Vor einigen Tagen wurde ich im Rahmen eines Empowerment-Workshops, den ich als Trainerin geleitet habe, von einer jungen Frau (Mitte 20) sinngemäß folgendes gefragt: „Wenn ich mein Bewusstsein auf eine höhere Ebene entwickle, werde ich für andere Menschen unerreichbar. Wie kann ich damit umgehen?“
Für einen kurzen Augenblick war ich überrascht von der Tiefgründigkeit der Frage. Aus der Gruppe von über 30 Frauen in ähnlichem Alter war sie die Einzige, die diesen kausalen Schluss mit Weitblick zog. Als Antwort teilte ich meine persönliche Erfahrung mit ihr und der gesamten Gruppe: „Auf meinem Weg ließ ich so einige Menschen ziehen, die nicht mitkonnten oder wollten. Das ist Teil des Prozesses. Doch es kamen auch andere hinzu. Wenn ich mich verändere, verändert sich auch mein Umfeld.“
Später erzählte mir diese junge Frau von ihrer Borderline-Diagnose, die sie jedoch nicht als Schicksalsschlag wahrnahm, sondern als eine Art von Bestandsaufnahme, von der ausgehend sie ihren Weg sucht, ein gutes Leben zu führen. Viele unterschiedliche Interesse und Kompetenzen, Lern- und Wissbegierde, trotz ihrer Jugend einiges an Erfahrung, multidimensionale Wahrnehmung … es war, als würde ich in einen (Zeit)Spiegel blicken auf eine Frau, die ich hätte sein können. Wechselseitiges Verstehen auf einer Ebene, die wir teilen. Borderliner in ihrer Kraft angekommen. Nicht im Problem verharrend, stattdessen die Stärken lösungsorientiert nutzend.
An diesem Tag durfte ich jener Spiegel sein, in dem diese junge Frau einiges über sich selbst erkennen durften – so meldete sie es mir am Ende des Workshops rück.
Heute, auf einer Bank dem Himmel nahe sitzend, erinnerte ich mich an jenen Tag – und daran, dass diese junge Frau auch für mich ein Spiegel war, der mich aus anderer Position auf eine Frage blicken ließ, die mich seit längerem beschäftigt: „Führt mein Weg dahin, für andere unerreichbar zu werden?“
Meine Antwort für sie ist gleichzeitig auch die Antwort für mich selbst – eine Antwort, meinem Denken entsprungen, kopflastig, rational, korrekt. Doch mein Fühlen kennt noch eine andere Antwort – eine vom Zweifel geprägte. Denken und Fühlen befinden sich oft nicht im Gleichklang. Im Kopf weiß ich, dass ich alles andere als einsam bin. Aber ab und an fühlt es sich dennoch so an, wenn äußere Einflüsse lange zurückliegende Erinnerungen und die damit verbundenen Emotionen triggern. Echos aus der Vergangenheit? Prüfungen auf dem Weg in die Zukunft?
Über allem zu schweben, unerreichbar zu sein, schützt vor Verletzungen.
Über allem zu schweben, unerreichbar zu sein, verhindert Berührungen.
Emotionale Widersprüchlichkeit harmonisch aufzulösen, den goldenen Mittelweg zu beschreiten, ist und bleibt Teil meines Weges. Manchmal scheint es, diese Lektion gilt es wieder und wieder zu meistern, in unterschiedlichsten Facetten. Die Balance zwischen zwei Welten zu finden – der allgemeinen da draußen und meiner eigenen. Seit meiner Kindheit begleitet mich das Gefühl, Mittlerin zwischen zwei Welten zu sein. Damals war ich unerreichbar für andere – bin ich es immer noch?