfolgerung ergibt: Halt dich von Menschen fern, und es geht dir gut.

Wie war das noch gleich? Das Umfeld stellt einen wesentlichen Faktor dar, wenn es um die (emotionale) Stabilität von Borderlinern geht. Definitiv! Aber Achtung: Damit ist NICHT gemeint, die Schuld bzw. Verantwortung ins Umfeld zu delegieren und sich selbst als Opfer der Umstände bzw. des Umfeldes zu sehen. Mitnichten! Vielmehr mahnt die Erkenntnis, wieder verstärkt auf die Balance zu achten. In Phasen mit – zugegeben: erforderlichen – hohen Belastungen entsprechende Auszeiten rechtzeitig einzubauen, nach Möglichkeit zu priorisieren, zu delegieren und auch mal NEIN zu sagen … kurz gesagt: aktive Selbstfürsorge!

Warum ich (wieder einmal) an diesen Punkt gekommen bin? Weil es offenbar noch etwas zu lernen gibt für mich und das Leben in seiner unendlichen, mir nicht vollständig erkennbaren Weisheit beschlossen hat, diese Lektion JETZT auf meinen Prüfungsplan zu schreiben. Gilt es etwas loszulassen? Oder etwas anzunehmen? Oder Beides? Die Antwort ist längst da. Sie findet sich in mir, davon bin ich überzeugt, und sie wird sich offenbaren, sobald ich bereit dafür bin – in die Ruhe und Gelassenheit zurückgekehrt. Auf jeden Fall kann ich daraus einige Impulse für mein aktuelles Buchprojekt mitnehmen, das derzeit ruht, weil ich ohnehin bereits auf 200% unterwegs bin … unterwegs war … jetzt ist erstmal Teetrinken auf der Couch angesagt 😉

Bild: pixabay.com

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