DIE ZUFÄLLIGE TRANSZENDENZ EINES NOVEMBERSPAZIERGANGS


Dies ist eine jener märchenhaft anmutenden Geschichten, die manchmal einfach so passieren. Alles beginnt mit einem Schritt vor die Tür, an einem trübgrauen Novembersonntag. Drei Tage des Herumliegens (weil grippig) sind ausreichend motivierend, um allem Novembergrau zum Trotz eine Runde durch den Wald zu spazieren, auf einer möglichst menschenleeren Route. Mir ist danach, mit mir allein zu sein, in meine Gedanken- und Gefühlswelt zu lauschen.

Noch ein Monat bis Weihnachten. Das Jahr neigt sich seinem Ende zu. Es war ein Jahr wie keines zuvor in meinem Leben. Ein Wechsel aus 200% im Job und Phasen des Rückzugs von der Welt, dazwischen der Tod meiner Mutter, das Aufbrechen meiner (bis dahin) lebenslangen Trauerblockade … was für ein Jahr!

Alles Zufall?

Ich glaube nicht an Zufälle.

Viele Menschen kennen mich als „Mrs. Zahlen-Daten-Fakten-Logik“ mit flinkem Verstand, die alles und jeden analysiert. Das stimmt auch. Gleichzeitig bin ich jedoch auch ein sehr spiritueller Mensch. In meiner Vorstellung existiert eine Art von „Ordnung“ hinter all den Ereignissen und Begegnungen. Etwas, dass all die unendlichen Teile zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Gott? Sollte tatsächlich ein (Singular) Wesen (keinerlei Gender-Zuordnung) im Hintergrund wirken, dann ist dieses hocheffizient und in seiner Art von unserem beschränkten menschlichen Geist nicht zu erfassen. Einfacher zu fassen für mich ist eine Art von Ordnung, Kraft, Energie … etwas, dass eindeutig mehr Überblick über alles hat als ein einziger Mensch wie ich 😉

Warum geschieht etwas heute – und nicht gestern oder morgen?

Warum treffe ich X jetzt – und nicht vor 10 Jahren oder nie?

Neben mir auf dem Weg entdecke ich eine kleine Pflanze mit mehreren gelben Blüten – Ende November. Blüht diese Pflanze, weil die große Ordnung mich hier und jetzt zum Lächeln bringen möchte? Oder bemerke ich die Blüten deshalb, weil mein innerer Fokus sich auf das Besondere im Alltäglichen ausrichtet und mein Unterbewusstsein meinen Blick lenkt? Auf diesen Fragen wird es wohl niemals eine finale Antwort geben, dennoch finde ich es inspirierend, darüber nachzudenken.

Ebenso wie über die zwei großen Mysterien des Menschseins. Das erste ist die menschliche Psyche an sich, ein hochkomplexes Wunderwerk, das trotz etlicher Erklärungsmodelle nach wie vor Rätsel aufgibt. Selbiges gilt für das zweite Mysterium: zwischenmenschliche Beziehungen. Würde ich mich für den Rest meiner Lebenszeit ausschließend diesen beiden Themen widmen, mir würde niemals langweilig werden.

Nehmen wir die menschliche Psyche mit all ihren bewussten und unbewussten Aspekten, von den Untiefen der Verdrängung bis hin zu den Geistesblitzen der Erleuchtung. Jeder Mensch hat eine Unzahl an Erfahrungen und Erlebnissen. Sie prägen, wer wir sind. Zufall? Mich prägten einige Traumatisierungen, ähnlich wie Vulkanausbrüche und Meteoriteneinschläge diesen Planeten geprägt haben. Doch da gab es auch noch anderes, Kleinigkeiten, die sich wie Samenkörner im Boden verankert haben, aus denen blühende Wiesen und mächtige Wälder entstanden – und mein Fokus auf all das, was die Wunden in meiner Seele zu heilen vermag.

Ein Mensch ist mehr als die Summe seiner Erlebnisse.

Wir können über das, was uns prägte, hinauswachsen. Menschen haben die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, das zuvor nicht existiert hat. Ob in Kunst, Technik oder Wissenschaft – oder einfach nur neue Gedanken bei einem Spaziergang.

An diesem Punkt angekommen schiebt sich ein Sonnenstrahl durch die dichten Wolken, trifft genau jene Stelle, an der ich stehengeblieben bin. Zufall?

Die einen sagen, Menschen werden von ihren Trieben gesteuert. Andere sehen das Streben nach Macht als Motor allen Tuns. Manche stellen den Sinn ins Zentrum des Menschseins oder suchen Erklärungen mittels systemischer Ansätze. Es gibt mindestens 1001 Zugänge, das Mysterium Mensch zu verstehen. Ich bin überzeugt davon, dass jeder davon auf seine Weise recht hat – und doch nur eine Facette von vielen des Mysteriums abbildet.

