… habe ich ein Notizbuch. Darin mein handschriftlicher Versuch, wieder Boden unter meine Füße zu bekommen. Das war im Juli 2020. Ich tat das, was ich ziemlich gut kann: ich erschuf mitten im Chaos Struktur. Klare Ziele. Unter Punkt 1 steht: Neuausrichtung und Stabilisierung. Job. Wohnsituation (was als Übergangslösung begann, entwickelte sich zu einem wunderbaren Arrangement). Ach ja, „neue Partnerschaft zeitnah“ steht auch dort. Das hat nicht geklappt – zum Glück.
Unmittelbar nach der Trennung wollte die entstandene Lücke geschlossen werden. Die Weisheit des Lebens jedoch verordnete mir Selbstfindung Advanced Level, wofür ich heute von ganzem Herzen dankbar bin.
„Jeder Topf findet seinen Deckel.“
In den vergangenen Jahren habe ich einige Male in den Spiegel geblickt und mich der Erkenntnis gestellt, dass mein Gegenüber jener Deckel war, der zu meinem Topf passte. Die perfekte Ergänzung zu dem, was ich war, was das Leben – oder besser: die Menschen in meinem Leben – aus mir gemacht hatten. Anfangs. Später ließ ich es geschehen, aus Gewohnheit, aus Mangel an Selbstwert und Selbstvertrauen. Ich blieb lange in der Rolle, die mir auferlegt worden war. Bis zu dem Tag, an dem alles in sich zusammenbrach, damals, im Juli 2020.
Aus dem Trümmerhaufen erhob sich der Phönix, verbrannte die Opferrolle endgültig, breitete die feurigen Schwingen aus und begann, das Leben – und sich selbst – zu umarmen. Was für eine Geschichte!
Wenn ich zurückblicke, scheint mir all das mitunter Ewigkeiten entfernt. Was sind 5 Jahre? Ich lebte 50 Jahre „neben meiner Spur“. Mit einem Spaltgips am linken Fuß auf der Couch meines Sohnes liegend schrieb ich Checklisten, sortierte mein Hab und Gut, verschenkte kistenweise was ich jahrelang als „notwendig“ erachtet hatte. Seit damals habe ich vieles auf- und weggegeben, mein Leben erleichtert, ohne jedoch auf etwas zu verzichten, was mir wirklich wichtig ist.
Was ist wirklich wichtig?
Meistens das, was nicht in Kisten passt:
Lebendiges, wie Freundschaften.
Ehrliches, wie ein von Herzen kommendes Lächeln.
Liebevolles, wie kleine Gesten der Verbundenheit.
Stärkendes, wie Erinnerungen.
Wärmendes, wie wunderbare Momente.
Erdendes, wie ein Spaziergang durch den Wald.
Erhebendes, wie der Ausblick von einem Berggipfel.
Erheiterndes, wie augenzwinkernder Humor und Selbstironie.
Erleichterndes, wie die Gewissheit der Veränderung.
Heute, im Mai 2025, lese ich meine Notizen von damals, erkenne mein damaliges ICH darin wieder, und bin gleichzeitig erleichtert, nicht mehr jenes ICH zu sein. Woran ich meine Veränderung erkenne? An den Menschen und Ereignissen, die mir in der Gegenwart begegnen. Heute führe ich ein Leben, das ich mir einst selbst in meinen kühnsten Träumen nicht auszumalen gewagt hätte – Lichtjahre entfernt von dem Opferdasein, das ich übernommen hatte, aus Prägung, familiärer Loyalität, falsch verstandener Liebe.
Zum Glück versank im Laufe der Zeit das Notizbuch in den Tiefen einer Schublade, wodurch ich meine Ziele nicht ständig vor Augen hatte. Ja, an dieser Stelle widerspreche ich bewusst dem Grundsatz, die eigenen Ziele stets im Fokus zu behalten, damit sie auch erreicht werden. Manchmal werden Ziele voreilig – oder aus Schmerz heraus – festgelegt, innerhalb jener (Selbst)Beschränkungen, derer man sich noch gar nicht bewusst ist. Manchmal fehlt es an Inspiration, was noch alles möglich wäre. Dabei fand sich alles bereits im ersten Wort auf meiner Liste:
Neuausrichtung!
Das, was ich auch jetzt wieder ganz oben auf meiner Agenda steht. Jedes Mal, wenn ich einen Stein aus meinem Rucksack entferne, eine Altlast über Bord werfe, beginnt der Prozess der Neuausrichtung von vorne. Veränderung. Leben. Lebendigkeit. Vom ersten bis zum letzten Atemzug. Anstrengend? Beruhigend! Mich selbst formen, mein Leben gestalten, bewusst sein, im Hier und Jetzt. Dankbar zurückblickend auf das, was einst war, und heute anders sein darf. Dankbar für dieses alte Notizbuch, das eine Erinnerung mit sich bringt, ebenso wie die Gewissheit, dass jede Krise gleichzeitig auch eine Chance darstellt. Es liegt an uns, was wir daraus machen.
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