Von Zeit zu Zeit sorgt das Leben dafür, dass ich in einen Spiegel blicke. Meistens ohne Vorwarnung. Wäre dieser Blick mit angenehmen Gefühlen verbunden, würde ich dir nicht hier darüber berichten. Dieser besondere Spiegel hält sich an keinerlei Gesetze von Raum und Zeit. Etwas geschieht im Außen, jemand tut oder sagt etwas und zack – tauchen wie aus dem Nichts Erinnerungen auf an längst Vergangenes aus meinem Leben, samt den dazugehörigen Gefühlen. Wie gesagt, handelt es sich dabei um wenig erfreuliche, zumeist eher schmerzhafte Erinnerungen – manchmal blanke Wut.
Hier ein Beispiel dazu, dass auf den ersten Blick eher „harmlos“ anmutet (im Vergleich zu manch anderem aus meiner Vergangenheit), aber es geht hier nicht um einen Wettstreit der schlimmsten Erinnerungen, sondern darum, die Zusammenhänge nachvollziehbar zu machen.
Vor einigen Jahren besaß ich einen riesengroßen Plüschtiger, auf dessen Rücken gerne mein Stubentiger (ebenfalls gestreift) zu ruhen gedachte. Meine beiden Tiger 😊 Für mich waren beide etwas, dass mir wichtig war. Gewiss, lebendiger Tiger mehr als ausgestopfter Plüschtiger, dennoch waren mit beiden positive Gefühle und Gedanken verbunden. Eines Abends kam ich von der Arbeit nachhause und der Plüschtiger war verschwunden. Ich fand ihn ein paar Stunden später im Müllcontainer der Wohnhausanlage. Mein damaliger Lebenspartner hatte ihn „entsorgt“. Ohne mit mir darüber zu sprechen, hatte er einfach mal so entschieden, diesen Staubfänger, dem er nichts abgewinnen konnte, in den Müll zu werfen. Das tat echt weh! Jemand hatte über meinen Kopf hinweg entscheiden, als wäre ich Luft. Jemand anders hatte die Macht über mein Leben, die Kontrolle über mich. Was für mich wichtig war, zählte nicht. Meine Gefühle – belanglos. Erhob ich meine Stimme? Protestierte ich? Stellte ich diesen Jemand zur Rede? Nein! Es fehlte mir an Mut, Kraft, an allem, mich gegen diesen Übergriff zur Wehr zu setzen.
Um die Dimension dieses „harmlosen“ Ereignisses vollständig erfassen zu können, sollte ich noch erwähnen, dass ich zu jener Zeit bereits in einer Führungsposition tätig war. Eine taffe Managerin, die im Job erfolgreich jeden Irrsinn wieder auf Kurs bringen konnte… nur mein eigenes Leben nicht. Da versagte ich völlig.
Durch die Brille der Transaktionsanalyse betrachtet, war mein damaliger Lebenspartner in der Rolle des kritischen, wertenden, disziplinierenden Eltern-Ichs unterwegs und ich in jener des angepassten Kind-Ichs, dass schweigend (leidend) alles runterschluckte, unfähig die eigene Stimme zu erheben.
Präzise jene Erinnerung wurde kürzlich durch ein Ereignis getriggert, bei dem ich Zeugin wurde, wie jemand davor zurückscheute, seine Stimme zu erheben. Der Blick in den Spiegel ohne Vorankündigung. Plötzlich waren sie wieder da, all die schmerzhaften Gefühle und Gedanken.
Heute lebe ich nach dem Grundsatz: Wenn mein Unterbewusstsein eine Erinnerung an die Oberfläche des Bewusstseins kommen lässt, dann weil es volles Vertrauen in mich hat, dass ich damit umgehen kann. Deshalb nehme ich derartige Trigger als Chancen an, mich weiterzuentwickeln.
In der Praxis lief das wie folgt ab:
• Zuerst einmal an paar tiefe Atemzüge, ganz langsam, bewusst nachspüren, wie sich mit jedem Atemzug die Ruhe tiefer in mir ausbreitet. Den Sturm beruhigen, das Feuer eindämmen, zu den aufgewühlten belastenden Emotionen bewusst einen Gegenpol erschaffen, um die Balance wiederherzustellen.
