VON HELDEN UND ENGELN

Vor einigen Tagen hatte ich die Gelegenheit zu einem längeren, äußerst interessanten Gespräch mit einem jener Bergretter, die ich mit meinem Charity-Projekt Berggeflüster finanziell unterstütze. Zwischen all den humorvollen Anekdoten und haarsträubenden (Wie dumm können Menschen noch sein?) Begebenheiten blieb mir vor allem eine Aussage im Gedächtnis:

„Wir sind keine Helden …“

… die sich unter Verachtung ihres eigenen Lebens allen Widrigkeiten zum Trotz für das Leben eines anderen aufopfern.

„Wir sind Profis …“

… die das ganze Jahr trainieren, um das am Berg tun zu können, was für andere „heldenhaft“ wirkt. Aber wir wissen, was wir tun. Kein unnötiges Risiko. Jeder Handgriff sitzt, jeder Schritt ist überlegt.

Pragmatische Aussagen von einem, der der Realität ins Auge blickt – ohne Übertreibung oder Drama – und jede Überhöhung zurückweist. Das erinnert mich an jene Situationen, in denen Menschen mir zuschreiben, ich wäre ein „Engel“, der ihnen Hoffnung schenkt.

Ich bin kein Engel.

Das ich in jeder Krise auch Chancen zu erkennen vermag, jedes Problem mit Lösungsorientierung angehe, von Optimismus und Möglichkeiten sprechen kann, ist das Ergebnis von jahrelanger Arbeit an mir selbst, täglichem Training, Selbstreflexion, die sich fortsetzt.

Ich bin ein Profi …

… wenn es darum geht, aus den Ereignissen der Vergangenheit zu lernen, über sie hinauszuwachsen, diese zu transzendieren und die eigenen Potenziale zu entfalten. Ich bin vieles, aber sicherlich kein Engel. Manchmal möchte ich Menschen einen kräftigen Tritt in ihren Allerwertesten verpassen, wenn sie konsequent verweigern, sich von ihrem Schmerz zu trennen. Überhaupt nicht Engel-like. Geduld wird häufig zur Herausforderung, obwohl mir nur allzu bewusst ist, dass jeder von uns den eigenen Entwicklungsweg im eigenen Tempo beschreitet und es bei manchen einfach länger dauert.

Mir wurde nichts geschenkt. Es war harte Arbeit, hat viel Zeit und Ressourcen (auch Geld) gekostet, mein Drama zu transzendieren, die Aura aus Schmerz und Leid in eine Aura aus Liebe und Licht zu verwandeln. Ich habe mich mit meinem „Dämon“ verbündet, nutze diese Kraft konstruktiv für mich. Alles, was dafür nötig war und ist, zu lieben, was alle anderen abgelehnt haben: die unkontrollierbare Emotionalität in mir. Tatsächlich ist diese weniger unkontrollierbar als manche Experten meinen. Nachdem ich die Dynamik dahinter verstanden hatte, wurde aus einem jahrelangen Kampf ein spielerisches Miteinander.  

Vielleicht sollten wir öfters die Mythen beiseite schieben und auf das blicken, was es ist. Vieles, was unerreichbar scheint, wird möglich, wenn man lang genug daran arbeitet. Meistens braucht es dafür keine besondere Begabung, sondern schlichtweg Konsequenz. Die Stürme auf dem inneren Ozean der Emotionen zu zähmen, erfordert viel Übung, aber mit Ausdauer ist es möglich, Meisterschaft zu erlangen. Profis fallen nicht vom Himmel 😉

Bild: pixabay.com

WAS IST DAS – LIEBE?

„What’s love got to do with it?“ fragte einst Tina Turner. Gefühlt 1000x habe ich mich das auch bereits gefragt: „Was ist das – Liebe?“

Mir begegnete Liebe, die kompromisslos forderte: „Ich liebe dich, solange du tust, was ich für gut befinde.“ Erwiderte Liebe, in dem ich alles tat, was verlangt wurde, mich bedingungslos anpasste, bis ich nicht mehr ich selbst war. In meiner Kindheit traf ich auf Liebe, die so tief unter Leid verschüttet war, das nichts mehr davon an die Oberfläche drang.

Kaum etwas wird derart inflationär kommuniziert und missinterpretiert wie Liebe.

Was ist das – Liebe?

