Wer kennt das nicht? Irgendwann in der Vergangenheit geschah etwas extrem Schmerzhaftes, eine Verletzung durch einen Menschen, dem man bis dahin vertraut hat. Verrat, Betrug, Gewalt … was auch immer es war, es verursachte eine tiefe seelische Wunde, die lange nicht heilen wollte und konnte – manchmal bis zum heutigen Tag. Der rationale Verstand fand einen Weg, damit umzugehen, aber wir sind mehr als „nur“ unser Intellekt. Da gibt es noch eine andere, eine fühlende Seite – und für die ist es nicht so einfach…
Jahre, Jahrzehnte klammerte ich mich an den ungelösten Schmerz der Vergangenheit, kettete eben jene Vergangenheit an mich – in der Gegenwart. Mein Verstand hatte längst für alles volles Verständnis und Erklärungen entwickelt, aber eben nicht jene fühlende Seite. Auch wenn die Wunde nicht mehr blutete, sie war alles andere als verheilt. Ich erinnere mich an so manches Gespräch, in dem mir nahegelegt wurde, mich meinem seelischen Heilungsprozess zu widmen – und an meine abwehrende Reaktion. Es gäbe nichts zu heilen, das läge alles hinter mir und sei längst abgeschlossen … ich war gut darin, mir selbst etwas vorzumachen, mich selbst zu täuschen. Allzu vertraut war der Schmerz, als das ich mich davon trennen wollte – unbewusst. Paradox, genau deshalb menschlich.
Eben alles nicht so einfach.
Manche sagen, man muss verzeihen – aber manches kann man nicht verzeihen. Andere sagen, man muss versuchen zu verstehen – aber manchmal fehlt es an Informationen, die nicht mehr zu bekommen sind. Man kann das Geschehene als Schicksal oder Bestimmung sehen in dem Bestreben, den darin verborgenen Sinn zu erkennen und es zu transzendieren – ein nobler Weg, aber nicht ganz einfach.
Gibt es denn einen einfachen Weg?
Gute Frage. Meiner Erfahrung nach kann der Weg relativ „einfach“ sein, aber alles andere als leicht. Jene seelische Wunde zu heilen, die andere gerissen haben, Jahre oder Jahrzehnte in der Vergangenheit, in die vielleicht immer und immer wieder Salz gestreut wurde, die so vertraut wurde, dass ein Leben ohne diese Wunde schlichtweg unvorstellbar erscheint, die Teil des eigenen Selbstverständnisses wurde, dafür braucht es eine klare Entscheidung – Disziplin und Konsequenz.
Nachdem ich meine eigene Wunde jahrzehntelang wie ein Mahnmal vor mir hergetragen hatte im Sinne von „Seht, was mir geschehen ist und was ich überlebt habe“ kam ich eines Tages zur Erkenntnis, dass jedes Mahnmal die Vergangenheit in der Gegenwart am Leben erhält. Was nicht endet, kann nicht heilen. Um frei von dem Schmerz zu werden, musste die Vergangenheit vorbei sein dürfen. Vergessen? Nein, aber den Geschehnissen den ihnen gebührenden Stellenwert geben:
Ereignisse auf meinem Lebensweg. Punkt. Keinerlei Wertung.
Jede Wertung – egal ob positiv oder negativ – hat stets ein Gefühl im Schlepptau. Wer sich nicht grenzenlos selbst belügen und die Ereignisse in ihr Gegenteil verdrehen will, kann sich auf eine „neutrale Position“ zurückziehen und die Ereignisse als das belassen, was sie sind: Ein Teil des Weges. Mit entsprechender Disziplin und Konsequenz nimmt das dem Schmerz den Nährboden, die Wunde kann heilen.
Eigentlich ist es einfach, aber tatsächlich ist es alles andere als leicht – so meine Erfahrung.
Seelischem Schmerz haftet eine Art von Magnetismus an, der ihn immer und immer wieder zurückholt, zumeist getriggert vom Ego, das wahrgenommen werden will, das sich ungerecht behandelt fühlt, auf Gerechtigkeit und Ausgleich pocht, mitunter auch auf Revanche oder Rache. Wo das Ego wirkt, hat Liebe wenig Chancen – doch ohne Liebe gibt es keine seelische Heilung. Weder Pillen noch Worte oder Taten können die Wunde in einer Seele heilen, wenn es an Liebe fehlt. Liebevoller Umgang mich sich selbst oder Festhalten am Schmerz? Eigentlich eine klare Entscheidung, aber tatsächlich nicht so einfach. Es braucht Disziplin und Konsequenz, den Verführungen des Egos und dem Magnetismus des Schmerzes zu widerstehen.
Aber – und dies ist nun mein letztes Aber für heute – es wird von Tag zu Tag leichter, und irgendwann sogar einfach.
Angelehnt an das altägyptische Totengericht, beim dem das Herz der Verstorbenen gegen eine Feder gewogen wurde. Nur wenn das Herz leichter war als die Feder, wurde ihm Einlass ins Totenreich gewährt … Wer sich vom Schmerz befreit, dessen Herz wird frei und leicht – vielleicht sogar leicht wie eine Feder.
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