Wie kann ich je wieder vertrauen, wenn mein Vertrauen derart missbraucht wurde, ich verletzt, hintergangen, betrogen, ausgenutzt … wurde?
Diese Frage erblicke ich häufig in den Augen von Menschen. Ausgesprochen wird sie deutlich seltener, dennoch schwebt sie immanent im Raum. Kein Wunder. Wer von uns ist schon frei von dieser Erfahrung? Und dieser Frage?
Was ist das überhaupt – Vertrauen? Manchmal habe ich den Eindruck, Vertrauen wird mit Gutgläubigkeit, Blauäugigkeit oder Naivität gleichgesetzt. Vertrau mir – ja, aber wie?
In meinem Buch „Berggeflüster – aus’m Herzn lebn“ bringe ich mein Verständnis von Vertrauen in einen Satz, der alles umfasst:
„Vertrauen ist, wenn du deine Angst umarmst, dich für ihre Sorge um dich bedankst, und dich entscheidest, deinem Herzen zu folgen, in der Gewissheit, dass – was auch immer kommen wird, es vom Leben für DICH auf DEINEN Weg platziert wurde, damit du ein Stückchen weiterkommst.“
Klingt doch gut. Eine stimmige Theorie, die schnell auf Zustimmung trifft. Die Herausforderung liegt nicht im Verstehen oder Akzeptieren, sondern in der Umsetzung im täglichen Leben. Angst heißt der Gegenspieler von Vertrauen. Angst entsteht zumeist aus schmerzhaften Erfahrungen heraus, verbindet uns unmittelbar und intensiv mit unserer Vergangenheit, verschleiert den Blick auf die Gegenwart, das Hier und Jetzt, baut Hürden auf dem Weg in die Zukunft. Noch mehr Theorie, die du vermutlich bereits am eigenen Leib zu spüren bekommen hast.
Einerseits ist es wichtig, sich der Vergangenheit bewusst zu sein, um daraus zu lernen – andererseits führt eine Fokussierung auf das Vergangene dazu, dass es sich in der Gegenwart wiederholt. Worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken, das verstärken wir. In etwas andere Worte gekleidet: Konzentration führt zum Erfolg – in diesem Fall dazu, das Vergangene neuerlich (vielleicht in leicht abgewandelter Form) zu durchleben. Einer der Gründe, warum manche Menschen immer und immer wieder ihre Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Tage, Jobs oder Beziehungen haben. Die Angst vor einer Wiederholung führt zur Wiederholung. Verdrängung ins Dunkel des Vergessens öffnet ebenso Tür und Tor für Wiederholung, weil ja nichts daraus gelernt wurde.
Es ist … kompliziert.
Auf den ersten Blick. Tatsächlich ist es erstaunlich einfach. Arbeit Ja, aber keine, die sich nicht mit konsequentem Training zu einer gelebten Routine entwickeln lässt. Simpel und einfach: es geht um Abgrenzung und selbstbesteuerten Perspektivenwechsel.
Ein Beispiel: ein Mensch betritt die Bühne meines Lebens (egal, in welcher Rolle: Kollegen am Arbeitsplatz, Freundin in der Freizeit, potenzieller Partner …). Gebranntes Kind scheut das Feuer. Will ich Nähe zulassen? Noch hinter den Mauern meiner emotionalen Firewall abwartend öffne ich die Schubladen meiner Vergangenheit, vergleiche das Vergangene mit dem Gegenwärtigen, spekuliere über das Kommende, durchlebe alten Schmerz, höre die besorgte/mahnende Stimme meiner Angst, frage mich, ob es wieder so sein wird … worauf richtet sich mein Fokus? Auf das Wunderbare, das möglich sein kann – oder auf das Schmerzhafte, das hinter mir liegt? Was verstärke ich? Was strahle ich auch? Was ziehe ich an? Stichwort: Self fullfilling prophecy, Law of Attraction …
Dem Weg des Vertrauens zu folgen, bedeutet die Kunst der Abgrenzung zu erlernen.