Lausche ich meiner inneren Stimme, ist ihre Antwort diese:

„Zu lieben, bedeutet dich zu sehen, wie du bist. Dich anzunehmen, wie du bist, voll und ganz, bedingungslos, mit allem, was dazu gehört, dem strahlenden Licht ebenso wie den dunklen Schatten. Meine Liebe vermag weder deine seelischen Wunden zu heilen noch die Lücken in deinem Sein zu schließen oder als Krücke zu tragen, was das deine ist. Doch meine Liebe vermag jener Hafen der Geborgenheit zu sein, in dem du Zuflucht finden und deine Segel flicken kannst. Zu lieben bedeutet zu halten ohne zu binden, in Freiheit und voller Vertrauen. Zu lieben bedeutet, deine Grenzen ebenso zu achten wie meine – sie nicht als Zurückweisung zu verstehen, sondern als den Punkt, an dem zwei Welten einander respektvoll begegnen.“

Es gibt Stimmen die sagen, im Laufe der Menschheitsgeschichte hätte sich die Art zu lieben verändert. Ich glaube, was sich verändert hat, sind die Gründe, warum wir Beziehungen eingehen. Wahre Liebe ist und bleibt, was sie ist und war: Ein rares Geschenk, das nicht jedem zu finden vergönnt ist – wie ein vierblättriges Kleeblatt in einer Sommerwiese. Manchmal scheint eins dieser Kleeblätter aus vier Herzen zu bestehen, ganz so, als ob es uns auf seine Weise daran erinnern möchte, was Liebe ist:

„Dein Herz, mein Herz, unser gemeinsames Herz und ein Herz für das, was uns verbindet.“

Bild: pixabay ai-generiert

UNERREICHBAR?

Vor einigen Tagen wurde ich im Rahmen eines Empowerment-Workshops, den ich als Trainerin geleitet habe, von einer jungen Frau (Mitte 20) sinngemäß folgendes gefragt: „Wenn ich mein Bewusstsein auf eine höhere Ebene entwickle, werde ich für andere Menschen unerreichbar. Wie kann ich damit umgehen?“

Für einen kurzen Augenblick war ich überrascht von der Tiefgründigkeit der Frage. Aus der Gruppe von über 30 Frauen in ähnlichem Alter war sie die Einzige, die diesen kausalen Schluss mit Weitblick zog. Als Antwort teilte ich meine persönliche Erfahrung mit ihr und der gesamten Gruppe: „Auf meinem Weg ließ ich so einige Menschen ziehen, die nicht mitkonnten oder wollten. Das ist Teil des Prozesses. Doch es kamen auch andere hinzu. Wenn ich mich verändere, verändert sich auch mein Umfeld.“

Später erzählte mir diese junge Frau von ihrer Borderline-Diagnose, die sie jedoch nicht als Schicksalsschlag wahrnahm, sondern als eine Art von Bestandsaufnahme, von der ausgehend sie ihren Weg sucht, ein gutes Leben zu führen. Viele unterschiedliche Interesse und Kompetenzen, Lern- und Wissbegierde, trotz ihrer Jugend einiges an Erfahrung, multidimensionale Wahrnehmung … es war, als würde ich in einen (Zeit)Spiegel blicken auf eine Frau, die ich hätte sein können. Wechselseitiges Verstehen auf einer Ebene, die wir teilen. Borderliner in ihrer Kraft angekommen. Nicht im Problem verharrend, stattdessen die Stärken lösungsorientiert nutzend.

An diesem Tag durfte ich jener Spiegel sein, in dem diese junge Frau einiges über sich selbst erkennen durften – so meldete sie es mir am Ende des Workshops rück.

Heute, auf einer Bank dem Himmel nahe sitzend, erinnerte ich mich an jenen Tag – und daran, dass diese junge Frau auch für mich ein Spiegel war, der mich aus anderer Position auf eine Frage blicken ließ, die mich seit längerem beschäftigt: „Führt mein Weg dahin, für andere unerreichbar zu werden?“

Meine Antwort für sie ist gleichzeitig auch die Antwort für mich selbst – eine Antwort, meinem Denken entsprungen, kopflastig, rational, korrekt. Doch mein Fühlen kennt noch eine andere Antwort – eine vom Zweifel geprägte. Denken und Fühlen befinden sich oft nicht im Gleichklang. Im Kopf weiß ich, dass ich alles andere als einsam bin. Aber ab und an fühlt es sich dennoch so an, wenn äußere Einflüsse lange zurückliegende Erinnerungen und die damit verbundenen Emotionen triggern. Echos aus der Vergangenheit? Prüfungen auf dem Weg in die Zukunft?

