In der Vergangenheit von A lief einiges schief. Wie nahezu alle Menschen erlitt A seelische Wunden, die im Laufe der Zeit vernarbten – auch deshalb, weil A viel dazu beitrug, dass Heilung stattfinden konnte. Es war ein langwieriger Prozess, der aus A eine reflektierte Person machte, die stets darauf achtet, anderen wertschätzend zu begegnen, die bei zwischenmenschlichen Problemen, anstatt Vorwürfen und Schuldzuweisungen auszusprechen, beginnt zu hinterfragen, um zu verstehen und einen Konsens zu schaffen. A ist sich bewusst, kein Engel zu sein und noch so einiges an „Ballast“ mich sich rumzuschleppen, dennoch versucht A, jeden einzelnen Tag die bestmögliche (Charakter)Version von sich selbst zu sein.
Eines Tages trifft A auf B. Zwei Lebenswege kommen einander näher, eine Beziehung entsteht. Zu Beginn läuft es bestens, bis das erste harmlose Missverständnis auftritt – und plötzlich erkennbar wird, dass B noch nicht jenen Prozess der Selbstreflexion durchlaufen hat. A wird mit Vorwürfen, Unterstellungen und Schuldzuweisungen konfrontiert. Das schmerzt. Mit viel Geduld und Verständnis bemüht sich A, das Missverständnis aufzulösen, was auch gelingt – vorübergehend. Das nächste Missverständnis lässt nicht lange auf sich warten, und das übernächste … von Mal zu Mal steigert sich die Intensität. Es dauert nicht lange, bis A erkennt, dass sich nicht nur um das jeweilige Missverständnis geht. Hinter den emotionalen Ausbrüchen verbergen sich lange unterdrückte Emotionen aus der Vergangenheit von B. A wird zur Zielscheibe (Projektionsfläche) dessen, was lange vor dem gemeinsamen Weg geschehen ist.
Hast du ähnliches bereits erlebt? Wenn es in der Rolle von B war, wird das, was nun folgt, dir möglicherweise nicht gefallen. Wenn du als A in einer ähnlichen Situation warst, wirst du dich vielleicht gefragt haben, was du tun hättest können. Hier teile ich mit dir die Essenz dessen, was ich in über einem Dutzend Gesprächen mit (Fach)Expertinnen und Experten erörtert habe:
„Lass los und geh!“
So hart diese Aussage klingen mag, du kannst nichts tun. Du kannst B nicht retten. Egal, wie sehr du liebst oder wie viel Verständnis oder Geduld du aufbringst.
Menschen lernen im Laufe des Heranwachsens, ihre Emotionen auf angemessene Weise auszuleben, sie zu regulieren. Dieser Prozess der emotionalen Reifung kann jedoch im Kindesalter durch äußere Einflüsse gestört oder unterbrochen werden. Dann wird der Mensch zwar körperlich und auch geistig erwachsen, aber nicht emotional. Ein harmloses Missverständnis kann zu einem Aufbrechen der emotionalen Verletzungen aus der Kindheit führen – so wie es das bei B tat. B macht das weder bewusst noch mit böser Absicht. B kann nicht anders, weil der Reifungsprozess unterbrochen wurde. Daran kann A nichts ändern. Niemand kann einem anderen diesen Prozess abnehmen. Zu bleiben, würde nur dazu führen, dass A wieder und wieder zur Zielscheibe wird.
A und B teilen sich eine Realität, aber sie leben in zwei sehr unterschiedlichen Welten, sprechen unterschiedliche Sprachen.
Vor vielen Jahren war ich B – und es war mir nicht bewusst. Meine Welt war die Einzige, die ich kannte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es eine andere Welt geben könnte. Doch ich war eine Suchende. Es begann bei Gesundheitsthemen, Kommunikation und ehe ich mich versah, erkundete ich „neue Welten“. Schließlich führte mich mein Weg in die Welt von A.
Treffe ich heute auf B, fühle ich Ambivalenz in mir. Einerseits lebt die Hoffnung in mir – aus meiner eigenen Erfahrung heraus – dass es möglich ist, den emotionalen Reifungsprozess auch im Erwachsenenalter nachzuholen. Es ist nie zu spät. Anderseits ist mir auch bewusst – aus meiner eigenen Erfahrung heraus – dass die Notwendigkeit dieses Schrittes nicht leicht erkennbar ist, wenn man noch in der Welt von B steckt. Sich selbst als Zielscheibe zur Verfügung zu stellen, hilft niemanden – auch nicht B, weil B in seinem Verhaltensmuster wieder und wieder bestärkt wird. Täglich grüßt das Murmeltier.
Manchmal müssen Menschen unterschiedliche Wege zurücklegen, bevor es zu einem Happy End kommen kann – und es kann auch jeder für sich zu einem eigenen Happy End finden.
Manchmal schreibe ich Geschichten wie diese, um mir selbst vor Augen zu halten, dass ich niemanden retten kann – und um in mir die Kraft und das Vertrauen zu finden, loszulassen.
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