Die vergangenen drei Monate waren extrem intensiv – in jeder Hinsicht – was sich auch darin gezeigt hat, dass ich kaum noch etwas geschrieben oder gepostet habe. Gleichzeitig habe ich mehr und umfassender über das Thema Borderline gesprochen als je zuvor. Nun sitze ich für einige Tage in den Bergen, um all das zu verarbeiten, Klarheit für meine Zukunft zu finden und meine Batterien wieder aufzuladen.
„Das Leben mutet dir nie mehr zu, als du zu tragen vermagst“.
Nach diesem Grundsatz lebe ich. Dieser Grundsatz hat es mir ermöglicht, bis hierher zu kommen. Wie könnte ich diesen Grundsatz ausgerechnet jetzt in Frage stellen? … wenn angezweifelt wird, ob ich tatsächlich „alles im Griff habe“.
Hier meine Antwort darauf, die vielleicht verstanden wird, vielleicht auch nicht.
Alles im Griff zu haben bedeutet in Bezug auf Borderline gut mit sich selbst zurecht zu kommen, sich selbst liebevoll anzunehmen und gut auf sich zu achten. Es bedeutet auch, rechtzeitig zu handeln, bevor zerstörerische Muster aktiviert werden.
Es bedeutet nicht, alles auszuhalten.
Es bedeutet auszusteigen, wenn es nicht passt … Insbesondere aus Beziehungen. Nicht davonlaufen beim ersten kühleren Windhauch, aber auch nicht bleiben, wenn die ständige Präsenz von Gewitterwolken sich als „Entladungsmuster ohne Alternative“ erweist. Meine Zeit als Projektionsfläche für ungelöste innere Konflikte und nicht aufgearbeitete Traumata liegt hinter mir. Veränderung und Heilung kann stets nur aus einem selbst kommen. Entladung bringt kurzfristige Erleichterung, doch der Druck baut sich kontinuierlich weiter auf, bis zur nächsten Explosion. Ich weiß, worüber ich hier schreibe, habe das selbst viele Jahre gelebt – auf beiden Seiten, als Entladende und als Projektionsfläche… bis ich mich entschied, weder das eine noch das andere zu sein.
Verlassen … und die Angst vor dem Verlassenwerden.
Welcher Borderline kennt sie nicht, diese schier unerträgliche Angst, verlassen zu werden. Sie zählt zu den charakteristischen Merkmalen von BPS. Wie könnte ich jemand anders zumuten, was ich in jeder Zelle meines Körpers fürchte? Ich kann! Ein Ende mit Schrecken ist immer noch besser als ein Schrecken ohne Ende. Zu bleiben, weil man niemanden enttäuschen oder gar verletzen möchte, um den Preis der eigenen (mentalen und emotionalen) Gesundheit und Balance ist definitiv der falsche Weg.
Manches geht nicht zusammen, so sehr man es sich auch wünschen mag.
Kompromisse Ja. Anpassen Ja. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „aufeinander zugehen“ und „sich selbst aufgeben“. Eine hauchfeine Grenze, die leicht übersehen werden kann. Alles im Griff zu haben bedeutet, auf diese Grenze zu achten und auf der eigenen Seite zu bleiben, bei sich selbst – auch wenn die Konsequenzen daraus in getrennten Wegen resultieren.
Das bezieht sich für mich auf zwischenmenschliche Beziehungen jeglicher Art, nicht nur auf Partnerschaften. Gewiss, Familie kann man sich nicht aussuchen, Kolleg:innen meistens auch nicht, aber darüber hinaus bin ich frei zu entscheiden, mit welchen Menschen ich meine Zeit verbringen, für welche ich meine Gedanken- und Gefühlswelt öffne – und für welche nicht. Das bedeutet es, alles im Griff zu haben. Zu umarmen, wenn es sich gut anfühlt. Loszulassen, wenn es das nicht tut.
Entscheidungen dieser Art treffe ich (zum Glück) nicht mehr unmittelbar aus dem Bauch heraus. Ich nehme mir Zeit, reflektiere für mich und mit Menschen, denen ich vertraue, die andere Perspektiven und Erfahrungen einbringen, um meinen blinden Fleck bestmöglich sichtbar zu machen. Wenn all das zu einer klaren Aussage führt: „Lass los“ … wie sorgsam wäre ich im Umgang mit mir selbst, würde ich festhalten?
Es ist keine leichte Entscheidung, aber manchmal gilt es im Leben auch taffe Entscheidungen zu treffen, damit es (für alle) gut weitergehen kann. Das bedeutet es, alles im Griff zu haben.
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