Zurück zum Beispiel: ich blicke BEWUSST zurück, als würde ich in einem alten Fotoalbum blättern, höre die Gespräche von damals, erinnere mich an meine Gefühle, mache mir BEWUSST, dass all das weit in der Vergangenheit liegt, ich meinen Weg weitergegangen bin, mich weiterentwickelt habe, heute eine andere Person bin. Ich erschaffe eine imaginäre, dennoch gültige Grenze, die es mir erlaubt, wahrzunehmen, ohne mich hineinziehen zu lassen. Solange es keine Zeitreisemaschinen gibt (vermutlich also nie), kann niemand von uns in die Vergangenheit zurückkehren, ABER wir können in unserem Denken und Fühlen das Vergangene in unsere Gegenwart holen – zumeist tun wir das unbewusst. Erstes Symptom: Angst vor Wiederholung. In gewisser Weise eine irrationale Angst, denn das Leben ist viel zu komplex, die Menschen allzu unterschiedlich, als das eine exakte Wiederholung überhaupt möglich wäre. Kein Tag gleicht präzise dem anderen. Mitunter sind es nur Nuancen, die abweichen, dennoch existiert ein Unterschied. Ich könnte jeden Tag den selben Song singen, aber keine zwei Aufzeichnungen würden sich gleich anhören. Wie kann ich mit Mensch A dasselbe durchleben wie mit Mensch B? Faktisch unmöglich. Aber wir sind nun einmal nicht nur faktisch denkende, sondern auch irrational fühlende Wesen. Werden wir von Angst bestimmt, erheben sich unsere individuellen Horrorszenarien aus den Tiefen unseres Unterbewusstseins und wir erschaffen, was wir nie wieder durchleben wollten.
Meine Strategie: der bewusste Blick auf das Vergangene, aber nicht nur auf das, was im Außen war, sondern ganz besonders auf das, was in mir war. Was hat mich bestimmt? Welche Erwartungen, Glaubenssätze, Ängste? Was habe ich damals beigetragen? Selbstreflexion! … und bewusste Integration von dem, was ich aus der Vergangenheit als Lernerfahrung mitnehmen will. Hierfür öffne ich temporär in der imaginären, dennoch gültigen Grenze einen Durchgang für meinen „Erfahrungsschatz“.
„Lernen aus dem, was war, um das, was ist, als das, was es ist, anzunehmen und mitzugestalten, was es werden kann.„
Ein Satz, der alles sagt – und der zu Kontemplation einlädt😉
Die Kunst der Abgrenzung geht Hand in Hand mit Achtsamkeit, Akzeptanz, selbstbestimmten Entscheidungen – und Lösungsorientierung. Anstatt den Fokus auf das, was ich vermeiden will (das Problem) zu lenken, richte ich ihn auf das, was ich in mein Leben ziehen möchte (die Lösung).
Sollte sich an dieser Stelle bei dir der kritische Verstand melden im Sinne von „Ja, alles gut und schön und stimmt vermutlich auch, aber in meinem Fall und in dieser speziellen Situation ist das ganz anders und …“ diesen und ähnliche Sätze habe ich einst katapultartig jenen Menschen entgegengeschleudert, die mir meinen Einfluss auf mein eigenes (Er)Leben vor Augen führten. Heute sage ich: Ja, sie hatten recht – wie ich im Laufe der Jahre erkennen durfte. Zu jener Zeit war ich noch nicht so weit, auf dem Weg des Vertrauens zu wandeln, beherrschte die Kunst der Abgrenzung noch nicht, klammerte mich an meine Vergangenheit aus der Angst heraus, ohne diese nichts mehr zu sein – und verbaute mir selbst den Weg, im Hier und Jetzt ICH zu sein.
Heute besteht mein „Schutzschild“ aus Lebensfreude und der Liebe (zum Leben, zu Menschen, zu mir selbst) die ich ausstrahle, und die so manche fluchtartig das Weite suchen lässt, wie Knoblauch (Energie)Vampire vertreibt. Achtsam wandle ich bewusst auf dem Weg des Vertrauens, anerkenne und reflektiere meine Vergangenheit (und alles, wirklich alles, was dazugehört) voller Dankbarkeit, in dem Wissen, dass es mich zu jener werden ließ, die ich heute bin: Eine, die Worte wie diese findet, um Menschen wie dich zu inspirieren und zu ermutigen, deinen Weg des Vertrauens zu gehen.
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