• Im nächsten Schritt wende ich mich meinen Gedanken zu, stelle mir vor, aus der Situation herauszutreten und sie von außen zu betrachten, wie einen Film. Das hilft mir dabei zu erkennen, dass jenes Ereignis zustande kam, weil (in diesem Fall) zwei Menschen sich so verhielten, wie sie es taten. Jeder von diesen beiden hätte auch die Möglichkeit gehabt, sich anders zu verhalten. Aber beide folgten ihren tradierten Verhaltensmustern – nicht mehr, und nicht weniger. Keine Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Wertungen oder dergleichen, die mich an die Vergangenheit fesseln und es dadurch unmöglich machen, den Schmerz loszulassen und frei zu werden.
• Danach sage ich mir selbst, dass all dies weit in der Vergangenheit zurückliegt, ich es trotz allem gut überstanden habe und heute hier bin.
Gut gelöst, oder? Nicht ganz. Was auf den ersten Blick wie eine gelungene Intervention aussieht, versteckt noch eine echt fiese Fallgrube. Mich mit dem Ereignis an sich auszusöhnen, war relativ einfach, wenngleich erst die halbe Miete. Mit entsprechender Übung gelingt das von mal zu mal schneller und leichter. ABER eine (zum Glück nicht mehr) Perfektionistin wie ich schafft es postwendend, neue destruktive Gedanken zu kreieren.
„Wie konnte ich nur so blöd sein? Warum habe ich mir das Gefallen lassen? Wie viel meiner Lebenszeit habe ich versch* in den Satz gesetzt? Warum habe ich nicht früher …“
Mir würde noch einiges einfallen, aber ich denke, der Punkt ist klar. Selbstdemontage, Selbstzerfleischung, Selbstvorwürfe, Selbstanklage … wie oft bin ich in diese Fallgrube gestürzt, bin jenen Gedanken (jenem Pfad) gefolgt, den andere vor mich ausgelegt haben.
Lass diese Gedanken bitte mal sacken.
Es gab in meiner Vergangenheit Menschen, die haben mich schlecht behandelt. Sie haben einen Pfad für mich ausgelegt. Jedes Mal, wenn ich mich selbst schlecht behandle, ohne Wertschätzung, lieblos, achtlos oder gar fahrlässig mit mir selbst umgehe, folge ich diesem Pfad. Dann haben jene Menschen indirekt wieder die Macht über mich und die Kontrolle über mein Leben. Will ich das? Nein, deshalb folge ich MEINEM PFAD. Schluss mit Selbstdemontage!
Auf meinen Pfad begleiten mich Gedanken wie „Ja, ich habe so gehandelt. Damals. Heute ist es anders. Heute be-STIMME ich über mein Leben und erhebe auch meine STIMME, wenn die Situation es verlangt.“
Erst jetzt bin ich wirklich frei im Denken, frei im Geist – oder eben Frei.Geist(ig). Dazu gehört eine große Portion Achtsamkeit.
Weil’s gerade so schön passt, hier noch ein Frei.Geist(iger) Gedanke:
Früher hatte ich das Ziel, all das (Borderline) hinter mir zulassen. Frei zu werden von solchen „Blicken in den Spiegel“, die stets auch das Risiko eines Absturzes in sich tragen. Ein wunderschönes Ziel. Ein fantastisches Ziel im Sinne von „im Reich der Fantasie“ anzusiedeln bzw. in der Realität nicht erreichbar. Warum? Ganz einfach. Manche Triggerpunkte lernte ich im Laufe der Zeit kennen, aber eine unbekannte Anzahl verbirgt sich in den Tiefen meines Unterbewusstseins – so wie jener, von dem ich dir hier erzählt habe. Was im Unterbewusstsein liegt, ist uns so lange unbewusst, bis es ins Bewusstsein aufsteigt. Woher soll ich also wissen, wann alle Triggerpunkte aufgelöst und das Ziel erreicht ist? Die Nicht-Erreichung des Zieles – und somit das Scheitern – sind quasi bereits im Ziel enthalten. Enttäuschung bzw. Versagen vorprogrammiert. Falscher Pfad. Eindeutig keine Strategie, um zurück in die Umarmung des Lebens zu finden. Daher konzentriere ich mich darauf, mit all dem, was da kommt – auch Blicke in den Spiegel ohne Vorankündigung – gut umgehen zu können und meinem eigenen (Gedanken)Pfad zu folgen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Das Beitragsbild ist AI-generiert. Spannend, wie ein AI-Assistent meine Worte in ein Bild verwandelt.