Es war einmal ein Menschenkind, dessen Lebensweg geprägt war von vielfältigen Erlebnissen – auch solche, auf die es gerne verzichtet hätte. Einiges war schiefgelaufen, manches war schmerzhaft gewesen, vieles davon geschehen, als dieses Menschenkind noch sehr klein gewesen war. In einer Zeit, in der sein Zuhause ein schützender Hafen hätte sein sollen, wurde es schutzlos und hilflos auf einem stürmischen Ozean hin und her geworfen. Mehrmals schien es dem Untergang geweiht. Doch dieses Menschenkind war stark. Allen Widrigkeiten zum Trotz wuchs es heran, erschuf für sich ein Leben in Sicherheit und – Geborgenheit?
Eines Tages erwachte das Menschenkind mitten in der Nacht an einem seltsamen Ort. Rundum war es kalt und dunkel. Sein Atem hallte als durchdringendes Echo von den unsichtbaren, jedoch erahnbaren Wänden wider. Kaum etwas konnten seine Augen erkennen in der düsteren Finsternis, dennoch war da die unerklärliche Gewissheit, diesen Ort zu kennen. Wie war es hierhergekommen? Während es noch fragend um sich blickte, erschien plötzlich ein winziges leuchtendes Wesen vor seinem Gesicht.
[Winzig?]
Ganz so klein war es dann doch nicht, denn das Menschenkind blickte in das Gesicht eines Schmetterlings …
[Schmetterlingselfpraktikantin, wenn ich bitten darf. Es ist kurz vor Weihnachten. Hochsaison. Da helfen alle zusammen.]
… in das Gesicht einer offensichtlich resoluten Schmetterlingselfpraktikantin, deren glitzernde Flügel in der Dunkelheit magisch funkelten – ebenso wie ihre Augen mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen frech und herausfordernd anzusiedeln war. Mit offenem Mund starrte das Menschenkind auf das, was sein Verstand in keinster Weise verarbeiten konnte – und wollte.
„Na wunderbar, da habe ich ja wieder mal das große Los gezogen. Skepsis ohne Ende, Zweifel bis zum Abwinken … warum erwischt es eigentlich immer mich?“ murrte das schwebende Wesen missmutig, aber unüberhörbar vor sich hin.
Das Menschenkind zuckte zusammen. Das flatterhafte Wesen klang völlig anders als sein Aussehen vermuten ließ. Wenig feenhaft, eher wie ein Grinch.
„Das liegt daran, dass ich auch keine Fee bin, sondern eine Schmetterlingselfpraktikantin … und wir das bitte nicht im Detail ausdiskutieren. Mein Auftrag lautet, dir etwas zu zeigen. Sieh dich mal um.“
Ohne genau begründen zu können warum, folgte das Menschenkind dieser Anweisung und blickte in die Düsternis und Kälte rund um sich. Da war nicht viel zu erkennen. Alles wirkte hart, unnahbar, erstarrt, leblos. Selbst die Luft schien seit Ewigkeiten an diesem Ort zu verharren.
„Das trifft es ziemlich gut. Hast du eine Idee, wo du bist?“
Wortlos verneinte das Menschenkind mit einem Kopfschütteln.
„Dann werde ich deinem Gedächtnis mal auf die Sprünge helfen. Komm mit“, forderte die Schmetterlingselfpraktikantin und schwebte flügelschlagend zur Seite, erhellte dadurch den Raum an dieser Stelle. Vertrocknete Pflanzen wurden sichtbar. Blüten, die einst voller Farbenpracht waren, und nun nur noch farblos, verdorrt.
„Das sind all die liebevolle Worte und Gedanken, die du in dir geboren und niemals in die Welt entsandt hast.“
Überrascht – und entsetzt – starrte das Menschenkind abwechselnd auf den Haufen am Boden und das Wesen darüber. Liebevolle Worte und Gedanken?
„Das ist noch nicht alles.“
Mit kräftigen Flügelschlägen steuerte es auf eine Wand zu, die genau genommen keine Wand, sondern eine Schleuse war, zugemauert, verriegelt und scheinbar für alle Zeiten verschlossen mit mächtigen Ketten – ganz so, als sollte niemals etwas von der anderen Seite hierhergelangen.