Über allem zu schweben, unerreichbar zu sein, schützt vor Verletzungen.

Über allem zu schweben, unerreichbar zu sein, verhindert Berührungen.

Emotionale Widersprüchlichkeit harmonisch aufzulösen, den goldenen Mittelweg zu beschreiten, ist und bleibt Teil meines Weges. Manchmal scheint es, diese Lektion gilt es wieder und wieder zu meistern, in unterschiedlichsten Facetten. Die Balance zwischen zwei Welten zu finden – der allgemeinen da draußen und meiner eigenen. Seit meiner Kindheit begleitet mich das Gefühl, Mittlerin zwischen zwei Welten zu sein. Damals war ich unerreichbar für andere – bin ich es immer noch?

BRIEF AN MEIN ZUKÜNFTIGES ICH

Liebe Lesley, ich schreibe dir heute diesen Brief, weil etwas besonderes geschehen ist, erstmalig, ich diesen Moment mit dir teilen möchte – und hoffe, es werden noch viele dieser Art folgen.

Vor einigen Tagen offenbarte mir eine Person im beruflichen Kontext, dass ich sie an eine Bekannte erinnere, die ebenfalls Borderlinerin ist. Aber es waren nicht emotionale Instabilität oder die allgemein bekannten Symptome, welche diese Assoziation hervorriefen, sondern mein Streben, Struktur ins Chaos zu bringen, mein „deep dive“ beim Analysieren von Situationen und Problemen sowie meine umfassenden Lösungsansätze, mein hoher Grad an Selbstreflexion, mein „Aushalten“ schwieriger und schwierigster Situationen und dennoch handlungsfähig zu bleiben… kurz gesagt: ich wurde erstmals anhand der Stärken einer Borderline-Persönlichkeit als solche erkannt.

Ein erinnerungswürdiger Moment! Ein Beweis, dass es da draußen auch jene gibt, die sehr wohl auf die Stärken blicken. Ein Beweis, dass ich keine Laune des Schicksals bin, kein Zufall, der Weg von der destruktiven, instabilen Borderline Störung zur konstruktiven, stabilen Borderline Persönlichkeit möglich ist. Ein beruhigender Beweis.

Ich wünsche dir von ganzem Herzen, auf deinem Weg unzählige solcher Momente zu erleben.

Wie jedoch alles im Leben, stellt sich neben dieses strahlende Licht ein dunkler Schatten. Was ich nahezu zeitgleich erlebt habe, wirkt auf mich wie das vollkommene Gegenteil. Meine offene, herzliche, wertschätzende, respektvolle und an Menschen, deren Geschichten, Gedanken und Gefühlen interessierte Art, wurde und wird oftmals missverstanden – insbesondere von Männern, die damit gleichsetzen, ich würde „etwas von ihnen wollen.“ Nicht wirklich neu, dass ist mir auch in der Vergangenheit begegnet, doch es schmerzt mich noch immer, auf DAS reduziert zu werden. Für mich wirft es (neuerlich) die Frage auf, ob ein Rückzug hinter eine dem Zeitgeist entsprechende (oberflächliche, hohle) Maske der bessere Weg wäre? Ob ich nicht wieder die Mauern hochfahren sollte, mich hinter Fassaden verstecken – wie ich es jahrzehntelang getan habe? Wir wissen beide, dass dieser Weg Schutz bietet – und gleichzeitig schmerzhaft ist auf eine Weise, die sich niemand vorstellen kann. Nicht zu sein, wer ich bin – wer du bist – wer wir sind.

Selbstverleugnung, um nicht missverstanden zu werden. Überanpassung. Das kann doch nicht die Lösung sein!

Ich hoffe, in deiner Zukunft gibt es mehr von jenen Menschen, die uns zu schätzen wissen – und weniger von jenen, die das Licht, das wir ausstrahlen, missinterpretieren als Einladung, einfach mal so über jegliche Grenze zu gehen.

Vielleicht wirst du eines Tages an mich zurückdenken und dich fragen, warum ich dies oder jenes getan habe. Warum ich mich punktuell von Menschen zurückgezogen haben, freiwillig an einsame Orte ging, soziale Aktivitäten massiv reduziert habe. Erinnere dich, dass ich all diese Pfade beschritt und was ich dabei erleben durfte. Erinnere dich, dass ich alles andere als einfach war, jene Wunden zu heilen, die entstanden, wenn Menschen mich mieden in der Annahme, ich würde mehr wollen als nur den Austausch von Gedanken, ein wertvolles Gespräch oder einen anderen Blickwinkel auf das Leben zu entdecken. Oder sie schlichtweg Angst vor mir hatten, weil sie intuitiv spürten, dass ich anders war – bin.