Wir Menschen sind mehr als die Summe unserer Erlebnisse. Was machen wir daraus? Was mache ich daraus? An diesen Novembersonntag? Blicke ich zurück, vertieft sich mein Verständnis für einiges in meinem Leben und mich selbst. Blicke ich nach vorne, entstehen Ideen, wohin die Reise führen soll. Aber wird es so kommen? Vertrauen ins Morgen? Urvertrauen, dass – egal was geschieht – es in diesem Moment genau das Richtige ist. Die Glücksfälle nimmt jeder gerne an, aber auch die Schicksalsschläge? Woran reift ein Mensch? Was heilt die Seele? Meiner Erfahrung liegt viel Potenzial in Krisen und wie wir damit umgehen. Anstrengungen gehören dazu. Leichtigkeit entsteht, wenn wir den Ballast ABWERFEN – er fällt nicht von allein. Loslassen ist ein kraftvoller Akt. In sich erstarrte Haltungen zu lösen und in die Beweglichkeit zurückzufinden geschieht nicht passiv, sondern nur durch aktives Tun. Etwas, dass niemand einem anderen abnehmen kann. An schmerzhaften Erinnerungen und dem damit verbunden Leiden festhalten – oder loslassen und zulassen, dass etwas Neues entsteht, dass zuvor nicht existiert hat? Dankbarkeit? Lebensfreude? Hier und Jetzt durch den Wald zu spazieren und frei zu sein, bewusst all diese Gedanken und Gefühle zu haben, weil ich mehr bin als die Summe meiner Erlebnisse. Weil ich daraus etwas gemacht habe, das zuvor nicht existiert hat.

Was für ein Zufall, dass sich die Wolken genau in dem Moment verziehen, als ich über diese Frage sinniere, und sich der strahlend blaue Himmel an diesem zuvor grautrüben Novembersonntag zeigt. Zufall? Ich glaube nicht an Zufälle 😉

SEELENHEILUNG

Wie kann die Seele geheilt werden? Wie die Angst für neuerlicher Verletzung überwunden und zurück ins Urvertrauen gefunden werden?

Darauf gibt es keine Antwort im Sinne von „ein bisschen hiervon, ein Hauch davon, ganz viel von was auch immer“. Es gibt kein Universalrezept, auch wenn manche Stimmen genau das versprechen. Jede Seele ist einzigartig, jede Lebensgeschichte eine Sammlung individueller Erfahrungen, jede Heilung eine Reise zu sich selbst. Manchmal sind es kleine Schritte, ein anderes Mal große Sprünge ins Unbekannte, die es zu meistern gilt.

Das Ziel gleicht einer fernen Erinnerung, wer wir einst waren, vor den Verletzungen – und wer wir immer noch sind, unter all den Narben, hinter den Mauern, zurückgezogen in den Schutz der Unnahbarkeit, der Unberührbarkeit. Für den Weg gibt es keine Karte, nur einen Kompass: unser Herz.

Auch wenn niemand anders für uns die Schritte gehen kann, sind wir doch niemals allein auf dieser Reise. Jede Seele sucht und findet ihre Begleiter. Manchmal läuft es g’schmeidig, ein anderes Mal stoßen wir uns wieder und wieder den Kopf, drehen uns im Kreis, fallen und stehen wieder auf. Nichts davon ist „umsonst“, alles hat seinen Sinn.

Heilung braucht ihre Zeit und hat ihren Preis: Loslassen … Schmerz, Anklage, Schuldgefühle, Scham, Zweifel … was auch immer es ist, an dem wir festhalten in dem Irrglauben, wir wären unzureichend.

Heil zu werden bedeutet, Meisterschaft zu erlangen, sein Leben zu meistern, mit allem, was da kommen mag. Zurückzublicken auf all das, was hinter uns liegt, frei von Schmerz, und es als das anzuerkennen, was es war, wissend, dass es uns an diesen Punkt im Leben geführt hat, der den Samen in sich trägt, aus dem das Morgen erwächst.

Heilung ist etwas Sanftes, wie ein Tautropfen, der sich frühmorgens auf unserer Seele einfindet und das Licht der aufgehenden Sonne in uns und in die Welt hinauslenkt. Eine liebevolle Berührung der Vergänglichkeit, ein Verharren in der Unendlichkeit eines Augenblicks. Leise, vibrierend, lebendig.

Dort, in den stillen Momenten, kann Wundervolles geschehen, können Narben verblassen, kann eine Seele heil werden.


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