Heute saß ich in einer Gruppe von ca. 25 Personen und wartete – wie alle anderen auch. Im Hintergrund lief Musik. Sound of Silence von Simon & Garfunkel. Ich begann leise mitzusingen … hello darkness good old friend… Eine Frau blickte zu mir, lächelte. Ob sie spürte, was in mir vorging?
Ein 60 Jahre alter Song, ein Text aus einem anderen Jahrtausend – und doch …
And in the naked light, I saw
Ten thousand people, maybe more
People talking without speaking
People hearing without listening
People writing songs that voices never shared
And no one dared
Disturb the sound of silence
… erzählt der Song für mich eine Geschichte, die sich hier und heute, genau in diesem Moment, weltweit ereignet.
Menschen, die reden, ohne etwas zu sagen
Menschen, die hören, ohne zuzuhören
und niemand wagt
den Klang der Stille zu unterbrechen
Für mich verbirgt sich hinter dieser Stille eine Metapher für all das Hohle, Leere, die Oberflächlichkeit, die keinen Sinn und keinen Tiefgang kennt, die sich wie ein Krebsgeschwür im Denken der Menschen ausbreitet.
Da sind jene, die ihre Arme ausstrecken, doch ihre Worte werden nicht gehört – und das Geschwür wächst leise in der Stille vor sich hin während die Neon-Götter die Menschen in ihren Bann ziehen. Leere, Oberflächlichkeit, Eindimensionalität …
Nur weil ich entschieden habe, ein Funke feuriger Lebensfreude zu sein, bedeutet das nicht, dass da keine Dunkelheit in mir ist. Ganz und gar nicht. Mitunter – so wie heute – spüre ich diese Dunkelheit, jene alte Freundin, die mich seit langem begleitet. In diesen Momenten wird mir nur allzu bewusst, wie anders ich bin, wie weit entfernt von jener Welt ohne Tiefgang, unverstanden – gleichzeitig ahnend, welche Gefahr von der Eindimensionalität ausgeht.
Ein bekanntes Zitat von Einstein bringt es auf den Punkt: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“.
Die Neon-Götter, die viele anbeten, nennen sich: Profit, Macht, Status, Ausbeutung von Menschen und Umwelt, Gewalt, Gier, Ignoranz und Intoleranz, Fanatismus und Rücksichtslosigkeit. Sie gedeihen in Stille, jener hohlen Leere ohne Tiefgang oder Sinn, in der Eindimensionalität, die keine Alternativen denken kann … und keine Lösungen.
Manchmal – so wie heute – fühle ich in meinem ganzen Sein, dass es jene brauchen wird, die ob ihrer Multidimensionalität heute noch als krank oder neurodivers eingestuft werden. Unter ihnen sind viele, die jene Stille zu durchbrechen vermögen, in der andere gefangen sind – weil sie anders sind, das Leben anders spüren, die feinen Fäden, die alles durchdringen und verbinden. Aus ihrer Tiefe kann jene Stimme dringen, die der wuchernden Stille Einhalt gebietet.
Im Spiegel aus einem anderen Jahrtausend erscheint für mich ein tiefgründiges Bild der Gegenwart – einfach so, weil es meine Art ist, wie ich die Welt um mich wahrnehme. Unendlich viele Fäden die unzählige Schichten verbinden und in der Dunkelheit zusammenfließen. Im Licht zu Leben ist eine bewusste Entscheidung, doch meine Wurzeln reichen tief in die Dunkelheit und mitunter eröffnen sie mir einen nicht ganz alltäglichen Blick auf die Welt. Oder ein tiefgründiges Verständnis eines 60 Jahre alten Songs.
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