Erinnere dich daran, dass es eine Zeit gab, in der die Menschen noch nicht bereit waren für das, was Borderline Persönlichkeiten zu bieten haben, und sie keinen anderen Weg wussten, als uns als krank abzustempeln und zu versuchen, uns so zu machen, wie sie sind – und unzählige von uns daran zerbrachen. Unsere fantastische, multidimensionale Welt voller Emotionen war ihnen fremd, und so lehnten sie diese ab – und uns. Diese Ablehnung hallte in Selbstverletzung und Selbstzerstörung wider.

Erinnere dich auch daran, dass mit der Zeit einzelne umzudenken begannen. Nicht von heute auf morgen, doch allmählich – und es wurden mehr und mehr. Bis zu jenem Tag in der Zukunft, an dem du diesen Brief lesen wirst, lächelnd, denn an diesem Tag wird unsere Welt eine andere sein. Genau deshalb ist es wichtig, dich zu erinnern, wie es war, einst, welchen Weg wir gingen, was daraus entstand.

Starke Wurzeln, liebe Lesley, geben Halt, mag der Boden auch noch so karg sein. Ich wünsche dir, dass du gelernt hast, mit Missinterpretationen und Ablehnung umzugehen OHNE dein Herz und deine Seele zu opfern, ohne Masken oder Mauern. Möge Liebe dein Schutzschild sein. Blicke mit Gelassenheit auf jene, die nicht verstehen können oder wollen, und erkenne sie als Prüfung, auf deinem Weg zu bleiben. So vertraut und verlockend alte Muster auch sind, sie führen nie voran, nur zurück. In meinem Herzen bist du eine Vision, doch für dich bin ich, was hinter dir liegt. Ein kurzer Moment in einer langen Geschichte, an den du dich hoffentlich lächelnd erinnerst, denn es ist auch jener Moment, aus dem du entstanden bist.

Geh deinen Weg, Lesley … B. Strong 😉

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KEIN EINZELFALL

Eigentlich wollte ich über ganz etwas anderes schreiben, bin aber gestern nicht dazu gekommen. Heute ist dann etwas geschehen, dass mich tief berührt hat und das ich hier mit dir teilen möchte.

In einem beruflichen Meeting ergab sich die Situation, dass ich „meinen“ Hintergrund zur Sprache brachte: hochfunktionale Borderlinerin. Für die meisten der Anwesenden keine Neuigkeit, für eine Person jedoch schon. Am Ende des Meetings sprach mich diese Person darauf an, erzählte mir, dass sie auf dem Weg zum Meeting (es fanden bereits mehrere in dieser Zusammensetzung statt) auch an mich gedacht hat. Ich würde sie an eine Freundin erinnern. Sehr strukturiert und Strukturen schaffend, schnell in der Lösungsfindung, hoch kreativ und kommunikativ … und Borderlinerin. Trotz individueller Komplexität ähnliche Ausprägungen in der Persönlichkeit. Welch ein Aha-Moment…

ICH BIN KEIN EINZELFALL!

Dieser Moment, diese Schilderung, bestätigt, was ich seit langem hoffe … ich bin kein Einzelfall, keine Laune des Schicksals, keine Mutation oder glückliche Fügung. Den Weg von der Borderline Störung zur Borderline Persönlichkeit können auch andere schaffen und haben es bereits. Keine graue Theorie, kein Wunschtraum, sondern Fakt.

Auch wenn mein rationaler Verstand das eigentlich weiß, es tut unbeschreiblich gut, es zu erleben – und es bestärkt die Hoffnung in mir, dass dadurch auch andere sich auf den Weg machen. Nicht, weil ICH es geschafft habe, sondern weil es UNS gelungen ist.

Kein Einzelfall zu sein, sondern eine von vielen – beruhigend und motivierend, weiterzumachen, zu erzählen, dass ein Happy End möglich ist.

Das Herz aus Stein im Beitragsbild untermauert für mich die „ewige Gültigkeit“ der Aussage: Du kannst es schaffen!

Danke für diesen wunderbaren Moment.

Bild: pixabay.com