„Dahinter eingesperrt sind alle jene liebevollen Gefühle, die du niemals zugelassen hast. Sie hätten die Worte in die Welt hinausbegleitet und ihnen den Zauber verliehen, andere Menschenkinder zu berühren. Doch stattdessen verbirgst du sie hier, aufgestaut, verstärkst Jahr für Jahr die Mauer, die sie zurückhält.“
Dem Menschenkind stockte der Atem. Allmählich begann es zu ahnen, welcher Ort dies hier war. Mächtig wurde der Wunsch, die Augen vor all dem zu verschließen …
„… wie du es bisher getan hast und immer noch tust? Nicht mit mir! Mein Auftrag lautet, dir die Augen zu öffnen – so wie du die Fenster öffnen sollst, die so vieles einsperren und noch viel mehr aussperren.“
Aus den Schatten der Dunkelheit erhoben sich Umrisse, zeichneten sich Öffnungen ab, durch die einst eine Verbindung bestanden hatte, zu jenen, die außerhalb waren, außerhalb …
„… deines Herzens, dass du vor langer Zeit verschlossen hast.“
Stille breitete sich aus. Stille, durchbrochen nur von einem dumpfen Pochen jenes Herzens, in dem eine unsagbare Schwere spürbar war.
„Aber wenn ich das nicht getan hätte, wenn ich all die Mauern und Ketten nicht erschaffen hätte, mein Herz wäre in all dem Leid und Schmerz zerbrochen“, erhob das Menschenkind erstmals seine Stimme.
„Vielleicht wäre es das, vielleicht auch nicht. All das liegt so lange zurück, dennoch hältst du an den Mauern und Ketten fest“, entgegnete die Schmetterlingselfpraktikantin überraschend milde. „Wird es nicht allmählich Zeit, dein Herz wieder dem zu öffnen, was es wahrhaft stark macht?“
Tausend widersprüchliche Gedanken kreisten im Geist des Menschenkindes. So viele Risiken, Gefahren, mahnende Erinnerungen. So wenig im Vergangenen, das Hoffnung schenkte. Woher das Vertrauen nehmen? Woher die Kraft?
„Alles, was es braucht, ist längst da – im Überfluss.“ Mit diesen Worten deutete das schwebende Wesen mit sanften Flügelschlägen auf die Staumauer. „Öffne die Schleuse ein wenig und beobachte, was geschieht.“
Zögerlich folgte das Menschenkind der Aufforderung, voller Skepsis, Befürchtungen, jedoch auch mit einer unerklärlichen Zuversicht. Die aufgestauten Gefühle suchten und fanden ihren Weg zu jenen Worten, die verdorrt am Boden lagen, füllten diese mit Liebe und Lebensfreude, ließen auf wundersame Weise einen blühenden Garten entstehen, der mit jedem Atemzug weiterwuchs, farbenprächtiger wurde, duftend nach unzähligen Blüten. Selbst eine sanfte Brise wurde nun spürbar, wärmende Sonnenstrahlen, das Leben selbst kehrte zurück in ein Herz, dessen Pochen von Minute zu Minute leichter wurde, freier.
„Die Fenster“, schubste die Schmetterlingselfpraktikantin das staunende Menschenkind an, das daraufhin begann, all die Ketten, Riegel und Schlösser zu entfernen.
Kaum waren die Fenster geöffnet, erhoben sich unzählige der farbenprächtigen Blüten in die Luft, wurden von der sanften Brise als liebevolle Worte hinaus in die Welt getragen. Gleichzeitig strömten all jene liebevollen Worten, die so lange ausgesperrt geblieben waren, in das Herz hinein, vermischten sich mit all dem, das bereits da war, wurden mehr und mehr. Mal waren es bunte Blüten und Blätter, mal ein farbenprächtiger Sonnenaufgang, funkelnde Schneeflocken, majestätische Berggipfel, rauschende Wälder, kristallklare Bergseen oder eine Umarmung, die mehr war als nur die Berührung zweier Körper.
Staunend beobachte das Menschenkind all das, fürchtete für einen kurzen Augenblick, das Herz würde all dem nicht standhalten und zerspringen – doch dann erkannte es, dass sein Herz zu wachsen begann, mit jedem liebevollen Wort, welches es in die Welt hinaussandte, ebenso wie mit jedem liebevollen Wort, das ihm geschickt wurde. Licht in allen Farben des Regenbogens durchflutete das Herz, das Lachen einer Kinderstimme die vorübergehend verstummt war und nun wieder seinen hellen Klang mit der Stimme des Menschenkindes vereinte. Tiefer Frieden erfüllte das Menschenkind, dass für einen Augenblick seine Augen schloss und in sich hineinfühlte, die Geborgenheit rundum und in sich spürend.
Als es wieder in die Welt hinausblickte, lag es unter der Bettdecke. Vor dem Fenster dämmerte ein neuer Tag. In seiner Brust schlug ein kraftvolles, liebevolles, freies Herz. Alles nur ein Traum? Wer weiß …
Text: 100% Lesley B. Strong (no AI ;-))
Bild: AI wordpress